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Leselupe.de > Fremdsprachiges und MundART
Rumänische Lyrik der Gegenwart
Eingestellt am 11. 06. 2001 19:45


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dieterschlesak
Blümchendichter
Registriert: Feb 2001

Werke: 18
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Gefährliche Serpentinen.
Rumänische Lyrik der Gegenwart

ADDENDA CORRIGE (zu Gefährliche Serpentinen die fehlenden Lyriker)
Mircea Tuglea
Ileana Bâja
Aura Christi
Paul Daian
Cristian Popescu
Ioan Es.Pop
Constantin Severin
George Grigurcu
Marin Mincu
Cezar Ivanescu
Miron Chiropol
Dan Constantinescu
A.E. Baconsky
Ion Caraion
Ion Negoitescu



Rede auf der Leipziger Buchmesse 1998
Meine Damen und Herren,
eine von mir zusammengestellte Anthologie rumänischer Poesie "Gefährliche Serpentinen", Brancusis (rum.Brâncusis) Unendliche Säule, das zentrale rumänische Symbol, auf dem Umschlag, möchte ich Ihnen vorstellen; diese Sammlung mit über hundert rumänischen Lyrikern der Gegenwart, übersetzt von rumäniendeutschen Kollegen, liegt seit einigen Tagen beim Druckhaus Galrev vor.
Es ist eine Art Hommage an die rumänische Dichtung.
Die Anthologie stellt vier Generationen vor: die Generation 60, die 1960 zu veröffentlichen begann, dann die Generationen 70, 80 und 90, die bisher jüngste. Die Kraftlinien der Einflüsse werden zurückverfolgt bis zu älteren Autoren der rumänischen Avantgarde, die übrigens auch Paul Celan beeinflußt hatten. Im Zentrum steht die "Generation 80", zu der Mircea Cartarescu und Marta Petreu gehören, die heute hier lesen werden.
Die Auflösung der Grenzen "alter" Geschichte nach Auflösung der System- und Stacheldraht- Zäune gibt den Blick auf ein totales Endspiel, und zugleich auf eine andere, die Grenze des "Ganz Anderen" frei. Und, so Heiner Müller.: "...wenn die Chancen vertan sind, beginnt, was Entwurf einer neuen Welt war, anders neu: als Dialog mit den Toten." Millionen Opfer der Diktaturen. Tod und Transzendenz in einem geschichtlich-posthumen Kontext, der einen Gegenwarts-Stil erst möglich macht.
Er zeichnete sich schon bei der Generation 60, bei Marin Sorescu (1936-1997)oder Nichita Stanescu (1933-1983) ab. Auch Ana Blandiana, die heute hier lesen wird, gehört dazu. Tauwetter 1960/61, dann 1965, als Ceausescu, aus Machtkalkül in der Literatur Stilvielfalt zuließ. Damals erarbeiteten diese "Waisenkinder des Klassenkampfes" unter Druck eine subtile, sprachgeschärfte, spannungsgeladene Poetik der Innenwelträume.
Innerlichkeit war ein Politikum sondergleichen. So bei Nichita Stánescu, dem wichtigsten Lyriker der Sechziger, sein Gedicht im metasprachlichen Raum und die Grenze zum Numinosen offen, wo auch die Toten (ähnlich wie bei Rilke oder Celan) ansprechbar werden. ("In mir, schau her, sind alle meine Toten /erwacht/ und alle Toten meiner Toten/ und alle Freunde und Verwandten/ der Toten meiner Toten." Nuancenreiche lyrische Sprache, Destillate unter starkem Druck, Sprach-Innenräume als letzte Zuflucht des Geistes. Allerdings auch eine Entlarvungs-Aktion; der verhüllende Schleier der Worte wurde von den gebrannten Kindern der Diktatur (überfüttert mit Ideologie-Parolen) als Trug gesichtet: "Blitzartig ist erhellt eine Welt/ schneller als die Zeit des Buchstaben A."... "stand ich angespannt da/ zu erinnern jene blitzartig erkannte Welt/ die mich mit diesem Körper bestraft/ der sich nur langsam sprechend in sich hält."
Stánescus Gedicht hat die Jüngeren beeinflußt, dies Auflösen (über das Wort) in ein eigenes, bewußtgewordenes Körpergefühl. Körpergefühl ist extrem wichtig bei den Jüngeren der Generation 80: Körperdasein als nüchterne hirnsyntaktische Allegorie.
Dagegen scheint Sprache ein machtgeschütztes Abziehbild zu sein. So Mircea Cártárescu: Beim Schreiben fahre sofort "in den den Füllhalter führenden Finger wie in einen Handschuh eine fremde Klaue..." Und: "Als Leser kommt nur noch der Tod in Frage". Die Generation 80, so einer ihrer Poeten, wird von der Wirklichkeit "hypnotisiert", "von der Unmenge natürlicher Poesie, die ihr entströmt". Diese Dichtung sei "überraschend irdisch", und die "Banalität empfange täglich Visiten der Poesie"; das "Weltall" sei städtisch geworden, und die Ekstase "aus den Innenräumen auf die Straße hinausgetreten". Die Trennung zwischen Ich und Welt wird illusorisch, es gäbe "neue Masken" und Gefäße für das nicht direkt Sagbare: Bei Mircea Cartarescu und der Generation ´80 ist die Poesie das wirkliche JETZT, wie in der Quantenphysik, der beobachteten Momentaufnahme eines Schnittes durch den Weltaugenblick. Z.B. Galaxien als Kapitale von jenseits der eingeengten Lebensgrenze - "nur sie noch bringen uns, Milliarden Jahre verspätet/ Nachrichten aus der Urstadt, der Kapitale./ Wir alle, ausnahmslos alle werden sie dereinst sehen: Die Hauptstadt/ werden abstreifen das speckige Nervenjackett, die Lavallière der Adern/ und gläsern, das Gehör hinter uns werfend wie einen azurnen Schleier,/ die Geschmackspapillen verbrennend,/ werden wir die neue Mode annehmen ..."
Der Alltag, das Rätsel des wirklich gelebten Augenblicks als Ganzes wird zum Gedicht. Kosmos und Alltag dominiert, weil die genaue Wahrnehmung dieses Wirklichen von der Diktatur gefürchtet wurde, ihr ganzes Parolenarsenal und die ideologischen Abgedroschenheiten dienten nur zur Täuschung und zur Verhüllung des Elends.
Neben der Generation sechzig war es der schon zur Legende gewordene letzte Surrealist Gellu Naum geb. 1915, der die Achtziger beeinflußte. Er spricht von der "Pornographie der Macht" wider das Mirakel des Lebens, gegen die Liebe, das Genie des Femininen. Alle Ismen, Ideologie und auch die Literarthure und die "Pohesie" verhindern das Mirakel des Daseins, das von einem andern "Plan" gelenkt wird, als dem Bekannten, gar einem System: "Mein freund der tote maler/ ruft mich (spielt keine rolle)/ aus seinem mund kommen gemalte buchstaben .../ unterm arm hält er das fürchterliche buch/ es ist in jener/ sprache geschrieben/ die wir in gedanken sprechen ..." Es gehört zum undurchschaubaren Beziehungsnetz kosmischer Größe, das sich wie ein momentaner Querschnitt in unserer Sphäre zeigt - in "aktiver Erwartung", im freien Spiel der Bedeutungen, wenn das ans Geheimnis angekoppelte Unbewußte, berührt wird. Naum sucht aber dies Geheimnis nicht verquast, sondern urban und surreal mit Mitteln eines sarkastischen und ironischen Bewußtseins.
Ähnlich hielt es der zu den Sechziger gehörende Marin Sorescu (1936-1997). Daher hat er auch die Jüngeren beeinflußt: "jedes Wort vermeidend,/ das ... Buchstaben enthielt." Erstaunlich viel Sinn im ironischen Spiel mit dem Banalen und dem Nichtverfügbaren, wider das verhaftete Leben, Zellenschrecken des Jahrhunderts. Als Heilung: Kraft des Zufalls, des Unvorhersehbaren, das Sorescu schlau dem Plansystem entgegenstellte: Der von ungefähr dort um die Ecke: Der von ungefähr sitzt am Kommandopult auf dem die Anzeige fehlt. .../ (es) kommt dann alles unvermeidlich/ haargenau und so als hätte/ der von ungefähr es so gewollt.
Das Unvorzubestimmen - Feind des geschlossenen Systems, das dies schließlich entropisch erledigt. Tu, was geschieht.
Nicht weit von dieser Sicht entfernt ist Ana Blandiana. Ihr erscheint die antitotalitäre Offenheit als ethische Kategorie der "Reinheit" und "Lauterkeit", die sie (nicht nur im Gedicht) immer wieder erörtert. Diese tätige Öffnung scheint sie zur Dissidentin, zur Bürgerrechtlerin vorbestimmt: sie hatte Publikationsverbot (ihre Verse transportierten Brisantes zwischen den Zeilen, wie dieses Samisdat-Gedicht: "Ich glaube wir sind ein Volk von Pflanzen/ Wer hat schon einen Baum gesehen/ der sich aufbäumt?") Leise, verhalten Töne, Metapher des Schlafes, des Vegetalen, Sicherheit im Ei, in der Nuß, im Haus aus gestörtem Harmoniebedürfnis.
Im Mai 1990 konnte sie noch vom Balkon der Bukarester Universität Tausenden von Studenten, die gegen Iliescu protestierten, zurufen, "Wir sind kein Volk von Pflanzen." Später mußte sie es wohl wieder zurücknehmen.
Ein Vorbild für die jüngere Generation ist auch die Real-Poesie Petre Stoicas, denn Stoica strebt eine Inventaraufnahme des Zufälligen an, um das "Prosaische" lyrikfähig zu machen, die Wunder des Alltags. Das hintergründige Mitdenken eines Gesetzes von Zufall und Offenheit, ähnlich wie Sorescu, wider das Festgelegte. Im Gedicht "Option" heißt es: " uns mahnend daß es an der Zeit sei/ noch ein Glas zu leeren auf das Recht das heilige/ für eine bestimmte Jahreszeit zu optieren." Jedem dieses Recht der freien Wahl!
1971 führte Ceausescu eine neue restriktive Kulturpolitik ein. Der "Opportunismus" der Generation ´70, die weniger klingende Namen hervorgebracht hat, ist die Konsequenz der neuen Kältewelle. Mircea Dinescu war die große Ausnahme. Er hat seiner Haltung - in saloppen und sarkastischen Versen versteckt - zu einer großen Wirkung verholfen. Er attackierte jene, die angeberisch das Absolute wie eine Fahne vor sich her trugen, entlarvte es als falsche Ewigkeit, und die rote Ideologie, als deren Bastard, fiel gleich mit in diese Falle. Daher das Erfrischende seiner Poesie. Er war eine Art Vorläufer der Achtziger, denn bei jedem Vers schien er sich zu fragen: ist Poesie unter diesen Umständen in denen wir leben müssen, überhaupt noch möglich? Und jedesmal gibt Dinescu eine bejahende Antwort - nämlich durch das Gedicht selbst. Das unerträglich Wirkliche der umgebenden Finsternis und Kälte ließ ihn nicht ruhen ("Guillotine, die wie eine Geige mir am Nacken sang"). Die drei F: frig, foame, frica(Kälte, Hunger, Angst) bedingten in den achtziger Jahren alles und jeden. "Beschütze mich, herr vor denen, die mein bestes wollen, vor den flotten burschen, die einen allemal fröhlich verpfeifen, vor dem priester mit dem tonbandgerät unter der soutane ..."
Zur Generation Siebzig gehört auch Grete Tartler. Sie ist Botschafterin Rumäniens in Dänemark. und gehört zu den vielen starken Frauen wie Ana Blandiana, Elena Stefoi und Marta Petreu. Grete Tartler ist Orientalistin und Musikerin. In ihrem Gedicht wird die Welt wie ein Musikinstrument behandelt, zum Klingen gebracht: "Der Fahrstuhl// Du trittst ein in dieses Musikinstrument -/ die Luft.../ Die Bewegung/ des Fahrstuhls wie die eines Pendels. " Und auch der Hinwendung zum Offenen, "Tu, was geschieht" "Der oberste Schaltknopf fehlt", Heimkehr ist Nie: Ost-Schicksal: "Auch morgen könnte ein Sturm/ die Decke des Käfigs wegblasen -/ dann/ darfst du dich nicht mehr/ an die engen Wände klammern."
Diese Wände und MAUERN sind nach dem blutigen Dezember 89 explodiert. Poeten standen damals ganz vorn. Einige wurden verhaftet, gefoltert und mit dem Tode bedroht. Ein Kapitel der Anthologie ist diesem nationalen Komplex und der Erinnerung an die Toten gewidmet.
Auffallend ist die "Freimütigkeit" dieser Generation, die unbelastet von Zwängen und Ängsten offen und selbstverständlich auch der Securitate gegenübertreten konnten, ja Forderungen stellten. Eigentlich war der Geist dieser Generation schon "posttotalitär" - luzide, skeptisch, ironisch, der Glaube an große Entwürfe, Ideen, Utopien war zerbrochen. Ironie, Mündlichkeit, Humor, das Komische, das Absurde, der Alltag zieht sie an. Und das Zufällige, ja der gelebte Moment als Mirakel, eine Art Lupe, der "monströse Blick":
Doch nach 89 enttäuschten die meisten Achtziger. Die "Religion des Textes und der ästhetischen Wahrheit" waren wichtiger als Widerstand gegen die Iliescu- Realität. Und auch sie, wie die andern, hatten gelogen, esopische Literatur geschrieben, sich moralisch im Kommunismus infiziert, und einige waren wohl auch Spitzel gewesen. (Keiner weiß Genaues: Die Dossiers sind nicht wie in der ehemaligen DDR freigegeben worden.) Freilich: alle rumänischen Literaten sind Zeugen ihres posthumen Zustandes, mit ihrem bisherigen Werk, ihren bisherigen Plänen, es gab die bisherige Realität nicht mehr, Stoff auch der Texte. Alles war Geschichte geworden. Drastisch bringt Mircea Cartarescu den neuen Zustand auf den Punkt : "Ach, meine Welt ist versunken! Meine Welt gibt es nicht mehr, meine elende Welt, in der ich etwas bedeutet hatte. Ich, Mircea Cártárescu, bin in der neuen Welt niemand es gibt hier 1038 Mircea Cártárescus ..."
"Ich habe New York und Paris gesehen, San Francisco und Frankfurt/ ich war an Orten, von denen ich nicht zu träumen wagte./ Ich kehrte mit einem Stapel Fotos zurück/ und mit dem Tod in der Brust." Der Westen.
Doch es ist eine Öffnung ins Ganze ("Alles"), wenn das eingeredete fiktive Ich verschwindet und das Unvorhergesehene möglich wird in dieser Öffnung, entsteht eine Art "enzyklopädisches" Poem. So heißt ein Gedichtband von Cartarescu auch "Totul" (Alles).- Das lange Gedicht wird bevorzugt, weil "so viel wie möglich von den Wundern dieses Universums" aufgenommen werden soll.
Die gesamte Diskussion um die Generation 80 wurde - vielleicht um an den Westen anzuknüpfen - im Rahmen einer Postmoderne-Debatte geführt; sie begann schon ca. ab 1986. Ihr Hauptinhalt: Öffnung als Basisgedanke! Es war anfangs eine Art Widerstand gegen das totalitär geschlossene System. Nach 89 aber hatte niemand mehr Lust zu solchen Diskussionen, hautnah war die "Realität" allen auf den Leib - auch auf den der Gedichte gerückt. "Einer, der hundert Jahre lang tiefgefroren war,/ öffnet die Augen und entscheidet sich fürs Sterben". Das Gefühl, alles sei gescheitert, auch die Leistungen des vergangen Jahrzehnts, überwog; es blieb nichts als Depression.
Erst ab 1995/96 begann wieder eine neue Debatte. Jetzt gab es schon Texte der "neuen Zeit", die aber mit nichts vergleichbar waren, was im Westen geschrieben wurde und wird ("Grüß schön! Europa ist auf dem anderen Schiff." heißt es bei Mircea Dinescu); viele Texte nach 89 erscheinen wie ein Akt der Verzweiflung auch angesichts der neuen parasitären "Freiheit" und Bindungslosigkeit, die umschlägt in nichts als levantinisches Chaos und in Brutalität. Galgenhumor wird notwendig, weil nichts mehr geht, geht alles, weil nichts mehr zählt, zählt alles; zugleich ist es die Chance einer Öffnung, indem man sein Ich, seine bisherigen Sicherheiten aufgibt, das Ludische gegen die Logik ausgespielt; der Zweifel allein zählt, die Ironie, die Skepsis: "hier und jetzt, ja, hier in nächster Nähe/ so daß man's mit dem Finger berühren kann/ und auf die Wunde sich legen", schreibt. Marta Petreu in: Dies Jahrhundert: Doch was östlich nun umgesetzt wird, ist auch die Angst und zugleich die Befreiung vom eigenen Minderwertigkeitskomplex, der "Westangst" wie in Mircea Cártárescu langem Poem: Der Westen. Oder in Dinescus Versen: "Gegen Abend wenn die Barbaren aus dem Westen zurückkehren, rittlings auf Begriffen, als Abgesandte großer Salamifabriken..." Es ist Befreiung durch Ironie von der okzidentalen Kapital- Zivilisations- und Kulturmaschine, ja von der Institution des Wortes: die neue, andere Sicherheit liegt jenseits des Wortes; es ist eine Wiederaufnahme der antiliterarischen Haltung aus den achtziger Jahren nun in erlittener Reife: Ein ganzes Kapitel der Anthologie ist ihm gewidmet: "... denn nur was kein Gedicht ist, kann noch als Poesie bestehen..." Dazu Cartarescu: Wir haben große Literatur gemacht und begreifen jetzt, daß sie gerade deshalb nicht über die Schwelle kommt,/ weil sie groß ist, / zu groß, erstickend in ihrem Fett...."
Katastrophe der rumänischen Identität in posttotalitärer Zeit, Masken und Karneval des "Übergangs". Amphibienseelen und neue Mafioten. Ein levantinisches Chaos auch der Institutionen von der Kirche über die Presse bis zur Regierung und dem Parlament. Diese Rest-"Seele" ist alles andere als "schön". Sie ist nach all den Erfahrungen des Grauens vergiftet, gequält und verletzt, und als Motto dazu ließe sich das alte Liebes-Gebot völlig umkehren in: "Hasse deinen Nächsten wie dich selbst". Wut-Energien bis in die Liebesbeziehungen hinein: "Zwischen dir und mir ist eine Wand aus Eis", "Wo bist du Herr? Deine frigiden Evas/ irren durch den Herbstschlamm/ Quasseln auf der Schwelle zum Nichts." "Mein Fleisch, das mich verschlingt.// Abgrund und Schatten. Ja, Schneide. Beben." Schreibt Marta Petreu, die zur Generation achtzig gehört. Sie gehört ebenfalls zu den starken Frauen nach 1989. Gottesflüche: Oder Skepsis und Verzweiflung auch bei ihr: "Ich bin müde, müde bin ich letzte/ Kreatur der Schöpfung, letzte Utopie von Gott" ; "fürchte mich im Dunkeln vor dem morgigen Tag": Kein Wunder, "Draußen" erwartet die Patienten wie überall im Osten eine wilde und rohe Geld- und Ellenbogen-Gesellschaft, die man keine zivile nennen kann. Bei Dinescu heißt es längst: "Willkommen, Konsumgesellschaft,/ entjungfere auch du uns, nimm auch du uns/ von vorn, drechsle uns aus den Nierensteinen/ ein paar Glückswürfel. Ab heute reden wir/ den Arsch nicht mehr mit Genosse/ sondern mit Herr an". Oder: "Nimm und probier. Wir sind auf dem richtigen Weg: Auch in Deutschland gehen die Uhren verkehrt."
Auch von den ganz Jungen kommen scharfe Töne, und von den Frauen, wie wir sahen.
Krisen kündigen meist einen radikalen Umbruch an. Neue, diesmal unsichtbare Grenzen, nicht nur einen gewendeten Eisernen Vorhang. Neue Grenzöffnungen scheinen bevorzustehen. Die Generation 90, die Jüngsten, sehen nur noch den Untergang der alten Welt, der wir noch angehören: so bei Stefan Doru Dancus: "die ganze menschengattung ist ein schwarzes loch/ es wartet - jeder im zwischenraum der eigenen chromosomen - füll ihn aus - Herr." - "mein Engel starb an AIDS, Herr/ schick mir einen andern..." - "Schlaf in Frieden, Herr, niemand ist unversehrt geblieben".-
Ihr Lachen ist trocken, sarkastisch. Und doch kommt jetzt eine Art poesia metafisica. Das letzte Kapitel dieser Anthologie, "Grenzgänge und Totengespräche" ist nicht zufällig das längste. Es wird eine schwierige, fast unüberwindliche Grenze in Bewußtsein und Sprache erkennbar! Schon von Stánescu und der Avantgarde geahnt. So Gellu Naum: der an dieser Grenze die Toten sprechen läßt: "wir haben gänge zu euch geschaufelt unsre münder/ mit erde verschlossen/ geliebte ihr habt keine ahnung/ wir kommen in verbänden wir die einzigen die euch nicht/ vergessen haben ... " Mircea Eliades Nachfolger, Ioan Petre Culianu, gleichaltrig mit den Achtzigern, mit einigen von ihnen befreundet, spricht von Intertextualität extramundanen Reisen, Welten der Transzendenz und der Poesie: Nahtoderlebnisse und Bewußtseinserweiterung, Drogen, Parapsychologie, Neue Physik und Paraphysik, und der großen Literatur von Huxley bis Borges. Zeit, die Sprachgrenze zu überschreiten. Die Generation achtzig hat das erkannt. Welt ist Projektion, "die Sichtbarkeit der Seele ist der Körper", Durchdringung und Transparenz im Gedicht, besonders schön in Kapitel "Lacrimae rerum" der Anthologie. Diese Erkenntnis der Projektion war bei Stanescu da, sie ist erkennbar bei Ana Blandiana: "Alles ist zugleich ich selbst./Gebt mir ein Blatt, das mir nicht gleicht,/Helft mir ein Tief finden,/ Das nicht mit meiner Stimme klagt./Mein Schritt zerteilt die Erde, ich sehe/ Tote mit meinem Antlitz sich umarmen/ Und andre Tote zeugen./ Warum so viele Bindungen an diese Welt".
Die Achtziger, oft Rationalisten und westlich-antireligiös, haben sich jetzt diesem Grenzgang angenähert. Bedingung, daß die metaphysische Poesie nicht ärarisch, gar orthodox-kitschig wird, Rückfall in peinliche Vernebelung durch kirchlich-liturgische Formeln, wie bei vielen Rumänien heute im quälenden Vakuum einer Übergangsgesellschaft, ist das klare Bewußtsein einer großen Mutation, Entdeckungen der Neuen Physik und Biologie. Diese Lyrik kommt aus einer Zukunft, die noch aussteht.
Die Geschichte der Außenwelt ist okzidental, sie hat das Sagen, die Macht. Doch die langsame Umwandlung des Außen, heute bis zum Äußersten getrieben, schlägt um (Cyberspace, Quantenphysik als Wahrnehmungs-Modell einer grandiosen Immaterialisierung der Welt). Simultane Ebenen umgeben uns.
Die Antwort der Poeten: Gattungen werden wie die Wahrnehmungsgrenzen zum Zusammenfließen gebracht und vermischt; die Autoren äußern sich auf mehreren Ebenen. Ein neuer Stil, der Physik, dann die Traumata und Verletzungen der brutalen geschichtlichen Erfahrung, östliche Weisheit und die Wahrnehmung der Zukunft voraussetzt. Ein hochkonzentrierter alexandrinischer Gedichttyp enzyklopädischer Poesie ist entstanden. Einige der Achtziger schreiben Romane. Bei Cártárescu eine Art science-fiction, vor allem der neue Roman-Zyklus "Orbitor": ein Anschluß an Zukünftiges, an das, was Literatur einmal sein wird, bereitet sich vor - "virtuelles" Schreiben: eine Art Brückenbau in andere, in Zukunfts- und Transzendenz-Räume im Sinne des US- Romansciers Thomas Pynchon oder William Gibsons "Neuromancer". Was sich als "postmodern" im Westen oft als reines formales Affentheater aufspielt, ist bei den Rumänen eine Art erlittener "Hyperrealismus", jedoch urban und gereinigt von autochthonem Mief. Erst diese Generationen 80 und 90 versuchen durchzusetzen, was an der Zeit ist: eine Revolution des Subjekts (1989 hatte die gleichen Grundvoraussetzungen): alle Mauern, auch die der Wahrnehmung und der Sprache zu öffnen, zu durchstoßen, allein der Einzelne ist dazu fähig, da das sogenannte Wirkliche nichts ist, als der Zwang zu einem tödlichen kollektiven Alptraum.

Wie nicht anders zu erwarten (bei dieser Riesenaufgabe,) fehlen eine ganze Reihe wichtiger Lyriker in meiner Anthologie; hier eine erste Fassung notweniger Ergänzungen, die ich als work in progress fortführen werde; sie kann und wird nie vollständig sein können, denn die rumänische Lyrik lebt und schreibt sich selber fort, immer neue Talente tauchen auf und zeugen vom Reichtum dieser Poesie:

ADDENDA CORRIGE (zu Gefährliche Serpentinen die fehlenden Lyriker)

ADDENDA CORRIGE

Mircea Tuglea (1974)
Bleib
Auch ich wollte ja ein gedicht schreiben wie
jeder langhaar-teenie über
die fleischeslust über frau tod
mit kupferfarbenem sex und rötlichem haar
als es sich auf die linke schulter setzte
ein schattengespenst von mensch und das schrie
laß es sein Mirciulica zum teufel mit der
frau tod die hat diese schwarzen brüste die
kotzt mich an hab euch über bis zur decke
zum himmel euch dichter vor allem die jungen
mit eurem gebrabbel komm
trinken wir doch lieber einen Likör.


OK du schattengespenst eines lesers
wir gehen in die pinte und fressen uns an
halt du nur ganz links: und wir steigen raus
aus diesem gedicht hier und was frau tod betrifft
wir sind doch noch jung, was
hat die mit uns; der teufel weiß es, sagt er,
und plötzlich da vor unsrer nase: eine
gußeiserne dame mit herab gezogenem schleier
übers gesicht ja weiß der teufel
ist doch die gattin mit dem bösen maul
wo treibst du dich herum fehlgeburt und abschaum
sagt sie anstatt zu hause zu sein sagt sie
und was dich betrifft, Mircea,
du bleibst!


Jason freundchen, werd dir sagen
true stories wie die nacht mit
menstrual geschmack sich jetzt
auf die stadt läßt geh duschen
reib spar nicht mit handtüchern
den körper so frisch streck ihn
aus mit grazie im bett und dann
liest du mich stell mich vor
im schatten der nachtslampe

Ileana Bâja
TRISTIA. ALLES WARTET
GESCHRIEBEN ZU SEIN DAMIT ES SEI
als wäre es getauft am rande
des weissen blattes
Tristia Tristia
deine nackten füsse
in diesem noch unangetasteten
schnee (Musik Musik
Musik)

alles ist aus papier sagte ich
und alles aber auch wirklich
alles
wartet darauf geschrieben
zu sein
damit es sei
sogar der tod
sogar er.


Aura Christi (1967)
NUR DU, BESTIE... (Numai tu, bestie)
Nur du meine tiefste Bestie
berührst die Fernen und saugst
den wildesten Nektar
Aus schmerzlicher Kälte.

Nur du Himmel angespannt
Der die Frühe umfaßt legst
ihn Tag für Tag neben mich nieder.

Meine Einsamkeit zerfällt so zu Asche und Staub!
War sie in mir oder war sie nun außer mir?
Ich weiß es nicht mehr!

Wo war dieses Leben als ich es noch suchte im Gedicht
Im Buch ... und weiß von der Angst meiner Hände
Daß du nicht mehr neben mir liegst. Und weiß
Von der Angst meines Blutes dich nie mehr zu sehn.
Ich weiß wie wir dem Irrsinn verfielen und
Niemand niemand niemand uns aufhalten konnte

Doch wir sahen uns an. Nur wir sahen uns wirklich
Und zwischen uns zweien gabs nur eine gemeinsame Haut
Und teilten die Hände die Augen Brauen und Ringe
Vermischten uns nahmen uns verwechselten uns ganz
Wie es bei Vögeln geschieht die nicht unterscheiden
Den Flug vom Fall teilten wir den Schlaf und die längst
vergangenen Jahrhunderte und alle kommenden schon.
Die Umgebung um uns war so irr und verworren
Doch wir beide schwebten von Anfang an schon
In einem tief in uns vergrabenen Himmel, Geliebter!!!

Cristian Popescu (1959-1995)
Aus: Die familie Popescu
dana popescu
Dieses poem über meine schwester dana ist das einzige abwesende poem
*
Es mögen viele popescus auf dieser welt sein doch noch viel mehr popescus gab es und wird es auf der anderen welt geben. dort und nur dort wird sich mein buch des wahren erfolgs erfreuen. schön große und gutgewachsen verehrerinnen rinzen sich mir im traum zu. zur großmutter kommen alle engel mit zerfetzten flügeln und sie reißt sich je ein weißes und langes haar aus (es reicht bis zur erde) um die engelflügel zu flicken. Alle tanten dort oben bringen mein gesicht aus reinstem porzellan ein nippesbaby mit hoher stirn zur welt und legen es aufs nachtskästchen meiner irdischen verehrerinnen allhier. Und alle warten auf mich. Machen mir mut. Wagen Prognosen. Und wetten.

Ioan Es. Pop (1958)
Aus: Die Stadt
Die gesetze der stadt besagen daß die vergangenheit ständig verbrannt werden muß dieses jedoch nicht etwa um die zukunft zu vergrößern sondern sie auf das maß des alltags zu begrenzen. Zuviel an zukunft nützt nur übertriebene erwartungen die schließlich zu uneingeschränktem lebensfieber führt. zukunft jedoch einzusperren heißt den tod und die angst auf ein erträgliches maß zu reduzieren: leben auf kleiner flamme heißt zugleich den tod zu halbieren.

Paul Daian (1954)
ZYANKALI MAUERN*
(Fragment)

der fünfte tag des tages
Tätowiertes blut zeichen: entfremdung. ich
kann mein gesicht nicht mehr von der wand lösen. ge-
schwärzter spiegel. kälte. kosmischer marsch des hirns.
kupfersieg geschwärzt grüßt das weiße jod. kadaver
von einem raum in den andern. tür die klemme (stazá). ich
schreibe und atme. die kranke kriecht auf allen vieren
ihr brennt der rücken in der zeit in der sie das kalte
getränk schlürft. sie verfault unter meinen sohlen
und schreit, steigt wie auf eine waffe hoch. ich aber
steh weit weg in den letzten morgen des tages.

* Daian ist Patient (schizophren). Arbeitete in der Morgue von Bukarest.


Constantin Severin (1952)
Mauer und das Neutrino
"Im Wahn werden wir
wieder in die Natur eingehn"
Mihai Eminescu

6
oh frau sogar der tod
hat ein gedächtnis der runden formen
im rausch des fernrohrs
kappt das meer den grünen wahnsinn
der astronomen

der wind epidermis der angst
und maximale gewächse der Einsamkleiten
das leben ist nichts als chirurgie
am auge eines helden
und auf der straße beobachten die blinden
psycho analytische oberflächen der dinge

20
alter du hast deine finger
vergessen in einem stein
seinem schatten
ihre spitzen berühren
seerosen sterne
auf der feurigen straße
die melancholische zunge
eines feurzeugs

24
mir waren gegeben zu hören
gegeben zu sehen
eklipsen
zwischen der musik
und dem grenzen losen auge
der blinden
too young i died
for he blindness
of life

45
geliebte verwende
die krone des baumes
als königliche krone
wahnsinn des frühjahrs
frühjahr die königin
die jugend ein veilchen
mit leuchtenden
nerven

46
das licht ist die maske sämtlicher toten


George Vulturescu (1951)

Traktat über das Blinde Auge
(Tratatul despre ochiul orb)
IV (psalm)
Bis Dein auge mich erreicht
Durchdringt es alle wirbel der welt
Und zögert manchmal
Verspätet sich zwischen gräsern
Und bäumen zerfleddert
Zwischen felsentrümmern
Oder setzt sich
Verwundet stammelnd
in die nester der vögel
Du blickst mich nicht an Blindes Auge
Du bedeckst mich

Das agonische schreiben
(Scrisul agonic)
XII.
Johannes:
Ich sah in einem zimmer der stadt
eine nackte frau. Sie hatte vor sich
ein leeres glas. Sie starrte es stundenlang an
wie einen in tausend stücke
zersplitterten spiegel sie konnte
ihr bild daraus nicht mehr befreien ...
Joachim:
Du kannst dich nicht verstellen: aus den reflexen
Des spiegels befreist du dich niemals schwimmend
Du befreist dich nur durch einen tödlichen sprung
Wie delphine auf dem trocknen
Und du bist jetzt am ufer des agonischen poems:
Du wirst ihm begegnen ... sehr bald ...

Petru Iliesu (1951)
Rumänien. Post scriptum
Rumänien, sieh hier einen Traum, der mich verfolgt:
Es geschah, daß ich nachts auf die Straße ging und nichts wiedererkannte, was ich sah
'drückende Hitze und schneidende Kälte',
'Feuer und Schwefel und sengend heißer Wind', standen in die Mauern geritzt
während die Reliquien der Heiligen in der Luft schwebten
die Augen bedeckt, gekrümmt, stöhnend, abgewandt

Es geschah, daß ich, von Hunger und Durst ausgezehrt,
die Hand ausstreckte
doch zwischen meinen Fingern
zerrann der rote Staub der Gemäuer wie in einer Sanduhr, und mir entglitten
die langen blutigen Seidentücher einer Generation
die erblindet ist, Rumänien,
für Volk und Vaterland,
Haß ausübend, Rumänien, Haß verkörpert als Element der kosmischen Harmonie,
unter den Fußsohlen 'unser tägliches Brot' zermalmend;
zermahlenes Glas, Glut und Bruchstücke rotglühenden Eisens, Rumänien
Haufen schuldiger Blätter tanzen kreiselnd auf den Straßen
heften sich klebrig an die Lippen
und deine zerfransten Flaggen schlängeln sich einem schmeichelnd um die Schenkel

Es geschah, daß ein markerschütternder Schrei und ein Glockenschlag
den Spiegel zersplittern ließen, Rumänien,
denn ich versuchte, Rumänien, mit dem Spiegel
den giftigen Atem des Teufels abzuwehren
der durch die Chromosomen der Nation geistert
und der nichts anderes ist als das Glucksen von Legionen von Advokaten, Zöllnern und
Polizisten, die an deinen Wurzeln nagen, Rumänien
denn ich versuche, mit dem Spiegel, der mit den Exkrementen der Gesetze beschmiert ist
die endlosen Gerichtskorridore abzuwehren
( auf deren Ruinen die neuen Regierungsviertel entstehen
- eine postrevolutionäre Kopie Ceausistischer Grandeur, Rumänien
- die nostalgische Versammlung leidenschaftlicher Verbrennungsabfälle die uns zum Halse rauskommt
- die Umstülpung der Speiseröhre
- ein von Geschwüren zerfressener Magen der die letzte Intimität des
'politischen Menschen' antastet, Rumänien )
Also - damals - in dem Spiegel nämlich - sah ich
Stapel von Büchern einstürzen
unter der Moral idealistischer Dummheit:
als ob Poesie etwas im kümmerlichen Bewußtsein des Lesers verändern könne...
Und ich sah den Leser verrecken
und die Kadaver von Lesern
Epochen einbalsamierend
erstochen wie Lämmer, in den Bauch, Rumänien

Und ich sah den Sprößling des DEMOS
wie er linkisch in die Zirkustrompete blies, und neben ihm sah ich das Gebet der Poesie
welches das Gebet des Wortes ist wie auch das Gebet der Essenz unseres Blutes
Rumänien
Und ich sah, daß DEMOS die Poesie nicht braucht
Und darum sagte ich:
DEMOS ist eine Pumpe die dem Zweck dient die Därme deiner neuen Regierung zu füllen in der 'niemand über dem Gesetz steht',
Rumänien,
- Siehe da die Logik von der Immunität der Parlamentarier
siehe ein neues Handwerk rentabel und geschützt
das der Demokratie alle schmutzigen Spuren verwischt

DEMOS ist ein Rülpser der Demografie der den Planeten mit menschlichen Würmern überschwemmt
DEMOS ist der Spiegel für die fehlende Weisheit des Poeten
es seift die Schlinge ein für die letzten überlebenden hellen Geister der Sintflut öffentlicher Frechheit
Rumänien!
- dein politisches Gequatsche raubt uns den Augenblick den du nicht gegeben hast!
- dein stolzer, kostbarer Blick stinkt nach einer wohlbekannten Krankheit...
- gieriges Schmatzen in den Kiefern der 'besseren Leute' vergällt uns den Schlaf!
Rumänien,
auf Schritt und Tritt stößt du auf einen Zöllner der dir seine Zähne in die
Halsschlagader bohrt
man hört unter deinem Kopfkissen das höllische Ticken der Maschinen der Angst
das Wiehern Ceausistischer Phantome, Kleiderrascheln, das Hin- und Her der Schmugglerführer
den Markt der Gauner der sich über die Städte ausbreitet wie Lepra
die Ballade kollektiver Dummheit und einen Kanon von Aggressivität
der das öffentliche Chaos beschützt und erhält

Rumänien
Du solltest die GmbHs der Rechte sehen, die an allen Ecken fett erblühen
dann würdest du verstehen, wie man mit ein wenig Geld
einen 30-jährigen Prozeß veranstalten kann der ganze Generationen in Atem hält

Du solltest auch die GmbHs der medizinischen Fakultäten sehen, die an den Ecken des Dollars erblühen
dann würdest du verstehen, wie man mit dem richtigen Geld
von Examen zu Examen bis hinauf ins Instrumenten-Exportlabor klimmen kann

Du solltest die GmbHs der Universitäten der Neuen Epoche sehen, die an den
Ecken der Peripherie erblühen
du würdest dann verstehen, wie man mit nur etwas mehr Geld
aus einem einfachen Funktionär mindestens einen Doctor Honoris Causa machen kann
Und dann solltest du die GmbHs der GmbHs sehen, die an den Ecken der Finanzbehörden erblühen
du würdest verstehen, wie man mit einer Menge Geld
eine ganze Stadt haben kann, die auf den Bauwerken ihrer Administration ruht
auf Gebäuden die sich über den Gemeindeämtern erheben neben denen die Gebäude der Landtagsämter thronen über den Gebäuden die auf dem Parlament errichtet sind welche fußen auf den Gebäuden der sozialen Einrichtungen
auf dem Privatkabinett des Präsidenten
über dem gebrauchten Portrait des Königs
sowie Gebäude über dem Dampfbad in dem sich der Palast der Massenmedien befindet der wiederum gebaut ist auf dem Keller mit der Staatsreserve die sich über den Altersheimen erhebt welche auf der Vakuumpumpe stehen
die unser Blut durch die Heizungsrohre preßt

Oh welche Errektion!!!

Bei jedem Schritt triffst du auf den Ameiseneifer der gekauften Intellektuellen und auf das Klingeln des Silbers in den Westentaschen derer die dich verkauft haben, Gramm für Gramm,
Rumänien
von einer Hand zur andern und zurück, Rumänien
und zurück, von einer Hand zur andern

Die Kasinos und die Universitäten der Außenbezirke und die neue HighSociety
werden zu dieser Stunde voller Ungeduld erwartet: von Taschenspielern
vom Klappern hölzerner Zungen und von
sich häutenden stinkenden doppelkinnigen
Leitern eines Ausgezeichneten Kollektivs
und Vollendern der Geschichte,
Rumänien,
deine ganze Geschichte steht im Zeichen von Coca-Cola-Vierteln
und virtuosen Bissen aus einem winzigen Hamburger
- Slalom durch die ungezählten Träume der Demokratie,
durch Reklame für Ausflüsse
und Waschpulver des endlosen Imperiums kafkaesker Vertretungen deren Türen dir immer alle offen stehen

Rumänien,
die Dämonen deiner Verwaltung beißen sich in den Schwanz
wie Schlangen -
ihre Eier der Unsterblichkeit sammeln kosmische Energie
und spritzen diese in die Schwarzen Löcher des nationalen Universums
dort wo die Generationen der Aufopferung enden
und unsere Existenz Sinn erhält

Deine Prozessionen der Totengräber die von allen Zäunen grinsen
eingedickt im Butterfaß der Geschichte zu einer wohlbekannten
Freudian'schen Kompensation, Rumänien
blödes Lachen vor Fotoapparaten
endloses Händeschütteln vor Kameras
ein grotesker Tanz
- Anzug und Krawatte - Zeremonie der Uniformen und die Erscheinung Portraits tragender Rumänien,
in deinem Namen: 'Mit guten Taten wie im Bösen: Mein Land!'
Rumänien, deine Gabe riecht nach ewigem Versprechen
Rumänien, vielleicht bist du das Nirwana
wir wissen ja, daß es das Nirwana gibt
als Monopol der vaterländischen Geographie
und dann habe ich gesagt:

Und dann habe ich gesagt:

Von euch ist die Rede in dieser Stunde der Dichtung in deren Angesicht ihr nie mehr sein werdet als doppelkinnige Scheißer die uns armen Schreiberlingen in den Taschen schnüffeln,
Herren Halsabschneider
ein Steuerpult welches uns steuert, uns rekrutiert
um uns in der Nationalflagge begraben zu können
letztere - ein Stoff für Bermudas, ein Beilstiel oder telegener Menstruationstampon

Und dann habe ich gesagt:
Ich habe gesehen daß die Erde euch gehört, Herren Halsabschneider
DEMOS gehört euch und selbst das miserable Restchen Zukunft
und auch die letze Seite die noch geschrieben werden muß ehe die ganze Welt zu einem immensen Bildschirm wird in dessen Schatten wir uns im Schlamm verbuddelt haben um anonym am Rande der Geschichte zu vergehen

Und dann habe ich noch gesagt:
Vor wem schützt du dich eigentlich, Rumänien mit Angriffshubschraubern, ultraintelligenten Radargeräten und den subtilen Kommandos der kleinen fliegenden Dämonen?

Und weiter habe ich gesagt:
Auf deinem Schädel roden die kleinen grünen Raupen der Armee und die fetten
Kommissionen des Patriotismus
Auf deinem eingezogenen Bauch schneidet die vergessene liberale Schnalle ins Fleisch
Unter deinen ungewaschenen Achselhöhlen wuchern die Domänen der Sozialdemokratie
Auf deinem gekrümmten Rücken erstreckt sich die Krätze-Ernte der RechtenLinken
Auf deiner in allen Farben tätowierten Brust häutet sich die LinkeRechte
Deine gerissenen Sohlen triefen vom Eiter der städtischen Bauern die aufblühen wie kleine feuerrote Fäustchen
Aus deinem Hintern strömen wellenschlagend die stinkenden Fronten der Kakerlaken sich dick und fett in demokratische Windeln ergießend
Hinterm Nacken hegst du ganze Zuchtfarmen der Brüder im schwarzen Frack
von Abzeichen - und Signaltonsammlern
und elitären Kolonien glorreicher Untertanen mit Schaum vor dem Mund
An deinem Handgelenk schaukelt das Gold der professionellen Gewerkschaften
zwanzigtausend Sohlenabtreter für die Menschenrechte

Die UFOs der NSOs der Seiltänzer
und die bodenlosen Weinkrüge
aus denen die zarte Seele unserer Vorfahren tropft

während ein Schritt gelingt und ein anderer
ausgleitet den müden revolutionären Furz auslösend
mit dem uns Europa
die Nasenlöcher verstopft

während dein Sozialvertrag
nichts anderes bedeutet als
Beitrag beim Dokter, Kontribution bei der Polizei, Côte de Honore beim Advokaten, Interessenzahlung beim Beamten im öffentlichen Dienst
und 'Steuerbeitrag' auf die Türme des Stadtarchitekten

Rumänien, ein neuer Sieg!
Eine neue Diktatur der Opfer.
Ein Frieden!
Noch ein Frieden!
Ein ... neuer Frieden!

Rumänien, DU BIST FREI!
kannst rufen: Bürger, Eigentum des Staates du bist
FREI, GESCHÜTZT, VERSICHERT und RESPEKTIERT
( - eine neue WC-Papierreklame
- strahlende Zahnprotesen für Politiker und Ehegatten
- Schalmeienklang mit dem man in den Talkshows die Ohren kitzelt ...)
Bürger: LIEBE ZUM VATERLAND, AUFOPFERUNG, AHNENFOLGE und RUF DER GESCHICHTE
Bürger, Du hast sieben Leben für das Vaterland
und DANACH siebenundsiebzig für dich selbst

Bürger, dir versagen die Nerven, sei stark!
Sei effizient, Bürger!
Sei nützlich, Bürger!
Sei fröhlich, Bürger!
Sei bereit, Bürger!
Sei einsichtig, Bürger!

VERRECKE, ZUM TEUFEL, beizeiten, BÜRGER!

Rumänien, hier ein Fragment der jüngsten Parlamentsdebatten
Rumänien, hier ein neues Fragment der jüngsten Parlamentsdebatten
´Jede Ideologie ist relativ; absolut ist nur das Leid, das Menschen u.a. einander zufügen.'
Oh Rumänien, wehe den Entkommenen!

Rumänien, hier ein Traum der mich verfolgt:
Es geschah daß ich nachts auf die Straße ging und nicht wiedererkannte was
ich sah
- um mich herum wurde es finster, pfeifender Wind zerstreute eine bleiche Wolke Sterne, in der Ferne kreuzten sich galaktische Bahnen
- im Schein ihres phosphoreszierenden Flimmerns
bei Nebel und ätzenden Geräuschen
sah ich wie die überlangen schmalen Schatten einer langen Reihe Blinder
ineinander verschlungen
auf die Milchstraße zutrieben
jenseits meines Gesichtsfeldes
jenseits des Randes der Welt
Vom Ende bis zum Beginn
Von Beginn an bis zum Ende

Einer aber mit einer einzigen Hand blies in ein geborstenes Horn
ein anderer in eine zerbrochene Flöte
einer mit einer einzigen Hand läutete die Glocken
ein anderer aber schlug eine riesige Trommel
einer mit einer einzigen Hand zog die Harmonika
ein anderer strich mit der Wange über eine Geige
einer mit einer einzigen Hand schleppte
hinter sich eine Zymbel her
ein anderer aber die Haut eines Esels
die mit Wasser gefüllt war
sie stöhnte
greinte
miaute
pfiff
und
zischte zwischen den Zähnen
auf denen ich, Allmächtiger Gott,
die Spur meines Kusses entdeckte

- Darauf folgte ein schreckliches Blitzen und dann ein Erwachen
- Und darauf nichts, nur
siehe ...
... wahrhaftig ein lächerlicher Traum
Rumänien, es war als ob ich der Erzengel Exterminator wäre und das Schicksal sei daß die Erinnerung an deine Taten in Worte brennt ...

Rumänien, es geschah daß ich eine Art Epilog schreiben mußte
während mein Gaumen klebte meine Lippen trocken waren meine Augen trüb und mir der Kopf dröhnte
während mir der morgige Tag durch den Kopf kreiselt wie eine eiserne Kugel voll und schwer
während mein Kopf zwischen den Schultern kreiselt wie eine eiserne Kugel trunken benommen
während die Welt mit uns durch die Zeiten kreiselt wie eine eiserne Kugel rostig schlecht

Rumänien, es geschah daß ich eine Art Epilog schreiben mußte
während mein Gaumen klebte meine Lippen trocken waren meine Augen trüb und mir der Kopf dröhnte
Rumänien, es geschah daß ich mich danach sehnte ein Vater Unser zu sagen und dieses Vater Unser klang etwa so:
Vater Unser der du bist im Himmel
im Wasser
in der Luft
und also auch
auf der Erde

Durch die Heiligkeit deines Namens:
erwecke unser Auge das dich sucht

Dein Reich sei in uns
wie auch dein sanfter Wille zum Guten

Gib uns heute die Kraft
uns zu nähren mit dem tag-täglichen Brot deines Körpers

Hilf uns uns selbst unsere Sünden zu vergeben
wie auch unsere unruhigen Ängste vor unseren Schuldigern

Hilf uns Erlösung zu erfahren
indem wir Frieden schließen mit uns selbst

Ohne welches die Wirrnis des Bösen herrscht
Gieße über uns aus die Kraft zuzugeben

Schenke uns deine Vergebung
Wie auch unseren Schuldigern

Denn dein Reich ist für uns da
deine Herrlichkeit zu unserem Verständnis
deine Allmacht aber
um unsere Ohnmacht auf die Probe zu stellen
die dann
Stärke
sein wird ...

in Ewigkeit ...
Amen.
Rumänien, es geschah daß ich mich danach sehnte zu sagen ... Unser Vater.
(1999)

Übersetzung aus dem Rumänischen: Patricia Paufler


George Grigurcu (1944)
Ein blinder Tag
eine verwundete Woche
ein hinkender Monat
ein taubstummes Jahr

vergeblich schrie ich ihm ins Ohr
Sätze in seiner eigenen Sprache
die ich/ der Letzte
kaum lernte!



Marin Mincu (*1944)

LIEBESGEDICHTE

Aus: Über die Zerbrechlichkeit des Lebens (Despre fragilitatea vietii)

MÜDIGKEIT
Wie müde ist
Die Erde in mir Mutter
Du zerreißt mir das Herz
Damit ich erwache
Wenn ich dabei bin
einzuschlafen

Auf einer Grenz
Furche den Kopf
So schlafe
Ich wie ein Stein
Entschlafe
Wie ein Vogel
Und schlafe
Wie ein Bär
Im Winter
Wenn du mich rufst
Winde ich mich stumm
Aus den Fängen des Schlafes

Wie müde ist
Die Erde in mir Mutter


Aus: die storchenjäger (vânãtorii de berze)
1
eine gleichgültige sonne liegt
flüssig über der Materie
und es regnet befruchtend mit eiern
wortschwellennah
bläst die faulige luft
vogelnester auf bis sie platzen
verspritzt die eier
auf den boden fett von rotem kaviar
eiergestank heimlicher gedanken
seit neun monaten
regnet es immerfort
eier

2
los kommt doch zur storchenjagd
hört diese vereinzelte stimme
sie verderben uns das gras der dächer
verstopfen uns den rauchfang mit reisig
scheißen ohne scham
und furcht
ins innere der häuser
ihre flaumen schneien ins bettzeug
erdrücken den hechelnden atem
kitzeln unsere nasenlöcher
ersticken mann und frau
spionieren uns nach beim kindermachen

Aus: beute des realen (prada realului)
11
hinter der schreibmaschine
ist sie zurückgeblieben die spur
ein fingerabdruck
auf dem revolverabzug
nichts bleibt außer
dem wortwind
wind
...ind
d

Aus:nachmittag in einem hotelzimmer
(Un pomeriggio in una stanza d´albergo)
für Stefania
1. Wie immer

ich bin in diesem fremden zimmer mit dir
du bist 2000 kilometer weit entfernt
ich versteh nicht was geschehen ist
warum ich jetzt plötzlich erwacht bin
du warst doch da und wir sprachen
wie immer über wichtige dinge
und was sich so einreiht in den redefaden
(jenen den ich schreibe und den ich lebe)
dich gibt es wenn ich zu dir spreche
und ich wende mich um damit ich dich sehe
wo bist du warum hast du das zimmer verlassen
sicher gibt es dich noch/ irgendwo
am rand meiner wörter in ihrer umgebung
ich glaube nicht daß du
zu weit weg gegangen bist die luft vibriert noch
und dein körperabdruck im kissen
ist ein tiefes nest ich strecke die hand aus
das linnen ist heiß vor präsenz
und verbrennt mich
vielleicht hat dich der italienische straßenkrach
hörbar von der terrasse her/ vertrieben

4. reif
was tust du warum verspätest du dich
jetzt in diesem innenraum
ich weiß nicht ob es tag ist oder nacht
ich warte auf dich
daß du endlich kommst ich
liege ausgestreckt da und rühre mich nicht
um die von dir
geatmete luft
nicht zu verderben
und tauche in dies dunkel ein
das süß ist wie ein mutterleib
wie gut und wieviel
leinenfrische atmet hier kühl das
rascheln jungfräulicher
blätter ein weiß des
ungeschriebenen buches
und ich lasse mich fallen
ins geheimnis des völlig gelöstseins
(nein wir dürfen uns im gedicht
nie überfluten lassen von gefühlen)
und ich konzentriere mich auf den rembrandtnebel
auf meinem gesicht
und liege unbeweglich da
das innere feuer im dritten auge
gerichtet auf das überraschende geräusch
deiner schritte/ im reif des Erinnerns
und warte daß die mauer unseres vergessen
die jetzt
wuchs zwischen uns
einreißt

7. umriß
meine liebe
du bist wirklich anwesend
der duft deines zerbrechlichen wesens
bleibt in diesem hotelzimmer
und auf der terrasse von wo du die landschaft betrachtest
mit soviel zärtlichkeit und mit der zärtlichkeit meiner
worte ganz süß und ausgebreitet
auf einer träumenden luft
im trägen
umriß eines
schläf-
rigen
dis
kurs
Es

Aus: die kälte kommt! (vine frigul!)
für Ion Gheorge
"woher kommst du denn eisscholle und
was willst du denn von mir?"

2. mich hat das gefühl für wärme
verlassen so wie dich das gefühl für frauen verläßt
es ist mir ganz unmöglich mich daran zu gewöhnen:
es drängt sich heiß an mich
dringt ein in meine rechte hüfte schmiegt sich dort ein
dringt ein ins böse fleisch das es nicht will
zerrt an den fußknöcheln unsanft und
kitzelt mich/ doch bin nicht ich es der hier lacht ich versteh nicht
warum es lacht ich bin jetzt weit von mir entfernt
und beobachte nun die distanz
ein warmer leib ach gott wie warm er ist
ja wäre er nicht so warm
dann würde ich dies eis das mich verliebt umfängt
nicht fühlen weils mich umgibt mit soviel zärtlichkeit

6. eishauch dein atem wenn du küssend meine lippe beißt
ich fühle wie sich deine zähne bohren in mein fleisch
wie sideral der riß im fleisch
ach reißend dieser spalt in meinem fleisch
und das intakte hymen das vom drang des blutes reißt
im sog einer lunaren flut
und dies papier der jungfräulichkeit
nun im papierkorb landet:

du wurdest besucht vom goldregen
der die göttervergewaltigung gar segnet
neckend nackte idee in sich zu ruhn
in sich das letzte
selbst des selbst zu tun

Aus: die gymnastische übung (probã de gimnasticã)
ein immerwährender zustand
für Lucian Blaga

marin mincu ist im wartestand
ein aufgerissenes auge demoliert voll wut
die chemische struktur der gegenstände
befreit die elemente endlich wieder

zwischen voll und leer
der sogenannten interstitiellen falten
faßt seine hand nun frisch hindurch
ein raucheichhörnchen zwischen seine zweige

zwischen den ästen des realen hier im überfluß
die sperlingin dann blätter und die wörter
so ausgetobt rãsfãts dezmãts geaalte uniforme formen
gestolzte praxis hoher semnifikanten

die sprache der poesie entdecken die hand
entsichert an dem abzug deiner schreibmaschine
um zu erschießen deinen langerwarteten vers
den einzigen der dir noch wehtat

marin mincu sitzt da vorgeneigt
zwischen den formen des zustandes "real"
und dem bösesten malignen zustand
und den heilt kein spital.


Aus: Ich träumte daß ich träumte ein engel zu sein
(Am visat cã visez cã sunt un înger)

solange sie lebte konnte ich keine andere frau wirklich lieben
es war wie eine nabelschnur zwischen uns so abstrakt wie rein
unzugänglich jeder profanierung des gefühls sie erwartete mich
voller spannung zu hause umarmte mich voller ängstlichkeit
indem sie mir in die augen sah konnte sie in mir lesen bis
in die perfidesten falten meines ich und dann war ein leuchten
um ihre gestalt und eine tiefe erotische ausstrahlung umgab sie
wenn sie schwanger war und sofort lud sich mein wesen neu auf
mit hemmungsloser vitalität und ich beruhigte mich entspannte
meine nerven atemlos vor freude und güte

(aus dem italienischen und rumänischen von dieter schlesak)


Zur Lyrik Marin Mincus
Marin Mincus Werk nimmt eine Sonderstellung in der rumänischen Lyrik und Essayistik ein:
Man könnte Mincu auch einen "Zwischenschaftler" nennen, er hat lange Jahre in Italien gelebt, war Professor an der Uni in Florenz, und hat die italienische Semiotik, deren bekanntester Vertreter Umberto Eco ist, mit entwickelt. Wissenschaftlich-linguistische Erfahrungen, aber auch sein Leben zwischen Ost und West haben sein Werk geprägt. Seine Sprach- und Literaturforschungen, Gedichte und seine Prosa, zuletzt ein fiktives "Tagebuch Draculas" und eines von Ovid sind in Italien und Rumänien erschienen.
Eine erstaunliche Symbiose zwischen westlicher Wissenschaft und östlich-rumänischer Natur des Elementaren und Vegetalen zeichnet diese Lyrk aus, und diese abgründige Spannung rührt an den Nerv unserer Zeit, ergibt einen apokayptischen Ton, da auf diese Weise die aus den Fugen geratene Welt unserer Zivilsation nochmals zutiefst und schmerzlich messbar geworden ist. Im Zentrum der Gedichte steht das lyrische Ich in einer Krisensituation, spiegelt aber auch eine Selbstreferenz, in der sich die Sprache über das "unglückliche Bewußsein" selbst spiegelt, und im Verschwinden des Ich durch Formstrenge heilt.
Doch es ist keine experimentelle Lyrik, obwohl Mincu sich als "Textproduzent" und "Textualist" sieht, im Gegenteil, Mincu gelingt das Kunststück, seine Tiefenstrukturen im Alltäglichen zu finden, im Realen, dem er zugleich den Sinn und das Geheimnis wiedergibt.
Ein Hauch des absoluten Gedichts und seiner Form geht durch diese Verse; das Thema Liebe verbindet am besten Alltag und (Sprach-)Transzendenz in einer poetischen Synthese; je ein Gedicht aus seinen bisher wichtigsten lyrischen Werken wurde hier ausgewählt, und alle bezeugen, daß die "Hirnsyntax" semiotischer Prozesse als Hintergrundbewegung dieser Verse zum Eros des Einen führen, daß auch "semiotische" (also Zeichen-) Kunst nichts anderes als eine "Sublimierung des Eros" ist.
DS


Marin Mincu, geboren 1944, Universitätsprofessor, Autor und Literaturforscher, Semiologe.
Zuletzt erschienener Gedichtband "Am visat cã visez cã sunt înger" (Ich träumte, daß ich träumte ein Engel zu sein), 1998. Und eine große Anthologie "Poezia românã actualã," 3 Bände 1998, 1999. "Avangara literarã româneascã" 2 Bände, 1999. Einenen Sammelband eigener Lyrik "Vine frigul!" (Der Frost kommt!), 2000


Cezar Ivãnescu (1941)

Als sie mich gebar, meine mutter,
auf einem tisch, ausgestreckt, schrecklich
litt sie;
doch auf einem andern tisch
lag meine mutter, der tod*,
nackt, ausgestreckt, lächelnd,
so schön war meine mutter, der tod.
sie lächelte, weil
ich, ihr kind zur welt kam,
ohne dass sie litt!
rum. moartea= weibl.

Miron Chiropol (1936?)
Der bräutigam
rein bin ich wie der winter doch grün
strahle ich aus dem brunnen tief und rinne
so über dein gesicht es trinkt mich aus dein mund
der dir die augen schließt.

du weißt es nicht doch ich umarme dich
wie eine sonne steh ich fallend schon am mittagshimmel
die dich umarmt.
und so umarmt dich auch der ferne wald
mit den vertrauensfesseln und dem gebleichten wind.
und blätter kleiden dich in neue kleider
die fester sind als alle leiber und der samen
flüsterndes wort im ohr/ hörst du
die liebe der eiche sie vertritt die namenlosen
des waldes bäume stehen wie kinder der wald
mit seiner quellenseele.
überall in seiner lichtung sind
die starklebendigen wesen schmerzender nacktheit.


Dan Constantinescu (1929)
Anders
jeder laut baut bögen
jeder schritt läßt brunnen rinnen
jeder fernblick schließt das blickfeld

jedes wort es
kommt dann geht es
ferne

jede hand schreibt silben
auf
jede stirn
berührt der windhauch
ein immer jede
träne taucht.


Nacht
Flamme nur flamme.
In der morgenröte singt
eine handvoll asche.

A.E. Baconsky (1925-1977)

Hallelujah
Herr des traumes, das blut
hat kein gift mehr – die guillotine
köpft kadaver
ein NEIN vielleicht ein NEIN
wäre noch zu sagen
in dieser leeren kirche
hier wo un-unterbrochen
ein tonband predigt


Wer ohren hat zu hören …
Es war mein wille: zu brennen mich zu erheben zu lieben zu zerstören
es war mein wille: zu weinen zu kämpfen zu töten –
gibt es vielleicht ein land eine zeit ein anderes ufer?…
eine mauer ist überall eine mauer.
Wenn ich gehe hinterlasse ich als erbe
Eine lange spur von blut von schlacke von rauch –
Die wenigen die mich erreichen wreden
Tragen schon heute mein brandmal.

Vergiftet euer fleisch! Aus dem einbalsamaierten kadaver
Wächst keine ähre keine blume keine weide!
Horch! Die geschichte brüllt in der ferne –
Wer ohren hat zu hören der höre! …
(Max Demeter Peyfuß)





Ion Caraion (1923-1986)

DAS VERFAULTE MEER
Wir werden euch quälen wir werden euch töten
Dann werden wir getötet und es darf gelacht werden
Wir sind jetzt alt genug und verschlagen genug
Daß es uns kalt läßt
Alles ist wahr die Lüge ist wahr
Alles ist Lüge die Wahrheit lügt
Die Finsternis kommt von alleine.

(Erschienen in Correscpondances, Lausanne, 3/1983)

MENSCHEN
Früchte, erschienen im Kosmos,
einmal und nie wieder.

SCHREI IM STUNDENGLAS
Belügen mich
Warme Nächte,
eingehalten hatte der Herbst,
den Kopf aufgestützt in den Händen,
ein Silbergefäß
aus dem tropfte Wein.
Andere Augen gebt mir,
und die Erinnerung, - ganz anders.

ARCHAISCHE RENNBAHN
Das Schicksal ist wie ein Gesicht
Jenseits
Der Wäsche auf der Leine
Ein Mädchen mit blassen Augen
Zwischen Kühen und Hemden
Auf einem Himmel aus Gras
Liest
Sie
Tolstoi
Das flüssig gewordene Erstaunen des Morgens stockt
Die Grillen aus Krieg und Frieden
Springen durch die Seele die darunter fault
Das Feld geht in mich ein mit Blumenkohl und Nüssen
Die Dinge gehn auf und Durst dringt in den Mund
In die verschwwindeden Ereignisse aber steigt der Raum ein.
(Aus: Hommage a Ion Caraion, Lausanne 1984)

Epitaph
Geh deiner wege. Frag nicht klopfe nicht.
Deine seele ist schon lange auf der straße
Und niemand empfüängt dich als gast.
Du wanderer aus vier großen wüsteneien
Der tod hat gastrecht hier in deinem haus.
Und nur ein vogelschatten schwebt
An jedem abend über diesem stein.
Darunter gehn ideen aus und ein.

Ion Negoitescu (1921-1993)

August 1921
8
Vielleicht glaubst du nicht sondern komponierst nur deine stimme
ohne zu vergessen daß langsam diese wendekreise enden
wie ungedacht timid wenden wir die worte
und als der morgen kam sagt ich mir laß doch jetzt den andern
ein blasseres lächeln hätte keinen platz im herzen
und sinnlos gar so überheblich wär die neue anstrengung
zeitlarven flüssig leicht durchziehen sie
noch nicht den leib die eigenliebe nicht
berühren uns kindlich diese schuld hier aufzulösen
als käm die tapfere auflösung aus andern saiten


__________________
copyright 2001
Dieter Schlesak

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