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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Ruhe in Frieden. Über die letzten Dinge
Eingestellt am 12. 02. 2007 19:02


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Heiden Steffen
Festzeitungsschreiber
Registriert: Feb 2007

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Ruhe in Frieden: Über die letzten Dinge
Von Heiden Steffen

Vom Weiterleben nach dem Tode
\'Ruhe in Frieden\'. Das werden Sie auch mir nachrufen. Ja, Frieden. Keine Krankheiten und Schmerzen mehr, keine Ängste vor Siechtum und Abhängigkeit, keine Trauer über den Verlust der Lieben, kein Entsetzen darüber, zu welchen Untaten Menschen fähig sind - freilich auch keine Freude und kein Spaß. Eben das Ende aller Gefühle. Ruhe und Frieden.
Aber dieser Frieden ist ja gar nicht mein Frieden! Ich bin nicht mehr da, um Ruhe und Frieden zu genießen. Meine Existenz ist erloschen. Mit meinen Hirnzellen sind auch meine Gedanken und Gefühle nicht mehr da. Sie sind zu einem natürlichen Ende gekommen. Mich gibt es nicht mehr.
Ein schockierender Gedanke muss das eigentlich nicht sein. Ist es nicht vielmehr tröstlich, dass ich um ein Jenseits nicht besorgt sein muss? Dass ich mir keine Gedanken über Himmel und Hölle machen muss? Dass ich nicht noch einmal von vorn anfangen muss in einer anderen Wirklichkeit?
Meine Veranwortung für mein Leben endet mit eben diesem Leben. Danach bin ich, weil ich überhaupt nicht mehr bin, entlastet - befreit von allem, was mich beschwert oder zukünftig beschweren könnte. Der Tod als Stunde der Befreiung.
Die Idee der Befreiung steckt wohl auch in der Vorstellung, die Seele verlasse in der Stunde des Todes den Körper. Deshalb öffnete man vielerorts die Fenster, wenn jemand gestorben war.
Allerdings: Meine Seele gibt es dann gar nicht mehr, sie ist mit den Hirnzellen erloschen. Den Zustand des Befreitseins kann ich nicht mehr erleben. Ich kann mich nur im Vorhinein freuen - oder auch nicht freuen - auf diese Freiheit von allem Irdischen, von allem überhaupt. Aber selbst erfahren kann ich diese Freiheit nicht mehr, weil nach meinem Tod nichts mehr von mir da ist, das sie fühlen und empfinden könnte.

Oder könnte ich mich irren? Sind nicht Milliarden von Menschen in dem Glauben gestorben, dass sie damit eine andere Welt betreten? Haben nicht fast alle alten Kulturen an ein Weiterleben im Jenseits geglaubt, so sehr, dass sie Nahrungsmittel, Schwerter, Streitwagen und sogar Soldaten den Toten mit in die Gräber gaben? Haben sie etwas gewusst, was ich nicht weiß? Können so viele Menschen und Kulturen irren?
Ich denke, für den Glauben an das Weiterleben nach dem Tode gibt es eine Erklärung: Die Menschen glaubten daran, weil ihr Lebenswille sie dazu trieb.
Für die frühen Menschen muss es ein abgrundtiefer Schock gewesen sein, als sie sich dessen bewusst wurden, dass sie sterben müssen. Ihre tierischen Vorfahren, so dürfen wir annehmen, lebten ohne dieses Wissen. Wenn in einem Rudel Rehe eines durch einen lautlosen Schuss getötet wird, grasen die anderen ungerührt weiter, direkt neben dem toten Artgenossen. Offenbar können sie den Tod nicht erfassen - und schon gar nicht daraus schließen, dass sie selbst einmal sterben müssen. Sie rennen zwar vor jeder vermeintlichen Gefahr davon, aber wohl ohne klare Vorstellung, wovor sie eigentlich davonrennen. Ihr Instinkt, ihr Selbsterhaltungstrieb treibt sie an.
Alle Lebewesen, von der Mücke bis zum Elefanten, kämpfen vor allem um eins: dass sie am Leben bleiben. Das ist das Gesetz des Lebens, die stärkste Kraft der Natur. Das Weiterleben ist - neben der Fortpflanzung, also dem Weiterleben der Art - die eigentliche Aufgabe aller Lebewesen.
Auch in unseren Genen ist dieses unerbittliche Ziel - Überleben um jeden Preis - fest verankert; der Überlebenswille ist nicht erst in uns gewachsen, als unsere Vorfahren von den Bäumen stiegen. Er ist da vom Urbeginn des Lebens an. Die Angst um unser Leben steckt in uns wie im Hasen, der seine Haken schlägt, um mit seinem Leben davonzukommen. Es ist die Urangst des Lebens.
Der Kampf um das Überleben bestimmte auch wie selbstverständlich das Dasein der frühen Menschen. Sie lebten, um am Leben zu bleiben.
Dann aber kam jene epochale Entwicklung in der Menschheitsgeschichte, die in der Bibel so bildkräftig auf einen Moment zusammengezogen wird: Die Menschen aßen vom Baum der Erkenntnis. Sie wurden sich ihres Lebens bewusst - und auch ihres Todes. Sie mussten erkennen, dass alles Kämpfen und Davonrennen letztlich umsonst war. Der Tod war ihnen gewiss. Sie mussten erkennen, dass sie eigentlich lebten, um zu sterben.
Damit hatte der ständige Überlebenskampf seinen letzten Sinn verloren. Wie trostlos und ausgeliefert müssen sie sich gefühlt haben, als sie das erkannten! Denn buchstäblich jede Faser ihres Körpers war ja auf das Überlebensprogramm der Evolution gepolt.
Sie konnten ihr Selbstgefühl, auch ihren Lebenswillen nur erhalten, indem sie an ein Weiterleben nach dem Tode glaubten. Wenn der Tod unausweichlich war, dann konnte das Selbst nur erhalten werden, wenn es noch in einer anderen Welt weiterlebte. Mit diesem Glauben konnten sie wieder eine Art Gleichgewicht zwischen ihrem Willen zur Selbsterhaltung und der Gewissheit des Todes herstellen.
Sie hatten auch gute Gründe, an das Weiterleben im Jenseits zu glauben. Denn sie hatten ja ein Bewusstsein ihrer eigenen Existenz entwickelt. Sie setzten sich auch mit ihrem inneren Ich, mit ihren Gefühlen, Gedanken, Erinnerungen und Phantasien auseinander. Dieses innere Ich, die Seele, war kein Teil des Körpers, auch wenn es in ihm wohnte. Die Seele gehörte zu einer anderen, zu einer nicht-stofflichen Welt. Sie war für die frühen Menschen auch nicht fest an den Körper gebunden. Sie konnte gelegentlich den Körper verlassen, in eine eigene Welt mit guten und bösen Geistern entschwinden.
Da lag es doch nahe, ein Weiterleben dieser Seele im Jenseits anzunehmen. (Durchaus möglich, dass dabei Berichte eine Rolle spielten, wie sie auch heute von wiederbelebten Menschen zu hören sind. Sie berichten, dass sie in der Stunde Ihres (Fast-) Todes sich gleichsam von außen zusehen konnten.)
Wie stark die Menschen durch ihre Gefühle zu dieser Weltsicht getrieben wurden, das kann wohl jeder Einzelne an seinen eigenen Gefühlen erfahren. Ich kann mich jedenfalls noch gut erinnern, dass ich als junger Mensch jeden Gedanken an ein Ende meiner Existenz als unerträglich empfunden habe. Ich hatte das feste Gefühl, da es mich nun einmal gäbe, müsste es in irgendeiner Form immer weitergehen. Ich denke, dass die meisten, wenn nicht alle einmal so empfunden haben.
Kein Wunder, dass viele auch der heutigen Menschen an dem Glauben festhalten, dass der Tod nicht das Ende sein kann. Die Religionen helfen dabei. Sie geben den unbestimmten Gefühlen, es müsse nach dem Tod irgendwie weitergehen, eine feste Form, die von einer Gemeinschaft anerkannt und getragen wird.
Dass die Vorstellungen über das Jenseits aus dem Inneren des menschlichen Fühlens kommen, aus unseren Bedürfnissen und Wünschen, das können wir auch an den Bildern des Jenseits erkennen: Eigentlich wird das Jenseits immer als besseres (oder im Falle der Hölle als schlechteres) Diesseits gemalt.
Die Wüstenbewohner stellen sich eine Welt grüner Fruchtbarkeit und überall plätschernden Wassers vor, die jagenden Völker eine Welt randvoll mit jagdbarem Wild. Unser Paradies enthält alles, was uns hier gefällt oder gefallen würde.
Das Jenseits ist keine wirklich andersartige Welt, sondern es ist die Verlängerung des Diesseits. Die diese Welt entworfen haben, verfügten über kein geheimes Wissen über eine andere Lebensform, in die unsere Seelen dann eingehen sollen. Sie entwarfen eine Wunschwelt, ganz und gar im Diesseits geschaffen und ihm verhaftet. Keine neue Welt, sondern die alte, befreit von allem, was uns hier lästig ist, und ausgeschmückt mit allem, was uns hier in dieser Welt erfreut.
Genau deswegen sind diese Vorstellungen ja auch so tröstlich: Es geht also doch weiter, eigentlich wie bisher, nur noch besser! Unser Selbst, das wir um jeden Preis erhalten wollen, wird weiter existieren. So kann man die sichere Aussicht auf den Tod verkraften; er ist dann nichts als eine Zwischenstation. Die quälende Angst vor dem endgültigen Aus für unser Selbst kommt zur Ruhe.
Nur leider: Wir Heutigen können in solchen Vorstellungen keinen Trost mehr finden. Mit dem heutigen Wissen können wir die Seele nicht mehr als eigenständig und losgelöst vom Körper auffassen. Die Seele besteht ja - nicht nur für den Seelenarzt - aus Gefühlen und Gedanken, auch solchen, die uns nicht bewusst sind, vielleicht auch aus genetisch festgelegten \"Erinnerungen\".
Alles dies sind in unserer heutigen Sicht Informationen. Und Informationen sind zwar nicht-stofflich, aber sie brauchen einen stofflichen Träger, ob das nun Papier, Festplatten oder eben Hirnzellen sind. Ist der Träger zerstört, ist auch die Information verloren. So kennen wir manche Gedanken der alten Griechen, weil sie auf Pergament festgehalten waren, die gleichzeitigen Gedanken der Germanen sind verflogen mit dem Tod der Hirnzellen, die ihre einzigen Träger waren.
Dass unsere Gefühle und Gedanken, ja unser gesamtes inneres Ich mit den Zellen verlöschen, in denen sie gespeichert sind, das wird mit einem Blick in die Intensivstationen nur zu deutlich. So gibt es hirnverletzte Menschen, die sich an ihr gesamtes früheres Leben nicht mehr erinnern können, und solche, die nicht mehr wissen, was sie vor Minuten getan haben. Es gibt andere, die nach ihrer Hirnverletzung einen gänzlich anderen \"Charakter\" zeigen. Und es gibt die Körper, bei denen nur noch das Stammhirn lebt, die alle ihre Gefühle und Gedanken, die ihr Selbst unwiederbringlich verloren haben.
Mit diesem Wissen können wir heute nicht mehr von einem Überleben der Gefühle und Gedanken ausgehen, die doch unser eigentliches Ich ausmachen. Die Vorstellung von einer weiteren Existenz unseres Ich über den Hirntod hinaus ist deshalb nicht mehr möglich.
Wahrscheinlich haben die Menschen neben ihrem Glauben und ihrer Sehnsucht nach einem jenseitigen Leben auch immer schon ein Wissen um die Endgültigkeit des Todes gehabt, wie wir aus manchen Redensarten (\"Man lebt nur einmal\" - \"wenn ich nicht mehr bin\" - \"ewige Ruhe\") schließen können. Auch die Grundidee des buddhistischen Nirwana, die etwa \"Verlöschen, Verwehen\" bedeutet, kennt kein jenseitiges Leben.

Von der Unsterblichkeit
Die gleiche Kraft in unserem Innern, die uns zum Glauben an ein jenseitiges Leben drängt, wird aber auch auf andere Weise wirksam: Lasst uns das Leben auf Erden verlängern, Lasst uns 100, 120 Jahre oder noch viel länger leben - mit Hilfe der modernen Medizin! Wenn wir schon nicht auf das jenseitige Weiterleben hoffen dürfen, dann lasst uns wenigstens daran arbeiten, dass wir hier auf Erden weiterleben können!
Dieses Bestreben passt sicher besser in unsere moderne wissenschaftlich-technische Zeit. Schon sind Wissenschaftler angetreten, die \"genetischen Programme des Alterns\" zu entschlüsseln, um sie einmal außer Kraft zu setzen. Besonders Wagemutige unter ihnen erklären, es gäbe keinen vernünftigen Grund, warum die Menschen nicht beliebig lange leben sollten. Schließlich erneuern sich unsere Zellen ohnehin alle paar Jahre. Man muss nur bewerkstelligen, dass sie das weiter tun - solange man will.
Einige amerikanische Millionäre haben angeblich ihre Leichen schon einfrieren lassen, damit sie später auch dabei sein können beim unbegrenzten Weiterleben. Andere träumen davon, sich mittels Klonen unsterblich zu machen.
Was hier im Vertrauen auf wissenschaftliche Möglichkeiten weitergeträumt wird, das kennen wir als alten Menschheitstraum. Unzählige Legenden von Jungbrunnen und von Pakten mit dem Teufel erzählen davon. Es ist leicht erkennbar, dass diese Träume aus dem gleichen Selbsterhaltungstrieb gespeist werden wie der Glaube an ein Leben nach dem Tode.
Aber ist denn ein Leben von - sagen wir - mehreren hundert Jahren überhaupt erstrebenswert? Ich denke nicht. Ich denke vielmehr, dass hier wiederum unsere Gefühle, getrieben vom Urinstinkt der Selbsterhaltung, mit uns durchgehen.
Na ja, ich kann mir ja einmal vorstellen, ich sollte 100 Jahre länger leben als das biblische Alter von 70 oder 80 Jahren. Wozu sollte das gut sein? Mir fällt eigentlich nichts ein. Wer 80 Jahre gelebt hat, hat ohnehin alles durchlebt und durchlitten, was das Leben für uns bereithält. Was sollte noch kommen - außer Wiederholungen des ewig Gleichen?
Immer wieder, mit einer nagenden Regelmäßigkeit, muss man aufstehen, immer wieder sich die Zähne putzen, die Fußnägel schneiden. Wer will das noch 100 Jahre länger tun? Alle paar Stunden muss man pinkeln. Das wäre dann in 100 Jahren schon so um die 150 000 Mal. Na gut, wem\'s Spaß macht...
Wie oft müssen wir noch Meiers einladen oder zu Schulzes Einladungen gehen? Wie oft müssen wir noch den Mainzer Karneval durchstehen oder das Weihnachtsgeschäft? Wie oft müssen wir noch wie ein Hamster auf unserem Heimtrainer leere Kilometer strampeln? So etwa dreimal pro Woche sollen wir es tun, weil die Evolution unseren Körper auf Bewegung getrimmt hat. Immerhin 15 000 Mal in 100 Jahren!
Gewiss, das sind alles Lächerlichkeiten, aber genau daran zeigt sich, wie Lebensfreude in Überdruss umschlagen kann. In jungen Jahren ist der Aufbruch in das Leben so spannend, die Herausforderungen und Eroberungen so aufregend, dass wir die lästigen Routinen gar nicht wahrnehmen. Je älter man wird, je mehr sich die Dinge wiederholen, desto mehr nerven sie.
Aber - so mögen jetzt manche denken - es gibt doch auch so viel Schönes im Leben! Natürlich gibt es das! Es gibt Sahnetorten und Palmenstrände, es gibt Fernsehkrimis und Fußballweltmeisterschaften, Musik, Sex und Liebe. Davon könnte man doch noch 100 Jahre brauchen, oder nicht?
Eher nicht! Denn Überdruss droht nicht nur an den langweiligen Seiten des Lebens; auch das, wonach wir streben und wovon wir träumen, wird durch ewige Wiederholung glanzlos und langweilig. 100 Jahre Urlaub in Hawaii - das ist nicht mehr lustig.
Wir kennen sie ja alle - die Geschichten vom Schlaraffenland oder vom goldenen Käfig. Wir sind nicht gemacht für ein Wohlleben ohne Ende.
Von den wirklichen Leiden und Niederlagen, die zu unserem Leben gehören, habe ich noch gar nicht gesprochen. Auch sie werden mich die hundert Jahre begleiten. Dass Kriege, Not und Gräueltaten zu Ende sind, nur weil wir so viel älter werden, wer glaubt das schon? Ehen werden weiterhin zerbrechen, Beziehungen auseinander gehen, Unfälle und körperliche Gebrechen uns heimsuchen.
Das brauche ich nicht für weitere hundert Jahre. Ich denke auch, dass ich die Kraft nicht hätte, weiterhin mit dem Leben mitzuleben. Selbst wenn der Körper mit medizinischen Tricks am Leben erhalten wird, unsere Gefühle und Bedürfnisse verbrauchen sich in der natürlichen Lebensspanne. Denken wir nur an die Gefühle, die wir mit unserer Heimat und Kindheit verbinden. Wir werden sie immer mit uns herumtragen, sie nie durch andere ersetzen können.
Unsere Gefühle und Beweggründe sind aus unserem Organismus gewachsen und an ihn gekettet, geprägt für unsere Lebensspanne. Wir sind nicht gemacht für ein ewiges Leben - weder unsere Körper noch unsere Seelen. Die Sehnsucht nach Weiterleben und Unsterblichkeit ist in unsere Gene eingebaut, aber wir sind dazu gar nicht ausgerüstet. Uns würde die Ewigkeit zur Qual.
Eigentlich hat die Menschheit das schon immer gewusst. Es gibt viele Geschichten und Legenden von Menschen, die nicht sterben dürfen, von Untoten und Geistern, die immer wieder zurückkehren müssen, keine Ruhe finden können. Diese Geschichten stellen es als einen Fluch dar, nicht sterben zu können, und sie sind näher dran am Wesen des Lebens als die Träume vom ewigen Leben.
Ein Blick zurück zum Weiterleben im Jenseits: Wenn es für uns eine Strafe wäre, auf Erden unsterblich zu sein, warum sollten wir dann in einem Paradies glücklich werden, das eine Fortsetzung des Lebens auf der Erde wäre? Das Paradies wäre wie ein Schlaraffenland; irdischer Überdruss würde uns einholen. Jedenfalls, wenn wir im Jenseits die gleichen Personen wären wie auf Erden. Wären wir aber nicht mit unseren Gedanken und Gefühlen dort, wären wir nicht mehr wir selbst und es wäre kein Weiterleben für unser Ich.

Vom Sinn des Lebens
Kein Weiterleben im Diesseits und kein Weiterleben im Jenseits .Ist dann nicht alles ohne Ziel und Sinn? Unser armseliges Leben hier - das kann\'s doch nicht gewesen sein! Geboren werden, sich ernähren, sich fortpflanzen und sterben - sonst nichts? Der Gedanke erscheint uns Menschen schwer erträglich. Wir wünschen, dass unsere Existenz auf einen höheren Sinn angelegt sein möge.
Sinn ist freilich etwas, was im menschlichen Leben eine große Rolle spielt. Wir sind es gewohnt und wir sind darauf angewiesen, in unserem Alltag überall nach Sinn und Zweck zu fragen. Das ist eine Überlebenstechnik. Nur weil wir nach Sinn und Zweck einer Handlung fragen, können wir überleben. Wir legen Vorräte an, um den Winter zu überstehen; wir bewahren Saatgut auf, um im nächsten Jahr auszusäen, wir bauen Häuser, um nicht zu erfrieren. Alles was wir tun, hat einen Sinn.
Und wir bewältigen auch unsere Umwelt, indem wir nach dem Sinn fragen. Wo wir den Sinn und Zweck in der Natur nicht sofort erkennen, fragen und forschen wir danach. Warum fällt der Apfel vom Baum? Wozu wälzen sich die Vögel im Sand? Solche Fragen sind die Grundlage dafür, dass wir unsere Umwelt verstehen und beherrschen. Das Unbekannte und Unverstandene macht uns Angst. Verstehen gibt uns Sicherheit.
Von allen Fragen aber bedrängen uns diese am meisten: Warum sind wir auf der Welt? Wozu leben wir? Wir fragen nach dem Sinn unseres Lebens, weil wir zu erkennen glauben, dass alles in der Welt einen Sinn und Zweck hat. Und wir fragen danach, weil uns das Unbekannte Angst macht und wir diese Angst beherrschen wollen
Auch hier bieten uns die Religionen Trost und Hoffnung. Sie versprechen nicht allein die verlängerte Existenz unserer Seelen, sondern auch unseren Eingang in einen überirdischen Heilsplan, in dem alles erfüllt wird, was uns hier unvollkommen erscheint - eine Welt der Vollkommenheit, die eigentliche Bestimmung unseres Daseins.
Und da dies die letzte Bestimmung ist, ordnen die Religionen auch das diesseitige Leben auf das jenseitige hin. Die Menschen müssen hier auf Erden Verhaltensregeln erfüllen, z.B. die 10 Gebote, um das Heil im Jenseits gleichsam zu verdienen.
Damit ist ein Lebenssinn geschaffen, der schon im Diesseits gilt und auf das Jenseits vorbereitet. Die Menschen müssen sich nicht mit der Angst vor dem Ungewissen herumschlagen. Alles ist erklärt und alles hat Sinn. Es entsteht eine überschaubare sozusagen heimelige Welt, welche den Menschen Sicherheit gibt.
Diese Sicherheit, der letzte Sinn unseres Lebens und Sterbens, wird uns nun freilich genommen, wenn wir erkennen, dass es für uns kein Weiterleben nach dem Tode gibt. Aus der Heimeligkeit der religiösen Gewissheiten werden wir in ein kaltes und unwirtliches Leben ohne Sinn gestoßen. Wir müssen mit dem Ungewissen leben, auch mit unserer Angst davor.
Vielleicht ist die Frage nach dem Sinn des Lebens sowieso falsch gestellt. Wer sagt uns überhaupt, dass im Universum alles seinen Sinn und Zweck haben muss? Welchen Zweck soll es haben, wenn eine Sonne verglüht oder eine andere entsteht? Wenn ein Meteorit einschlägt, eine Eiszeit entsteht. Sind diese Geschehnisse nicht weit über Sinn und Zweck erhaben?
Das Leben, also auch unser Leben, ist in die Welt gekommen wie unsere Erde auch - als ein Ablauf von Naturprozessen, in dem irgendein Sinn oder Zweck nicht zu erkennen sind. Und warum sollte es auch? Warum sollte diese menschliche Denkweise, die wir für das Überleben in dieser irdischen Welt geschaffen haben, warum sollte sie auch die Geschehnisse im Kosmos steuern?
Dort draußen befinden sich Milliarden anderer Himmelskörper und unermesslich weite Räume, in denen unsere Erde nur ein kleines Staubkorn ist, das zudem nur kurze Zeit existiert. Im Kosmos finden unablässig physikalische und chemische Vorgänge statt. An einer oder an mehreren Stellen hat sich dabei auch Leben entwickelt. Warum sollte das einen Sinn haben, warum sollte es irgendeine andere Bedeutung haben als die sonstigen millionenfachen Umformungen im All - etwa das Verglühen von Sonnen oder das Zersplittern von Kometen?

Ist unser Leben nun also sinnlos? Ich denke, das liegt bei uns. Weder im Jenseits noch im Diesseits gibt es von vornherein einen Sinn. Aber wir können unserem Leben von uns aus einen Sinn geben, da wir nun schon einmal hier sind und offenbar einen Sinn brauchen, um zufrieden leben zu können.
Und tatsächlich hat ja der Mensch in der kurzen Zeit seines Daseins den biologischen Rahmen seiner Existenz überschritten und eine Sinn-Ebene jenseits der Naturgesetze geschaffen. Er hat eine Eigenwelt entwickelt, die nicht aus den Gesetzen der Evolution, sondern aus menschlichen Ideen entstanden ist.
Wir leben nicht mehr nach dem Gesetz des Dschungels, wie es die Natur uns mitgegeben hat, sondern nach menschengemachtem Recht. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit sind Werte, welche uns nicht die Natur nahe gelegt hat. Die Werke der Kunst, der Wissenschaft und auch der Religionen sind vom Menschen geschaffen inmitten eines Universums, das von anderen Gesetzen bestimmt wird.
In der menschlichen Eigenwelt befinden wir uns, wenn wir Musik hören oder Bücher lesen, wenn wir Schach spielen, über die Umwelt oder den Urknall diskutieren, wenn wir beten oder benachteiligten Menschen helfen. Hier gibt es vieles, womit ein Mensch seinem Leben Sinn geben kann. Indem wir an dieser Eigenwelt teilhaben, heben wir uns über unsere biologische Existenz - Selbsterhaltung und Fortpflanzung - hinaus.
Unsere Sehnsucht nach einem höheren Sinn wird dadurch vielleicht nicht gestillt. Aber gehört nicht auch das zu unserer menschlichen Eigenwelt, dass wir unsere Endlichkeit und das Fehlen eines jenseitigen Sinnes akzeptieren? Dass wir mit einem gewissen Trotz und doch mit Würde unseren eigenen Sinn gegen die Sinnlosigkeit der Natur stellen?


Zum Ende
Freilich, der Weltenlauf bleibt unbeeindruckt durch unsere menschliche Eigenwelt. Die Gesetze des Alls werden durch sie nicht außer Kraft gesetzt. Es genügt ein großer Meteorit, und das Leben auf der Erde ist Geschichte, die menschliche Eigenwelt dahin. Auch ohne Meteoriten wird das kosmische Gesetz des unaufhörlichen Wandels die Erde verschwinden lassen.
Ich sitze im Garten und genieße den warmen Sonnenschein. Die Obstbäume blühen. Bienen und Hummeln summen herum. Das Zwitschern der Vögel klingt zu mir herüber. Es ist ein schöner Tag, er wirkt geradezu zeitlos.
Und doch wird alles früher oder später zugrunde gehen. Die meisten Insekten werden schon in ein paar Monaten nicht mehr leben, die Vögel in ein paar Jahren nicht mehr. Die Obstbäume werden vielleicht noch einige Jahrzehnte leben. Wie viele Milliarden Jahre die Erde und die Sonne noch da sein sollen, haben die Wissenschaftler auch schon errechnet. Sie sind nur für einige Zeit ein Staubkorn im Universum. Und ich bin - für einen winzigen Atemzug des Alls - ein Staubkorn auf diesem Staubkorn, das so verschwindet, wie alles andere auch verschwindet.
In den unaufhörlichen Kreislauf des Entstehens und Vergehens ist auch mein Leben eingebettet.
Es ist ein schöner Tag. Ich genieße ihn. Aber ich weiß: Mein Ich wird bald erloschen und verweht sein. Ich bin einverstanden.

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