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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Rocky trifft Transformers
Eingestellt am 03. 11. 2011 12:56


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jon
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Rocky trifft Transformers bei „Real Steel“
Ein guter Film, aber leider kein sehr guter

(3.11.2011) Ich bin Hugh-Jackman-Fan und musste deshalb gestern unbedingt zur Vorpremiere von „Real Steel“ gehen. Und was soll ich sagen? Die Vorfreude war größer als die am Film.

Worum geht es? Charlie Kenton ist ein abgehalfterter Boxer. Er ist in doppeltem Sinn ausgemustert: Er war gut, aber nicht gut genug, und er musste den Roboter-Boxern das Feld räumen. Diese ferngesteuerten Kampfkolosse, die keinen Schmerz empfinden und deren „Zerlegung“ während des Kampfes moralisch einwandfrei zu sein scheint, bedienen einfach die Gier der Zuschauer nach möglichst viel Brutalität besser. Auch Charlie ist auf Box-Roboter umgestiegen, zahlt dabei allerdings mächtig drauf. Als er dann plötzlich seinen von ihm vernachlässigten Sohn Max zu sich nehmen soll, weil dessen Mutter gestorben ist, geht Charlie ein Geschäft ein: Gegen Bezahlung gibt er das Sorgenrecht an Max’ Tante ab und für ein paar Dollar mehr nimmt er ihn den Sommer über mit „auf Tour“. Auf dieser Tour durch die Lande findet Max einen alten Box-Roboter, den er quasi „aufpäppelt“. Im Zuge der Arbeit am und mit dem Roboter namens Atom kommen sich Charlie und sein Sohn näher. Am Ende steht natürlich der Triumph von Atom und eine „geheilte“ Vater-Sohn-Beziehung.

Diese Geschichte wird von Regisseur Shawn Levy fachgerecht erzählt. Leider hat er dabei ein deutlich größeres Gespür für Bilder und Musik als für die Geschichte selbst. So ist nicht nur Hugh Jackman als Charlie dazu verdammt, die Gefühle, die im Laufe der Vater-Sohn-Story eine Rolle spielen, auszuplappern statt sie darzustellen. Sogar der charismatische James Rebhorn, der als Max’ Onkel Marvin nur eine Nebenrolle spielt, wirkt in seinen Szenen eher blass und kraftlos. Am intensivsten durften die Bösen spielen, so gibt zum Beispiel Karl Yune einen wunderbar finster-freakigen Tak Mashido (Erbauer des gegenwärtigen Robot-Box-Champions Zeus) ab.

Zwischen dem unterforderten Jackman und der Liga der Bösen stehen Dakota Goyo als Max und Evangeline Lilly als Bailey Tallet, eine Freundin von Charlie. Zwar benimmt sich der angeblich 11-Jährige eher wie ein 15- oder 16-Jähriger, aber das macht er mit erstaunlicher schauspielerischer Sicherheit. Goyo (Jahrgang 1999) kann dabei schon auf beachtliche Erfahrungen zurückgreifen – schon seit er 5 war, spielte er immer wieder Fernseh- und Filmrollen. Als Max allerdings gegen Ende ganz gerührt auf seinen zur Höchstform auflaufenden Vater blickt und Goyo dabei malerisch das Kinn kräuselt und zittern lässt, war mir das deutlich zu viel Kitsch. In der selben Szene hat auch Bailey „Pippi in den Augen“ und das wirkt doch um Längen glaubhafter. Darüber hinaus leidet Evangeline Lilly an der gleichen schauspielerischen Unterforderung wie Jackman, bezaubert in ihrer vergleichsweise kleinen Stichwortgeber-Rolle dennoch – sorry Hugh! – mehr als Jackman, der besonders in den Gefühlsplapper-Szenen eher aufgesetzt-kitschig daherkommt. Dass Jackman auch anders kann, schimmert in diesem Film nur ganz selten durch, am stärksten wohl in der allerersten Einstellung, als man ihm all den Frust, das Müde und die Hoffungslosigkeit vom Gesicht ablesen kann.

In Sachen Optik ist der Film hingegen tadellos: Brausende Box-Kampf-Szenen und Landschaften in schönster Trucker-Romantik, schmuddelige Katakomben und neonstrahlende Show-Tempel, finstere Gassen, karg-chaotische Unterkünfte und sowas wie ein idyllisches Zuhause – alles wirkungsvoll aber nicht überladen, stilsicher und in geschicktem Rhythmus kombiniert. Dazu Musik, die maßgeschneidert passt. Auf dieser Ebene verschmelzen gesagte und sichtbare Inhalte, Handlung und Stimmung zu einem wirklich guten Film. Gelegentlich blitzen sogar richtig starke Bilder auf – Charlie beim Betanken des Trucks oder die Passage, als er durch eine in glühendes Technicolor getauchte Landschaft fährt, sind mir da noch lebhaft in Erinnerung. Solche (meist nur kurzen) Szenen sind – nochmal: sorry Hugh! – die optischen Highlights des Filmes. Danke also an Mauro Fiore (Kamera) und Danny Elfman (Musik)!

Was mir positiv auffiel, war, dass trotz Happy-End der Schluss nicht in zu viel Maximal-Idylle zerfließt: Max wird eben nicht für immer bei seinem Vater bleiben, Baily und Charlie eben nicht das Traumpaar werden. Und auch Atom trägt am Ende nicht den Sieg über den Super-Box-Roboter davon. Er ist aber, so im Film, der „Champion des Volkes“, was durchaus nett gewesen wäre, wenn es nicht (für Dumme, die nicht sehen können?) so penetrant mehrfach gesagt worden wäre.

Also: Wem könnte „Real Steel“ gefallen? Wer „Rocky“ mochte, wird sich hier gut aufgehoben fühlen, wer ein Faible für „Transformers“ hat, wird ebenfalls bedient. Die Optik spricht wohl eher Retro-Liebhaber als Science-Fiction-Freaks an. Jackman-Fans bekommen ihre obligatorische Oben-Ohne-Szene und während des Boxens durchaus ansehnliche Bewegungsstudien. Evangeline Lilly ist ein netter Hingucker, Max mit seiner Selbstsicherheit kommt sicher bei 12- bis 14-Jährigen (der Film ist ab 12 Jahren zugelassen) gut an und Atom, der kleine Roboter-Underdog, hat fast schon Kuschel-Potential. Wer solide gefilmte Streifen mag, der ist bei „Real Steel“ auch richtig. Es ist eben Unterhaltungskino der besseren Sorte.

Nur wer Geschichten mag, bekommt nicht viel. Zwar hat der Stoff Potential, aber der Regisseur traute seinen Darstellern und Bild-Machern offenbar nicht zu, dieses Potential auch zu erschlieĂźen und die Geschichte (also das, was die Handlung in/mit den Figuren macht) zu zeigen. Also lieĂź er die SchlĂĽsselbotschaften weniger spielen als vielmehr aufsagen. Sehr schade.


__________________
Es ist nicht wichtig, was man mitbringt, sondern was man dalässt (Klaus Klages)

Version vom 03. 11. 2011 12:56

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