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Leselupe.de > Humor und Satire
Rufen sie Rob
Eingestellt am 05. 08. 2006 22:10


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huwawa
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Rufen sie Rob

Ich hatte es mir gerade im Fernsehstuhl gemütlich gemacht, als die Klingel an der Wohnungstür anschlug. Zwei Männer, grau gewandet, standen im Flur, der Hintere, etwas dunkler, wirkte wie der Schatten seines Vordermannes. „Können Sie damit umgehen?“ Fragte mich dieser ohne Begrüßung und wies mit dem Kinn auf die Fernbedienung in meiner Hand.
„Ja, natürlich, ist ja kinderleicht und einfach zu bedienen, aber...?“ „Dann sind sie bestimmt auch im Stande, ihr Handy zu benützen“, schnitt mir der Graue die Frage ab. „Nun ja, ich komme so einigermaßen zurecht damit“, antwortete ich. „Sehr viel telefoniere ich ja nicht, aber – darf ich wissen, weshalb sie mich das fragen?“

Gedankenschnell zog mein Gegenüber eine Dienstmarke mit Goldgprägung aus dem Jackett. „Müller“, stellte er sich vor, „von ‚GAckE’ – Gesellschaft zur Ausforschung chronisch kommunikationsverweigernder Elemente“. Sie sind doch Herr Dieter Reder?“ Versicherte er sich mit einem Blick auf das Türschild. Ohne meine Bestätigung abzuwarten fuhr er fort: „Wir haben festgestellt, dass sie seit sieben Jahren im Besitz eines Handy´s sind, mit Wertkarte. Sie haben dieses Handy bisher jährlich einmal aufgeladen, mit zwanzig Euro – dem Mindesttarif.“ „Die ersten zwei Jahre waren es zweihundert – Schilling allerdings“, warf ich in der Hoffnung, das Gespräch mit etwas Witz lockerer und entspannter gestalten zu können, ein. Mein Humor erreichte nicht einmal die Mundwinkel des Grauen. Im Gegenteil, seine Stimme wurde eine Spur schärfer: „Wissen sie eigentlich, Herr Reder, wieviele Milliarden - Euro, natürlich, nicht Schilling - die Telefongesellschaften in den Aufbau und Betrieb der Handynetze investieren mussten und immer noch müssen? Glauben sie, dass sich diese Kosten mit Kunden wie ihnen jemals amortisieren ließen?“ „Ich verwende mein Handy eben so ökonomisch wie möglich“, warf ich, fast schon trotzig, ein. „Ökonomisch“ höhnte der Graue. „Wissen sie wie wir das nennen? Asozial und subversiv nennen wir das, lieber Herr Reder! Mit ihren zwanzig Euro im Jahr sind sie ein Trittbrettfahrer, der sich auf Kosten der zahhllosen anständigen Vieltelefonierer seine ständige Erreichbarkeit sichern und nur mit minimalstem Aufwand selbst aktiv werden will!“

Jetzt hatte er mich an meiner empfindlichen Stelle erwischt. Als asozialer Schmarotzer und Quertreiber wollte ich nicht dastehen. „Was meinen sie also, dass ich tun sollte, Herr Gacke – Entschuldigung Müller?“ Meine offensichtliche Zerknirschtheit und Verwirrtheit stimmte den Ermittler jetzt doch ein wenig milder. „Telefonieren, sie brauchen nichts anderes tun als zu telefonieren, ist doch ganz einfach“, riet er mir in jovial - väterlichem Ton. „Ja, aber wen sollte ich denn...?“

Müller unterbrach diesen Einwand, er hatte ihn natürlich erwartet. „Genau diese Frage sollten sie überhaupt nicht stellen, lieber Freund! Sie sehen doch fern und hören bestimmt auch Radio. In unseren Informationssendungen präsentieren wir ihnen zahllose Möglichkeiten, ihr Telekommunationsverhalten zu erweitern. Lassen sie ihrer Phantasie freien Lauf. Es gibt unzählige Ansprechpartner, jeder Telefonbesitzer ist im Grunde einer. Es ist doch völlig unwichtig, wen sie anrufen, nur: Telefonieren sie!“

„Warum haben sie eigentlich noch keine einzige SMS mit ihrem Handy versendet?“ Machte sich nun auch Dunklergrau, den ich schon für stumm gehalten hatte, aus dem Hintergrund bemerkbar. „Ach, das ist mir einfach zu umständlich, diese Fummelei an den Tasten. Ich habe einmal versucht, einer Bekannten zu antworten, aber nichts zu Stande gebracht!“ „Ja, ja, wir wissen das, an einem 24. Dezember hatten sie drei Fehlversuche, das ist alles aufgezeichnet. Warum haben sie denn niemand gefragt, irgend jemand in ihrer Familie wird sich doch auskennen?“ „Doch, meine Frau und natürlich auch die Kinder kennen sich schon aus. Aber es war Heiliger Abend, der Weihnachtsfrieden, sie verstehen...?“

„Also gut, Herr Reder“, schaltete sich nun Müller Mittelgrau wieder ein. „Ich kann in ihrem Verhalten eine gewisse Kooperationsbereitschaft erkennen. Daher wollen wir es heute noch bei einer Verwarnung belassen. Sollte sich ihr Telekommunationskonsum in nächster Zeit aber nicht drastisch erhöhen, wären wir zu, für sie sicherlich sehr schmerzhaften, Sanktionen gezwungen! Nehmen sie sich unsere Ratschläge also zu Herzen und vergessen sie nicht: Ihr Handy ist genau so leicht und einfach zu bedienen wie die Fernbedienung! Schönen Guten Abend noch, Herr Reder!“

Nachdenklich nahm ich wieder vor dem Fernseher Platz. Es lief gerade Werbung: „Telefonieren sie mit ihrem Steuerberater, telefonieren sie mit ihrem Zahnarzt - instinktiv schüttelte ich den Kopf - rufen sie ihre Tante an, rufen sie ihren Nachbarn an, rufen sie Rob“* – das gefiel mir, Stabreime hatte ich immer schon gemocht! Doch nun kam das faszinierende: „Mit unserem kostenlosen Handy telefonieren sie um null Cent in alle Netze und dazu erhalten sie auch noch vierzigtausend Gratis-SMS!“ Meine Verwirrung war nun größer als jemals zuvor. Warum machten mir die beiden Grauen solche Vorwürfe wegen meiner zu niedrig gehaltenen Telefonausgaben? Wie sollte ich diese erhöhen, wenn die Netzbetreiber alles herschenkten. Und andererseits – wofür zum Teufel, bezahlte ich Jahr für Jahr zwanzig Euro? Vielleicht sollte ich jemand anrufen, fragen –aber wen?

* "bob" heißt ein neues Handynetz in Österreich - ich weiß nicht ob es das in Deutschland auch gibt. Bei uns läuft der Spot "Rufen sie bob" jedenfalls etwa 50x im Tag.

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Mumpf Lunse
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hallo huwawa,
gefällt mir ausnehmend gut. zumal es gar nicht so unwahrscheinlich ist.
witzig, schlüssig, glaubhaft! (und gut geschrieben)
ich bin überzeugt das die gesammelten daten irgendwann in dieser oder einer ähnlichen weise verwendet werden. heimlich werden sie es vielleicht schon. 'nutzerprofile um das angebot zu verbessern'
über kurz oder lang wird jede industrie mit genügend grossen eiern, ähnlich wie es jetzt schon die musikindustrie mit dem urheberrecht tut, versuchen gesellschaftliche normen in ihrem intreresse zu verändern.

einen schönen abend
mumpf



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Schreiben ist etwas überraschendes

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Saurau
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dazu kann ich brazil als dvd wärmstens empfehlen. ist über amazon erhältlich und fördert die wirtschaft. der ganz normale wahnsinn auf die spitze getrieben - spitze!

lg daniel

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flammarion
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na,

da dank ich dem rumpel doch sehr, dass so was nettes hier gelandet ist. aber entscheide dich - rufen Sie ROB oder BOB, wie es am ende genannt wird.
lg
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Old Icke

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huwawa
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hallo mumpf lunse

danke für das dicke lob - bin ich in diesem forum gar nicht gewohnt!

hallo flammarion

ein bisschen ändern wollte ich den namen schon! im original-werbespot heißt es übrigens "sprich mit bob". aber "rufen sie rob" hat mir so gut gefallen - wegen dem stabreim. ein bisschen künstlerische freiheit solltest du mir schon lassen, mann kann doch nicht einfach alles nachplappern, was andere von sich geben...
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