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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Ryuko, mein Drachenkind
Eingestellt am 06. 09. 2011 19:56


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Raya
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Registriert: Jan 2003

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Es war gestern, vor einem Jahr, als du gegangen bist.
Mein kleines MĂ€dchen, wie sehr du mir fehlst, obwohl du nur drei Tage auf der Welt warst. Manchmal gelingt es mir eine ganze Woche nicht an dich zu denken. Doch dann passiert es wieder, dann sehe ich auf der Straße oder in der U-Bahn eine Frau mit einem Baby. Ohne das ich es will oder unter Kontrolle hĂ€tte, schiessen mir jedes Mal die TrĂ€nen in die Augen.
Ein ganzes Jahr wÀrst du jetzt alt, meine kleine Kriegerin.

"Es gibt Kinder, die einfach nicht geboren werden wollen." sagte die Hebamme im Krankenhaus zu mir. Sie kannte dich nicht. Du konntest es nicht erwarten auf die Welt zu kommen, mein Kleines. Und wie eilig du es hattest. Nicht einmal 6 Monate hast du es in meinem Bauch ausgehalten. Du warst so ein unruhiges kleines Etwas, stĂ€ndig hast du ungeduldig gestrampelt. Nun ja, dass hattest du wohl von mir. Als MĂ€dchen hatte ich auch immer Angst irgendetwas zu verpassen. StĂ€ndig war ich unterwegs, hierhin und dorthin. Hing mit den unterschiedlichsten Leuten rum und probierte alles aus. Klar, experimentierte ich auch bißchen mit Drogen, ohne drauf zu sein hĂ€tte ich unsere öde Kleinstadt wohl kaum ertragen. Was gabs da schon? Eine Schule, zwei Restaurants, einen Tempel und einen Schrein. Das man unser kleines Nest, als wichtig genug erachtete, um es ans Netz der Hauptbusroute anzuschließen, konnte man schon als Segen bezeichnen. So stand mir immerhin die große weite Welt offen, zumindest die nĂ€chste grĂ¶ĂŸere Stadt.
Ich konnte es gar nicht erwarten die Schule ab zu schließen. Oh, es war ein so großer Tag. Wunderbar und schmerzlich zugleich. Alle hatten sich herausgeputzt, meine Freundinnen und ich trugen unsere Kimonos. Selbst Mama hatte ihren eigenen aus JungmĂ€dchenzeiten hervor gekramt. Meiner Schwester und mir war das ziemlich peinlich, denn fĂŒr pink und KirschblĂŒtenmuster war unsere Mutter nun wirklich ein bißchen zu alt. Nun gut, Mutter zuliebe verbiss ich mir die Bemerkung, die mir auf der Zunge lag. Dies waren meine letzten Tage zu Hause. In einer Woche wĂŒrde ich mein Studium an der UniversitĂ€t in Tokio beginnen. Es wĂŒrde wohl einige Zeit vergehen, bevor ich wieder einmal nach Hause kam. Deshalb versuchte ich in diesen Tagen besonders nett zu meiner Mutter zu sein. Was nun wirklich nicht einfach war, denn MĂŒtter haben nun mal die Angewohnheit einen zur Weissglut zu treiben. StĂ€ndig zupfte sie an mir herum und sagte Dinge wie: "Halt dich gerade. Du hast eine hĂŒbsche Figur. Kein Grund wie ein Fragezeichen auszusehen." Ich antwortete erst gar nicht darauf, es hĂ€tte sich sonst nur in einem weiteren Schwall von Ermahnungen ausgeufert.
Am nÀchsten Tag packte ich und fuhr nach Tokio, wo ich keine Menschenseele kannte. Doch es wartete auch jede Menge Arbeit auf mich und ich war mir gar nicht mehr so sicher, ob ich den Anforderungen des Studiums auch gewachsen war.

Dein Vater hat dich nie gesehen.
Er hat auch nie etwas von deiner Existenz gewußt.
Du warst das Produkt einer Nacht, auf die ich nicht gerade stolz bin.
Dein Vater Kenshiro war ein Kommilitone von mir. Wir kannten uns vom Sehen, hatten ab und an ein paar Worte miteinander gewechselt, mehr nicht. Bis zu jenen Abend, als mich großes Heimweh plagte, außerdem hatte ich die Semesterarbeit in den Sand gesetzt, was meinen Weltschmerz komplett machte. Da mir nichts besseres einfiel, als mein Selbstmitleid in Sake zu ersĂ€ufen, nahm ich KenshiÂŽs Angebot zu einem kleinen Umtrunk an. Er schleifte mich in einen wirklich miesen Club, der diesen Namen nicht wirklich verdient hatte. Außer einer langen Theke, hinter der ein gelangweilter Barkeeper in Zeitlupentempo genauso miese Drinks mixte und einer alten Karaokemaschine gab es da nicht viel. Die wenigen GĂ€ste schauten einem dicklichen Mann in mittleren Jahren zu, der einen zerknitterten Anzug trug und gerade dabei war einen meiner Lieblingsschlager zu vergewaltigen, dass allein war schon ein Grund sofort mit dem Trinken anzufangen.
Kenshi und ich setzten uns an einen der Tische und bestellten eine Flasche Wein und einen Krug Sake. Eine tödliche Mischung, doch der Sake war meine Idee. Wir sprachen ĂŒber dieses und jenes. Über die Uni, gemeinsame Bekannten und mit der Zeit leerte sich die Weinflasche und auch der Sake blieb nicht einsam stehen. Kenshi hörte mir geduldig zu, wie ich ĂŒber mein UnglĂŒck in der PrĂŒfung jammerte. Er war wirklich lieb, nahm mich in den Arm und sagte: "Kopf hoch Yasumi, diese PrĂŒfung bedeutet nicht soviel und wenn du dem Professor ein bißchen was vorjammerst, vielleicht kannst du eine Extraarbeit abgeben und so deine Noten verbessern."
Ich kuschelte mich an ihn und ließ mich trösten, was eigentlich gar nicht meine Art war. Sonst machte ich meine Probleme immer mit mir selbst ab, aber vielleicht war es der Alkohol oder meine depressive Stimmung, oder beides zusammen. Ich kann es heute auch nicht mehr erklĂ€ren. Jedenfalls wirkte Kenshiro unwiderstehlich auf mich.
-Wo wir uns schon so nahe sind, warum nicht einen Schritt weiter gehen- dachte mein vermaledeites alkoholumnebeltes Hirn. Ich begann ihn zu kĂŒssen, was schon wenige Minuten spĂ€ter in einer wilden Knutscherei ausartete. Wir benahmen uns so sehr daneben, dass uns der Barkeeper aufforderte das Etablissement zu verlassen.
Draußen auf der Straße konnten wir immer noch nicht die Finger von einander lassen und als sich die berĂŒhmte Frage: "Zu dir oder zu mir?" stellte. Sagte Kenshi entschieden: "Zu mir."
Mir warÂŽs eh gleich. Hauptsache er hörte nicht auf mich zu kĂŒssen. So nahmen wir den Bus und landeten schließlich in seinem winzigen Zimmer, was eine selbst fĂŒr japanische VerhĂ€ltnisse Ă€ußerst spartanische Möbelierung aufwies. An der Wand lag ein Futon, in der Ecke am Fenster stand der wohl kleinste Kotatsu den ich je gesehen hatte. Auf den kleinen Tisch mußte wohl genau eine Tasse samt Teller passen. Eigentlich war es eher ein Hocker, dachte ich amĂŒsiert. Außerdem gab es noch einen Schrank und eine Kochplatte. Wie in jeder japanischen Einraumwohnung war auch dieses Zimmer mit den Habseeligkeiten seines Bewohners hoffnungslos vollgestopft. Es blieb nur ein Gang um sich an den BĂŒcher- und sonstigen Stapeln vorbei zu quetschen. Nebeneinander zu stehen war völlig unmöglich, doch das war uns beiden völlig gleich. Im Überschwang der GefĂŒhle stĂŒrmten wir sein Heim rissen einige der diversen Stapel um, bevor wir nicht gerade sanft auf dem Futon landeten. Es kam wie es kommen musste. Wir schliefen miteinander und dachten weder an VerhĂŒtung noch an sonstige Konsequenzen.
Leider kam der nĂ€chste Morgen recht schnell und ich wachte mit dem schlimmsten Kater aller Zeiten und einem höllischen BrummschĂ€del auf. Erst wußte ich gar nicht wo ich mich befand. Vorsichtig drehte ich mich um und sah den schlafenden Mann neben mir, den ich eigentlich kaum kannte. Dann dĂ€mmerten mir einige Bilder des gestrigen Abends herauf und die Erkenntnis traf mich wie ein Vorschlaghammer. Was hatte ich nur getan? Und da hatte ich mir immer eingebildet Alkohol zu vertragen. Das war mir echt noch nie passiert. Ich hĂ€tte im Boden versinken können vor Scham.
Rasch raffte ich meine Sachen zusammen und zog mich an. Schnappte meine Tasche und schlich wie ein begossener Pudel nach Hause.
Nun hĂ€tte ich die ganze Sache ad akta und unter: Fehler die man nie mehr wiederholt, abheften können, was mir jedoch nicht vergönnt sein sollte. Sechs Wochen gelang es mir Kenshi aus dem Weg zu gehen und nicht weiter ĂŒber die ganze Angelegenheit nachdenken zu mĂŒssen. Fast glaubte ich schon noch einmal davon gekommen zu sein, da merkte ich wie meine Regel ausblieb. Ich machte einen Test und ging zum Arzt, danach wußte ich es mit Gewißheit.
Ich erzĂ€hlte niemandem von der Schwangerschaft. Ich schĂ€mte mich so fĂŒr meine Dummheit, die ich mir allein selbst zuzuschreiben hatte. Wie hĂ€tte ich meinen Eltern unter die Augen treten können und ihnen den ganzen Schlamassel schildern sollen?
So tat ich die erste Zeit ĂŒberhaupt nichts, ignorierte die Übelkeit und wie mein Bauch langsam dicker wurde. Mit der Zeit war aber auch das nicht mehr möglich, denn eines Morgens spĂŒrte ich deine erste Bewegung. Leis und zart, kaum spĂŒrbar und doch vorhanden wie der FlĂŒgelschlag eines Schmetterlings. Da wurde mir das erste Mal deine Anwesenheit bewußt und ich begann dich zu lieben, wie noch nie ein Wesen zuvor in meinem Leben.
Bis dahin hatte ich alle Probleme und Widrigkeiten in meinem Leben verdrĂ€ngt. Nun begann ich PlĂ€ne zu machen. Beantragte sogar die staatliche UnterstĂŒtzung fĂŒr ledige MĂŒtter und kaufte ein Kinderbettchen. Warum ich keinem von dir erzĂ€hlte, kann ich bis heute noch nicht sagen. Vielleicht war es ja eine Art Vorahnung, vielleicht wollte ich dich auch als mein ureigenstes Geheimnis bewaren.
Eins war sicher, irgendwann mußte ich mit der Wahrheit herausrĂŒcken, doch noch warst du mein. Ein Teil meiner Selbst.
Bis zu jenem unseeligem Abend an dem ich mit einem Mal schreckliche Schmerzen bekam. Zitternd wÀhlte ich den Notruf, wÀhrend mir das Wasser die Beine herunter rann. War das etwa die Fruchtblase?
Die Ambulance traf noch rechtzeitig ein. Mein Gott, wie eilig du es hattest. Im Krankenhaus ging dann alles ganz schnell. Du wurdest kurz vor 21 Uhr geboren und warst das kleinste BĂŒndel Mensch, dass ich je gesehen hatte. Und wie du schon von Anfang an kĂ€mpftest, schriest und versuchtest zu atmen. Der einzige Gedanke den ich fassen konnte war: "Alles meine Schuld! Ich hatte nicht gut genug fĂŒr dich gesorgt. Nicht richtig gegessen und geschlafen, mir nicht genug Ruhe gegönnt und nun mußtest du unter meiner NachlĂ€ĂŸigkeit leiden."
Der Arzt sagte leise: "Geben Sie ihr bald einen Namen, denn sie wird vielleicht nicht durchkommen." Da brach ich in TrÀnen aus.
Man brachte dich auf die Intensivstation fĂŒr FrĂŒhgeburten, wo man dich in einen dieser BrutkĂ€sten legte. Mich verfrachtete man in ein Einzelzimmer, damit sich die verheirateten "normalen" MĂŒtter nicht an meinem Anblick stören mussten, denn ich weinte unablĂ€ssig.
An Schlaf war in der folgenden Nacht nicht zu denken und noch wagte ich es nicht zu dir zu gehen. Leise zog ich mich an und schlich mich aus dem Hospital. Es lag im Asakusa-Bezirk und der große Tempel war nicht weit. Ich lebte nun schon seit 1 Jahr in Tokio, war aber noch nie hier gewesen. Der Tempelbetrieb war um diese Uhrzeit bereits geschlossen, doch die TĂŒr zur Eingangshalle stand noch offen. Einige Priester waren gerade dabei die Kerzen zu löschen. AndĂ€chtig stand ich zwischen den großen SĂ€ulen und versank in den Anblick des berĂŒhmten DeckengemĂ€ldes. Es war der goldene Drache, der vom Himmel herab stieg, um den Menschen GlĂŒck und StĂ€rke zu geben. So berichtete die Legende, sei es vor Jahrhunderten an diesen Ort geschehen. Mit einem Mal wußte ich auch wer du warst.
Ryuko, das Drachenkind. Gekommen um seiner Mutter die StÀrke zu bringen.
Nichts, außer dir spielte in dieser Nacht eine Rolle fĂŒr mich. Ich ging zurĂŒck, um dich zu sehen.
Du warst so klein und zerbrechlich. Die Krankenschwester schĂŒttelte mit dem Kopf, als ich ihr deinen Namen nannte und murmelte nur: "Das arme Kind.", aber sie kannte dich ja auch nicht.
2 Tage waren wir zusammen, 2 Tage die mir wie Jahre vorkamen. Du warst tapfer und ĂŒberstandest einen Herzstillstand, doch du warst zu klein und ich sah wie du dich quĂ€ltest. Das Herz drohte mir zu zerspringen und wie sehr ich mir auch wĂŒnschte du wĂŒrdest bei mir bleiben, sah ich auch das es dir unmöglich war.
"Meine Ryuko...," flĂŒsterte ich in der dritten Nacht. "Wenn du nicht mehr kannst, dann schlaf einfach ein. Es ist schon ok. Du brauchst nicht meinetwegen zu bleiben, ich liebe dich viel zu sehr, als das ich zulassen wĂŒrde, dass du dich so quĂ€lst."
Du sahst mich mit deinen kleinen braunen Augen an, als ob du jedes Wort verstĂŒndest. Dieser Überzeugung bin ich immer noch, denn am nĂ€chsten Morgen war mein kleiner Engel tot.

Die Welt stand still seit diesem Tag. Wie in Trance erledigte ich alle weiteren Angelegenheiten. Die Bestattung und die Grabstelle waren teuer, doch ich wollte das du in Asakusa beerdigt wurdest. Nahe bei dem Goldenen Drachen.
Das Kinderbettchen und die Babysachen verkaufte ich, es war fast als hÀtte es dich nie gegeben. WÀre da nicht dieses winzige Grab mit deinem Namen gewesen: - Shimada Ryuko-

Du hast mich vieles gelehrt, mein Drachenkind. In erster Linie das Liebe und Verantwortung keine bloßen WorthĂŒlsen sind
Ich habe nur ein verschwommenes Polaroidfoto von dir, doch nun ist es an der Zeit nach Hause zu fahren und meinen Eltern von ihrer Enkelin zu erzĂ€hlen. Danach werde ich Kenshiro besuchen, um ihm zu sagen was fĂŒr eine wundervolle Tochter er hatte.
Die Zeit des Davonlaufens ist endgĂŒltig vorbei. Ich werde mein Studium beenden und etwas aus mir machen.
Wenn der Schmerz vergangen ist, vielleicht werde ich dann eines Tages deinem Bruder oder deiner Schwester eine bessere Mutter sein.



Jap. ErklÀrung:

Kotatsu: Kleiner japanischer Tisch, der im Winter mit einer unter der Platte installierten Infrarotlampe und einer Steppdecke bis zum Boden warme Beine und FĂŒsse garantiert.





Version vom 06. 09. 2011 19:56

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