Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, mĂŒssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5437
Themen:   92201
Momentan online:
228 Gäste und 13 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzgeschichten
S.O.S. 2036
Eingestellt am 30. 01. 2004 11:27


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Esta
Festzeitungsschreiber
Registriert: Jan 2003

Werke: 8
Kommentare: 30
Die besten Werke
 
Email senden
Profil

Vorwort: Zu Beginn möchte ich eines unbedingt los werden: Es handelt sich tatsĂ€chlich um eine Kurzgeschichte. Zugegebenermaßen – eine Kurzgeschichte aus einer etwas eigenwilligen ErzĂ€hlperspektive.

________

„File/05-05-2036:>>S.O.S<“

Id-Nr.:5078405
Name/Author: Stuart, Rod
Nickname: „Skye“
DNA-Code registrated?: Yes.

Title: „S.O.S.“

„Sieh an. Ich bin ĂŒberrascht.
Überrascht, dass jemand inmitten des endlosen Dschungels aus Dateien und Vernetzungen den Weg zu mir gefunden hat. Dass jemand den Mut hat, eine Datei mit dem Namen S.O.S. anzuklicken ... Save Our Souls.

Sollte ich nach all den Jahren tatsĂ€chlich auf den winzigen Funken Hoffnung gestoßen sein, den man in meiner Welt schon seit Generationen – vorausgesetzt natĂŒrlich, dass der Begriff ÂŽGeneration` im weiteren Sinne zu verstehen ist – sucht?

Doch was rede ich – Sie sitzen vor Ihrem Bildschirm, lesen mit gerunzelter Stirn die unscheinbare Kolumne eines Ihnen völlig unbekannten Wesens.
Deshalb werde ich mich vorstellen.

Ich bin die kleine Schwarze aus Nachbars Wohnstube.

... Sie schĂŒtteln den Kopf? Sie beteuern, Sie wĂŒrden sich nicht an die Gestalt eines schlaksigen afrikanischen MĂ€dchens erinnern?
Denken Sie nach. Und stellen Sie sich vor, wie Sie die Arbeit verlassen und den Weg nach Hause nehmen. Sie laufen durch die stinkenden Gassen Ihrer Heimatstadt, Sie sehen weder nach Links noch nach Rechts, Sie wollen einfach nur Ihr Heim erreichen und den stickigen Smok der großen Stadt aussperren. So hasten Sie denn durch die Gassen, Sie hören den ein oder anderen Laut, doch vermag Ihr ungeschultes Gehör keine Zuordnung vorzunehmen. Vielleicht eine Katze, vielleicht ein kranker Hund.
Dann erreichen Sie Ihre TĂŒr. Sie kramen in Ihrer Tasche, es ist dunkel.
Ihr Blick fÀllt auf die schwÀchlich beleuchtete Scheibe gleich im Erdgeschoss und Sie stellen mit einem LÀcheln fest, dass Ihr stets vielbeschÀftigter Nachbar recht zeitig daheim ist.
Die Rollos der Wohnung sind heruntergelassen, alles was Sie erkennen können setzt sich aus unterschiedlichsten Schattierungen schwacher Schatten zusammen; es scheint, als wĂŒrde eine unsichtbare Kamera das Geschehen innerhalb der Wohnung auf den hellen Schirm des Rollos projizieren.
Sie wenden sich ab, Sie haben Ihre SchlĂŒssel endlich gefunden, Sie wollen die TĂŒr öffnen.
Ein dumpfes Splittern dringt an Ihr Gehör. Neugierig verharren Sie an der TĂŒr, Sie wissen, dass die eigenartigen GerĂ€usche nur aus der Wohnung Ihres Nachbars kommen können. Urplötzlich interessiert Sie, woher der Laut des zerbrechendes Glases rĂŒhrt.

Sie sehen die Umrisse einer schmĂ€chtigen Gestalt ĂŒber den ungewollten Projektionsschirm huschen. Sie sehen, wie sie sich bĂŒckt, hastig etwas vom Boden aufklaubt.
Eine zweite Gestalt erscheint. Sie erkennen die rundliche Silhouette Ihres Nachbarn; er ist ein guter Mensch. Des Abends treffen Sie sich oft auf der Treppe und halten einen kleinen Plausch. Er ist freundlich und sehr friedliebend.
Er hebt den Arm. Er scheint wĂŒtend, die Gestalt am Boden zitternd.
Sie blinzeln. Sie fragen sich, was geschehen wird, obgleich Sie eine ungefĂ€hre Vorstellung nicht abschĂŒtteln können.
Mit einem gedĂ€mpften Klatschten saust die Hand Ihres Nachbarn hernieder; gleichzeitig vernehmen Sie ein unterdrĂŒcktes Wimmern.

Sie wenden sich ab.
Sie wissen, um was es geht.
Denn Sie haben mich gesehen.
Morgens. Abends. Ich lebe in der Wohnung Ihres Nachbarn, ich arbeite fĂŒr ihn, lese ihm die WĂŒnsche von den Augen ab. Ich habe weder das Recht, die Wohnung zu verlassen, noch mit den anderen Einwohnern des Hauses ein Wort zu wechseln.
Faktisch habe ich gar kein „Recht“.
Schließlich bin ich ein nichts. Ein kleines HĂ€ufchen Knochen und Haut und Haar, das von Petrischale und Pipette in die grausame Welt des Lebens verstoßen wurde ...

Ich sehe, Sie runzeln die Stirn erneut. Sie nagen an Ihren FingernÀgeln; Sie können sich beim besten Willen nicht an eine junge Afrikanerin erinnern. Oder Sie wollen es nicht.
Na schön.
Dagegen kann ich nichts tun, ich bin kein Hypnotiseur, der die Geister anderer Wesen mit einem Fingerschnippen in seinen Bann ziehen kann.

Doch lassen Sie mich Ihnen den weißhĂ€utigen Chinesen vorstellen. Denn das bin ich. Sie sagen, Sie wĂŒrden keinen weißhĂ€utigen Chinesen kennen? Das sagen alle. Und ich werde Ihnen das Gegenteil beweisen.
Versuchen Sie sich den Weg zum Wohnheim Ihrer gealterten Mutter vorzustellen, den Sie allmorgendlich nehmen, um ihr einen angenehmen Tag zu wĂŒnschen. Die Straßen sind verstopft, der Smok liegt in der Luft, die Glydes rasen an Ihnen vorbei, nicht viel mehr als ein schrilles Blitzen in der eisigen Morgenluft. Sie spĂŒren den giftigen Schutt der Fabriken auf Ihrer Haut.
Und plötzlich kommt dieses schnuckelige Haus in Sicht. Die triste Schönheit der immerzu geschlossenen LĂ€den hat Sie seit jeher fasziniert; das stechende GrĂŒn der geschwungenen Fassade ist ein echter Blickfang.
Und wie jeden Morgen verharren Sie einen Moment, bleiben vor den vergitterten Toren des eleganten Anwesens stehen. Sie fragen sich, was fĂŒr Menschen wohl hinter den schwarz gestrichenen FensterlĂ€den hausen. Sie fragen sich, zu wem die dreibeinige Katze gehört, die Ihnen um die FĂŒĂŸe streicht.
Und dann sehen Sie das weißhĂ€utige Kind mit dem schlohblonden Haar. Das blasse Gesicht hinter den getönten Scheiben. Wie durch ein Wunder steht ein Paar der FensterlĂ€den offen, grelles, von unmenschlich dickem Glas reflektiertes Neonlicht trifft auf Ihre Netzhaut; Sie kneifen die Augen zusammen ...
Die schmĂ€chtige Gestalt hinter der Scheibe starrt Sie durch formlose, milchig weiße Linsen an, die seltsam helle Iris rund um die unsichtbare Pupille scheint wie von gleißenden Blitzen durchzuckt.
Sie lÀcheln den Kleinen an, Sie wollen, dass er seine emotionslose Miene gegen ein warmes LÀcheln eintauscht und Sie heben eine Hand, um ihm zuzuwinken.
Doch er sieht Sie nicht. Er sieht niemanden, nichts, nur Dunkelheit.
Eine hagere Gestalt ist erschienen, sie packt den Arm des Kindes und Sie sehen, welch seltsame Form die Glieder des Jungen doch haben.
Und der Mann trĂ€gt einen weißen Kittel, ein schlangenförmige Symbol ziert seine Brust.

Ich sehe, Sie schĂŒtteln erneut den Kopf. Sie kennen keinen solchen Jungen. Sie kennen auch kein Haus, dass durch knallgrĂŒne Fassaden auffĂ€llt.
Schön und gut.
Sie erkennen mich also weder in Gestalt der Schwarzen, noch in der des Chinesen wieder.

Doch den stillen Jungen an der Kasse – den kennen sie bestimmt.
Auch das bin ich. Sie beobachten, wie ich an der Kasse stehe und doch nicht zahlen kann. Ich werde ignoriert. Die VerkĂ€ufer tĂ€uschen vor, mich nicht zu sehen, die Kunden behandeln mich wie Luft. Die bleiernen MĂŒnzen in meiner Hand sind zu schwer fĂŒr mich, ich kann sie nicht ausgeben.

Ich bin das ĂŒberdrehte Kind Ihrer Obermieter. Sie sehen mich des öfteren, Sie fragen sich, woher der kleine Bengel kommt und Sie erbitten sich Auskunft. Meine Eltern verraten Ihnen lĂ€chelnd, ich sei ihr Ă€lteres Kind. Doch Sie wissen, dass der Ă€lteste Sohn meiner Eltern vor zwei Jahren bei einem Verkehrsunfall ums Leben kam. Sie sehen mich an. Sie denken nach.

Und Sie wenden sich ab, genau wie Sie es mit dem chinesischen Jungen getan haben, genau wie sie es mit dem afrikanischen MĂ€dchen getan haben.
Sie sind fest davon ĂŒberzeugt, dass unser ein kein Leben in sich trĂ€gt. Kein GlĂŒck, kein Schmerz. Wir sind Puppen. So will es das Gesetz.

Wir sind Klone.
Helfen Sie uns.
Selbst wenn Sie fest an die Ansprachen der Regierung glauben: „Sie sind keine Menschen, sie sind keine Tiere. Sie sind biologisch gesehen noch nicht einmal Leben.“

Doch Sie sehen, dass ich lebe.
Ich kann schreiben. Ich kann um Hilfe rufen.
Und deshalb bitte ich Sie –
Helfen Sie uns – Save Our Souls. Sollten wir denn welche haben.“

________

Nachwort: Das war also S.O.S. Es hat mir großen Spaß gemacht, diese Kurzgeschichte zu schreiben, da ich mich sehr fĂŒr das Thema des Klonens interessiere und Genetik generell als interessant empfinde. WĂ€hrend ich den ersten Entwurf dieser Kurzgeschichte verfasst habe (das hier ist der fĂŒnfte XP), dachte ich viel darĂŒber nach, aus welchen GrĂŒnden die Menschen ihre Klontechnologie weiterentwickeln könnten. FĂŒnf GrĂŒnde kamen mir in den Sinn – und sie alle haben sich hier irgendwie eingeschlichen ... Um ehrlich zu sein, sollte die „Story“ anfĂ€nglich ein klein bisschen anders verlaufen ...
Die ErzĂ€hlperspektive dieser Kurzgeschichte und der Ausdruck sind fĂŒr gewöhnlich nicht mein Ding (Normalerweise stĂŒtze ich mich auf den freundlichen, persönlichen Er-ErzĂ€hler in der einfachen Vergangenheit ... normalerweise schreibe ich nicht so aggressiv – und ich empfinde es als ziemlich aggressiv) und falls etwas schrecklich hölzern oder ungeschickt klingen sollte, bitte ich denn höflich darum, mich auf die kleinen Fehlerteufel aufmerksam zu machen. Vorausgesetzt, irgendjemand erklĂ€rt der armen Esta, wie man einen hochgeladenen Text editieren kann ... komplizierte neue Welt ...
Nun denn.
Ich wĂŒnsche allen Anwesenden einen angenehmen Tag (wer sein Halbjahreszeugnis heute bewundern durfte, erhĂ€lt mein herzlichstes Beileid!), bitte (so zurĂŒckhaltend wie es nur geht) um die ein oder andere Kritik und bedanke mich fĂŒrs Lesen.
Arigato!

Esta

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


Gandl

AutorenanwÀrter

Registriert: Jul 2003

Werke: 1
Kommentare: 166
Die besten Werke
 
Email senden
Profil
Boah, ey

Hi Esta,
klasse! Wie du mit den Perspektiven spielst...
Aggressiv fand ich den Text nicht, eher kĂŒhl.
Aber diese KĂŒhle unterstelle ich den Klonen,
also daher ist es genau richtig so.
Mir gefiel dein Text.
Liebe GrĂŒĂŸe
Gandl

PS: 5. Zeile: denn=den
(Über edit/delete federleicht zu Ă€ndern)

Bearbeiten/Löschen    


knychen
Routinierter Autor
Registriert: Feb 2002

Werke: 51
Kommentare: 426
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um knychen eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

auch mir gefĂ€llt die perspektive, aus der du die geschichte erzĂ€hlst. ein bild hat mich gestört. die dreibeinige katze mag zwar kuschelbedĂŒrftig sein, aber "um die beine streichen" vermittelt eine geschmeidige bewegung, die die katze mit den drei beinen wohl kaum so elegant hinbekommt.
und der smog wird mit g geschrieben.
ein grund fĂŒr's klonen wĂ€re vielleicht in der christlich geprĂ€gten welt die angenommene tatsache, dass gott eva aus einer rippe adams schuf.
nicht nachvollziehbar, aber denkbar.
das vorwort und nachwort hĂ€tte ich vielleicht weggelassen, ich glaube, du mußt bei dieser geschichte nichts erklĂ€ren.
knychen
__________________
kny

Bearbeiten/Löschen    


Esta
Festzeitungsschreiber
Registriert: Jan 2003

Werke: 8
Kommentare: 30
Die besten Werke
 
Email senden
Profil
Dankeschön! ^^

Hi, Gandl!
Dankeschön! Es ist immer sehr aufbauend, wenn man als unerfahrener SChreiberling wenigstens von einem Leser hört, dass es ihm gefÀllt. Merci!
Und danke auch fĂŒr den kleinen Tipp. Wie gesagt: komplizierte neue Welt ... =.= - "Denn" erfolgreich geĂ€ndert!
Ich wĂŒnsch dir noch einen schönen Tag!
Esta

P.S.: Klone sind kĂŒhl ... interessant. Man kann es ihnen nicht verĂŒbeln, oder?

Bearbeiten/Löschen    


katia
???
Registriert: Jan 2004

Werke: 4
Kommentare: 184
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um katia eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil
gefallen

hi esta,

auch dieses werk von dir ist sehr gut bei mir angekommen. kann mich da meinen vorrednern bzw. -schreibern im großen und ganzen nur anschließen.
son bissel handwerklich solltest du noch drĂŒber gehen, meine ich.

beispiele:
"..was Sie erkennen können setzt sich aus.." -kommt ein komma zwischen können und setzt.
"So hasten Sie denn durch.." könnte man das "denn" nicht einfach weg lassen?
"unser ein" -heißt es nicht unsereins?

..was deiner super geschichte jedoch keinen abbruch tut, sind halt kleinigkeiten.

liebe grĂŒĂŸe
kati
__________________
(kas)

Bearbeiten/Löschen    


ZurĂŒck zu:  Kurzgeschichten Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!