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Leselupe.de > Erzählungen
Ruhmeshalle der Unzulänglichkeit
Eingestellt am 02. 03. 2018 16:02


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Willibald
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Ruhmeshalle der Unzulänglichkeit

Grauzonen

Der alte Mann saß in der Früh leicht verkatert am Schreibtisch. Ach ja, die halbe Flasche Wein von gestern Abend. Oder doch eine ganze? Er war halt nicht mehr der Jüngste. Gedächtnis, Kondition. All das. Er öffnete, den Laptop, um sich vom Kopfweh abzulenken, griff dann zur Kaffeetasse daneben: Auf dem Bildschirm erschien die Internetausgabe der Neuen Züricher Zeitung. Politik, Feuilleton, Sportteil. Seriös, staubtrocken, schweizerisch-penibel, nüchtern, ernüchternd. Sowas brauchte er jetzt. Vorsichtig schlürfte er den heißen Kaffee und setzte - auf folgende Passage aufmerksam geworden -die Tasse ab.

An manchen Tagen entzieht sich der Fußball gängigen Erklärungsmustern. Er verabschiedet sich für einen Augenblick aus dem Reich der Logik und wandert in jene Grauzone, in der vermeintliche Gewissheiten mit einer Wucht erschüttert werden, dass man noch Jahre später darüber reden wird.

Es ging – der Folgetext verriet es bei kursorischer Lektüre - um den FC Barcelona.

Ein solcher Abend war der Mittwoch im Stadion Camp Nou von Barcelona. Barça gewann gegen Paris St.-Germain 6:1, nach einem 0:4 im Hinspiel. Es ist das, was manche als Sensation und andere als Wunder bezeichnen werden; ein Ereignis, das den Fußballplatz wie ein magisches Kraftfeld erscheinen lässt, dessen Zauber aber nur die Reserven eines Team speist, das andere dagegen lähmt. Ein Match gegen alle Wahrscheinlichkeiten.

Match gegen alle Wahrscheinlichkeiten, Wunder, magisches Kraftfeld. Johannes Wenzel schloss die Augen, sah - zuerst in Umrissen, dann immer klarer – den Schulhof, Jungen und Mädchen. Gleich würde sie ablaufen, die kurze Szene. Am Anfang die Demütigung, dann im Rausch der Wurf und schließlich Jubel, Triumph, Musik, Tanz, das große Drama, das Übermächtige, das Zittern machende Tremendum, das Erhabene, das Unheimliche. All dies hatte man im Studium beredet und beackert und seziert, in dieser Szene war es greifbar und lebendig. Davon musste man erzählen, unbedingt. Eigentlich ein Mandat.

Vor langer Zeit, damals im Januar 1959, als sich die Tage noch nicht dahinschleppten, hatte sich der Auftritt zugetragen vor dem Gymnasium in Miltenberg, einer unterfränkischen Kleinstadt. Von Stadtbaumeister Ludwig Frosch war das Gymnasium zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts errichtet worden, drei Flügel, drei Geschosse, mit Walmdächern, ein Dachreiterhäuschen. Im dampfenden Untergeschoss ein Schwimmbecken mit warmem Wasser und einem Löwen als Wasserspeier. Unten am Main der Sportplatz mit der Aschenbahn. Eine kleine Welt für sich.

In der großen Pause standen Schüler beieinander, lachten und redeten, bissen in ihre Butterbrote oder kauften Wurstsemmeln beim Hausmeister. Schüler reiferen Alters waren in Diskussionen vertieft und wanderten auf und ab oder standen gestikulierend in kleinen Gruppen beisammen. Der Schüler Erwin Eicker aus dem Kilianeum, einem kirchlich-katholischen Internat mit Askese fordernden Präfekten („Wer hier eintritt, legt sich die Priesterbinde um die Stirn“), biss in eine Käsesemmel und schimpfte über die freundlichen bis verzagten Küchen-Schwestern ("Immer der Käs von dene, ewig der Käs, Scheißkäs. Scheißkilianeum") – sie verdienten solchen Tadel nicht.

Alfred Mechler, ebenfalls Kilianist, wirkte glücklicher, er hatte ein Wurstbrot dabei und einen großen Winterapfel, seine Eltern aus dem Odenwalddorf Preunschen nahe bei Parzivals Burg Wildenberg hatten ihm eine Salami mitgebracht, das Obst kam von den Küchenschwestern – wenn die wüssten – Wurst im Brot statt Käse.

Würfe und Mehr

Der junge Wenzel, ein Stadtschüler von fünfzehn Jahren - nahe bei der Kilianei bewohnten seine Eltern den ersten Stock einer roten Sandsteinvilla - stand neben Erwin und Alfred, blinzelte über den Brillenrand in die funkelnde, blendende Wintersonne, hörte die Durchsage des Lautsprechers („Schneeballwerfen ist zu unterlassen …“) und dachte voll Wehmut an den Sommer und das Sportfest im Juli. Die Viermal-400-Meter-Staffel. So wie sie lief, an ihm vorbeilief, petrarkisch um die Wette funkelnd mit den Sternen am Himmel, war sie unvergleichlich schön, sie hatte am Ziel tief geatmet, wurde von allen heftig beklatscht: Ute Zehelein. Zwei Jahre älter als er. Aach, ach, es blieb ihm nur Verzückung, Bewunderung, Sehnsucht. Träumerische Verschlossenheit.

Wumm. Wie aus dem Nichts – eiskalte Explosion. Kopf, Hals und Brille in der detonierenden Wolke glitt Schnee in den Kragen, über die Haut den Hals und den Rücken hinab, so frostig feucht, dass er wütend aufschrie. Ringsum gackerndes Lachen, murmelnder Spott, glucksendes Mitleid.

Der Werfer, etwa zwei Jahre älter als Wenzel und entsprechend stärker, war kein Raufbold, aber er hatte Wenzels Vater vor einem Jahr als Lehrer gehabt, fühlte sich immer noch ungerecht benotet und behandelte den Lehrersohn, wie es dem gehörte. Sein Laufweg führte an Johannes vorbei, dann von ihm weg. Nunmehr – bereits in einiger Entfernung – blieb er stehen und genoss ruhig atmend das Bild, das Wenzel bot: Von dem dort war ja wohl keine Reaktion mehr zu erwarten. Und wenn doch ... was hatte er zu fürchten von diesem nassen, bewegungslosen Neuntklässler?

Lächelnd drehte er sich um und schritt betont langsam zum Portal des Gymnasiums. Vor ihm die Menge teilte sich bereitwillig, einzelne Schüler wiesen Unwissende auf das beschneite Opfer weiter hinten hin, das so erbärmlich geschrien hatte, sich gerade heftig schüttelte und dann an den Kopf tappte, wahrscheinlich die Brille vermissend. Sie war nicht mehr da.

Doch statt sich zu bücken und mit der Hand die Brille im Schnee zu suchen, stieß Wenzel den Arm nach vorn, entriss dem Kilianisten Alfred Mechler den großen, weichen Winterapfel, den jener gerade angebissen hatte, schrie „Du Arsch“ und holte weit zum Wurf aus. Arm Hand Apfel wurden eins, dann katapultierte die Frucht rotierend nach oben und zog – zang zang zang - über den Köpfen der Zuschauer in gleißender Helle durch den Hof.

Die Umstehenden, die Pausenbrote auf Brusthöhe, verstummten. Der Täter wurde aufmerksam, wandte sich um, sah etwas heranfliegen, duckte sich blitzschnell. Genau in die Bewegung hinein prallte auf seinen Schädel der weiche, angebissene Winterapfel, barst in faserig-glitschige Teile, sie spritzten links und rechts vom Kopfe weg, fielen wie in Zeitlupe zu Boden. Es überlief Johannes ein Freudenschauer. Weil sich sein Feind gebückt hatte, war der Kopf getroffen worden.

Gelächter, Rufe des Staunens, beifälliges Klatschen für den spektakulären Wurf hallten über den Schulhof und von den Sandsteinmauern zurück. Der Gründerzeitbau des Gymnasiums verlor für zwei, drei Momente seine rote Schwere, der weiß verputzte Neubau daneben mit seiner Sonnenuhr und dem Fresco „Hora-ruit“ samt drei fliegenden Schwänen strahlte auf. Sehnsüchtig sucht man wider alle Vernunft bis zur Erschöpfung nach dem Übernatürlichen. Plötzlich und für ein paar kurze Momente erscheint es, das magische Mehr.

Als nun der Getroffene, vom Publikum gebannt beobachtet, zornrot zurückeilte, Wenzel anbrüllte und ihm einen heftigen Boxhieb vor die Brust versetzte, da empfand Johannes keinen Schmerz, obwohl er einknickte und nach Luft rang. Es gab ja gegen alle Wahrscheinlichkeiten diesen perfekten Apfelwurf, seinen Apfelwurf. Und irgendeine Gottheit hatte doch wohl den Wurfarm geführt und die Flugkurve vorgezeichnet, die der rasende Apfel nutzte bis hin zu seinem Ziel? Ein mächtiger Gott und Artifex hatte die Frucht am Ende der Flugbahn auratisch platzen und den Gründerzeitbau levitieren lassen. Und schrieb dieses göttliche, numinose Etwas nicht in dem Skript dieses Tages für alle Zeiten ein, dass der Schlagende geschlagen war trotz seines Boxhiebes und des Schneewurfes?

Disput

Am Abend saß der alte Johannes Wenzel im Wohnzimmer. Die gewohnte Flasche Wein fast leer. Im Lichtkreis der Stehlampe hörte er zwei Lieder von Udo Lindenberg („Plötzlich bin ich wieder der kleine Junge, ganz spitz auf Lakritz“, „Und ich schreib diesen Brief, an den Jungen, der ich vor dreißig Jahren war“). Als auch „Standing in the Hall of Fame“ zu Ende ging, erhob er sich, nahm mit dem letzten, halbgefüllten Glas vor dem Computer Platz.

Dort wartete der junge Johannes Wenzel, es war einfach schön, gemeinsam die Kindheit und Jugendzeit wiederzubeleben.

„Pass mal auf“, sagte der junge Wenzel und verzog ein wenig den Mund, „du und ich, wir haben zwar diese Szene erlebt, die Schneekaskade, die Freude beim Apfel-Wurf, das Aufstrahlen der Schulfenster, das Leuchten im Hof ….“

„Ja, eben, wenn alles passt und klingt und schwingt und leuchtet, dann erlebst du diese herrlichen Augenblicke, die jeder, der dabei war, nicht vergisst. Das ist Epiphanie, doch, das wag´ ich zu sagen, Epiphanie. Ein emotionales Apriori, oftmals gefeiert in Musik und Tanz und Worten der Kunst. Du willst es später unbedingt erzählen, einmal und immer wieder." Er holte Luft: "Das Unzugängliche, hier wird´s …“.

Sein Gesprächspartner unterbrach ihn: „Halt mal die Luft an. Jetzt mal ganz unter uns: FC Barcelona. Sechs Bälle in´s Tor. Magisches Kraftfeld. Die solide Schweizer Zeitung wird flippig. Und du wirst Johannes Wenzel Wilhelm Tell.“

„Sehr witzig.“

„Witzig? Naja. Gymnasiale Pause, eine Idylle: plötzlich ein Angriff auf den Lehrersohn, un-, aber artgerecht. Der Apfel rotiert über den Schulhof und trifft den Täter, perfekte Revanche. Emotionale Eruptionen ringsum, alles flippt aus. Und der alte Johannes Wenzel flippt noch jetzt aus.“

„Na und?“

„Numinosum! Apriori! Gott und Artifex! Fette, alte Wörter machen doch deine Sätze nur fett und alt, nicht gut.“

„Magerkost soll besser sein?“

“Und dein popkultureller Schauplatz mit den drei Schwänen!“

„Ach Gottchen!“

„Ja. Bemühter, gefährlicher Höhenflug. Es droht Bauchlandung aus komischer Fallhöhe.“

„Du übertreibst.“

Bruchlandung sogar. Hör mal zu. Falls etwas Magisches aufscheint, kann man es nicht objektiv erkennen. Und selbst wenn man es erkennen könnte, kann man es kaum jemand anderem überzeugend mitteilen. Und wenn man es doch versucht, dann wird es eben, nun ja, komisch, vor allem in deiner altväterlichen Ausdrucksweise.“

„Meine Schüler“, der alte Wenzel straffte sich, „meine Jungen und Mädchen haben vor einem Jahrzehnt in der Abiturfeier am Ende einen Song platziert. Standing in the Hall of Fame. Eine Hymne, von einer Gruppe, nannte sich The Script.

You can throw your hands up, you can beat the clock, you can move a mountain. You can break the rocks. You can be a master.


Hier, schau es dir auf dem Bildschirm an, fette, pralle, rührende Lyrik. Kein alter Wein in neuen Schläuchen. Heroischer Pop in jungen Lungen.“

„Sag ich später was zu. Sieh mal auf die Credits: Ist ein William dabei, William Adams. Nennt sich will.i.am.“

„Komisch, gestelzt, pathetisch? Was da gesungen wird, wie da gesungen wird, glaub´ mir, das gehört zu den anthropologischen Konstanten, das findest du in allen Lebensphasen, zu allen Zeiten. Man darf das. Ich darf das. Wir dürfen das.“

Sepiabraunes Bild

Der junge Wenzel schwieg. Der alte Wenzel saß vor dem Bildschirm aus Flüssigkristall, hörte sich atmen, glitt weg, in tätige Trance und Entrückung:

Im Computerarchiv fand sich ein Bild des Brückentors am Main. Der Löwenkopf dort! Als kleiner Junge hatte er die Brücke hinter dem Tor zerstört gesehen. Zusammen mit seinem Vater, der ihn an der Hand hielt, war er damals zum Fluss gegangen. Ein grauer, regennasser Tag, Pontons, die im Wasser schwammen. Sein Vater trug den breitkrempigen schwarzen Hut wie ihn manchmal Priester trugen. Wenn Mutter gute Laune hatte, sprach sie ihn mit Hochwürden an. Ein Bagger an der Arbeit, Vorarbeiten für den Wiederaufbau der alten, zerstörten Brücke. An einem Seilzug Wannen, mit denen man den feuchten, schweren Aushub wegtransportierte. Bevor sie heimgingen, verneigten sich Vater und Sohn vor dem Löwenkopf über dem Becken.

Ein zweites Bild hochladen: Johannes mit fünfzehn Jahren, die Haare im Mecki-Bürstenschnitt, ein „Stiftenkopf“. Die Brille, dünne Gläser, dicke Fassung, einmal geklebt beim Optiker Lachnit, 0,5 Dioptrien. Ein Schlupfhemd mit weitem Kragen vom Kaufhaus für Herren- und Knabenbekleidung Oehmann. Unsicherheit, Verlegenheit, Trotz, Fragilität und Zartheit: Da war sie. Die komische Erhabenheit der jungen Jahre.

Dann das dritte Bild, komplexer im Motiv: Hohes Mauerwerk unter dem breitbeinigen Brückenturm am Main, im Mauerwerk eine Nische, fast der Ansatz zu einer Halle. In ihr – kaum zu erkennen - ein Wasserbecken und dann: der Löwe. König der Tiere, Beherrscher des Rudels, im Maul ein Rohr spie er das Wasser. Auch im kleinen Hallenbad unter dem Gymnasium fand er sich. Der Löwenkopf ragte dort aus der blauen Kachelwand, spuckte Wasser hinab auf die Schüler im blau-grünen Bassin, in der sechsten Stunde am Freitag auf die Jungen. Und auf die Mädchen in der vierten Stunde am Samstag.

Standing in the hall of fame
And the world's gonna know your name
'Cause you burn with the brightest flame

And the world's gonna know your name
And you'll be on the walls of the hall of fame.


Blau glimmender Monitor. Johannes färbte die drei Bilder braun ein, dann schob er sie hin und her, neben- und ineinander, bis sie eins wurden. Eine dreigliedrige Collage, eine sepiafarbene Hommage an die Vergangenheit: Sehr groß in der Mitte das Becken mit dem Löwenkopf. Flankiert von zwei Bildern: Auf der linken Seite der breitbeinige Brückenturm und – ganz klein – noch einmal das Löwenbecken. Auf der rechten Seite Johannes, fünfzehn Jahre, Stiftenkopf, Brille. The Famous Master of a Famous Apple Throw.

Johannes lächelte, hob feierlich grüßend das Weinglas zum Bildschirm. Drama, Erzählung, Lied, Collage, ironisch gefärbtes Helldunkel, Raum und Zeit, der Spagat von Erhabenheit und Komik. Was gab es Schöneres als sich so in aller Unzulänglichkeit gespiegelt zu sehen?


Hier klicken dreigliedrige Collage

Hier klicken Hall of Fame,Song-Text
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aligaga
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Wie wohltuend doch, nach langer Zeit wieder einmal einen Prosatext zu finden, der von jemandem stammt, der offenbar weiß, wie man schreibt, statt nur blöde etwas zu schildern und um Betroffenheit zu buhlen. Schön!

Der (trotz der Weinflasche) recht trockene Stil erinnert ein bisschen an Spoerl, Kästner und Heimeran, aber der Schwenk zum Pop und zur trunk‘nen Altersreminiszenz ist etwas Neues. Leider, findet @ali, ist die 50er-Jahre-Nummer nicht wirklich in der Jetztzeit angekommen. Der Introitus mit der NZZ auf dem Laptop ist etwas arg weit hergeholt, und das Sepiabraun am Ende verschwimmt ein bisschen zu sehr. Es bleibt unklar, ob der Protagonist nicht doch Zweifel daran haben könnte, dass dieser eine Moment auf dem Schulhof der Höhepunkt eines (seines?) Daseins gewesen sein könnte.

Was @ali auch ein wenig stört, ist die Klarheit, mit der der sich zu Wehr setzende Junge alles erkannt haben will. Er war doch, so lesen wir, stark fehlsichtig – wie vermag er da „ohne geeignetes Augenglas“, wie’s so schön heißt, im zerplatzenden Apfel und allem Weiteren etwas für die Ewigkeit erkennen?

Dass Täter gleichzeitig Opfer sein können et vice versa, ist eine ebenso alte wie banale Tatsache, die in dem der Geschichte vorausgegangenen WK II millionenfach bestätigt wurde. @Ali hätte gedacht, dass der Autor am Ende in die Schweiz zurückkehrte und in die hohle Gasse fände, wo ja auch auf dem Schädel eines Knaben ein Apfel zerspringen musste, um zu zeigen, dass der Sinn über die Physis siegen kann.

@Ali hält – mit Verlaub – das Ende der Erzählung für einen Tick zu rotweinlastig. Der brave Leser kann den Erinnerungen des Autors nicht mit der Intensität folgen, die wohl notwendig wäre, einen Zusammenhang zwischen dem Damals und dem Jetzt herzustellen. Auch die angebotenen Bilder und der Song helfen nicht recht weiter. Sich im Unzulänglichen zu spiegeln, wie es am Ende heißt, ist nach @alis Dafürhalten nichts Schönes, sondern peinlich, denn es bringt weder Ruhm noch Erlösung.

Heiter immer weiter

aligaga

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Willibald
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Ein bisserl Werkstatt, Nachbesserungsversuche - aligagas Anregungen nachspürend:

Stärkere Verknüpfung des NZZ-kommentars mit der unwillkürlichen Erinnerung an das Schulhofereignis:
Match gegen alle Wahrscheinlichkeiten, Wunder, magisches Kraftfeld.

Logikverbesserung im Plot hinsichtlich Brille, Sehstärke und erfolgreichem Zielwurf

Deutliche Behandlung von Ambivalenzen: Oszillieren von Größenphantasie, profaner Magie des Schulhofs, unfreiwilliger Komik und reduzierter, aber unverächtlicher Erhabenheit
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Arno Abendschön
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Geschätzter Willibald,

was mich überzeugte: das gut funktionierende Übereinanderblenden der Situation eines alten Mannes, der, auch mit Hilfe moderner Technik, Erinnerungen nachhängt und gleichzeitig ein bisschen ironisch seinen Standort in der Gegenwart zu bestimmen versucht, mit eben jenen Erinnerungen an Miltenberg damals selbst.

Andererseits: Nicht so geglückt wie Hauptteil und Schluss finde ich den Einstieg mit dem NZZ-Zitat. Es erinnert mich zwar in seiner grotesken begrifflichen Übersteigerung an Musils geniales Rennpferd im Mann ohne Eigenschaften. Nur dass Musil jene Formulierung als kritischen Anstoß aufnimmt - hier aber, wenn ich es richtig sehe, ist das Äquivalent eher bloß der äußere Anlass zur Rückschau. Ist es vermessen, wenn ich anrege, außerhalb des Sportteils eine geeignetere Ouvertüre aufzuspüren (Feuilleton, Vermischtes)? NZZ oder z.B. FAZ sind ja ziemlich umfangreiche Blätter.

Freundlichen Gruß
Arno Abendschön

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Willibald
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Geschätzter Arno,

in keiner Weise "vermessen". Für Interessierte hier der verehrungswürdige Text Musils:

quote:
Und eines Tages hörte Ulrich auch auf, eine Hoffnung sein zu wollen. Es hatte damals schon die Zeit begonnen, wo man von Genies des Fußballrasens oder des Boxrings zu sprechen anhub, aber auf mindestens zehn geniale Entdecker, Tenöre oder Schriftsteller entfiel in den Zeitungsberichten noch nicht mehr als höchstens ein genialer Centrehalf oder großer Taktiker des Tennissports. Der neue Geist fühlte sich noch nicht ganz sicher. Aber gerade da las Ulrich irgendwo, wie eine vorverwehte Sommerreife, plötzlich das Wort »das geniale Rennpferd«. Es stand in einem Bericht über einen aufsehenerregenden Rennbahnerfolg, und der Schreiber war sich der ganzen Größe des Einfalls vielleicht gar nicht bewußt gewesen, den ihm der Geist der Gemeinschaft in die Feder geschoben hatte. Ulrich aber begriff mit einemmal, in welchem unentrinnbaren Zusammenhang seine ganze Laufbahn mit diesem Genie der Rennpferde stehe. Denn das Pferd ist seit je das heilige Tier der Kavallerie gewesen, und in seiner Kasernenjugend hatte Ulrich kaum von anderem sprechen hören als von Pferden und Weibern und war dem entflohn, um ein bedeutender Mensch zu werden, und als er sich nun nach wechselvollen Anstrengungen der Höhe seiner Bestrebungen vielleicht hätte nahefühlen können, begrüßte ihn von dort das Pferd, das ihm zuvorgekommen war.

Der Ruhmeshallentext versucht ein paar - vielleicht nicht ganz klägliche - Verknüpfungen mit dem NZZ-Kommentar zu erzeugen.

- Die Fokusfigur ist ein wenig verkatert und braucht schweizerische Nüchternheit.

- Sie stößt plötzlich auf einen schweizeruntypischen euphorisch-ekstatischen Kommentar (übrigens wörtlich zitiert) zu einem sportlichen Großereignis, nunmehr verblasst, samt mythographischer Wunder-Codierung. Ein bisschen unangemessen, ein bisschen seltsam-komisch und doch auch nachvollziehbar begeistert und begeisternd und auch wieder nicht.

- Die Fokusfigur erinnert sich an eine sportlich anspruchsvolle - hier lächelt man schon - Apfelwurfreaktion. Er erhöht sie in der Schilderung - ein weitgehend personaler Erzählstil - mental zu einem theophanisch-epiphanischen Großereignis, behaglich und doch auch ernsthaft im Disput mit seinem jüngeren Ich verteidigt gegen den Vorwurf der pathosverliebten, rückerinnerten Selbstinszenierung als gottgestützter Apfelwerfer, Victor und Victim ohne Gesichtsverlust.

Eben diese Ambivalenz im Selbstgenuss macht dann die gewisse Komik, aber auch Würde des Ereignisses und seines Akteurs zu einer berührenden Hommage samt sepiabrauner Collage in der "Apotheose" des fünfzehnjährigen Wenzel. Vielleicht.

greetse

willi wamser

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