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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Robin Alexander, Die Getriebenen - Rezension
Eingestellt am 26. 03. 2017 15:00


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Arno Abendschön
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Es muss ein seltsames Buch sein, das sich bald nach Erscheinen an die Spitze der Sachbuch-Bestsellerlisten setzt und das gleichzeitig von professionellen Rezensenten weitgehend ignoriert wird. Das ist umso merkwürdiger, als der Buchautor ein durchaus angesehener Kollege jener Redakteure ist, die jetzt einen Bogen um sein Werk machen. Der Untertitel: „Merkel und die Flüchtlingspolitik: Report aus dem Innern der Macht“ gibt schon einen Fingerzeig, das da einer vermintes Gelände betritt – einer, dessen Stimme Gewicht hat. Alexander hat nach dem Studium acht Jahre für die „taz“ gearbeitet und berichtet seit 2008 für die „Welt“ aus Berlin, primär über die Politik der Kanzlerin, die er auch regelmäßig auf ihren Auslandsreisen begleitet. 2013 hat er den Theodor-Wolff-Preis bekommen, mit dem die deutschen Zeitungsverlage herausragende Leistungen würdigen.

Das Buch zeichnet aufgrund gründlicher Recherchen ein Gesamtbild der Abläufe zwischen September 2015 und März 2016. Es wartet mit zahlreichen der Öffentlichkeit bisher nicht bekannten Details auf. Dazu gehört auch die von den Spitzen der Großen Koalition am 12.9.15 getroffene Übereinkunft, vom Folgetag an die deutsche Grenze für Flüchtlinge faktisch zu schließen und sie nach Österreich zurückzuverweisen. Schon eine Woche nach der spektakulären Grenzöffnung hielten Merkel, de Maizière, Altmaier, Gabriel, Steinmeier und Seehofer das für geboten, doch wurde es nie praktisch umgesetzt. Alexander zufolge wollten aus Sorge vor öffentlicher Meinung und evtl. Gerichtsentscheidungen weder der zuständige Innenminister noch die Kanzlerin die politische Verantwortung für die Ausführung übernehmen.

Mit der Darstellung dieses brisanten Geschehens beginnt Alexander sein Buch. Die Überschriften der folgenden Kapitel deuten an, was der Leser weiter zu erwarten hat: „Flüchtlingskanzlerin wider Willen … Die Nacht, die Deutschland veränderte … Deutscher Rausch …“. Der Autor porträtiert die Akteure, gefangen in einem von ihnen monatelang nicht mehr kontrollierten Geschehen, ihre persönlichen Voraussetzungen, ihr Gegeneinander. In der zweiten Hälfte des Werks dominiert Merkels Verhältnis zur Türkei, speziell zu Erdoğan, das sehr gründlich ausgeleuchtet wird. Uns wird die Konkurrenz zweier Lösungsansätze vor Augen geführt, auf der einen Seite das nach vielen Mühen erreichte EU-Türkei-Abkommen, auf der anderen die von Österreich und den Westbalkanstaaten durchgesetzte Grenzschließung.

All das ist selbst im Rückblick spannend zu lesen. Zur Detailfülle treten Klarheit und Anschaulichkeit. Alexander will, so schreibt er im Vorwort, „das wohl dramatischste Kapitel der jüngeren deutschen Geschichte aus einer besonderen Perspektive, nämlich die der politisch Handelnden“ schildern. Er sieht voraus, dass er von zwei Seiten kritisiert werden wird, wenn es um Merkels Rolle geht, von rechts wie von links: „Die Anhänger beider Sichtweisen werden von diesem Buch enttäuscht sein. Es erzählt weder eine Heiligengeschichte noch ein Schurkenstück.“ Gleichwohl übt Alexander im Detail massive Kritik an der Politik der Kanzlerin, an ihren sprunghaften Entscheidungen wie deren wechselnden Begründungen. Er sieht keinen Unterschied zwischen Budapest im Sommer 2015 und Idomeni im Jahr 2016. Das EU-Türkei-Abkommen ist für ihn nie realisiert worden, wie er Punkt für Punkt darlegt. Und er prophezeit: „Die Flüchtlingskrise ist noch nicht zu Ende.“

Bleibt die Frage: Wer hat Angst vor Robin Alexander? Woher die Reserviertheit gerade seiner Kollegen? Erkennen sie sich in seinem Buch wieder als Teil einer Kulisse, für deren Beifall damals Politik gemacht wurde? Der Autor zitiert im Kapitel „Deutscher Rausch“ fleißig, Politiker und Journalisten. Manchem dürfte inzwischen manches peinlich zu lesen sein. Auf Bl. 69 unten schont Alexander nicht einmal sich selbst. Fazit: Es gibt noch oder wieder Journalisten in Deutschland.


Version vom 26. 03. 2017 15:00

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