Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, m├╝ssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5553
Themen:   95286
Momentan online:
524 Gäste und 5 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzgeschichten
Rotes Kreuz
Eingestellt am 29. 05. 2014 15:54


Autor
Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.
Creator
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: May 2014

Werke: 8
Kommentare: 0
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Creator eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Rotes Kreuz

Tief rot leuchtet es ├╝ber ihr und ├Âlschimmernde Pf├╝tzen spiegeln den verhangenen Himmel wider. Fast stoisch steht sie vor einer wei├čen Linie, ihr K├Ârper scheint sich nicht zu regen. Ihre Augen fixieren das rote Licht, zucken manchmal hin und her, als suchten sie etwas oder stellten komplizierte Berechnungen an. Ihre gelbe ├ľljacke leuchtet grell und weit, gibt all denen, die sich ihr n├Ąhern, ein deutliches Zeichen: Seht her und gebt Acht, wenn ihr mir zu nahe kommt! Ihre schwarzen Halbschuhe, f├╝r dieses Wetter viel zu flach, stehen in einer Wasserlache. Es macht ihnen nichts aus, standen schon so oft im Regen und halten dicht. Ihre Arme h├Ąngen gerade am K├Ârper herunter und tragen H├Ąnde, die eingeh├╝llt in schwarze Strickware mit ihren Innenfl├Ąchen nach hinten zeigen. Ihre rechte bildet eine Faust, die sie im Takte ihrer unruhig flackernden Augenlider ├Âffnet und wieder schlie├čt.

Immer noch leuchtet das rote Licht. Schweres Metall durchf├Ąhrt ihr Sichtfeld. Blaues, Graues, Wei├čes schie├čt von beiden Seiten an ihr vorbei. Der L├Ąrm macht ihr schwer zu schaffen, l├Ąsst ihre Stirn krausen. Vor allem die riesigen blechernen W├Ąnde, die eng an ihrer wei├čen Linie kratzen, machen ihr Angst und verdecken zeitweilig ihren Orientierungspunkt. Mit ihren gro├čen Reifen zerquetschen sie Pf├╝tzen, deren ├ťberreste auf ihre Schuhe fliehen, doch sie r├╝hrt sich nicht. Keinen Schritt zur├╝ck, denn den m├╝sste sie noch einmal gehen, sobald das Licht die Farbe wechselt. Noch bleibt es rot und h├Ąlt sie in Schach. Doch ihr innerer Zeitmesser, der bei Erreichen der wei├čen Linie seine Arbeit aufgenommen hat, sendet pl├Âtzlich Signale aus. Ihre Faust bleibt nun geschlossen und ihre Augenlider klimpern aufs Heftigste auf und ab. Zeugnisse h├Âchster Anspannung.
Das rote Licht strahlt nicht mehr allein. Mach dich bereit, aber geh noch nicht los! hatte sie einmal gelernt; lange ist das her. Aber sie ignoriert die Regel, indem sie auch den kurzen Moment der Gelbphase in Meter umwandelt. Einen wird er ihr bringen, und jeder einzelne, der hinter ihr liegt, ist ein Segen. Das Get├Âse der fahrenden Unget├╝me ist dem monotonen Ges├Ąusel harrender Motoren gewichen, was ihr ein bisschen Sicherheit f├╝r die ersten Schritte geben wird.

Ihr linker Schuh entzieht sich ruckartig der Wasserpf├╝tze und steigt entschlossen hinab auf ungeliebtes Terrain. Mit bed├Ąchtigen Bewegungen begibt sie sich in den Wettstreit mit der Zeit. Konzentriert mechanisch, stetig. Die kleinen Wasserlachen vor ihr muss sie durchqueren, sie auszusparen w├╝rde nur den Weg verl├Ąngern und verbietet sich, denn das Licht wartet nicht. Ihre Augen sind jetzt weit geworden, nehmen alles auf, haben das Gr├╝ne fest im Blick. Auch ihre Ohren sind ├Ąu├čerst wachsam, konzentrieren sich auf die linke Seite, denn von dort droht die erste Gefahr. Doch bis zur Mitte wird sie es schaffen, wird das dumpfe Dr├Âhnen, das in ihrem R├╝cken und von vorn in ihre Richtung schwenkt, hinter sich lassen. Noch wacht die satte Farbe ├╝ber sie und l├Ąsst sie gew├Ąhren. Beh├Ąnde schiebt sie voran, bis sie sich erneut bereit machen soll. So flammt die Warnung pl├Âtzlich auf sie herab, Immer hier, auf der Mitte ihres beschwerlichen Weges schickt das ungeliebte Rot seinen Vorboten ins Rennen: Beeil dich, der ├╝ber mir wartet nicht lange! Sie wei├č, dass ihre schwerste Stafette nun beginnt, eine Pr├╝fung, die sie jeden Tag aufs Neue bestehen muss. Und sie ahnt, was nun geschieht oder geschehen kann. Bissige Routine.
Manche w├╝rden hupen, laut und vorwurfsvoll, andere verschleuderten rhythmischen Motorenl├Ąrm als Ausdruck ihrer Ungeduld, aggressiv und fordernd, als wollten sie gelbe ├ľljacken fressen. Einige wenige waren so, zum Gl├╝ck nicht alle!

Dieses Mal geht alles gut. Die dampfende blecherne Kavallerie geduldet sich brav hinter ihrer Markierung, bis sie das sichere Ufer erreicht hat. Mit letzter Kraft erklimmt sie die kleine Stufe, die auch auf dieser Stra├čenseite von schmutzigen Wasserpf├╝tzen ums├Ąumt ist. Sie watet hindurch, nimmt es gen├╝gsam hin, weil sie wei├č, dass Ufer manchmal nass sein k├Ânnen. Sie h├Ąlt f├╝r Sekunden inne und l├Ąsst zum Dank an ihren unsichtbaren Beistand mit ihrer rechten Hand ein fl├╝chtig angedeutetes Kreuz ├╝ber ihre Brust schnellen. Erleichtert schaut sie zur├╝ck ins rote Licht und zeigt ihm die Stirn, die nun frei und breiter geworden ist, frei von Furchen, frei von Angst.

Doch die wird sicher wiederkommen, denn schon bald wird sie zur├╝ck sein, wird erneut ihren Weg gehen m├╝ssen, den einzigen zu ihrer kleinen Wohnung. Immer hier entlang, immer ├╝ber diese gro├če teuflische Kreuzung.

__________________
┬ę Creator 2014

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


Zur├╝ck zu:  Kurzgeschichten Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.
Werbung