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Leselupe.de > Kurzgeschichten
S-Bahn-Surfen
Eingestellt am 29. 09. 2003 02:30


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Nicky_H
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S-Bahn-Surfen

S-Bahn-Surfen ist geil. Klar, auch gefĂ€hrlich. Aber, he, Alter, gestern hat mich so'n Scheißtyp vorm Kaufhaus abgezogen und auf'n Weg hierher hĂ€tte mich bald 'ne Horde Skins plattgemacht. Auch nicht gerade ein Hort der Sicherheit, das Leben sonst.
Haste mal 'ne TĂŒte, Alter? Nee? Fuck! Komm, wir fahren zum Corner Hermannstraße. Die anderen sind bestimmt schon dort.
Wohnst noch nicht lange in Berlin, hĂ€? Hab dich das erste mal in der C-Base gesehen, auf der BĂŒhne. Geiler Sound, Alter, aus eurer Band wird mal was.
Scheiße, diese Strecke ist einfach nur Scheiße. Die setzen nur noch neue Bahnen ein. Mit diesen TĂŒren ohne gescheitem Griff und so. He, Mann, auf dieser Strecke ist nĂŒscht mehr los. Die Crews gehen mehr auf die alten Strecken. Da pulsiert das Leben. Können ja morgen mal 'ne Tour machen.
Du bist noch nie gesurft? Klar, bei euch gibt's ja keine S-Bahnen. He, witzig, so'n Kaff, bei dem man's zu Fuß am Vormittag von einem Ende zum anderen schafft. Naja, möchte trotzdem nicht tauschen. Mir gefĂ€llt's hier. Dir wird's auch bald gefallen.
Wenn du nicht willst, dann laß es mit dem Surfen. Bringt nix, wenn die Schiss zu groß ist. Macht man nur Fehler, echt, Alter. Man hat nur 'n kleinen Halt. Wenn man den verliert, ist's aus.
Ich hab's mehr oder weniger von Micro gelernt. Der hat mich mitgerissen. Von einigen Sachen lasse ich aber auch die Finger. Dieses Hangeln von einer TĂŒr zur anderen - nicht mein Ding, Alter.
Ich laß mich lieber abhĂ€ngen, genieße die Fahrt. Ist echt 'n tolles GefĂŒhl.
S-Bahn-Surfen ist wie das Leben irgendwie, nur schneller. Der Fahrtwind zerrt an dir und unter dir donnern die RĂ€der. Ein irrer Sound. Du mußt schnell sein, wach, darfst den richtigen Zeitpunkt zum Reingehen nicht verpassen. Pfeiler, StrĂ€ucher, Stromschienen und so, beim Hangeln biste da nur in Action.
Drinnen schimpfen sie manchmal. "Laß das, du kommst noch um dabei!" oder "Verdammter Rotzbengel, geh lieber arbeiten!"
Echt, Alter, ich kann's nicht mehr hören. Sonst schert sich auch keine Sau. Aber großen Rabatz machen, wenn man draußen mitfĂ€hrt! Dabei lassen sie uns doch sonst auch immer draußen stehen. Arbeiten, wenn ich das schon höre! Wo denn? Ich könnte kotzen!
Am geilsten ist's, wenn die ganze Crew einen Zug entert. Du hĂ€ngst draußen und siehst die Leute vor dir und hinter dir, die teilweise irre Action machen. Klasse Feeling, sag ich dir. Es ist, als könne man die Leute da drin mitreißen, den ganzen Zug zum Partywagen machen. Bei 'ner Crew rĂŒhren die sich alle nicht mehr, da hört auch das Gezeter auf. Die gucken bloß noch, manchen kann man ansehen, dass sie's Klasse finden.
Einmal haben wir gesehen, wie sich so'n MĂŒtterchen bekreuzigt und gebetet hat. He, Alter, wir haben so gelacht! Wann hat man das schon mal, dass einer fĂŒr einen betet? Sonst guckt einen keiner auch nur mit'm Arsch an.
Micro ist immer erst kurz vor Ultimo reingegangen. Mann, die alten Bahnhöfe, wo die Mauern noch bis zur Bahnsteigkante vorgezogen sind - da musste aufpassen, sonst biste platt. Micro hat's immer auf die letzte Sekunde rausgezögert. Ich war manchmal froh, wenn ein paar Leute zwischen ihm und mir waren, denn zum Hinsehen war das nĂŒscht.
Nee, Micro wird heut nicht da sein. Den kannste nicht mehr kennenlernen, der ist tot. Nee, nicht wegen der Surferei. Hat sich das Leben genommen. Ist nun fast schon 'n Jahr her. Fuck!
Frag mich nicht, warum. Keine Ahnung. Micro war 'n bisschen komisch in der Zeit, bevor das passierte. Wollte aber nicht mit der Sprache raus.
An seinen Alten konnte es nicht liegen, dachten wir. Mit denen war er lange fertig. Kroatische Aussiedler. Die Mutter war Putze und stÀndig auf Achse, der Vater bekam 'ne Hauswartstelle und soff. Die hatten keinen Nerv auf Micro. Kannten sich nicht aus.
Fast hÀtten sie ihn nicht zur Schule angemeldet. Solche Dinge machte spÀter entweder Micro selbst oder keiner.
Als der Krieg da unten losging, bekam sein Alter auf einmal 'n Patriotischen und er wollte zurĂŒck. War nicht Micros Ding, schĂ€tze ich mal. Ob's das war, weiß ich nicht. Jedenfalls hĂ€ngte er sich auf.
Nee, wir waren nicht zur Beerdigung. War uns nĂŒscht, dort seine Alten zu treffen und dann dieses ganze Ritual und womöglich noch Fragen, was wir dort zu suchen hĂ€tten. Wahrscheinlich hĂ€tten sie uns eh draußen stehen lassen.
Wir sind einen Tag spĂ€ter ans Grab gegangen. Haben seine Schwester dort getroffen. Als wir sagten, dass wir Freunde seien, fiel sie in Ohnmacht. Konnte sie gerade noch auffangen. Da lag sie dann und keiner traute sich, irgendwas zu tun. Aber sie kam bald wieder zu sich und das war irgendwie noch schlimmer. ErzĂ€hlte, dass sie vor 'nem Jahr geheiratet hĂ€tte. Hatte ihn nachholen wollen, weg von den Alten, nach Falkensee. Er hĂ€tte vielleicht im Laden des Schwagers jobben können. So war's abgesprochen. Aber dann kam ein Kind, wie das eben so geht... Sie machte sich VorwĂŒrfe.
Jesus, wir hÀtten lieber zur Beerdigung gehen sollen. Die Frau heulte Rotz und Wasser. Sie hat ihn wirklich geliebt.
Was tatsĂ€chlich war, weiß keiner. Vielleicht hat sie ja Recht und er hatte die Hoffnung aufgegeben, nachziehen zu können. Keine Ahnung. Leben ist wie Surfen irgendwie. Man hat nur 'n kleinen Halt. Wenn man den verliert, ist's aus.
He, Alter, nĂ€chste mĂŒssen wir raus. Mal sehen, ob die anderen schon am Corner sind.

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kaffeehausintellektuelle
Guest
Registriert: Not Yet

hallo nicky

ich muss sagen, diese geschichte hat mich total gefesselt und ich konnte nicht aufhören zu lesen.
temporeich und die sprache passt zum inhalt. nix mit wahrer wort wert und so. sehr lebendig ist die sprache und du beschreibst einfach sehr authentisch dieses gefĂŒhl aus der sicht des s-bahn surfers, ich konnte ihn/sie richtig spĂŒren.
gut gefallen hat mir auch der schluss. erst der vergleich mit dem leben, wenn man keinen halt hat, dann ist es aus. damit lĂ€sst du den leser aber nicht zurĂŒck, sondern das leben geht weiter, nĂ€mlich am corner, mit den anderen, mit der crew.

einzig ein bisschen irritiert hat mich, dass du nicht schreibst so'n scheißtyp, sondern diesen strich dazwischen, den brauchts nicht. aber das ist eh nur eine kleinigkeit.

wie gesagt, du hast mich beeindruckt, das schaffen nur wenige hier.

die k.


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Nicky_H
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Hallo K.,

vielen Dank fĂŒrs Lesen und Kommentieren. Ui, da werde ich ja ganz rot.
Ja, die Striche, weiß der Henker, wie die da reingekommen sind. In der Vorschau sah es noch ganz normal aus. Ich habe es nun noch mal editiert und hoffe, ich habe alle Slashes erwischt. Wahrscheinlich hatte das was mit der PHP-Umwandlung zu tun. Vorher war es leider nicht zu bemerken, erst nach der Freisschaltung waren die drin.
Danke, dass Du Dich trotz dieser Lesebehinderung durchgekÀmpft hast.

Viele GrĂŒĂŸe
Nicky

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Perlentaucherin
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Hi Nicky !
Deine Geschichte ist so rasant und temporeich geschrieben wie das S-Bahn fahren an fĂŒr sich selbst ! Es erinnert mich ein wenig an den Schreibstil von Nick McDonell. Der Vergleich mit dem wahren Leben ist gut getroffen finde ich.
Den Halt den jeder Mensch im Leben braucht, ohne den Micro vermutlich einfach nicht mehr weiterleben konnte. Sehr tragisch !


Ciao
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IE
"Genau in dem Moment,als die Raupe dachte,die Welt geht unter,wurde sie zum Schmetterling ."(Peter Benary)

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Nicky_H
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Hallo Perlentaucherin,

vielen Dank fĂŒrs Lesen. Ich freue mich, dass es gefĂ€llt, hatte schon die BefĂŒrchtung, dass es wegen des zeitlichen Bezugs als inaktuell eingestuft wird. Wahrscheinlich ist es der von Dir angesprochene Vergleich, der das wieder rausreißt.
Nick McDonell kenne ich nicht, hast Du da vielleicht einen Tip? Was schreibt der so?

Viele GrĂŒĂŸe
Nicky

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Perlentaucherin
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Hi Nicky !
Nick McDonell ist st ein amerikanischer Autor, der seinen DebĂŒtroman mit siebzehn Jahren geschrieben hat.
In seinem Buch geht es um die Hauptfigur White Mike,einen Drogendealer. Seine Kunden sind High-School-SchĂŒler,die in den Weihnachtsferien gegen die Langeweile kĂ€mpfen,wĂ€hrend ihre reichen Eltern im Urlaub oder auf GeschĂ€ftsreisen sind.Die grĂ¶ĂŸte Party aller Zeiten soll an Silvester stattfinden, und bis dahin hat White Mike noch einiges zu tun.( laut der New York Times ) Der Autor erzĂ€hlt seine Geschichte in einem genauso schnellen Tempo.

Viele GrĂŒĂŸe zurĂŒck
__________________
IE
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