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Leselupe.de > Erzählungen
Sándors Spiel
Eingestellt am 01. 10. 2013 14:01


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Val Sidal
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„Sándor“ ist ein ungarischer Name. Übersetzt: Alexander. Damit die Geschichte „richtig“ klingt, sollte „Sándor“ stets „Schaandor“ ausgesprochen werden.


       Gut. Ein richtiges Endspiel also. Irgendwann musste es so kommen. Aus dem Prickeln, ohne welches Spielen seine Bedeutung verliert, versuchte er das Ungute zu verscheuchen: ein dumpfes, lähmendes Gefühl, das seine Begeisterung dämpfte.

       „Ich verstehe das nicht!“, sagte er, ohne seine Frau anzusehen.

       Irmgard antwortete nicht. Zumindest nicht hörbar. In den langen Jahren ihrer Ehe hatte sie sich abgewöhnt, den leidenschaftlichen Redeschwall-Attacken ihres Mannes Wörter, Sätze entgegen zu setzen. Sie ließ sich mitreißen, sog seine Leidenschaft und Euphorie auf und tankte die Energie, die Sándor lawinenartig verströmte. Sie verbrauchte sie hingerissen. Davon lebte sie. Kränkelnd.

       „Ich dachte, wenn es soweit ist, würde ich vor Freude platzen, und jetzt, an einem absoluten Glückstag ...“

       Sie lagen nackt nebeneinander im Bett und es war Freitag, der Dreizehnte – mein Glückstag, hatte er immer getönt.
       Sein Mittelfinger bewegte sich langsam zwischen Irmgards großen Schamlippen, wie fast jeden Tag. Aber ihr war die Veränderung schon länger aufgefallen: sie fühlte den Finger, oh ja, überdeutlich, aber sie spürte die Ladung nicht mehr, die jeden Augenblick droht, entfesselt zu werden. Sie vermisste Sándors Anspannung, sein inneres Ringen zwischen Zärtlichkeit und Gewalt, hin- und hergerissen zwischen Liebe und Lust.

       Früher wurde Irmgard dabei nie von Gedanken gestört. Sie ließ ihren Bauch entscheiden und ihr Becken antworten. Sándors Finger wanderte an der richtigen Stelle, wirkte aber leblos, verletzend, wie ein gehauener Keil, der in einen Spalt treibt und ihn vergrößert. Er ließ im geilen Spiel Irmgard nicht näher kommen – sie gar nicht kommen. Sie fühlte sich durch den Finger gestoßen, getrennt – sich entfernend. Ein kaltes Wort tauchte in ihrem Kopf auf und vernichtete jede Erregung: FREMD.

       „Sándor, ich habe Angst“, flüsterte sie, schob die Hand ihres Mannes zur Seite, umarmte und drückte ihn fest an ihre Brust.
       Ich auch, hätte Sándor gesagt, wenn er den Gedanken zugelassen hätte. Aber er wollte sich wirklich auf das Spiel freuen.

       Kalt-nasse Böen der Winde des Bergischen Landes rüttelten am Fenster, sogen es mächtig an. Mit einem heftigen Knall schloss es sich plötzlich für einige Sekunden, und es trat eine unheimliche Stille ein. Dann fiel es aber wieder in seine gekippte Lage zurück und ließ das Rauschen und Rumpeln des Sturms wieder ins Schlafzimmer strömen. Sándor zuckte zusammen, starrte auf die schräge Scheibe, als hätte er einen Geist gesehen: „Hast du ihn auch bemerkt?“, flüsterte er.
       Irmgard spürte, wie sich seine Haut zusammenzog und dabei rau, hart und fremdartig wirkte. Das ist er nicht, schoss ihr durch den Kopf. Das ist nicht mein Sándor! Sie wagte es aber nicht, den Kopf zu schütteln.


       Alles oder nichts! Und der Gegner soll in Scham und Schande winselnd, nach Gnade flehend, seine totale Niederlage eingestehen und sich fügen müssen, bis sein Wert vernichtet, seine Selbstachtung getilgt – sein Selbst zerstört wurde. So spielte er das Spiel. Sándor wollte bis zum Schluss zusehen, den Verlierer beobachten, wenn er strauchelt, zu fallen droht, ihn begleiten, ihm sogar beistehen, um dann, im Augenblick des Untergangs ... – er genoss diesen entwürdigt gesenkten Blick, die gebeugte Haltung, die gebrochene Stimme und tiefe, blanke Angst; die Erniedrigung und Demütigung des Gegenspielers – für Sándor: Augenblicke der Verzückung. Ich bin kein schlechter Mensch, ließ er seine Opfer immer wissen, nur ein Gewinnertyp.


       Eigentlich wollte Sándor die verhasste Stadt nie mehr sehen. Aber die Gelegenheit, die sich in den zwanzig Jahren seines zweiten Lebens im freien, goldenen Westen noch nie geboten hatte, konnte er nicht auslassen: Ein letztes Mal setzen, um dann nie mehr spielen zu müssen.

       Während einer gediegenen Pokerrunde mit Freunden las er die Einladung. Ein Email. Mit einem Blick hatte er den Inhalt erfasst.

       Eine Kleinigkeit, etwas Unscheinbares, hatte ihn dabei irritiert, und, als würde etwas in der Innentasche seines Jacketts seine Brust drücken, musste er den Atem kurz anhalten, streckte aber sogleich die Beine, lockerte die Schultern. Es hatte sich angefühlt, wie ein winziger Krampf oder Seitenstich. Mit einem kräftigen Gähnen hatte er sich genug Sauerstoff verschafft, um sich wieder auf sein Blatt konzentrieren zu können.

       Während des Spiels hatte er die Stelle manchmal unbewusst mit dem Daumen berührt, sogar leicht gerieben. Eine Geste, die seine Kumpel wahrscheinlich für einen Trick, eine Ablenkung gehalten haben – man traute ihm allerhand zu. Der leichte Druck blieb, ohne ihm den gewinnträchtigen Poker-Abend zu verderben.

       Spät in der Nacht, kurz vorm Einschlafen, begann die Stelle an der Rippe zu vibrieren und zu zucken und wuchs sich zu einer unerträglichen Qual aus, bis ihm plötzlich klar wurde, was an dem Email faul war: die Nachricht hatte keinen Absender – und schon verschwand der Schmerz, als hätte es ihn nie gegeben.

       Das Datum 13. Mai 1994 stand in der Nachricht, aber der Kopfteil war weiß – kein blabla@irgendwie.irgendwas. Geht das überhaupt, fragte er sich.

       Er schlief im Bewusstsein ein, dass es lohnen wird, tausend Kilometer in die Stadt seiner vergrabenen Vergangenheit zu fahren.


       Es ist falsch nach Wien zu fahren, dachte Irmgard, wusste aber: wenn Sándors Entschluss feststand, dann war jeder Versuch, ihn davon abzubringen, vergebens. Einen Tag lang Poker spielen, bei Höchsteinsätzen von einer Million EURO – die Höchsten in der Geschichte des Pokerspiels. Sie wusste – so viel verstand sie vom Beruf ihres Mannes –, wenn Sándor verliert, dann sind sie pleite.
       Aber Sándor hat noch nie verloren.

       Während Sándor noch schlief, hatte sie im Internet nachgelesen:
„In der Pokerwelt ist Lee Bandy so etwas wie eine Legende. In den Jahren 1991 bis 1993 trat er allein gegen eine Gruppe der weltbesten Pokerprofis, die sich das „Syndikat" nannte, in der offiziell höchsten Pokerpartie aller Zeiten an. Zwischen dem 12. und 15. Februar 1993 nahm Bandy dem Syndikat seine gesamten Reserven ab. 13,6 Mio. Dollar gewann Bandy in einer Partie, in der die Blinds auf $50.000/$100.000 gestiegen waren.“


       Jetzt hat Bandy, gemeinsam mit dem Syndikat, Sándor herausgefordert. Bandy und das Syndikat – dieses Spiel fühlt sich nicht richtig an, dachte sie und schaltete die Kaffeemaschine ein. Nachdenklich verfolgte sie den schrottreifen Transporter des holländischen Schrotthändlers durch das Fenster. Aus dem über der Fahrerkabine montierten Außenlautsprecher tönte es: „Muss i denn, muss i denn, zum Städtele hinaus ...“

       Während sie schweigend frühstückten, sammelte Irmgard ihre ganze Kraft, um etwas zu tun, was sie noch nie versucht hatte: ihren Mann von einem Pokerspiel abzuhalten.
       Als Sándor die leere Tasse von sich schob und im Begriff war aufzustehen, stellte sich Irmgard vor ihn und flüsterte: „Bitte, überlege es dir nochmal“, flehte sie, „es ist zu früh für dein letztes Spiel. Du bist doch frei und reich, uns geht es gut ...“

       Sándor blickte durch sie hindurch, drückte seine Frau und verabschiedete sich mit einem flüchtigen Kuss. Irmgard wusste: Das Spiel hatte bereits begonnen. Ein Zurück gab es jetzt nicht mehr.
       Sie winkte ihm nach, als sein Wagen um die Ecke bog und hob sich die Tränen für später auf.

*

       Giftspritzer, sagte sich Sándor nach knapp zehn Stunden Fahrt; seine gereizten Schleimhäute ließen ihn kräftig niesen. Bald würde Wiens Lichterkulisse am Horizont auftauchen – noch zwanzig, dreißig Kilometer zu fahren. Er schaltete das Navi ein.
       Da hat wohl ein Körndlbauer seinen Acker in der Abenddämmerung noch heimlich besprüht, murmelte er, schaltete die Klimaanlage aus und rieb sich mit dem Handrücken seine brennenden Augen.

       Während er über den Filter der Klimaanlage seines Sportwagens nachdachte, erschienen die Lichtpunkte, wie gerade angeknipst. Waren es wirklich drei, oder spielte ihm die überreizte Netzhaut einen Streich, fragte er sich.
       Die Hitze war unerträglich geworden, scharfer Schweiß überzog seine Stirn und griff seine Augen an. Er schaltete hastig die Klimaanlage wieder ein.
       Seine Annahme, die Lichter kämen von den Scheinwerfern eines sich nähernden Fahrzeugs auf der Gegenfahrbahn, wurde in wenigen Sekunden widerlegt: wie superstarke Fernlichter, erstrahlten sie feuerwerkartig und blendeten ihn, kaum zweihundert Meter entfernt – in seiner Spur. Reflexartig trat er das Bremspedal durch und brüllte: „Geisterfahrer!“
       Zwar blieb sein Manöver ohne Wirkung, sein Tacho zeigte immer noch die Geschwindigkeit an, die auf jeder österreichischen Autobahn zum Entzug der Fahrerlaubnis führen würde. Doch als hätte der Falschfahrer plötzlich den Rückwärtsgang eingelegt, blieb der Abstand unverändert.
       Sándor verriss das Lenkrad und wechselte die Spur, um dem Zusammenstoß auszuweichen.
       Seine Finger ritzten blaue Blutergüsse in die Hände, seine Zunge krampfte unter dem Druck des Kinnmuskels und seine Knie zitterten. Ein Rinnsal seines kalten Schweißes fand den Weg von der Stirn ins linke Auge und steigerte seine Qualen ins Unerträgliche.

       Als er gerade im Begriff war, erneut die Spur zu wechseln, schossen die Lichter mit einem gewaltigen Satz auf ihn zu. Die rasante Annäherung bewirkte nicht, dass sie größer erschienen; aber ihre Strahlen drangen, laserartig gebündelt und genau auf die Netzhaut gerichtet, wie Pfeile in sein Gehirn. So geblendet, konnte Sándor hinter den Lichtern kein Fahrzeug erkennen. Von der Gewissheit überwältigt, dem Zusammenstoß nicht mehr ausweichen zu können, schloss er die Augen, duckte sich, zog seine Schultern hoch und schrie: „Scheiße!“

       Die Lichter und das, was hinter den Strahlen nun auf die Windschutzscheibe prallte, erschütterten Sándors Wagen nur leicht. Wie die eisigen Wellen eines rasenden Bergbaches, umspülten sie Sándors Gesicht, Brust und Schulterblätter, um hinter seinem Wagen in einem wilden Strudel geisterhaft zu verschwinden.
       Er öffnete die Augen. „Gott! Was war das?" Es schüttelte ihn am ganzen schweißgebadeten Körper. Der wellenartige Strom, dessen Kraft nur allmählich abnahm, ließ ihn erschaudern. Dann ging ihm plötzlich ein Licht auf. Er hätte jubeln können.
       „Okay, so wollt ihr das also spielen", raunte er gerade, als die wirbelnden Blaulichter im Rückspiegel auftauchten.

       Der Himmel, obwohl wolkenfrei, blieb nach den Lichterscheinungen am östlichen Firmament stockdunkel und ließ keinen einzigen Stern erkennen. Als hätte jemand auf einen Schalter gedrückt, verschwanden nun auch die Lichter von Wien. Wie bei einem kapitalen Stromausfall, versank die Welt in der Nacht.

       Im Rückspiegel beobachtete er jetzt eine rötlich gefärbte Scheibe am westlichen Horizont, die den Platz der untergegangenen Sonne eingenommen hatte. Sie zappelte unruhig, wie ein Luftballon, der durch turbulente Winde der Thermik hin- und hergetrieben wird, sodass die feuchte Hand nur mühsam ...

       Noch bevor seine innere Stimme, den Gedanken, der aus den Tiefen seines Wesens ihm ins Bewusstsein raste, zu Ende sprechen konnte, schienen die Kräfte, deren Wirkung die Bewegung der Scheibe kontrollierten, ihn zu verstehen.

       „Wow!" – rief Sándor aus. „Sie gehorchen mir! Dass ist es! Sie führen meinen Willen aus!" Er musste schallend lachen. Das helle Licht im Westen strahlte nun für jedermann sichtbar ruhig und anziehend.

       Jetzt schien alles wieder klar zu sein. Jetzt kam seine Welt wieder ins Lot: Ich habe den Geisterfahrer pulverisiert! Mit der Macht meiner Gedanken habe ich die Materie in reine Lichtenergie verwandelt! Ob ich Angst hatte? Hallo! Wer hätte dabei keine Angst? Aber ein Sieger versteht es, seine Angst zu kontrollieren! Sie zu nutzen! Sie ins Spiel zu bringen, einzusetzen! Das macht den Unterschied zwischen den Losern und mir aus – triumphierte Sándor! Ein Sieger hat ein Herz aus Eis, kalt und hart. Sein Herz füllte seine Brust aus.

       „So wollt ihr also das Spiel spielen, Arschlöcher? Gerne! Eure Waffen sind meine Munition!"

       Der Streifenwagen der Polizei hatte ihn gerade eingeholt und fuhr mit gleicher Geschwindigkeit neben ihm, als Sándor, befreit durchatmend, sein Hemd hastig öffnete, so heftig, dass dabei zwei abgerissene Knöpfe gegen die Windschutzscheibe schossen.

       Durch das offene Beifahrerfenster des Polizeifahrzeugs winkte eine rot leuchtende Kelle gegen den Fahrtwind, ihm das Anhalten gebietend.
       Sándor verlangsamte seine Fahrt und lenkte den Wagen auf den Standstreifen, ließ ihn ausrollen. Die Polizei hielt mit grell glühenden Bremsleuchten vor ihm. Er ließ das Fenster auf der Fahrerseite herunterfahren. Weil die Klimaanlage anscheinend den Geist aufgegeben hatte, sah er sich gezwungen, auch das Schiebedach zu öffnen. Ein fürchterlicher Gullygestank flutete den Innenraum.
       Mit weißen Leuchten zeigte das Polizeifahrzeug an, dass der Rückwärtsgang eingelegt wurde – es rührte sich aber keinen Meter, als wären sich die Insassen ob des Vorgehens uneins. Das Blaulicht rotierte still weiter, obwohl auf der Autobahn seit langem kein Fahrzeug mehr zu sehen war – bis auf den Geisterfahrer.
       „Ich helfe euch“, sagte Sándor halblaut. Er spannte seinen Brustkorb an und schloss die Augen. Vor seinem inneren Auge erkannte er bald die Umrisse des Polizeifahrzeugs, das fliegende blaue Licht. Er spannte alle Muskeln und ballte die Faust. Dann schoss er mit einem extremen Schrei die ganze Luft aus der Brust, um mit dem nächsten Atemzug das Polizeifahrzeug anzusaugen. Er beobachtete genüsslich, wie es herangezogen wurde, als hinge es an einem Abschleppseil. „Widerstand ist zwecklos!“, brüllte Sándor und öffnete langsam die Augen: der Polizeiwagen stand nun dicht vor seiner Motorhaube.

       Auf der Beifahrerseite flog die Tür auf, und ein Polizist stieg umständlich aus. Eine Polizistin. Sándor lachte: als wäre das blonde Mädel im Stall gerade vom Melken einer Kuh vom Schammerl aufgestanden, in die Uniform geschlüpft, um ihn, Sándor, vor den Toren Wiens anzuhalten.

„Das ist nicht wahr! So wollt ihr mich stoppen? Ist das der Plan? Idioten! Was glaubt ihr, mit wem ihr euch angelegt habt? Glaubt ihr, dass ich es nicht merken würde? Kein Absender in dem Email!?! Amateure! Ab da war doch klar: Ihr hattet das Spiel längst eröffnet!“
       Er fühlte seine grenzenlose, neu entdeckte Macht und verzichtete darauf, die Polizistin zu vernichten. „Wenn ich will, kann ich es immer noch tun – jederzeit!“ Er zündete sich eine Zigarette an.

       Der Aufforderung, seine Papiere zu zeigen, kam er ohne ein Wort nach: mit der Zigarette im Mundwinkel, überreichte er grinsend den Ausweis und den Führerschein, streckte die Beine und lehnte sich tief in den Ledersitz. Dem Gestank von Gülle mischte sich eine Ekel erregende Parfümwolke bei: modriger Moschus mit dem süßlichen Hauch der Verwesung. So stanken Hundekadaver nach zwei, drei Tagen, in der glühenden Sommersonne der endlosen Ebene, überfahren auf Landstraßen seiner Heimat. Vor Ekel weigerte er sich zu atmen.

       Ob er etwas getrunken hatte, wollte die Polizistin wissen, währenddessen auf der Fahrerseite des Polizeiwagens eine hagere Gestalt mit korrekt geschnittenem Kinnbart ausstieg. Im Lichtkegel ihrer Taschenlampe schien die blonde Dorfschönheit den amtlichen Text auswendig lernen zu wollen. Der Bärtige blieb paar Meter entfernt stehen und blendete Sándor mit seinem Strahler. Nichts rührte sich. Als wäre die Welt schock-vereist, erstarrte alles um Sándor herum. Minutenlang – zumindest hatte er das Gefühl.

       „Idiot!“, fauchte Sándor und seine Nase begann unerträglich zu jucken. „Werde ich hier vergiftet?“

       Der Graue begann zu lächeln und Sándor rieb sich die Nase fast wund.
       Die Blondine drehte sich zu ihrem Kollegen: „Er ist es! Er ist es wirklich!“

       Jetzt strahlte der Hagere und kam näher, entriss dem Mädel die Papiere und reichte sie grinsend Sándor – dabei steckte er den Kopf durch das offene Fenster tief in den Wagen. Seine Stimme klang wie ein Megaphon – laut, metallisch und fremdartig, als er fragte: „Was ist mit Ihnen los, Sándor? Sind Sie lebensmüde?“
       Die funkelnden Augen des Polizisten kamen Sándor bekannt vor, er war aber nicht in der Lage, irgendeine hilfreiche Erinnerung zu finden.

       „Was? Wie …? Ihr habt doch den Geisterfahrer auch … Warum verfolgt ihr nicht den? Der hätte mich beinahe abgeschossen! Wenn ich nicht im letzten Augenblick …“ Er unterbrach sich. Von seiner Aktion, von seinen Kräften sollten diese Komiker unter keinen Umständen etwas erfahren.
       Die Blondine lächelte beschwichtigend und blickte dabei zu seinem Kollegen: „Ach das ist nur der alte Ford …“
       Jetzt lachten beide lauthals.

„Keine Sorge Sándor, der tut niemandem was! Alle Jubeljahre geistert er hier herum. Aber nie länger als paar hundert Meter. Bei der nächsten Ausfahrt ist er weg. Oder noch eher …“

       „Ford“ – sagte, Sándor und wiederholte mechanisch: „Ford?!“

       Die Polizistin taxierte Sándors nassgeschwitzte Brust und lächelte dabei herausfordernd. Als Sándor sein Hemd aufgeknöpft hatte, zog er es unabsichtlich aus der Hose: ein Zipfel hing über dem geöffneten Reißverschluss seiner Hose. Die Blondine schien sich dafür sehr zu interessieren. Unmissverständlich.

       „Mann, Sándor! Sie sind übermüdet. Fahren einen Zickzackkurs, beschleunigen Formel Eins-mäßig, dann bleiben sie fast stehen … Mensch, sind Sie besoffen? Was ist mit Ihnen los? Haben Sie Drogen genommen?“
       Eine Fliege landete auf Sándors Nase. Mit einem wütenden Schlag versuchte Sándor sie zu verscheuchen, aber das Insekt suchte sich immer neue Stellen auf seiner Haut, auf dem Gesicht, auf der Brust – sogar in den Haaren.
       „Tja, Sándor“, sagte der Bärtige süffisant, „die Viecher mögen Mist …“

       Ich weiß wer ihr seid, wollte Sándor sagen, aber ein Wort hatte sein Sprachzentrum festgesetzt. Es blockierte seinen Verstand vollständig, kreiste bedrohlich über seinem Gedächtnis und dem Unterbewusstsein, eine Andockstelle suchend: Ford.

       „Also, es ist so: Sie sind nicht mehr fahrtüchtig! Weil Sie Sándor sind, DER Sándor, wollen wir mal kulant sein – wenn sie vernünftig sind ...“

       „Was heißt vernünftig? Wieso kulant?“, Sándor fand seine Sprache wieder: das Wort war gelandet, die Erinnerung – das Bild vor den Augen –, als wäre es gestern geschehen. Und der hagere Polizist war Teil des Bildes: zwanzig Jahre jünger, damals in Wien, ohne Bart und ohne Amt – ein Flüchtling, wie Sándor selbst.

       „Warum starren Sie auf ihren Schritt?“

       Ertappt wendete Sándor den Blick vom dunklen Fleck auf dem Hosenbein der Polizistin ab. Der besudelte, spröde Stoff der Uniform verdeckte die jungfräulich helle Haut ihrer Oberschenkel. Sándor schloss die Augen, wie damals, als er Zeuge der Schande wurde.

       „Sie wissen doch, dass es keine Pisse ist!“, brüllte der Polizist und versetzte mit der Kante seiner offenen Hand Sándors Stirn einen heftigen Schlag, als wollte er den Strom der vergangenen Zeit in Sándors Erinnerung beschleunigen. Nötig war es nicht. Sándor hatte bereits alles vor den Augen: die im Mondschein glitzernde, nasse Haut des Mädchens beim Nacktbaden im kleinen See bei Traiskirchen. Wie konnte ich es die ganze Zeit vergessen? Dann lag das Mädchen plötzlich mit gespreizten Beinen auf dem Rücken, und Sándor hörte sie verzweifelt schreien – sein Innenohr drohte zu platzen, und er war jetzt im Bilde.

       „Es ist Blut, Sándor! Marie blutet jeden Tag und jede Stunde – blutet und blutet und blutet ... Jede Minute erinnert sie mich an Sie!“

       „Du Schwein! Ich war das nicht! Das weißt du, du sadistisches Arschloch!“

       „Aber Sie waren dabei Sándor – Sie waren dort! Und Sie haben nichts getan! Sie haben es genossen und es hat Sie aufgegeilt – das ist die Wahrheit! Sie haben es gewollt, aber sich nicht getraut!“

       „Ihr werdet mich nicht aufhalten!“, brüllte Sándor. Ihm war nun endgültig klar geworden, wie ernst es der Gegner meint, welchen Aufwand er für seinen Psychokrieg bereit war zu betreiben. Sein Magen verknotete sich und sein Gehirn arbeitete wieder auf Hochtouren.
       Das Maul des Polizisten glich einer schwarzen Kloake, aus dem jetzt auch der Gestank von faulen Eiern und Eiter heraus strömte. Immer neue Fliegen surrten und schwirrten durch das Fenster – oder kamen sie aus seinem Schlund? Jetzt erinnerte sich Sándor plötzlich an den Namen des Polizisten: Marian, ein gesuchter Mörder, der damals vor der Verfolgung über die Grenze nach Maribor geflüchtet war.
       „Wie haben sie dich aufgetrieben?“, stöhnte Sándor, während er die Fliegen zu erschlagen suchte. „Du wolltest doch nach Südafrika …!“

       „Wer soll mich aufgetrieben haben?“, Marian verzog ein gespielt staunendes Gesicht, blickte dabei die zwischen den Beinen blutende Polizistin an – auf dem Boden unter ihr hatte sich schon eine beachtliche Pfütze gebildet, die ganze Fliegen- und Mückenschwärme anzuziehen schien.

       „Das Syndikat! Bandy! Ich weiß Bescheid!“ – Sándors Stimme brach krächzend aus seiner klammen Brust.

       Marians Miene verfinsterte sich. Wie ein Strip-Tänzer öffnete er bedächtig sein Jackett, schien jeden Knopf einzeln begutachten zu wollen. Dann öffnete er sein Hemd.
       „Hier, du Arschloch! Das Syndikat! Janacek, dieser durchgeknallte Tscheche war es!“, er zeigte dabei auf die klaffende Wunde unterhalb des Kreuzbeins, „Ein schlechter Verlierer! Nachdem ich ihn zehnmal hintereinander am Kicker geschlagen hatte, zog er einfach ein Messer – und vorbei war es mit Südafrika!“

       Zu den Fliegen gesellten sich jetzt auch Mücken, zerstachen Sándors Hals, Brust und verunstalteten sein Gesicht. Wie betäubt, spürte er keinen Schmerz. Nur ein schwaches Prickeln, als würde die Haut – mit Salzwasser überzogen – im gleißenden Sonnenschein allmählich trocknen und sich zusammen ziehen. Ein Gedanke lähmte seinen Verstand: Marian und sein Ford. Jetzt erinnerte er sich, dass ihn Marian damals mit seinem klapprigen Ford nach Traiskirchen, zwanzig Kilometer westlich von Wien, ins Flüchtlingslager gebracht hatte – seine Rettung.

       Sie waren sich am Wiener Westbahnhof zufällig begegnet. Marian aß gerade ein Wienerl im Stehimbiss und unterhielt sich mit jemandem auf Ungarisch. Sándor hatte sich vom Güterbahnhof zur Bahnhofshalle halb verhungert durchgeschlagen und wusste nicht, wie es weiter gehen sollte, was er nach der gelungenen Flucht, mit seiner neu gewonnenen Freiheit anfangen sollte. Als er Marian sprechen hörte, war es, als hätte die Vorsehung seine Verzweiflung beenden wollen und ihm einen Schutzengel geschickt – Marian war die Rettung: er sprach seine Muttersprache.

       Er hatte zwar Polizisten eines Streifenwagens, der vor dem Bahnhof parkte, in gebrochenem Englisch angesprochen, ihnen eindringlich Emigrant, Emigrant, und German Consul gesagt, sie angefleht, und mit den über Kreuz gelegten Unterarmen signalisiert, dass er verhaftet werden möchte. Doch die lachten nur und sprachen Dinge, die er nicht verstand, bis sie ihn schließlich mit eindeutigen Gesten davon jagten. Den nachgeworfenen Satz, den hatte er wohl verstanden: „Wir sind kein Taxi! Nimm die Straßenbahn!"

       Marie zog etwas aus ihrer Hosentasche und reichte es Marian.
       Ohne sich zu drehen oder den Kopf aus dem Fenster zu ziehen, griff Marian danach und beschnupperte es. Seine Augen funkelten im Glanz seines Wahns.
       „Sind zwanzig nicht zu wenig?“, heuchelte Marie.
       Marian verzog das Gesicht: „Wenn man alles verloren hat, dann sind zwanzig Schillinge mehr als nichts – oder?“
       Auf dem Schein klebte noch das Blut aus ihrem Unterleib.
       „Soviel hatte ich ihm auch damals geliehen – und ich hatte selber kaum Geld. Stand jede Nacht um drei auf dem Marktplatz von Traiskirchen und hoffte, von den Schweinen, die tageweise Schwarzarbeiter suchten, mitgenommen zu werden. Glaubst du er hätte es mir jemals gedankt? Was tat er, als er seinen Fremdenpass bekommen hatte? Ohne ein Wort verpisste er sich aus dem Lager! Hatte sich klammheimlich aus dem Staub gemacht!“

       Sándor war nicht mehr in der Lage seine Muskeln zu beherrschen. Er wibberte und zitterte am ganzen Körper. Seine Zähne klapperten unkontrolliert, während sein Kinn durch heftige Krampfschübe fast aus den Gelenken sprang.

       „Keine Angst, Sándor, ich verrate dir jetzt mal was – ein Insider-Tipp, sozusagen. Weißt du was der Tod ist? Ich meine – wozu er gut ist? Er ist das Ende des Sterbens, verstehst du? Möchtest du ewig sterben, Sándor? Hast du noch nicht genug davon?“

       Mit einem markerschütternden Schrei gab Sándor die aufgestaute Energie frei, im selben Moment das Gaspedal bis zum Anschlag durchtretend. Sein Porsche machte mit quietschenden und qualmenden Reifen einen Satz, in dessen Folge, Marian, dem keine Zeit geblieben war, sich aus dem Fenster zu ziehen, enthauptet umfiel, und sein stinkender Kopf mit dem Restschwung der Anfahrt auf die Fahrbahn rollte.

       Einige hundert Meter weiter folgte Sándor dem Schild, das die Ausfahrt nach Baden anzeigte. Mit einem schnellen Blick in den Rückspiegel wollte er sich noch vergewissern, dass er den Albtraum abgehängt hatte. Doch hinter ihm war nichts zu sehen. Kein Polizeiwagen. Kein Blaulicht. Keine Spur von Marie und Marian. Die Autobahn war leer und versank in der Dunkelheit Niederösterreichs, wie in jeder normalen Samstagnacht.

       „So leicht kriegt ihr mich nicht!“, brüllte er durch das offene Fenster, und hatte Mühe, in der scharfen Kurve die Spur zu halten. „Bandy! Ich mach euch fertig! Ihr werdet sterben, bis ans Ende der Zeit!“

       Sándor musste sich fast übergeben und wäre am liebsten stehen geblieben.

       Auf dem Rückspiegel hatten Fliegen Platz genommen. Tausende schwirrten um seinen Kopf herum, landeten schließlich auf der Windschutzscheibe und nahmen ihm die Sicht auf die Straße. Reflexartig schaltete er den Scheibenwischer, und trotz seiner misslichen Lage musste er schmunzeln, als ihm klar wurde, dass der Fliegenteppich innen summte und der Scheibenwischer außen blieb – wirkungslos.


       Baden. Herbstwochenenden der Hoffnungen und Träumereien. Während sein Porsche sich der Innenstadt näherte, stellte Sándor erleichtert fest, dass die Fliegen und Mücken verschwunden waren. Sie schienen auf der Autobahn geblieben zu sein. Und noch etwas begann seine Gedanken zu kontrollieren: Hunger. Ich habe Hunger, wie schon lange nicht mehr! Wie damals, als …
       Die Frage, wie es Bandy und dem Syndikat gelungen war, die wahnsinnige Simulation mit Marie und Marian und dem Geisterfahrer-Ford auf der Autobahn zu inszenieren, unterbrach seinen Gedankengang. Hologramme!? Ich darf sie nicht unterschätzen! Vielleicht habe ich sie unterschätzt – aber jetzt weiß ich: Wenn ich gewinnen will, dann werde ich alles geben müssen. Mehr als jemals zuvor.

       Gemächlich bog er in die Pergerstraße ein. Er hatte es nicht mehr eilig. Zwar hatte er in Wien eine Suite gebucht, aber – was soll's? Jedenfalls hatte er jetzt keine Lust mehr, die zwanzig Kilometer nach Wien zu fahren. Ein Zimmer werde ich wohl noch finden, sagte er sich – vielleicht im Casino … Es ist auch taktisch klug … Wenn Bandy denkt …
       Sein Blick suchte bereits ein Hotel, während er sein Hemd zuknöpfte und zufrieden lächelte. So leicht bekommt ihr mich nicht!
       Hunger. Wie damals …
       Manchmal durfte Sándor die neu gewonnene Freiheit schmecken: ein Espresso in da Marcos Eiscafé, auf dem Kaiser Franz Joseph-Ring gegenüber vom Casino. Hier hatte er – bis zu seiner Abfahrt aus dem Flüchtlingslager – jedes Wochenende verbracht. Die sechs Kilometer von Traiskirchen: auf dem Hinweg, ein Spaziergang, voller Energie und Vorfreude. Zurück schleppte er sich fast immer niedergeschlagen und deprimiert.
       Baden war immer schon eine Stadt für Menschen mit Geld – nicht für Habenichtse. Wenn ich einmal so viel Geld habe, dass … Er hatte den Satz nie zu Ende gesagt –, nie gewagt, ihn zu Ende zu denken, dem Traum freien Lauf zu lassen.

       Er musste lachen, als ihm einfiel, dass er noch vor wenigen Minuten geglaubt hatte, übernatürliche Kräfte zu besitzen. Sie müssen mir an der Raststätte hinter Linz etwas in den Kaffee getan haben – eine Droge oder … Verdammt! Ich muss wirklich vorsichtiger sein! Er schlug mit der Faust wütend auf das Lenkrad.

       Kaum fünfzig Meter entfernt fiel ihm auf der rechten Straßenseite ein helles Schaufenster auf: schräg gegenüber vom Casino-Haupteingang. Dass um ein Uhr nachts ein Geschäft in Baden geöffnet haben würde, hätte er nicht für möglich gehalten.
       Wiens grüne Lunge atmete im Westen feuchten Sauerstoff aus. Der Wiener Wald schickte Regen nach Baden. Wienerwald, dachte Sándor.

       Plötzlich kam ihm Irmgard in den Sinn, und wie sie sich kennengelernt hatten – beim Currywurst-Essen, in einer türkischen Imbissbude. Er stoppte vor dem Laden. Auf dem Schild an der Tür stand in blauen Kapitalen mit einem Filzstift handgeschrieben: GEÖFFNET. Ein ausländisch anmutender Mann, mit einem weißen Kittel bekleidet, verrichtete leicht gebeugt seine Arbeit jenseits des Tresens und der Auslage, von der Sándor annahm, dass sie mit schmackhaften Kartoffel-, Paprika- und Bohnengerichten, aber auch mit unterschiedlichsten Salaten, Dressings und Brotaufstrichen die Gäste zum sündigen Kaufen animierte.

       Sein Hunger schmerzte allmählich. Den Speichelüberfluss schluckend, leckte er sich gierig die schuppigen Lippen. Die Vorstellung, sich mit einem Casino-Imbiss an der Hotelbar zufrieden geben zu müssen, ließ ihn fast würgen.

       Er stellte den Motor ab, stieg aus dem Wagen, und während er sich nochmal umschaute, ob er nicht doch verfolgt wurde, musste er an Bandy und das Syndikat denken. Bandy selbst war er nur einmal begegnet. Sándor war sich nicht sicher, ob er ihn wiedererkennen würde, weil Bandy während des ganzen Spiels einen Cowboyhut und eine überdimensionierte Sonnenbrille trug. Sein Körperbau, die gebeugte Haltung …

       Sándor ließ den Regen auf seinen erhitzten Schädel tropfen. Ein Klingeln ertönte. Er öffnete die helle Glastür und staunte – als wäre der Rahmen aus Blei oder Granit. Auch wirkte der Raum hinter der Tür verändert. Das grelle Licht des Ausschanks schien von einer schummrigen, kaum durchdringbaren Tiefe verschluckt zu werden. Als die Tür hinter ihm mit einem dumpfen Knall schloss, war er in der Lage, den ganzen Raum zu überblicken. Von dem Tresen und der Auslage war nichts mehr zu erkennen.
       Er inhalierte die abgestandene, verstaubte Luft, aber sein Atem stockte: Die mit weichem, rotem Leder gepolsterten Wände hinter dem Tresen des Empfangs ließen einen Blick auf einen großen Spielsaal zu. Im gedämpft warmen Goldlicht über dem leicht gebeugten Rezeptionisten glänzte die Überschrift in großen Platinlettern: Grand Casino Baden. Statt eines weißen Kittels trug der Mann aus dem Imbiss jetzt Frack und Fliege.

       Einen Schritt hinter der Eingangstür blieb Sándor stehen und starrte Dolmen zum grinsenden Mann. Von Scheinwerfern beleuchtet, hatte er ihn sofort erkannt. Der Adrenalinschub löste die Lähmung seiner Glieder. Er drehte sich blitzartig, um die Flucht zu ergreifen. Nach einer Weile musste er aber einsehen, dass die verschlossenen Türen seinem noch so heftigen Rütteln nicht nachgeben würden. Er wendete seinen Blick zum Empfang.

       „Komm nur Sándor, ich habe dich schon erwartet!“, seine Stimme hallte unter der riesigen Kuppel der leeren Halle. „Es ist niemand außer uns hier. Nur wir beide – ist das nicht wunderbar? Nach so vielen Jahren! Er trat vor, kam mit ausgestreckten Armen Sándor entgegen: Mein Freund! Herzlich willkommen!“

       „Verflucht, Michi! Wie macht ihr das? Das ist ja irre!“ Sándor hatte zwar nie das Casino betreten, war sich dennoch sicher: er stand im Casino Baden oder in einer perfekten Nachbildung dessen. „Schon die Show auf der Autobahn war beeindruckend. Aber das hier – unglaublich!“

       „Autobahn? Show? Sándor, ich weiß wirklich nicht, wovon du sprichst. Aber komm doch! Möchtest du einen Drink? Cognac vielleicht?“ Er umklammerte Sándors Schultern und führte ihn durch die Lobby in den Saal.

       Wo üblicherweise Spieltische für Poker, Blackjack und Roulette stünden, befand sich eine einzelne, überdimensionierte slot machine in der Mitte: ein Einarmiger Bandit. Aus den Lautsprechern strömte sanfter lateinamerikanischer Jazz. Eine säuselnde Stimme sang ein trauriges Lied über Verstimmung und verlorene Liebe: Out of Keys.

       „Was machst du hier? Wie haben die dich auch noch aufgetrieben?“
       „Sándor, du redest Unsinn! Wer soll mich aufgetrieben haben? Wer sind DIE?“
       „Bandy und seine Truppe! Ich habe euch durchschaut! Aber es funktioniert nicht. Öffne einfach die Tür – und auf nimmer Wiedersehen. Ich habe eine lange Fahrt in den Knochen und muss morgen zu meiner wichtigsten Poker Partie in Wien antreten. Aber das weißt du ja. Also vielen Dank für die imposante Überraschung, und jetzt lass mich hier raus.“
       „Poker Partie? In Wien? Du irrst dich, Sándor. Es ist eine Runde einfaches Automaten Spielen. Du kennst das doch? Erinnerst du dich nicht mehr? Dein erstes Spiel in München? In der Spielhalle des Bahnhofs, um fünf Uhr morgens, nach der Nachtfahrt von Wien, umgeben von Automatenjunkies, alkoholisierten Obdachlosen und unruhigen, schlaftrunkenen Seelen? Weißt du noch, wie viel du in den zwei Stunden, bis du in den Zug nach Nürnberg steigen musstest, gewonnen hast? Ich seh's dir an – du weißt es ganz genau: achthundert-zweiundsiebzig DM und dreißig Pfennige! Nicht schlecht, für dein erstes Spiel. Du hast die achthundert-zweiundsiebzig DM natürlich später verzockt. Aber die dreißig Pfennige …“

       Sándor lief es kalt den Rücken runter. Seine Knie wurden weich, er wankte zum Spielgerät, verlor das Gleichgewicht, fing sich aber und stützte sich am Gerät ab.
       „Ach! Entschuldige! An einen Stuhl habe ich nicht gedacht. Aber – für die paar Spiele … Lass mich rechnen: ein Spiel dauert zwanzig Sekunden, drei Spiele – mehr werden wir nicht spielen – dauern, genau: sechzig Sekunden. Eine Minute. Eine Minute, Sándor! Erinnerst du dich? München, Bahnhof, eine Minute bis zur Abfahrt des Zuges? Drei Groschen in der Hand? Meine drei Groschen?“

       „Es tut mir wirklich Leid!“, Sándor griff nach seiner Geldbörse in der Hosentasche und öffnete sie. „Hier, ich bezahle meine Schulden – mit Zins und Zinseszins! Wie viel willst du haben? Hundert EURO? Tausend? Du kannst alles haben Michi! Hastig holte er mehrere Fünfhundert EURO-Scheine, Hunderter und Fünfziger heraus. Du kannst alles haben, aber lass mich bitte raus! Ich bin totmüde. Und morgen ist das wichtigste Spiel meines Lebens in Wien. Ich MUSS ausgeruht sein!“

       „Du irrst dich Sándor!“, grinste Michi und flüsterte Sándor ins Ohr: „HEUTE ist das wichtigste Spiel deines Lebens!“, legte dabei seine Hand auf Sándors vibrierenden Handrücken. „Das Endspiel findet hier, an diesem Gerät statt. Und du kennst den Einsatz, nicht wahr …“

       „Meine drei Glücksgroschen …“, stammelte Sándor.

       „Irrtum! MEINE drei Glücksgroschen, die ich dir für einen bestimmten Zweck gegeben hatte, kurz vor deiner Abfahrt aus dem Lager. Weißt du noch? Ich hatte sie dir in die Hand gedrückt, und dich gebeten, etwas ganz Einfaches für mich zu erledigen. Und du hast zugesagt. Ich hatte dich gefragt: Versprochen? Und du hast die Hand gereicht: Versprochen! Du hattest deine Hand drauf gegeben – deine Ehre in meine Hände gelegt, Sándor! Du hattest einen Auftrag!“

       Sándor durchströmte eine eisige Welle – er erschauderte. Ja, es stimmt schon. Sie sind eine Art Freunde geworden: eine Lagerfreundschaft – mehr nicht. Obwohl sie nach der Überprüfung ihrer Identitäten das Lager verlassen durften – ihre Fingerabdrücke wurden von der Interpol und wer weiß, von welchen Geheimdiensten noch überprüft –, frei waren sie solange nicht, bis ihnen entweder Asyl gewährt, oder ihre Ausreise in ein Wunschland (Schweden, Australien und Südafrika waren zu der Zeit beliebte Ziele) arrangiert wurde. Kann man eine unfreiwillige Schicksalsgemeinschaft überhaupt Freundschaft nennen, fragte sich Sándor. In Michis aufdringlicher Suche seiner Nähe, in der überzogen warmherzigen Zuwendung schwang immer etwas Falsches mit – so empfand es jedenfalls Sándor. Können Unfreie überhaupt echte Freunde werden, fragte er sich. Damals empfand er es eher als eine Komplizenschaft, die den Keim, die Möglichkeit des Verrats von Anbeginn an beinhaltet. Etwas, worauf man nicht stolz sein könnte.

       „Meine Ehre? In deine Hände? Glaubst du, ich hatte dich nicht durchschaut? Echte Freunde waren wir nie! Du hast Zuneigung geheuchelt, um mich in dein Vertrauen zu ziehen! DU hattest einen Auftrag! Heute, nach zwanzig Jahren kannst du es ruhig zugeben. Die Geheimpolizei gibt es nicht mehr! Oder vielleicht doch?“
       „Sándor, du enttäuschst mich! Du warst damals schon taub und heute bist du auch noch blind. Wie auch immer. Heute ist der Tag an dem du – mit ein wenig Glück – alles wieder in Ordnung bringen kannst. Andernfalls …“
       „Es gibt nichts, was ich Ordnung zu bringen hätte. Du bekommst dein Geld wieder – und wir sind quitt. Wenn du es genau wissen willst, hatte ich nie vor, dich vom Münchener Bahnhof anzurufen. Ich hatte die drei Groschen nur angenommen, um dich so schnell wie möglich loszuwerden! Ich kannte die Nummer des Lagers gar nicht!“ Sándor wusste: dies entsprach nicht der Wahrheit.

       Michi hatte ihn gebeten, nach seiner Ankunft ihn anzurufen und ihm mitzuteilen, wann, an welchem Bahnhof die Grenzschützer zusteigen würden, und wie die Passkontrolle vonstatten gehen würde. Michi wollte von Österreich nach Deutschland illegal einreisen. Ohne deutsche Vorfahren im Stammbaum war eine Einreise nach Deutschland unmöglich.

       Selbst Sándors Verfahren wäre beinahe gescheitert, und das, obwohl seine Großmutter aus Sigmaringen stammte, hätte nicht eine wohlwollende Botschaftssekretärin das Protokoll seiner Befragung gefälscht. Naiverweise hatte Sándor ausgesagt, dass sein Großvater im Krieg verwundete Soldaten der Wehrmacht beherbergt und gepflegt, und in seiner Weinberghütte Juden vor der Verschleppung versteckt hatte. Fräulein Subota strich den zweiten Teil des Satzes: Wissen Sie, wenn das so stehen bleibt, dann werden Sie nicht als Volksdeutscher anerkannt. Wer zu der Zeit Juden versteckt hat, bewies, dass er sich nicht zum Deutschtum bekannt hatte – im Gegenteil. Ihr ungarischer Großvater muss als Familienoberhaupt angenommen werden. Deshalb wiegt sein Einfluss schwerer als der, ihrer schwäbischen Großmutter.

       Michi blieb ruhig, während er sagte: „Doch Sándor, du wolltest die Grenzer beobachten und mich anrufen – das war die Abmachung, daran gibt es keinen Zweifel. Aber wozu in den alten Geschichten wühlen? Längst verheilte Wunden aufreißen? Lass uns einfach spielen! Mach deinen Einsatz: dein erster Glücksgroschen ist schon im Gerät!“

       Für einen Augenblick verschwand die Welt vor Sándors Augen. Sein Gleichgewichtssinn reagierte, als stünde er in einem rasend schnell fallenden oder steigenden Aufzug. Um sich aufrecht halten zu können, suchte er hektisch nach Halt. Er hatte das Gefühl, dass die Metallstange, die er plötzlich in seiner Hand spürte, fest genug verankert sei – also packte er sie, gerade rechtzeitig, um nicht in das finstere Nichts zu stürzen, das um ihn herum sich endlos auszudehnen schien.
       Als Folge seiner Aktion, schoss ein Lichtstrahl aus dem Himmel, von der Stelle, wo noch vor wenigen Sekunden die riesige, glitzernde Kuppel des Spielsaals war: ein Spottlicht mit Sándor und dem Spielgerät in der Mitte. Die Glücksräder innerhalb des Automaten drehten ihre wilden Pirouetten, begleitet von einer gar unpassenden Melodie. Michis Lachen hallte verstärkt und verfremdet. Sein Grölen klang ekstatisch, wie in Trance.
       „Ich kenne dieses Lied – verdammt! Wie geht der Text nochmal?, fragte Sándor ins Nichts.

       „Das erste Spiel läuft! Der erste Groschen ist gefallen!“, jubelte Michi. „Dreimal Kirsch! Dreimal Kirsch brauchst du!“
       Das erste Rad blieb stehen, und das Bild im Fensterchen zeigte Kirsch.
       „Es klappt! Der Glücksritter gewinnt!!“, Michi summte das Automatenlied mit.
       Das zweite Rad blieb auch Kirsch anzeigend stehen, und Michi tobte und tanzte wie von Sinnen: „Der Glückselige gewinnt! Er gewinnt immer!!“, jetzt schlug er mit der Faust auf Sándors Rücken. Sándor wankte, verlor das Gleichgewicht und fiel auf den Boden.

       „Wie lauten die drei Goldenen Sätze des Gewinners Kumpel?“, er reichte Sándor die Hand, half ihm aber nicht gleich auf die Beine. „Ein Gewinner muss Eier in der Hose haben! So war es doch, nicht wahr? Eier!“

       Das dritte Rad blieb stehen. Noch auf dem Boden sitzend, sah Sándor entsetzt die angezeigte Frucht: Birne.

       „Wie Schade! Kein Gewinn! Du bist eine Niete, Sándor! Und was sagst du immer? Versager haben keine Eier in der Hose? – Ja ...! Ja! Ja! Keine Eier!“, gleichzeitig riss er seinen Arm hoch und, als schwebte Sándor schwerelos, hob er ihn auf die Beine. Im selben Augenblick schnellte die glänzende Klinge eines Schwertes, blitzartig geführt von Michis freier Hand, zu Sándors Unterleib.

       Sándor staunte über Michis Kraft. Dann spürte er eine unheimlich Hitze in seinen Bauch strömen – nicht schmerzhaft, aber irgendwie unheimlich. Während Michi bereits das zweite Spiel ankündigte, suchte Sándors Blick die Quelle der unerklärlichen Hitze.
       „Suchst du die hier?“, grinste Michi und hielt ihm ein handvoll blutiges Gewebe vors Gesicht.
       „Nicht! Papa, nicht! Bitte nicht!“, schrie Sándor verzweifelt. Er versuchte das Weinen herunterzuschlucken. Aber die ersten Tränen rannten ihm bereits das Gesicht herunter.
       „Nieten haben keine Eier in der Hose – dein Wort in meinen Ohren! Hier hast du sie!“, mit einem Ausdruck tiefster Verachtung und steigenden Ekels stopfte Michi die Hoden in Sándors Jackentasche. Der Stoß brachte Sándor erneut ins Wanken – unwillkürlich griff er den Hebel und startete damit das zweite Spiel.

       „Der zweite Groschen ist gefallen! Wunderbar! Das Spiel läuft! Du hast noch zwei Möglichkeiten. Also zeig was du kannst, du Gewinnertyp!“
       Das erste Rad blieb stehen und zeigte eine Zwetschge.
       „Verloren! Verloren!“, triumphierte Michi. „Sándor ich muss immer an deine Worte denken. Deine Weisheiten haben mein ganzes Leben begleitet. Verlierer, nein – Moment, wie war das nochmal? Sieger müssen sich auf ihr Bauchgefühl verlassen – so war es doch!“, das Lied verstummte.

       Sándor war sich sicher: er kannte das Lied. Vielleicht ein Kinderlied. Oder ein Wiegenlied? „Mama! Mama!“, schrie er, „Bitte tu etwas! Mein Bauch tut so weh!“ Er fasste mit beiden Händen zu seiner Brust und glitt langsam zu der Stelle in der Magengegend, wo er gerade einen leichten Stoß verspürt hatte. Er wunderte sich ein wenig, dass sein Hemd zerrissen war – er spürte seine nass-verschwitzte Haut, die Körperbehaarung unter den Fingern. Plötzlich blieb die Hand an etwas Hartem hängen. Entsetzt erkannte er die Klinge des Schwertes, und Michis Hand an dem Griff. Im Takt seines Herzschlags sprudelte das Blut aus seinem Innersten, wie der Strahl einer Wasserpistole, ein Spielzeug, mit dem er als Kind gerne Erwachsene geärgert hatte.

       Die Musik wurde leiser. Michis Gesicht schien sich zu verformen, seine Stimme klang entfernt und undeutlich. Er sang jetzt das Automatenlied aus voller Brust, und Sándor verfolgte seine Lippen.

       Ohne zu wollen muss Sándor das Gerät wieder gestartet haben, denn vor seinen Augen drehten sich die Räder mit den Symbolen immer schneller. Ihm wurde es schwindlig. Der Stich schmerzte nicht – brannte nur leicht auf der Haut.
       Er hörte Michis Stimme und verstand plötzlich den Text. Es war ein Lied aus uralten Zeiten, ein Lied, das er als Kind tausendmal gehört hatte, gesungen von der einzigen Person auf der Welt, die er jemals geliebt hatte. „Oma! Es tut weh! Hilf mir bitte! Oma!“

       Als Kind hatte er den Text nicht verstanden. Er war in der Sprache der Oma. Heute bekam das Lied und der Text eine besondere Bedeutung. Sándor wünschte, er hätte sich vor dem Antritt der Reise an das Lied erinnert.

       Nachdem die ersten zwei Räder stehen geblieben waren, jubelte Michi: „Zweimal Kirsch! Du bist ein Glückspilz! Nur noch ein Kirsch, und: Jackpot!“
       Sándor wurde allmählich vom flauen Gefühl in der Magengegend überwältigt. Er hatte Mühe einzuatmen. Nicht dass er es nicht versuchte. Doch seine Bemühungen verfehlten ihre Wirkung. Ihm ging langsam die Luft aus.

       „Wie lautet das dritte Gesetz des Glücksprinzen – nein, des Königs aller Spieler?“, Michi tat, als müsste er angestrengt nachdenken. Schließlich tippte er sich auf die Stirn, als wäre ihm gerade ein Licht aufgegangen: „Ich hab's! Jawohl: Der wahre Sieger trägt ein kaltes Herz in der Brust – Nein! Warte! Trägt ein Herz aus Eis in der Brust – kalt und hart! So war's! Ich weiß noch, ich erschauderte jedes Mal, wenn du mir deine Weisheiten verkündetest. Besonders diese Dritte – die verschlug mir immer die Sprache!“

       Sándor konnte Michi nicht mehr hören. Mit dem Lied im Kopf und mit einem schneidenden Schmerz in der Brust starrte er auf das dritte Rad des Einarmigen Banditen, das gerade eingerastet war. Es zeigte Kirsch. Dreimal Kirsch, schoss es in sein Spielerhirn, und er hörte Michi „Jackpot“ schreien.

       Das Fenster des Automaten dehnte sich aus, öffnete sich, und Sándor stürzte in die Dunkelheit hinter der Scheibe, wo bereits sein Brüderchen auf ihn wartete.



       In der Nacht zum 1. Juli hatte es geregnet, wie viele Tage zuvor – ein verregneter Sommer. Der letzte Nahverkehrszug aus Debrecen hielt kurz nach Mitternacht am Bahnhof Budapest-Kelenföld.
       Zwei junge Männer stiegen aus, die statt die Treppen der Unterführung zu nutzen, hinter dem letzten Wagen auf die Gleise sprangen, und trotz ihrer großen Rucksäcke, leichten Fußes über die Gleise hüpften und allmählich in der Dunkelheit hinter dem Regenvorhang verschwanden.
Sie sprachen kein Wort miteinander. Sie schienen ein gemeinsames Ziel zu verfolgen. Offensichtlich in großer Eile, drehten sie sich nicht um, schauten nicht zur Seite.
Was machen die Verrückten da, hätte vielleicht jemand gefragt, der sie trotz der schlechten Sichtverhältnisse beobachtet hätte. Doch, ohne sich einen Reim darauf machen zu können, und um sich nicht eine Erkältung einzufangen, wäre er weiter gegangen und hätte bereits nach wenigen Sekunden die Gestalten vergessen. Man hatte ja genug eigene Probleme.
       Aber wer sollte schon um diese Zeit, in einer regnerischen Sonntagnacht, am Güterbahnhof Kelenföld sein, dem sie hätten begegnen können?

       Es war ein langer Güterzug, entlang dessen sie auf der aufgeschütteten Gleisunterfütterung bis zum letzten Wagen gelaufen waren. Auf dem Güterbahnhof angekommen, griff der stämmigere der beiden in die Tasche seiner Parka, holte eine Taschenlampe heraus und schaltete sie für einen Augenblick ein, nickte zu seinem Begleiter – einem schmächtigen Jungen –, der daraufhin seinen Rucksack auszog, ihn auf den Boden legte und die Reißverschlüsse zu öffnen begann.

       „Sándor“, flüsterte der Junge und zeigte auf einen sich nähernden Tankzug. Sie legten sich beide blitzschnell auf den Boden. Der Lockführer des Zuges hätte keine Chance gehabt sie zu entdecken. Und selbst wenn …
Sándor legte seinen Rucksack ebenfalls ab und half beim Auspacken.

       Sie lächelten sich zufrieden an.

       Als auch die roten Rückleuchten des Zuges es kaum noch schafften, den dichten Regenvorgang zu durchdringen, machten sie sich ans Werk. Der Wagen, den sie sich ausgesucht hatten, war mit langen, stattlichen Baumstämmen beladen – aufeinander gestapelt, zählte man fünf Lagen, bis in eine Höhe von etwa drei Metern.

       Der Junge kletterte am Ende des Zuges auf die Balken und befestigte daran eine Stange mit einer Rolle. Sándor tat es ihm an einem Stamm in der untersten Reihe gleich und gab dem Jungen mit dem gestreckten Daumen das OK-Zeichen. Daraufhin spulte der Junge ein Stahlseil herunter, und Sándor sorgte dafür, dass sich das Seil nicht in der Führung der unteren Rolle verhedderte. Alle Handgriffe saßen, wie bei einem einstudierten Tanz.

       Nachdem er das Seil an einem zuvor angebrachten Hacken befestigt hatte, gab er erneut das Zeichen, und der Junge betätigte eine Kurbel. Krächzend und quietschend rutschte der Stamm aus dem Stapel Zentimeter um Zentimeter. Als er etwa einen halben Meter herausragte, winkte Sándor ab, und der Schmächtige stieg herab, die Stämme als Stufen nutzend.

       Die Sirene eines Rettungswagens durchbrach für einige Sekunden das monotone Regenrauschen. Die Etagenlichter der Wohnungen im XI. Bezirk – ein Außenbezirk –, wo überwiegend beschäftigte und beschäftigungslose Arbeiterfamilien wohnten, erloschen allmählich. Bei den einen, wegen der Montagsfrühschicht; bei den anderen – aus Gewohnheit, mit dem Erscheinen des Testbilds auf dem Fernsehschirm. Wer um diese Zeit noch wach war, oder gar einen Blick in den Regen wagte, würde eine unruhige Nacht haben – mit leichtem Schlaf und schweren Gedanken.

       Sie strahlten und umarmten sich. „Das war's Bruderherz!“, flüsterte Sándor. „Fahr nach Hause und ich melde mich, wenn es soweit ist. Mach dir keine Sorgen und tröste Oma.“
       Die Tränen des Jungen vermischten sich mit dem Regenwasser auf seinem bleichen, glatten Gesicht: „Vergiss mich nicht, Sándor! Bitte!“

       „Du bist verrückt!“, fauchte Sándor mit einem gestelltbösen Blick, „Mach du dein Abitur – das ist wichtig! Ein Jahr noch, das schaffst du schon. Bis dann habe ich meine Angelegenheiten in Deutschland geregelt, und ich hol dich raus. Versprochen!“

       Der Junge lächelte: „Ich weiß, ich weiß – ich konnte mich immer auf dich verlassen!“, er verschmierte sich mit dem Handrücken seine Tränen: „Geh schon! Ich pack' dann alles zusammen ...“

       Sándor hob seinen Rucksack und kletterte unter den Wagen, richtete sich auf und begutachtete die Lage. Der herausgezogene Stamm hatte eine Lücke geöffnet, so dass er nun in den etwa zwei Meter langen Leerraum klettern konnte, eine Aussparung, die dadurch entstanden war, dass beim Verladen am Ursprungsbahnhof, zwei Stämme gedrittelt, und nur die Enden verladen wurden. Die Forstarbeiter hatten dafür zwei Stangen Kent Gold und eine Stange Marlboro bekommen. Und das Restholz – zum Heizen.
       „Meine Kabine", sagte sich Sándor und schob seinen Rucksack durch. Gefüllt mit Brot, Salz, Paprika, Äpfeln und zwei Kanistern Wasser, wird er ihm die nächste Zeit auch als Kissen dienen.

       In der Zwischenzeit hatte sein Bruder die Hebeanlage umgebaut und betätigte nun die Kurbel in die entgegengesetzte Richtung. Sándor genoss den Anblick: die Einstiegsluke verkleinerte sich Zentimeter um Zentimeter, bis die Lücke vollständig geschlossen war. Die Reise in die Freiheit in der Holzklasse! –, dachte er und musste lachen; doch für einen Moment verfinsterte sich sein Gesicht. Jetzt erst wurde ihm bewusst, dass diese Medaille noch eine zweite Seite hatte: Sollte etwas dazwischen kommen, würde der Güterzug nicht innerhalb einer Woche entladen werden, dann könnte es eng werden. Höchstens zehn Tage könnte er überleben. Danach – ja, danach wäre seine Kabine …
       Das Klopfen seines kleinen Bruders, der ihm damit zu verstehen gab, dass er sich nun auf die Heimreise begeben würde, und Sándor alles Gute und viel Glück in der neuen Welt wünschte, erhellte sein Gesicht erneut: So ist das, sagte er sich; Wer gewinnen will, muss Eier in der Hose haben!
       Ein vorbeifahrender Güterzug übertönte den Klang der sich entfernenden Schritte. „Danke, Brüderchen“, sagte Sándor halblaut.


       Sonntag, der 7. Juli versprach endlich ein sonniger Sommertag zu werden. Über dem Güterbahnhof Hegyeshalom an der Grenze zwischen Ungarn und Österreich, gab der Himmel sein tiefstes Blau und schluckte jede noch so kleine Wasseransammlung, lange bevor sie auch nur ansatzweise hätte zu einer Wolke kristallisieren können.

       Sechs Tage stand schon ein langer mit Kiefernstämmen beladener Güterzug abseits von den für den Personenverkehr frei gehaltenen Gleisen. Sándor wachte auf und bereitete sich auf sein Frühstück vor. Sechs Tage – er stellte fest, dass er sich bei seiner Vorratsplanung verschätzt hatte: sparsam, wie er sich bislang ernährt hatte, würden die Proviante noch einmal sechs Tage reichen; das Wasser sogar acht.
       Er lächelte zufrieden und ließ sich das mit Olivenöl getränkte Brot und die gesalzene Paprika schmecken: Siegertypen müssen sich auf ihr Bauchgefühl verlassen können, sagte er sich triumphierend. Um noch mehr Wasser zu sparen, löschte er den Durst mit einem saftigen Apfel, den er aus ihrem Garten gepflückt hatte.
       Er wurde rechtzeitig fertig, bevor die erste Patrouille des Tages an dem Wagen vorbei schritt. Es waren immer zwei mit Maschinengewehren bewaffnete Grenzschützer – junge Burschen, die ihre Pflicht gegenüber dem Vaterland erfüllend, ihre Zeit beim Militär abdienten. Zum Schutz vor dem kapitalistischen Imperialismus.

       Sándor hatte sich gesorgt, dass sie auf Flüchtlinge abgerichtete Hunde führen würden. Aus diesem Grund hatte er sich vor der Ankunft am ganzen Körper mit Kuhmist eingerieben – ein Geruch, den Hunde mieden. Im Gegensatz zum Dunst von frischen Pferdeäpfeln – manche Hunde verspeisten sie beim Gassi gehen zum Dessert.
Wie er feststellen musste, war seine Vorsicht übertrieben. Nur einmal hatte er einen Hund bellen gehört. Weit weg, aus der Richtung des Personenbahnhofs.


       Sonntag: Sándor rechnete heute nicht mit der Abfahrt. Die Strahlen der Mittagssonne drangen durch die Lücken der ausdunstenden Ladung und wärmten ihn wohltuend. Er atmete den frischen Duft ein und freute sich, dass seine Sachen endlich trocknen würden. Der Dauerregen der letzten Tage hatte seinen Rucksack, die Parka und seine Jeans durchtränkt – viel mehr hatte er nicht.

       Als sich dann die Nachmittagspatrouille näherte, verlangsamte Sándor seine Atmung. Er hatte sich zwischenzeitlich gesorgt, die feuchte Luft könnte seine Schleimhäute reizen und ihm einen Schnupfen bescheren. Heute wusste er, auf seine starke Konstitution konnte er sich verlassen. Dennoch: Im strahlenden Licht verspürte er ein leichtes Jucken in der Nase. Er kannte das Gefühl: wenn er als Kind niesen musste, blickte er immer in das Licht der Sonne und schon löste sich der Reflex. Eine Fliege setzte sich auf seine Nase. Sándor beobachtete sie geduldig, als wäre er daran gar nicht beteiligt.

       Er hörte die Schritte der beiden Grenzschützer sich nähernd. Sie unterhielten sich über Fußball. Das WM-Endspiel – ging Sándor durch den Kopf. Sollte heute Nachmittag in München stattfinden.
       Der Grenzer mit der tieferen Stimme, erklärte ausführlich, dass es am Sieg der Niederländer keinen Zweifel geben kann. Sándor hörte die Namen der Stars: Johann Cruyff, Neeskens, Johnny Rep ...
       Wenn es soweit ist, werde ich mir ein Spiel dieser Wundermannschaft live anschauen, dachte Sándor.

       Der staubige Weg führte zwischen Holundersträuchern und Akazienbäumen parallel zum Gleis bis zu der Stelle, wo die Grenzzone begann und ein Wachturm in der Höhe der Hochspannungsleitungen den vollständigen Überblick über die Gleise und das gepflegte Ackerland sicherte. Eine Mücke fand Sándors Hals, stach zu und bediente sich an seinem Blut, wie viele zuvor, in den letzten Tagen. Sándor kümmerte es nicht. Er hatte gelernt, den Juckreiz zu verdrängen.

       Die Grenzschützer blieben plötzlich stehen – kaum vier Meter von ihm entfernt. Einer der beiden bückte sich und zeichnete mit einem Zweig etwas im Staub. Er hob herumliegende Kieselsteine und legte sie in einer Formation hin.

       „Einer fehlt …“, stellte er fest.
       Der andere schaute sich um.
       „Lass nur!“, sagte sein Partner, „ich hab was ...“, richtete sich auf und kramte in seiner Hosentasche. Er zog ein zerknülltes, benutztes Taschentuch heraus. „Ich nehme für Breitner eine Münze!“

       Sein Partner zündete sich eine Zigarette an: „Man sagt, Breitner wäre Raucher ...“, er machte einen kräftigen Zug.

       In dem Augenblick fiel eine Münze, die sich zuvor im Taschentuch verfangen hatte, auf den Boden, schlug mit einem hellen Klirren auf Beckenbauers Kopf und rollte weg.
       Die Soldaten verfolgten den schlingernden Weg der Münze in die Richtung des Gleises und warteten, bis sie flach zum Stillstand gekommen war – unweit der Stelle, wo sich Sándors „Kabine“ befand.

       Sándor hörte die Schritte und wusste, der Grenzer kam näher. Er hielt den Atem an. Angst hatte er aber nicht. Er wusste es, er hatte es sich eingeprägt, sich regelrecht einprogrammiert: Man kann mich nicht sehen. Niemand kann mich sehen. Komm nur, dachte er, ich bin unsichtbar!
       Als der Soldat gerade im Begriff war, sich zu bücken, um die Münze aufzuheben, hörte man plötzlich Laufschritte aus der Richtung des Personenbahnhofs. Nicht vom Bahnhof, aber sich aus der Richtung, nähernd.

       Die angestaute Luft in seiner Brust drückte immer heftiger gegen seinen verschlossenen Hals. Hoffentlich keine Hunde! Was ist denn passiert?
Mit der Münze in der Hand erhob sich der Grenzschützer.

       Die Schritte entfernten sich wieder. Aber diesmal in die Richtung des Grenzbereichs.
Sándor konnte die Luft nicht mehr anhalten und ließ sie so langsam und kontrolliert wie möglich aus seiner Lunge entweichen. Sein Herz raste. Sein Gehirn arbeitete auf Hochtouren, ohne eine Antwort zu finden: Was ist hier los?

       Dann hörte er die Stimme der Soldaten:
       „Halt! Stehen bleiben!“ Einer schrie: „Ist der verrückt!? Am helllichten Tag abhauen?“

       Der Klang der Soldatenstiefel, wie sie dumpf beschleunigend den Staub aufwirbelten, konnte nur eines bedeuten: die Grenzschützer hatten die Verfolgung des Flüchtlings aufgenommen. Sie entfernten sich ebenfalls in die Richtung der Grenzzone.

       Obwohl Sándor wusste, dass es aussichtslos war, versuchte er sich so zu drehen, dass er etwas von dem Geschehen draußen erspähen könnte.
       Hoffentlich kriegen die ihn nicht, brüllte es in ihm – er hat mich womöglich gerettet … – ich bin unsichtbar.

       „Halt! Stehen bleiben! Oder wir schießen!“, hörte Sándor erneut – und dann blieb die Zeit stehen.
Zum Geschrei und Stampfen der Soldaten gesellte sich ein neuer Klang, der das Blut in seinen Adern gefrieren ließ: Eine Stimme, außer Atem von der Anstrengung des langen Laufs, schallte wie verstärkt – die Stimme.

       Sándor schloss die Augen, während die Stimme ein uraltes Lied sang: „Muss i denn, muss i denn, zum Städtele hinaus ...“ – immer wieder.

       „Brüderchen!“, stieß Sándor aus.

       Dann fiel ein Schuss. Und noch einer.

       „Oh nein! Das darfst du nicht!“, Sándors Stimme wurde durch das Echo einer Durchsage auf dem Personenbahnhof übertönt.

       Es folgten mehrere Salven.
       Das Lied verstummte.

       Gegen Abend – Deutschland wurde zum zweiten Mal Fußballweltmeister – wachte Sándor aus seiner Starre auf. Der Waggon hatte sich mit einem unerwarteten Ruck ein wenig bewegt, blieb dann aber wieder stehen. Sándor hörte die Hydraulik der Bremsen und das Knurren der Lokomotive. Er schlug sich mit beiden Händen mehrfach ins Gesicht. Seine Tränen waren längst getrocknet.

       „Ein Gewinner muss ein Herz aus Eis haben“, brüllte er, „kalt und hart!“

       Der Güterzug setzte sich schleppend in Bewegung und nahm hinter der Grenze Fahrt auf.
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valS
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© Meine Werke und Kommentare sind mein Eigentum. Diebe werden verflucht.

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Dnreb
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Raumschiffe

Lieber Val Sidal

Braucht das Spiel mit der Verrücktheit, mit dem Sonderbaren, dem Merkwürdigen, auch dem Absurden immer eine Art Begründung für den geneigten Leser? Ich denke, der Leser könnte durchaus im Ungewissen schweben...
...da braucht es dann keine (mich persönlich) störenden Außerirdischen, Raumschiffantriebe, etc.

Sonst ein packender Text!

Herzlichen Dank
Bernd (Dnreb)

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Val Sidal
???
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eenemenetekel,

danke für das Lesen und für die hilfreichen Hinweise.
der text hat nicht den anspruch "große literatur" zu sein; er ist vielmehr die aufarbeitung des themenkomplexes schuld/strafe/(schlechtes)gewissen mit den mitteln der spannungsliteratur.

zu deinen bemerkungen:

quote:
zum verständnis: sind wirklich hologramme gemeint?
... wenn Leser sich auf hologramme der art startrek-holodeck festlegen und damit der interpretation des protagonisten folgen, solls mir recht sein.
lesern, die u. a. mit Michael Talbots populärwissenschaftlichem text
"DAS
HOLOGRAPHISCHE
UNIVERSUM
Die Welt in neuer Dimension"
vertraut sind, oder David Bohms modell der wirklichkeit etwas abgewinnen können, bieten sich durchaus alternative perzeptionsoptionen.

quote:
die szenen auf der autobahn und im badener casino kommen für meinen geschmack ein kleines bisschen zu unvermittelt; ich hatte dort jeweils für zwei, drei absätze probleme mit der zuordnung. letztlich löst sich diese verwirrung zwar - durch einen knappen, eingeschobenen hinweis ließe sich aber an diesen stellen vielleicht der lesefluss verbessern.

nicht recht zuordnen kann ich das blut im schritt der polizistin.
... ich sehe ein, dass die zu harten schnitte das leseerlebnis beeinträchtigen. in der aktuellen version habe ich versucht, der erzählzeit mehr textraum zu geben.

quote:
das schwert im casino schneidet sándor die eier ab und steckt dann in seinem bauch? auch das ist etwas unklar.
... die eier stecken in der jackentasche:
quote:
„Nieten haben keine Eier in der Hose – dein Wort in meinen Ohren! Hier hast du sie!“, mit einem Ausdruck tiefster Verachtung und steigenden Ekels stopfte Michi die Hoden in Sándors Jackentasche.

nochmal: herzlichen dank!


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valS
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steky
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Sándor scheint ein pathologischer Spieler zu sein, sein ganzes Leben beruht auf einer Tätigkeit - man könnte sagen: ein Genie. Und ein Gewinnertyp, davon ist auch er überzeugt. Beim Zusammenprall allerdings schließt er seine Augen und ergibt sich - nur um kurz darauf, bei der Polizeikontrolle, wieder vollends aufzustehen: Jetzt ist er wieder der Gewinnertyp, zeigt seine kalte Seite.
Desweiteren scheint es, als würde er berauscht durch das Leben taumeln, und als würde ihm die Welt zu Füßen liegen.
Mir hat diese Erzählung sehr gut gefallen. Wenn ich etwas bemängeln müsste, dann wäre es, dass man die Erzählung vielleicht ein bisschen kompakter gestalten hätte können, um den Protagonisten ein schärferes Gesicht zu verleihen - was, zugegeben, nicht so einfach ist, wenn man eine Erzählung oder eine Kurzgeschichte schreibt. Andererseits sind in Sándors Leben die Menschen ja auch nur Statisten - warum ihnen dann ein besonderes Gesicht verleihen? Die Person des Sándor ist übrigens gelungen.
Ein paar stilistische Vorschläge:

quote:
Aus dem Prickeln, ohne welches Spielen seine Bedeutung verliert, versuchte er das Ungute zu verscheuchen: ein dumpfes, lähmendes Gefühl, das seine Begeisterung dämpfte.
Das ist meines Erachtens ein sehr komplexer Satz, den ich noch nicht ganz durchschaut habe. Was mich verwirrt: das "ohne welches". Mir scheint, auf "welches" sollte ein Vergleich folgen. Z.B.: "ohne welches Spielen, das ..." Dann wäre da noch immer das "ohne", das mich irritiert. Man ersetze mal "welches" durch "das": "Aus dem Prickeln, ohne das Spielen seine Bedeutung verliert, versuchte er das Ungute zu verscheuchen..." Klingt komisch. Vielleicht stehe ich gerade aber auch auf der Leitung, und in Wirklichkeit ist es ganz einfach.

quote:
„Ich dachte, wenn es soweit ist, würde ich vor Freude platzen, und jetzt, an einem absoluten Glückstag ...“
Wie fändest du den Satz so: „Ich dachte, wenn es soweit ist, würde ich vor Freude platzen ... und jetzt, an einem absoluten Glückstag ...“
Kommt natürlich immer drauf an, was genau und vorallem wie Du es sagen möchtest.

quote:
Sie lagen nebeneinander nackt im Bett und es war Freitag, der Dreizehnte – mein Glückstag, hatte er immer getönt.
Wie wäre: "Sie lagen nackt nebeneinander im Bett und es war Freitag, der Dreizehnte – mein Glückstag, hatte er immer getönt.


quote:
Sie wusste – so viel verstand sie vom Beruf ihres Mannes – wenn Sándor verliert, dann sind sie pleite.
Nach "wusste" bzw. nach dem zweiten Gedankenstrich gehört ein Beistrich; ein Doppelpunkt könnte auch gut kommen.

quote:
Im Rückspiegel beobachtete er jetzt, eine rötlich gefärbte Scheibe am westlichen Horizont, die den Platz der untergegangenen Sonne eingenommen hatte.
Den Beistrich nach "jetzt" würde ich weglassen - oder ihn gegen einen Doppelpunkt eintauschen.

quote:
Als wäre die Welt Schock-vereist, erstarrte alles um Sándor herum
Müsste "Schock-vereist" nicht kleingeschrieben werden?

Das ist, was ich momentan dazu sagen kann. Es ist immer schwierig, auf einen vielfältigen Text mit einem treffenden Kommentar zu antworten, denn man übersieht immer was.
Auf jeden Fall eine gelungene Erzählung!

LG Steky

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