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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Ruths Heimkehr
Eingestellt am 03. 03. 2004 10:56


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Klemmy
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Feb 2004

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Ruths Heimkehr

"Lauf Ruth, dein Zug f├Ąhrt gleich Kindchen!" rief Mama.
Meine Z├Âpfe flogen fast vom Kopf, als ich hinter ihr den Bahnsteig entlang lief.
Vor dem Zugabteil dr├╝ckte sie mir mein graues Pappk├Âfferchen in die Hand. Im anderen Arm hielt ich meinen geliebten Teddy; der einzige, der mich auf meiner langen Reise begleiten w├╝rde. Von Berlin nach Hamburg und von dort mit einem riesigen Schiff nach Amerika.
Gut, da├č ich Teddy dabei hatte.

Mama k├╝├čte mich ganz sanft. Als ich ihr einen Ku├č auf die Wange gab, schmeckte ihr Gesicht so merkw├╝rdig nach Salz.
Papa umarmte mich, als h├Ątte er die ganze Welt im Arm und wollte sie nie wieder loslassen. "Sei brav, kleine Ruth, wir kommen bald nach. Ganz bestimmt!"

Mama r├╝ckte mir noch einmal mein Pappschild, da├č an einer Paketschnur um meinen Hals hing, zurecht. Auf der einen Seite des Schildchens stand mein Name: Ruth Stein, und auf der anderen Seite war die Anschrift meines Onkels und meiner Tante geschrieben: Mr. und Mrs. Joshua Stone, Michigan. Onkel Joshua war ein Vetter von Papa. Ich hatte ihn und Tante Magan noch nie gesehen.
Papa hatte viel von seinen fernen Verwandten erz├Ąhlt. Onkel Joshua war schon vor langer Zeit nach Amerika ausgewandert. Papas sollte damals eigentlich mit seiner Familie mitgehen. Doch die Eltern wollten lieber hierbleiben, hier bei den Gro├čeltern Blumenthal, die neben uns wohnten. Und au├čerdem hatte Papa gerade seine Praxis er├Âffnet. Er war n├Ąmlich Arzt. Ein hellgl├Ąnzendes Messingschild schm├╝ckte unsere Haust├╝re:
Dr. David Stein - Kinderarzt.
Alle Kinder aus meiner Schule kamen zu Papa, wenn sie krank waren.

Es war eine sch├Âne Zeit in Berlin, voller Lachen und Leben, mit Festen und Beisammensein mit Freunden und Verwandten.
Einmal abends h├Ârte ich ein paar Gespr├Ąchsfetzen mit. Mama und Papa hatten Besuch von Freunden. Auch unsere Nachbarin war da. Eine echte Gr├Ąfin; sie hie├č Frau von Dohrenbeck. Ich h├Ârte, wie Papa zu ihr sagte: "Es ist besser f├╝r Ruth, es mu├č sein." Dann noch irgend etwas von "Sicherheit" und "schlimme Zeiten". Ich hatte das damals nicht so ganz verstanden.
Ein paar Tage sp├Ąter erkl├Ąrte mir Mama, da├č ich jetzt nach Amerika auf Besuch fahren w├╝rde. Sie selber k├Ânnten noch nicht mitkommen, weil der Gro├čvater sehr krank sei und man ihn jetzt nicht allein lassen k├Ânne. Gro├čvater h├╝tete schon seit einigen Wochen das Bett. Wenn ich ihn besuchen ging, mu├čte ich immer ganz leise sein: "Pst, Ruth, weck ihn nicht auf", fl├╝sterte die Gro├čmutter. Ganz still und regungslos sa├č ich dann an seinem Bett.

Es wurde mit der Zeit alles ganz anders. Papa und Mama lachten kaum noch. ├ťber Papas Gesicht zogen sich tiefe Falten, und Mamas Augen verloren ihren lustigen Glanz. Was war nur der Grund daf├╝r? Ich vielleicht? Aber ich war doch immer brav und lieb.

Und nun war es soweit. Ich fuhr nach Amerika. Ich lehnte mich noch einmal aus dem Zugfenster und winkte meinen Eltern zu. Mama schwenkte ihr wei├čes Taschent├╝chlein: "Bis bald, kleine Ruth! Bis bald!"
Die Eltern wurden kleiner und kleiner. Dann sah ich nur noch das Taschent├╝chlein im Wind flattern.
Das sollte das Letzte sein, was ich jemals wieder von meinen Eltern sah.

Zwei Jahre vergingen in Michigan. Tange Magan und Onkel Joshua waren die liebsten Menschen, die ich kannte. Nat├╝rlich au├čer Mama und Papa und den Gro├čeltern. Fast jeden Morgen kam ein Brief aus Berlin. Onkel Joshua tr├Âstete mich und erz├Ąhlte mir, da├č die Eltern bestimmt bald kommen w├╝rden.
Wie sollte ich mit meinen elf Jahren auch verstehen, was inzwischen geschehen war. Seit einem Jahr tobte in Europa ein schrecklicher Krieg. Ein Mann namens Hitler wollte wohl die ganze Welt erobern. Deswegen k├Ânnten Papa und Mama nicht aus Deutschland weg, sagte Onkel Josh.
Bald darauf starb mein geliebter Gro├čvater.
Ein paar Monate sp├Ąter kamen keine Briefe mehr von meinen Eltern. Daf├╝r schrieb die Gr├Ąfin einen langen Brief an Onkel Josh. Erst sehr viel sp├Ąter habe ich verstanden, was die gute Gr├Ąfin mitgeteilt hatte. Onkel Joshua las den Brief Tante Magan vor. Was das Wort "Deportation" hie├č, wu├čte ich nicht. Mama, Papa und meine alte Gro├čmutter Blumenthal seien deportiert worden. So hie├č es jedenfalls in dem Brief. Man wisse nicht genau, wohin.
Sp├Ąter kamen auch keine Briefe mehr von der Gr├Ąfin. Alle Post, die wir nach Deutschland schickten, blieb unbeantwortet.

Als der Krieg Jahre sp├Ąter zu Ende war, versuchten Onkel und Tante Stone durch das Rote Kreuz etwas ├╝ber die Gr├Ąfin zu erfahren. Doch alle Suchaktionen blieben ohne Erfolg. Niemand wu├čte etwas von der Familie Stein aus Berlin. Niemand konnte sagen, wo meine Eltern und meine Gro├čmutter waren und ob sie den Krieg ├╝berlebt hatten.
Inzwischen wu├čte ich, was mein Vater mit "Sicherheit f├╝r Ruth" gemeint hatte.
F├╝r Juden gab es damals in Deutschland keinen Ort, an dem sie sicher gewesen w├Ąren. Ach, w├Ąren sie doch nur mitgekommen nach Amerika. Onkel Joshua sagte mir, da├č die Eltern es nicht ├╝bers Herz gebracht h├Ątten, die alten Gro├čeltern allein zur├╝ckzulassen. Gro├čvater h├Ątte die lange Reise nicht mehr antreten k├Ânnen.
Aber wenigsten mich h├Ątten sie sch├╝tzen wollen.

Das alles ist nun schon sehr lange her.
Wieder stehe ich auf dem Bahnhof in Berlin. Eigentlich wollte ich nie wieder diesen Boden betreten. Doch mein Enkel David bat mich, ihn zu begleiten. Er w├╝nschte sich so sehr, einmal die Heimat seiner Vorfahren zu sehen.
David ist wie mein Papa Arzt geworden. Er hat viel von seinem Urgro├čvater, er sieht ebenso gut aus wie mein Papa. Er hat die gleiche markante Nase, die gro├čen Ohren, die g├╝tigen Augen und das gleiche verschmitzte L├Ącheln im Gesicht. Er ist ehrgeizig, zielstrebig und klug, ganz wie sein Urgro├čvater. Ich konnte Davids Wunsch nicht abschlagen, einmal nach Berlin zu reisen, um den Spuren seines Urgro├čvaters nachzugehen; einmal zu f├╝hlen, wie er gedacht und gelebt hatte.
Uns beiden, meinem Enkel David und mir, tut die Vergangenheit weh. Vergessenes wird wieder erinnert. Welche Gef├╝hle sp├╝re ich in mir? Ha├č und Rache? Nein. Trauer, unendliche Trauer. Auch nach so vielen Jahren noch.
Das Grab der Gr├Ąfin haben wir auf einem Friedhof in Berlin-Zehlendorf gefunden. David und ich haben einen Stein auf ihr Grab gelegt.

Die Tage in Berlin haben mich leergebrannt. Ich m├Âchte nur noch nach Hause.
Wieder stehe ich auf dem Bahnhof in Berlin. Diesmal ohne Teddy und Pappschild um den Hals. Ich habe aber David bei mir, meinen gro├čen starken Enkelsohn. Er gibt mir Halt und Geborgenheit auf der langen beschwerlichen Reise nach Hause, nach Hause in die Sicherheit.

┬ę Monika A.E. Klemmstein

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Monfou Nouveau
???
Registriert: Aug 2003

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Hallo Klemmy,

diese bittere Geschichte aus der Sicht eines Kindes klang f├╝r mich nach einer autobiographischen Erinnerung. Bei aller Anteilnahme f├╝r das Schicksal fand ich das j├╝dische (alttestamentarische) Element durch viele eindeutige Namen fast zu betont. Damit will ich sagen, ein Leser, der sich in solche Geschichten hineinliest, versteht den Kontext auch ohne diese ÔÇ×verstecktenÔÇť Hinweise. Es ist eine hohe Kunst aus Sicht eines Kindes die Greuel darzustellen, auch wenn sie von ihm nur indirekt wahrgenommen werden.
ÔÇ×Seit einem Jahr tobte in Europa ein schrecklicher Krieg. Ein Mann namens Hitler wollte wohl [[das ÔÇ×wohlÔÇť w├╝rde ich streichen]] die ganze Welt erobern.ÔÇťJa, so k├Ânnte es ein kluges Kind sagen.

Ich las dann im Profil, dass du Ende der vierziger Jahre geboren bist, w├Ąhrend die Protagonistin Ende der zwanziger Jahre geboren ist. Also die Elterngeneration aus Sicht der Autorin. Es ist mithin keine autobiographische Geschichte. Warum aber zielst du als Autorin auf diese Wirkung ab? Das ist durchaus legitim, aber was folgt daraus?

Eine Geschichte mit ehrenwertem Anliegen.

Liebe Gr├╝├če

Monfou

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Klemmy
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Ruths Heimkehr

Beim Schreiben dieser Geschichte bin ich in die Haut der Ruth geschl├╝pft, habe mir ihr gelitten und geweint, habe die Angst und den Verlust empfunden. Wie einen Film sah ich das Leben dieser Familie vor mir ablaufen und war pl├Âtzlich mittendrin.
Den Namen des Gro├čenkels David habe ich mir von meinem eigenen Enkel David kurzerhand ausgeliehen, obwohl mein Enkel und alle meine Familienmitglieder in der christlichen Kultur aufgewachsen sind und der christlichen Kirche angeh├Âren.

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