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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Ruhe in Knallfarben
Eingestellt am 02. 09. 2001 14:05


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Ingwer
Routinierter Autor
Registriert: Apr 2001

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WĂ€hrend eben noch die Landschaft vorbeigezogen ist und ich mich zwischen den Seiten meines Buchen und meinen zufallenden Augen zerrieben habe, scheint dieser Mann eingestiegen zu sein, ohne dass ich es gesehen habe.
Er ist jedenfalls jetzt hier, in meinem zweitklassigen Abteil, und sitzt mir schrĂ€g gegenĂŒber, mit dem RĂŒcken zur Fahrtrichtung. Ich könnte ihm in die Augen schauen, wenn er sie nur einen Moment von seinem Buch heben wĂŒrde.
Er lÀsst mich mit diesem Gedanken und meinem Konjunktiv allein.
Irgendwie wirkt es merkwĂŒrdig, wie dieser kleine dĂŒnne Mann dort sitzt und mit seinen dĂŒnnen Beinchen in den viel zu weiten Cordhosen sehr verloren wirkt. Fast schon kindlich verloren, wie ein Vogeljunges, das aus dem Nest gefallen und von der Mutter vergessen worden ist.
Ich bemĂŒhe mich, nicht zu starren. Keine nackten Blicke auf angezogene Leute- und konzentriere mich wieder auf die dreckigen Fensterscheiben und die vorbeiziehenden BĂ€ume dahinter. Doch der Mann spiegelt sich auch in dieser Scheibe und ich komme mir albern vor. Intolerant.
Doch warum, um Gottes Willen, trÀgt dieser Mann jetzt auch noch leuchtendrote Kopfhörer? Wenn ein alter Mensch Walkman hört, kommt mir dies schon seltsam vor, je mehr, desto moderner sein GerÀt ist. Igrendwie bringe ich das in meinem manchmal erschreckend wenig weltoffenen Gedankenmaschinchen nicht ganz zusammen und stelle mir die Klischees des alten Menschen in Ohrensesseln vor Plattenspielern oder klapprigen Fernsehenrn vor.
Dieser Mann schrĂ€g gegenĂŒber hört keine Musik. Seine Kopfhörer sind kabellos und sehen bei genauerem Hinsehen auch eigentlich eher aus wie OhrenschĂŒtzer. Riesige rote OhrenschĂŒtzer.
Dee Zug ist nicht besonders laut. Gut, eine Regionalbahn, die sicher ein wenig ratternder vorwÀrtskommt als ein moderner Intercity- aber das GerÀusch ist angenehm, keinesfalls störend.
Ich wundere mich nicht mehr, sondern schaue höchst interessiert aus meinem Fenster. Wiesen, Felder und KĂŒhe. Vereinzelte Straßen und vorbeifahrende Autos. Langsamer als der Zug.

Die Wiese- und ich mittendrauf. Drehwurm, herum. GrĂŒn, ĂŒberall, hell dunkel. Schatten.
Gedanken werden bruchstĂŒckhaft. GefĂŒhle unaushaltbar. Gewaltig.
Das ist so in TrÀumen, aber ich kann nicht heraus.
Verfolgung- muss mich nicht umschauen, um ihn zu sehen-
er-groß- Schatten- wie lichtaufsaugend- und in Fortbewegung.
Die Angst kommt in Wellen und wirbelt mich herum, schlÀgt mich und lÀsst mich laufen. Einfach laufen. Ziele sind unwichtig, wenn man Ursprungsorte verlassen will. Dann ist das woher wichtiger, und dass es nie mehr zum Wohin werden soll.
Laufe. Bleischwere Beine und wie in den Rasen genagelte Fußsohlen machen mich langsam.
Er kommt nÀher.
NĂ€her.
Und ich spĂŒre seinen Atem.
Sehe seine Augen.
FĂŒhle, wie er mich streift und vorbeilĂ€uft.


Die BĂ€ume haben sich nicht geĂ€ndert und mein Schlaf war sicher nicht lĂ€nger als einige Minuten, vielleicht auch nur Sekunden. Der Alte sitzt unbewegt auf seinem Platz und lauscht hingebungsvoll in seine riesigen OhrenschĂŒtzer hinein.
Er dreht mir den Kopf zu und lÀchelt.
"Ich höre Schweigen", sagt er und schließt mit einer unheimlich friedlich wirkenden Mimik die Augen fĂŒr einen Moment.
Ich fĂŒhle mich sicher, irgendwie, auf einmal, obwohl ich doch immer noch auf der Flucht bin. Jeder flieht doch, sein ganzes Leben lang. Die GrĂŒnde sind vielleicht individuell unterschiedlich, doch die Tatsache bleibt real und fĂŒr alle gleich.
Dieser alte Mann hier mit seinen roten OhrenschĂŒtzern sitzt in seiner Oase der Ruhe und wirkt angekommen. Am Anfang war sicher nicht das Wort, sondern das Schweigen. Die ersten Monate im Mutterleib sind schließlich auch nur von gedĂ€mpfter Akkustik geprĂ€gt.
Es wundert mich nicht, dass der Alte noch wÀhrend der Zugfahrt verstirbt.
Den genauen Moment habe ich sicher verpasst. Genau: Nicht starren. Aber gefĂŒhlt habe ich es, die ganze Zeit, und zwar ein schönes GefĂŒhl.
Ich verlasse den Zug am gleichen Bahnhof, an dem der Alte hinausgetragen wird, mit einem letzten Blick auf ihn, lÀchelnd., wÀhrend um mich herum das Chaos regiert. Schaffner, Gaffer, SanitÀter und Pfarrer.
Es nieselt.
Ich lecke mir den Regen von den Lippen und gehe ohne Umschauen.
Die roten OhrenschĂŒtzer in meiner Tasche leuchten.
An diesem grauen Tag.
Ein StĂŒckchen Ruhe in Knallfarben.

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