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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Rudolf
Eingestellt am 01. 12. 2007 11:19


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Hedwig Storch
Routinierter Autor
Registriert: Nov 2005

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Als sich der englische Winter mit leichtem Frost auf der britischen Insel ankĂŒndigt, bekommt das Vorschulkind David eine rote Nase. Kein Wunder - ist doch David erst unter Malaien in Singapur und dann an der afrikanischen GoldkĂŒste (am Golf von Guinea) aufgewachsen. FĂŒr seine Frostempfindlichkeit erhĂ€lt der kleine Junge von seinem Peiniger Mr. Slocum, dem Leiter der englischen Privatschule Slocum House, den Spitznamen Rudolf, das Rentier mit der roten Nase.
Der Autor David Morley beschreibt im Innersten anrĂŒhrend und mit einem Anflug von Humor seine Kindheit in den englischen Kolonien, bei seinen GroßmĂŒttern in Old England und eben sein Martyrium in Slocum House.
Wir könnten jetzt den Autor loben: wie ungezwungen er schreibt, wie bunt er malaiisches und afrikanisches Kolorit auftrĂ€gt, wie feinfĂŒhlig er die vielen Fragen des kleinen David an seine Ă€quatoriale und englische Umwelt wiedergibt und so fort. Wir könnten den Autor jetzt natĂŒrlich auch tadeln: wie vorhersehbar der klug gewordene, erwachsene Autor gleichsam als Seelenklempner in die Psyche des kleinen David kriecht, daß wir das alles schon paar Mal in anderen Werken gelesen haben und so weiter. Wir könnten den Romanschluß bemĂ€ngeln: Davids Auspeitscher Mr. Slocum erscheint endlich ein bißchen rosarot. Der altgediente MilitĂ€r mit dem Holzbein wollte doch erziehen, wollte nur einen herrischen EnglĂ€nder aus dem kleinen, an malaiische Haus- und Baumgeister glaubenden David machen.

Unser Thema ist in diesem Monat aber ein abseitiges. Wir fragen: Wie presst der Prosa-Autor Weltgeschichte zwischen die Pappdeckel seines nur 287 Seiten dicken Buches?
Morleys Thema ist ja kein geringeres als der Zerfall des British Empire nach dem Zweiten Weltkriege. Etliche englische Kolonien sind Anfang der 50er Jahre des 20. Jahrhunderts auf dem Wege zu Nationalstaaten. Halt. Das wird keine Geschichtsstunde. Wir beobachten nur, wie Morley das o.g., von uns - wie jeden Monat - als kluge Frage formulierte Thema bewÀltigt. Der Autor erzÀhlt lediglich ganz genau das Leben des kleinen David.

Die Eltern haben fĂŒr ihren Jungen meistens keine Zeit. Die zeichnerisch ambitionierte Mutter bannt andauernd Malaien bzw. Afrikaner auf ihren Skizzenblock, und der Vater ist fast ununterbrochen dienstlich im Auftrag der englischen Krone im Busch oder sonstwo außer Haus. An einer Stelle im dritten Romanteil wird Morley deutlich. Dort karikiert der Autor den Vater als Kolonialherren, der sich an der GoldkĂŒste erlaubt, was er sich in England niemals erlauben dĂŒrfte. Diese Passage ist zwar glaubhaft und sicherlich sogar voll von Wahrheit. Aber jene ist nicht so sehr gemeint, wenn jetzt eine Lobeshymne auf Morley angestimmt wird.
Der britische Autor beschreibt den Vater in Singapur als umsichtigen, verstĂ€ndigen Hausherrn, der meistens anpackt, wenn einmal Not am Mann ist. Dieser erste Romanteil, zu dem wir gerade zurĂŒckgesprungen sind, ist deshalb so kurzweilige LektĂŒre, auch weil jener „Kolonialherr“ aus einer gerade untergehenden Zeit – verdeckt vom tropischen Busch – im Hintergrund agiert, aber doch immer sehr prĂ€sent ist. Meisterhaft gemacht. Dieses große Lob trifft auch noch auf den zweiten Romanteil zu, in dem David unter GroßmĂŒttern in England aufwĂ€chst. Der Vater „herrscht“ in den Kolonien. Derweil sitzt die Mutter mit den Kindern gleichsam auf den Koffern daheim als geduldete Untermieterin. Gut gemacht. Wirklich! Im dritten Teil, der in Afrika handelt, geht es dann nach dem Romanende zu erzĂ€hlerisch langsam bergab.
Uns ist aber auch schwer die Zeit zu vertreiben. Trotzdem. Wer sich gut unterhalten möchte und dabei noch auf sehr unaufdringlichen Geschichtsunterricht aus ist, sollte das Buch lesen. Jede Seite in der unten genannten Übertragung ins Deutsche ist angenehm dick. D.h. wir haben wieder etwas geschafft nach dem UmblĂ€ttern.

Der englische Autor David Morley wurde 1948 in Singapur geboren.

John David Morley: Nach dem Monsun. Eine Kindheit in den britischen Kolonien.
Aus dem Englischen ĂŒbersetzt von Bernd Rullkötter.
MĂŒnchen 2001, ISBN 3-89029-203-8

Orig.: East of the Sun and West of the Moon (anno 2001)

Hedwig Storch 12/2007


__________________
Hedwig

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