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Leselupe.de > Kurzprosa
Rotz-Votz
Eingestellt am 03. 05. 2007 08:49


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Penelopeia
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Meine erste Verlobung scheiterte, leider. Aber ich schw├Âre, es lag nicht an mir! Jedenfalls nicht direkt. Vielleicht ÔÇô aber ich muss ein St├╝ck weiter vorn beginnen.

Ich komme aus recht bescheidenen, daf├╝r sehr beweglichen Verh├Ąltnissen. Meine Eltern zogen als Schausteller durch die Lande, sie besa├čen ein Kettenkarussell. Nach vielen kostenlosen Runden riss die Kette meiner Gondel, ich flog tr├Ąumend aus dem Zentrum meiner Kindheit.
Als ich aus meinem Traum erwachte, fand ich mich im Schlamm eines leeren Platzes wieder. Die Karussells und Riesenr├Ąder waren weg, sie rummelten l├Ąngst woanders. Meine Eltern schienen nichts bemerkt zu haben, sie nahmen es mit der Wartung der Anlage nie so genau. Eine kleine Unwucht, hervorgerufen durch die fehlende Gondel, warf ihre Welt nicht aus der Bahn.
Am Rande des Platzes entdeckte ich eine Imbissbude, ein ansehnliches M├Ądchen und meine Leidenschaft f├╝r das andere Geschlecht. Ich bestellte eine Currywurst und l├Ąchelte ihr zu. Sofort verliebten wir uns.
Ich erkl├Ąrte, man m├╝sse, wenn man es im Leben zu etwas bringen wolle, in der Lage sein, schnell und entschieden einen Entschluss zu fassen. Sie nickte und hielt mir das Senfglas hin. Ich dankte ob der Abwechslung und schlug vor, mich ihren Eltern vorzustellen. Man m├╝sse doch unsere Verlobung mitteilen! Sie schloss die Imbissbude ab und wir stapften durch den Schlamm des verlassenen Platzes in eine peinlich-kleinlich gepflegte Einfamilienhaus-Siedlung.
Es war ein Sonntagnachmittag, die Leute sa├čen auf ihren B├Ąnken vor den h├╝bschen, engen, ordentlichen H├Ąusern und versuchten still zu halten. Nat├╝rlich sprang ihnen die Angst vor dem Montag aus den Gesichtern, ums Haar h├Ątte ich ihnen zugerufen, sie sollten doch einfach weinen, das verw├Ąssere vieles. Aber noch hielt ich an mich, es ging ja immerhin um einen guten Eindruck, mein M├Ądchen und die Vermeidung von ├ťberschwemmungen.
Wir trafen die Familie meiner Currywurstherzensdame bei Kaffee und Kuchen an. Ich verbeugte mich unmerkelich und erkl├Ąrte rundheraus meine Absicht.
Ihr Vater, ein kleiner Beamter mit einer ordentlichen Glatze, rustikaler Schrankwand und kalbsartigem Kurzsichtblick, kehrte erstaunlich schnell aus dem l├Ąhmenden Bereich tiefster Irritation zur├╝ck und begann, mit allerlei Fragen nach mir zu zielen.
Was ich bes├Ą├če. Welcher T├Ątigkeit ich nachginge. Was ich mir f├╝r die Zukunft vorstelle.
Unsere Blicke kreuzten sich, ich dachte: Ochse!, und kam in Fahrt. Ich erhob mich, wobei ich die Kaffekanne umstie├č, schlug mir vor die Brust und sonderte eine pathetische Rede aus lauter einfachen, ehrlichen, klaren Worten ab. (In meiner Kindheit hatte ich viele weise Worte in mich aufgesogen, sie schwirren wie bunte Wunderv├Âgel ├╝ber die Rummelpl├Ątze, ihr m├╝sst nur die Ohren ├Âffnen, die Augen schlie├čen und die ganze Rattazong-Musik ausblenden. Wenn ihr das schafft.)
Ich erkl├Ąrte, dass ich zwar, im Moment jedenfalls, wenig Rotz-Votz h├Ątte. Aber wenn ich flei├čig-schwei├čig arbeiten w├╝rde, in der Imbissbude zum Beispiel, k├Ânnte ich, vielleicht nicht ratz-fatz, aber doch m├Ąhlich-schm├Ąhlich, zu viel mehr Rotz-Votz kommen! Oder gar zu Kotz-Protz, ich s├Ąhe da gute Chancen, der Markt f├╝r Curryw├╝rste werde ja schlie├člich weiter wachsen, auch stelle ich mir die Erschlie├čung neuer Gesch├Ąftsfelder vor, zum Beispiel den Verkauf von Bockw├╝rsten. Man solle der Jahre zehn vergehn lassen ÔÇô oder zwanzig-ranzig oder schei├čig-dreissig ÔÇô, und schon s├Ą├če man wie all die lieben Leutchen hier auf ihren B├Ąnken am Sonntagnachmittag vor dem Montag in Dauer-Trauer...
Sehr viel weiter kam ich nicht, meine rummelplatzkindheitsgepr├Ągten Lebensplanideen schienen den Vater meiner Dame nicht allzusehr zu ├╝berzeugen. Er zeigte mir merklich den Ausgang. Nachdem ich aus dem Hause bef├Ârdert worden war, r├╝ckte er die Schrankwand vor die Eingangst├╝r, seitdem wei├č ich, warum sich manche Leute ein solches M├Âbelst├╝ck vorhalten.

So ging also meine erste Verlobung schief. Das nette Curry-M├Ądchen bekam ich aber trotzdem. Sie stieg ratz-fatz heimlich durchs K├╝chenfenster aus, zusammen liefen wir gl├╝cklich davon.
Mit Rotz-Votz qu├Ąlen wir uns bis heute. Die Menge hat sich aber ÔÇô entgegen meinen damaligen Versprechungen und Gott sei Dank in Erf├╝llung fr├╝hkindlicher Hoffnungen ÔÇô nicht vergr├Â├čert. Kotz-Protz ist uns demzufolge ebenfalls nicht beschert worden. Wie das kam, erz├Ąhle ich ein andermal.

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Haremsdame
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Hallo Penelopeia,

Deine Worte habe ich mich sehr viel Vergn├╝gen gelesen. Meiner Meinung w├Ąre Dein Beitrag auch gut in "Humor und Satire" aufgehoben...

quote:
ich flog tr├Ąumend aus dem Zentrum meiner Kindheit.
finde ich ausgesprochen gut gelungen! Im folgenden Text hast Du weitere Bilder gemalt, die diese Geschichte sehr anschaulich machen. Ich bin total begeistert!

Leider ist Dir noch ein Tippfehler entgangen:
quote:
Ich verbeugte mich unmerkelich
und im folgenden Satz w├╝rde ich das zweite "aus" weglassen:

quote:
Sie stieg ratz-fatz heimlich aus dem K├╝chenfenster aus, zusammen liefen wir gl├╝cklich davon
.

Gratulation zu diesem wirklich gelungenen Wortspiel!
Haremsdame
__________________
Wer nicht wagt, der nicht gewinnt

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Penelopeia
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Liebe Haremsdame,

danke f├╝r die Resonanz. Es soll tats├Ąchlich "unmerkelich" hei├čen, ich assoziiere ein bisschen in die Politik hinein...

Deine zweite Anmerkung beherzige ich. Der Satz "Sie stieg ratz-fatz heimlich aus dem K├╝chenfenster aus" liegt mir auch im Magen. Er liefert an sich inhaltlichen Unsinn, denn man steigt nie aus einem Fenster aus, sondern immer durch ein Fenster aus einem Raum oder Geb├Ąude ins Freie. Allerdings wird der Nonsens an dieser Stelle nicht deutlich genug. Ich folge deinem Vorschlag.

LG

P.

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no-name
Guest
Registriert: Not Yet

Liebe Penelopeia

nur zwei Kleinigkeiten: "Karussell" schreibt man, soweit ich weiss, mit zwei "s" und Currywurst auch, nicht mit dreien. ;-)

Ansonsten hat mich dein Text sehr am├╝siert. Es sind herrlich "flapsige Formulierungen" drin - manchmal wirkt die von dir beschriebene Szenerie auf mich fast surrealistisch.

Wirklich ein gelungener Text, den ich an deiner Stelle auch eher in der Leselupenrubrik "Humor und Satire" eingestellt h├Ątte.

Freundliche Gr├╝├če von no-name.

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Penelopeia
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Ihr Lieben,

nochmal danke f├╝r die Resonanz. Besonderen Dank auch an no-name f├╝r's Korrekturlesen, verdammt, dass mir das passiert...

Gandl, dein Lob freut mich besonders. Ob aber der Text so "tiefgr├╝ndig scharf gedacht" ist, wei├č ich nicht. Ich w├╝rde ihn in eine bestimmte Lade stecken, zu solchen Texten etwa wie

"Aus meines Lebens mag'rer Milch
gewinn' ich, schreibend, K├Ąse..."

oder "Wer fickt wen".

Es liegen andere von mir vor (das Gros im Anonymen-Forum), zu denen ich ein solches Urteil eher erwartet h├Ątte.
Vielleicht stelle ich in n├Ąchster Zeit mal ein paar hier ein.

LG

P.

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