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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Rotkäppchen II
Eingestellt am 07. 11. 2003 14:37


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eli-fant
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Sep 2001

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Es war einmal ein kleines Mädchen, das so lieb und brav war, daß jedermann es mochte. Tagaus tagein trug es ein rotes Samtkäppchen auf dem Kopf, das es besonders sittsam aussehen ließ und bald wurde es überall nur noch Rotkäppchen genannt.
Eines Tages nun schickte die Mutter Rotkäppchen in den Wald zur Großmutter, um dieser ein paar Leckereien zu bringen. Wie üblich wurde das Mädchen an der Haustür ausführlich ermahnt:
"Trödle unterwegs nicht herum! Schau beim Gehen nicht so viel nach rechts und links, damit du nicht stolperst und Kuchen und Wein fallen läßt. Grüße höflich, falls dir jemand begegnet, aber laß dich auf kein Gespräch ein. Und geh um Himmels Willen nicht vom Weg ab - ich habe dir ja schon oft genug erzählt, was einem kleinen Mädchen im dunklen Wald alles passieren kann."
Rotkäppchen sagte wie gewohnt: "Ja, Mutter!" nickte ernst und folgsam und marschierte los.

Als es im Wald so vor sich hintrottete, hörte es neben sich plötzlich eine Stimme:
"Guten Tag, Rotkäppchen! Warum machst du denn an einem so schönen Morgen ein solch finsteres Gesicht? Siehst du nicht, wie die Sonne scheint? Hörst du nicht den Gesang der Vögel? Und schau die Blumen an, die am Wegrand wachsen - bleib einmal stehen und atme ihren Duft ein."
"Einen schönen guten Morgen, Wolf!" erwiderte Rotkäppchen. "Ich darf mich von all diesen Dingen nicht aufhalten lassen und ich darf auch nicht mit dir reden. Meine Mutter hat es verboten."
"Meine Mutter hat es verboten..." äffte der Wolf es nach. "Wahrscheinlich hat sie dir auch erzählt, daß du nicht in den Wald hineingehen sollst, weil es dort so gefährlich ist und ich, der Wolf, dich fressen könnte."
"Woher weißt du das?" fragte das Mädchen erstaunt.
Der Wolf lachte.
"Weil das ein Märchen ist, das alle Mütter ihren Töchtern erzählen. Damit versuchen sie, zu verhindern, daß sie die Welt auf eigene Faust erkunden. Mütter haben gern alles unter Kontrolle, weißt du."
"Meine Mutter möchte mich nur vor einem Unglück bewahren", entgegnete Rotkäppchen. "Im Wald drohen doch tatsächlich viele Gefahren - alles mögliche könnte mir dort zustoßen!"
"Könnte, könnte..." brummte der Wolf. "Natürlich könnte allerhand geschehen, aber merk' dir eins - die wirklich schlimmen Dinge passieren nur ausgesprochen selten. Und wenn du nie ein Risiko eingehst und niemals etwas Neues ausprobierst, entgeht dir vieles, was dein Leben bunt und reich macht. Du hast ja noch nicht einmal die blauen Blumen dort drüben wahrgenommen."
"Oh, die sind tatsächlich wunderschön!" rief Rotkäppchen und lief darauf zu. "Und wie gut sie riechen!"
"Am Bach wachsen noch mehr Blumen", sagte der Wolf listig. "Gelbe und violette und rote..."
"Bach?" erkundigte sich Rotkäppchen. "Es gibt tatsächlich einen Bach in der Nähe?"
"Die hat wirklich noch nie den Weg verlassen", murmelte der Wolf kopfschüttelnd. "Geh zwischen den beiden Eichen durch und dann geradeaus weiter."

Als das Mädchen am Bach stand, war es für einige Augenblicke atemlos vor Staunen, dann rannte es begeistert am Ufer entlang. Silbrig glänzend gluckerte das Wasser über die Steine und bildete an einer Stelle sogar einen kleinen Wasserfall, unter dem sich in einem Becken winzige Fische tummelten. Kurzerhand entledigte sich Rotkäppchen seiner Schuhe und genoß das kühle Naß. Als es sich im Wasser stehend umsah, entdeckte es ganz in der Nähe eine Anhöhe.
"Ob man von dort wohl eine tolle Aussicht hat...?"
Und schon hatte es Strümpfe und Schuhe über die noch feuchten Füße gezogen und lief bergauf.
Oben angelangt, blickte es mit weit aufgerissenen Augen auf das Land, das sich ringsum ausbreitete. Ein Flüßchen schlängelte sich zwischen sanften Hügeln hindurch, hier und da waren Häuser zu sehen und von einem Berghang grüßte eine Burgruine herüber. In der Ferne blinkten einladend die Dächer einer Stadt.
Dem Mädchen war es, als hätte sich eine ganz neue Welt vor ihm aufgetan - es fühlte sich leicht und frei und lebenshungrig. Als ob der Wind seine Stimmung erahnt hätte, fegte er über es hinweg und blies ihm mit einem heftigen Stoß das rote Käppchen vom Kopf.
Rotkäppchen hatte sich in den vergangenen Jahren so an seine Kopfbedeckung gewöhnt, daß es vergessen hatte, wie es ist, den Wind in den Haaren zu spüren. Statt sofort das Käppchen einzufangen, schloß es ein paar Sekunden lang genießerisch die Augen; dann besann es sich und rannte, den Korb in der Hand, bergab. Schon beinahe am Fuß des Hügels angelangt, stolperte es, fiel der Länge nach auf den Boden und schlug sich das Knie auf.
"Au! Aua!"
Als es aufblickte, stand der Wolf vor ihm.
"Du gemeiner Schuft!" schimpfte es. "Du bist schuld. Wenn du nicht gewesen wärst, wäre ich nicht in den Wald gegangen und hätte mir nicht wehgetan. Und weil ich nun zu spät zur Großmutter komme, werde ich bestimmt auch noch ausgeschimpft."
"Wenn du nicht in den Wald gegangen wärst, hättest du den Bach nicht gesehen und hättest deine Füße nicht darin baden können. Du wärst nicht auf dem Hügel gewesen und hättest den Wind nicht gespürt. Ist das alles nicht ein aufgeschlagenes Knie wert?"
Rotkäppchen wurde still.
"Ja", sagte es dann, stand auf und klopfte sich den Schmutz aus den Kleidern. "Ja, du hast recht, das war es wert."
Dann machte es sich auf den Weg zum Haus der Großmutter. Als es merkte, wie durstig es war, dachte es, daß an diesem Tag schon alles egal wäre und trank ein paar kräftige Schlucke aus der Weinflasche im Korb. An Großmutters Brunnen füllte es das Gefäß kurzerhand wieder auf.

Die Großmutter wunderte sich an diesem Abend sehr, daß ihr gewohnter Schlaftrunk so wäßrig schmeckte. Sie runzelte die Stirn. War da nicht noch mehr seltsam gewesen - die ungemein roten Backen ihrer Enkelin, als sie ins Haus gestürmt war, das Käppchen schief auf dem Kopf, das Knie aufgeschlagen und das Kleid schmutzig... Hatte das Kind etwa einen unerlaubten Ausflug in den Wald gemacht? Der Kuchen hatte auch ausgesehen, als sei er schon angebissen worden.
Die alte Frau spürte, wie Zorn in ihr aufstieg. Das war doch die Höhe! Die Jugend heutzutage... Dann mußte sie daran denken, wie sie als junges Mädchen nachts aus dem Fenster geklettert war, um zusammen mit den Sprößlingen des Nachbarn im Mondschein ein Bad im Bach zu nehmen. Die Erinnerung ließ sie schmunzeln.
"Etwas älter als Rotkäppchen war ich damals auf alle Fälle - warum die Kinder heutzutage nur alle so frühreif sind?" Sie seufzte. Dann nahm sie noch einen Schluck von dem verwässerten Wein, mußte lachen, verschluckte sich, hustete und lachte wieder.

Zur selben Zeit lag Rotkäppchen in seinem Bett und dachte an das lebhafte kleine Bächlein und die herrliche Aussicht auf dem Hügel. Bevor es einschlief, nahm es sich vor, bei der nächsten Gelegenheit wieder vom Weg abzugehen und den Wald zu erkunden.



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eli-fant

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bluesnote
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Hallo eli-fant.

Die Wahrheit über das wahre Rotkäppchen zu lesen, hat mir eine Menge Spass gemacht. Auch die Symbolik, mal was neues sehen, ist nicht zu hoch gegriffen: ein Bach, ein Dorf und der Wind im Haar.
Man könnte jetzt Wort für Wort durchgehen, ob da nicht doch ein Fehler zu finden ist. Meine Meinung ist, der Text hat genau die richtige Länge, nicht zu lang und nicht zu kurz.
Werde mehr von dir lesen.

Viele Grüsse.

Udo

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eli-fant
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Hallo bluesnote,

freut mich, wenn dir das Lesen Spass gemacht hat!

Liebe Grüße,
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eli-fant

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