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Leselupe.de > Kurzgeschichten
SPLITTER
Eingestellt am 21. 03. 2014 16:13


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wowa
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Registriert: Jan 2013

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Ein winziger Glassplitter
Hatte sich in ihren Ballen gebohrt
Sie nahm es als ein gutes Zeichen



SPLITTER


Manchmal, eigentlich selten, in den letzten Jahren aber hĂ€ufiger, besonders im FrĂŒhling, so wie jetzt, wenn die Natur ihre Fruchtbarkeit feiert, ĂŒberkam sie eine unbĂ€ndige Zerstörungswut. Sie behielt diese Gedanken fĂŒr sich, niemand hĂ€tte sie verstanden, sie verstand es ja selber nicht. Es gab keinen Grund fĂŒr diese erschreckenden HaßgefĂŒhle. Alles war in Ordnung. Ihr Leben glich einem ruhigen Fluß. Vielleicht war es gerade das.
Sie hatte frĂŒh geheiratet, ihr Mann war ihr zugetan im Rahmen des ihm möglichen. Das war nicht wenig. Er war vertrĂ€glich, großzĂŒgig, diskret und wickelte seine AffĂ€ren, die er zweifellos hatte, davon ging sie aus, in einer dermaßenen GerĂ€uschlosigkeit ab, vielleicht in einem schalltoten Raum, einer andern Dimension, was wußte denn sie, jedenfalls blieb ihr Leben von den Turbulenzen, die gelegentlich die Ehen ihres Bekanntenkreises erschĂŒtterten, gĂ€nzlich unberĂŒhrt. Die Kinder,-zwei,- entwickelten sich vorteilhaft und wĂŒrden bald das Haus verlassen.
Geld war stets reichlich vorhanden dank der besonnenen Karriereplanung ihres Mannes, es gab in dieser Hinsicht nie ein Problem, selbst die Kinder waren mit ihrer finanziellen Versorgung zufrieden. Befreundete Ehepaare beneideten sie um ihr harmonisches FamilienglĂŒck. Alles schien gut, das zu Erwartende trat ein, die privaten Gleichungen gingen auf und doch blieb ein Rest in ihr, der schrie.
Morgens, wenn sie allein war, holte sie den Vorschlaghammer aus dem Keller und ging mit ihm durch die Zimmer.
Die Vorstellung, alles, aber auch alles, akribisch kurz und klein zu schlagen, diesen in Jahren angesammelten Plunder in einer wilden Vernichtungsorgie zu zermalmen, zauberte ein genießerisches LĂ€cheln auf ihr Gesicht. Sie streichelte die Couch – Garnitur, sah prĂŒfend in das tiefe Schwarz des Flachbildschirms, testete andeutungsweise die Statik der Schrankwand und versetzte der sĂŒndhaft teuren Stehlampe einen imaginĂ€ren Tritt. In besonders intensiven, glĂŒcklichen Momenten hörte sie die Glassplitter unter ihren FĂŒĂŸen knirschen.
Dabei blieb es.
Wenn ihr Mann und die Kinder mittags aus Schule und Betrieb kamen, - die Position ihres Mannes erlaubte ihm, das Mittagessen im Kreis der Familie einzunehmen, - standen die Rouladen oder was auch immer dampfend auf dem Tisch. Es machte ihr keinen Spaß, die Bande zu bekochen, doch sie gab sich MĂŒhe und so merkte es keiner. Alles in allem wirkte sie unverdĂ€chtig, diese Fassade immer lĂŒckenlos aufrechtzuerhalten, fiel ihr allerdings zunehmend schwer.
Ihre vormittĂ€glichen Fantasien wurden drĂ€ngender, intensiver und ihr Wunsch, das prĂ€chtige Keramik – Waschbecken im Badezimmer mit einem Schlag in tausend Scherben zu verwandeln, begleitete sie Tag und Nacht.
Das war kein harmloser Spaß mehr, das war besorgniserregend.
Aggressive Zwangsvorstellungen kannte sie bisher nur aus der Literatur. Selbst von ihnen heimgesucht zu werden, war verwirrend. Und beĂ€ngstigend, wenn sie an die Konsequenzen dachte. Aber vor allem beleidigte es ihr Ego, nicht mehr Herr im eigenen Kopf zu sein. Vermutlich hatte sie ein Defizit an starken GefĂŒhlen, so viel schien klar. In diese Richtung sollte sie weiterdenken, das hatte PlausibilitĂ€t.
Physis und Psyche gingen getrennte Wege, nicht nur bei ihr, bei allen. Das war normal. Die eine war die Dienstmagd im tÀglichen Einerlei, die andere vagabundierte im offenen, zwanglosen, auf dem Meer des Assoziativen. GefÀhrlich wurde es, wenn Psyche strandete, an subversiven Ufern Schiffbruch erlitt und sich fortan beispielsweise auf die praktische Negation des Eigentumsbegriffes fixierte. Konkret, wenn der betreffende Mensch anfing zu stehlen, was durchaus vorkam, selbst in ihren arrivierten Kreisen oder aber, wie in ihrem Fall, sich plötzlicher Attacken sinnloser, lustvoller Zerstörungswut zu erwehren hatte.
Das stellte die eigene Existenz in Frage.
Ihr Unbewußtes stellte also existenzielle Fragen, interessant. Sie mußte jetzt aufpassen, diszipliniert bleiben. Spekulationen, Aktionismus und einfache Antworten, die ihre destruktive Energie auf das Erlernen einer Sprache oder eines Instruments lenkten, waren nicht die Lösung. Ihr fehlten verlĂ€ĂŸliche, klare Begriffe, mit denen ihr Problem greifbar gemacht werden könnte.
Die einzige Gewißheit war ihre Physis, die war eine Tatsache in Raum und Zeit.

Sie zog sich aus und betrachtete ihren nackten Körper im Spiegel des Badezimmers. Er war fĂŒllig geworden, nicht unförmig dick, aber fraglos zu schwer fĂŒr ihre GrĂ¶ĂŸe. Seltsam schlaff, ohne Spannung kam er ihr vor. Dabei hatte sie durchaus kein negatives VerhĂ€ltnis zu ihrer Leiblichkeit, nicht mal in der PubertĂ€t, soweit sie sich erinnerte. Stets pflegte sie sorgfĂ€ltig ihr Erscheinungsbild und gestattete sich keine NachlĂ€ssigkeiten. Alkoholexzesse lagen ihr fern.
Funktional betrachtet war sie entsprechend gut in Form : nicht unbedingt sportlich, gleichwohl belastbar, ausdauernd und selten krank. Ästhetische Kriterien zu Grunde gelegt, fiel das Urteil ebenso eindeutig aus : Ihr Körper riß keinen vom Hocker. Sie schon gar nicht.
Aber ging es um Sex – Appeal ? Auch.
Sie drehte den Hahn auf und ließ Wasser in die Wanne. Augenscheinlich war sie körperlich wie mental ein wenig verwahrlost. Kein Wunder nach all den Jahren.
Sie stieg in das Wasser und genoß die WĂ€rme und die Schwerelosigkeit. Nach einem Weilchen hyperventilierte sie ein paar AtemzĂŒge lang und legte sich auf den Grund. Diese Technik war ihr nicht fremd, sie hatte sie schon frĂŒher in schwierigen Situationen angewendet. Mit beginnender Luftnot produzierte ihr Gehirn gelegentlich ĂŒberraschende Einsichten, die wie Blitze ihr Bewußtsein erhellten.
Sie konnte diesen Effekt nicht gezielt provozieren, er stellte sich zufĂ€llig ein. Es war ein Spiel, ein Versuch, fĂŒr den sie nur die optimalen Bedingungen schaffen konnte. Oft genug, wenn sie ihr privates Orakel auf diese Art befragte, schwieg es und sie nahm es schulterzuckend hin, ohne weiter darĂŒber nachzudenken. Doch dieses Mal, als sie den Kopf hob und prustend und japsend an die OberflĂ€che zurĂŒckkehrte, hatte sie eine Idee.
Sie ließ warmes Wasser nachlaufen, entspannte sich, schaute an die Zimmerdecke und neue, faszinierende Gedanken nahmen Gestalt an.
Ihre frei vagabundierende Psyche war gestrandet, soviel stand fest, dieses Bild gab ihre innere Wirklichkeit gut wieder, fand sie. Folglich, wenn die eine festsaß, mußte die andere die notwendige Bewegung ĂŒbernehmen. Sie selbst mußte real zur Vagabundin werden, nur so hatte sie eine Chance, ihre Fixierung zu lösen, zu ĂŒberwinden, frei zu sein. Ein freies Vagabundenleben, um das innere GefĂ€ngnis aufzubrechen. Diese Therapie schien ihr logisch, umsetzbar und vor allem, sie gefiel ihr.

Sie wĂŒrde ihren Rucksack packen und losziehen, nicht morgen, aber demnĂ€chst und sie wĂŒrde allein gehen. Nach SĂŒdosten, den indischen Subkontinent durchstreifen, allein mit einer Milliarde Menschen unter der sengenden Sonne Indiens. Das war es, was sie jetzt brauchte.
Sie stand auf und verließ die Wanne. Es gab eine Menge zu tun.
Plötzlich verspĂŒrte sie einen Schmerz in ihrem linken Fuß. Sie setzte sich und sah nach. Ein winziger Glassplitter hatte sich in ihren Ballen gebohrt. Sie nahm es als ein gutes Zeichen.

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