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Leselupe.de > Anonymus
Rotz-Votz
Eingestellt am 14. 04. 2006 13:40


Autor
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Anonymous
Unbekannter Verfasser
Registriert: irgendwann

Meine erste Verlobung scheiterte, leider. Aber ich schw√∂re, es lag nicht an mir! Jedenfalls nicht direkt. Vielleicht ‚Äď aber ich muss ein St√ľck weiter vorn beginnen.

Ich komme aus recht bescheidenen, daf√ľr sehr beweglichen Verh√§ltnissen. Meine Eltern zogen als Schausteller durch die Lande, sie besa√üen ein Kettenkarusell. Nach vielen kostenlosen Runden riss die Kette meiner Gondel, ich flog tr√§umend aus dem Zentrum meiner Kindheit.
Als ich aus meinem Traum erwachte, fand ich mich im Schlamm eines leeren Platzes wieder. Die Karusells und Riesenräder waren weg, sie rummelten längst woanders. Meine Eltern schienen nichts bemerkt zu haben, sie nahmen es mit der Wartung der Anlage nie so genau. Eine kleine Unwucht, hervorgerufen durch die fehlende Gondel, warf ihre Welt nicht aus der Bahn.
Am Rande des Platzes entdeckte ich eine Imbissbude, ein ansehnliches M√§dchen und meine Leidenschaft f√ľr das andere Geschlecht. Ich bestellte eine Currywurst und l√§chelte ihr zu. Sofort verliebten wir uns.
Ich erkl√§rte, man m√ľsse, wenn man es im Leben zu etwas bringen wolle, in der Lage sein, schnell und entschieden einen Entschluss zu fassen. Sie nickte und hielt mir das Senfglas hin. Ich dankte ob der Abwechslung und schlug vor, mich ihren Eltern vorzustellen. Man m√ľsse doch unsere Verlobung mitteilen! Sie schloss die Imbissbude ab und wir stapften durch den Schlamm des verlassenen Platzes in eine peinlich-kleinlich gepflegte Einfamilienhaus-Siedlung.
Es war ein Sonntagnachmittag, die Leute sa√üen auf ihren B√§nken vor den h√ľbschen, engen, ordentlichen H√§usern und versuchten still zu halten. Nat√ľrlich sprang ihnen die Angst vor dem Montag aus den Gesichtern, ums Haar h√§tte ich ihnen zugerufen, sie sollten doch einfach weinen, das verw√§ssere vieles. Aber noch hielt ich an mich, es ging ja immerhin um einen guten Eindruck, mein M√§dchen und die Vermeidung von √úberschwemmungen.
Wir trafen die Familie meiner Currrywurstherzensdame bei Kaffee und Kuchen an. Ich verbeugte mich unmerkelich und erklärte rundheraus meine Absicht.
Ihr Vater, ein kleiner Beamter mit einer ordentlichen Glatze, rustikaler Schrankwand und kalbsartigem Kurzsichtblick, kehrte erstaunlich schnell aus dem l√§hmenden Bereich tiefster Irritation zur√ľck und begann, mit allerlei Fragen nach mir zu zielen.
Was ich bes√§√üe. Welcher T√§tigkeit ich nachginge. Was ich mir f√ľr die Zukunft vorstelle.
Unsere Blicke kreuzten sich, ich dachte: Ochse!, und kam in Fahrt. Ich erhob mich, wobei ich die Kaffekanne umstie√ü, schlug mir vor die Brust und sonderte eine pathetische Rede aus lauter einfachen, ehrlichen, klaren Worten ab. (In meiner Kindheit hatte ich viele weise Worte in mich aufgesogen, sie schwirren wie bunte Wunderv√∂gel √ľber die Rummelpl√§tze, ihr m√ľsst nur die Ohren √∂ffnen, die Augen schlie√üen und die ganze Rattazong-Musik ausblenden. Wenn ihr das schafft.)
Ich erkl√§rte, dass ich zwar, im Moment jedenfalls, wenig Rotz-Votz h√§tte. Aber wenn ich flei√üig-schwei√üig arbeiten w√ľrde, in der Imbissbude zum Beispiel, k√∂nnte ich, vielleicht nicht ratz-fatz, aber doch m√§hlich-schm√§hlich, zu viel mehr Rotz-Votz kommen! Oder gar zu Kotz-Protz, ich s√§he da gute Chancen, der Markt f√ľr Currryw√ľrste werde ja schlie√ülich weiter wachsen, auch stelle ich mir die Erschlie√üung neuer Gesch√§ftsfelder vor, zum Beispiel den Verkauf von Bockw√ľrsten. Man solle der Jahre zehn vergehn lassen ‚Äď oder zwanzig-ranzig oder schei√üig-dreissig ‚Äď, und schon s√§√üe man wie all die lieben Leutchen hier auf ihren B√§nken am Sonntagnachmittag vor dem Montag in Dauer-Trauer...
Sehr viel weiter kam ich nicht, meine rummelplatzkindheitsgepr√§gten Lebensplanideen schienen den Vater meiner Dame nicht allzusehr zu √ľberzeugen. Er zeigte mir merklich den Ausgang. Nachdem ich aus dem Hause bef√∂rdert worden war, r√ľckte er die Schrankwand vor die Eingangst√ľr, seitdem wei√ü ich, warum sich manche Leute ein solches M√∂belst√ľck vorhalten.

So ging also meine erste Verlobung schief. Das nette Curry-M√§dchen bekam ich aber trotzdem. Sie stieg ratz-fatz heimlich aus dem K√ľchenfenster aus, zusammen liefen wir gl√ľcklich davon.
Mit Rotz-Votz qu√§len wir uns bis heute. Die Menge hat sich aber ‚Äď entgegen meinen damaligen Versprechungen und Gott sei Dank in Erf√ľllung fr√ľhkindlicher Hoffnungen ‚Äď nicht vergr√∂√üert. Kotz-Protz ist uns demzufolge ebenfalls nicht beschert worden. Wie das kam, erz√§hle ich ein andermal.


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Seelenblume
Guest
Registriert: Not Yet

hach. das ist herrlich. schade, dass du anonym bist. ich w√ľrde gerne mehr von dir lesen.

und rotz-votz ist ein wirklich guter begriff f√ľr all die dinge die man besitzt und haben will und sich vorstellt und soweiter

die metaphern sind toll- die karusselle, die aus ihren bahnen vielleicht doch einmal geworfen werden.

ja, davon träume ich auch.

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Anonymous
Unbekannter Verfasser
Registriert: irgendwann

Liebe Seelenblume, es steht eine ganze Menge von mir in der LL, allerdings schreibe ich fast nur noch anonym. Die Sachen sind sehr, sehr unterschiedlich, in der Regel stoße ich den meisten wohl damit vor die Köpfe. Aber anders will und kann ich nicht.

Liebe Gr√ľ√üe

A.

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Seelenblume
Guest
Registriert: Not Yet

das verstehe ich. und was ist mit denen, die deine texte m√∂gen? d√ľrfen die auch nur deine anonymit√§t sehen?

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GabiSils
???
Registriert: Mar 2002

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Kommentare: 1405
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Es war ein Sonntagnachmittag, die Leute sa√üen auf ihren B√§nken vor den h√ľbschen, engen, ordentlichen H√§usern und versuchten still zu halten. Nat√ľrlich sprang ihnen die Angst vor dem Montag aus den Gesichtern, ums Haar h√§tte ich ihnen zugerufen, sie sollten doch einfach weinen, das verw√§ssere vieles.

Toll. Zwei Sätze enthalten ganze Lebensgeschichten ...

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Elisabeth Merey-Kastner
Guest
Registriert: Not Yet

Sehr schön.
Lob.
Elisabeth

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Anonymous
Unbekannter Verfasser
Registriert: irgendwann

Liebe Seelenblume,

ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand meine Texte pauschal mag. Sie sind, wie gesagt, sehr unterschiedlich und gelegentlich recht schr√§g. ("Blowing in the wind", "Wer fickt wen" oder "Aus meines Lebens mag'rer Milch" sind Beispiele daf√ľr.)
Allerdings lege ich Wert darauf, anders zu schreiben als andere und, nach Möglichkeit, mindestens einen neuen Gedanken, ein neues Bild etc. zu entwickeln. Wiederkäuen mag ich nicht.

Liebe Gr√ľ√üe

A.

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