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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Sachen
Eingestellt am 19. 10. 2016 08:34


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Ji Rina
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Ich hielt meine Mutter nie fĂŒr eine Messie, das muss ich gleich zu Beginn klarstellen. Sie besaß ein großes, ordentliches Wohnzimmer, wo alles seinen Platz hatte. Schöne Holzregale und Vitrinen, in denen sie geschmackvolle DekostĂŒcke aufbewahrte. Eine gemĂŒtliche Sitzecke neben dem Kamin. Bilder an den WĂ€nden, von denen einige sogar einen Namen hatten. Auch in der KĂŒche hatte alles seinen Platz: der Toaster, die Mikrowelle, die Brotschneidemaschine, der elektrische Dosenöffner, all das stand jahrelang ordentlich an derselben Stelle. Aber wenn meine Mutter eine besondere SchwĂ€che hatte, dann war es die des Sammelns. Ihre Vorliebe galt keinen besonderen Dingen, sondern allem Möglichen. Ich nenne sie einfach Sachen. Ja, das war es, was sie interessierte: Sachen, egal welche.

In den zehn Jahren, in denen ich mit ihr in einem Haus lebte, gewöhnte ich mich daran. Ich erinnere mich noch, als wir das Haus, in das wir zusammen einzogen, das erste Mal sahen. Die WĂ€nde waren gerade frisch gestrichen worden, die Böden glĂ€nzten. 150 Quadratmeter FlĂ€che warteten darauf, von uns bewohnt zu werden. Wir begannen, das Haus schön einzurichten, und wĂ€hrend des ersten Jahres war alles noch ganz normal. Man konnte noch auf der Couch vor dem Fernseher sitzen, sich entspannt zurĂŒcklehnen und Wetten Dass ansehen. Es war noch möglich, hinten raus ĂŒber die Terrasse zu dem Anbau zu gehen, in dem ich meinen Wohnraum hatte. Und man konnte auch den Wagen vor dem Haus problemlos parken oder wenden, wenn einem danach war. Mit der Zeit begannen sich die Sachen im Haus jedoch anzuhĂ€ufen. Ich arbeitete den ganzen Tag in einem dreißig Kilometer entfernten BĂŒro und hatte keine wirkliche Ahnung von dem, was meine Mutter den ganzen Tag lang so trieb. Manchmal arbeitete sie im Garten, wo sie Blumen umtopfte oder die Erde harkte. Oder sie stand in der KĂŒche, wo sie einen Eintopf kochte, den sie dann portionsweise einfror. Andere Male fuhr sie in ihrem Wagen ins Dorf, um auf den Markt zu gehen, um GemĂŒse und Obst fĂŒr die Woche zu kaufen. Jedes Mal, wenn sie ins Dorf wollte, musste sie an einer MĂŒllstelle vorbeifahren; einer Stelle am Straßenrand, an der Bewohner der Außenbezirke ihren MĂŒll deponierten, der dann samstags von der Dorfgemeinde mit einem Laster abgeholt wurde. Ich kannte die Stelle gut. Die Bewohner stellten dort nicht nur ihren MĂŒll ab, also den KĂŒchenmĂŒll, sondern alles, was sie nicht mehr gebrauchen konnten. Wenn andere Menschen etwas nicht mehr gebrauchen konnten, hieß es aber noch lange nicht, dass es nicht fĂŒr meine Mutter brauchbar war. Aus dem Grund machte sie fast immer vor dieser MĂŒllstelle halt. Manchmal hielt sie dort, weil sie ihren MĂŒll abstellen wollte, meistens nichts weiter als eine kleine PlastiktĂŒte voller Kartoffelschalen und leerer Dosen. Und sehr oft fuhr sie mit einem halb vollgeladenen Wagen wieder weiter. Zum Beispiel an jenem Tag, an dem sie acht sehr große SetzkĂ€sten auf der MĂŒllstelle fand. Es waren originale Holzschubladen aus einer Druckerei, die – dessen war meine Mutter sich ganz sicher – bestimmt ihren Wert hatten. Ein anderes Mal fand sie fĂŒnf große Spiegel, sehr hohe, die sicherlich auch einiges kosteten. Einen besonders guten Fang machte sie an dem Tag, als sie mit drei Schaufensterpuppen im Auto wegfuhr.
Wenn ich sie dann fragte, wozu sie die vielen Spiegel, SetzkÀsten und Mannequins brauchte, warf sie mir einen Blick zu, als ob ich vom Mond kÀme:
»Wozu sind Spiegel nĂŒtzlich? Wozu Schaufensterpuppen oder Fensterscheiben?«
Und da ich merkte, dass sie auf diese Fragen jedes Mal sehr empfindlich reagierte, vermied ich es, darĂŒber zu reden.
Ich beobachtete, was alles an neuen Sachen in unserem Haus auftauchte, und sagte nichts mehr. Unser Esstisch in der KĂŒche war immer vollgepackt: ein Hammer, eine Klebetube, Schrauben, Taschenlampen, GummibĂ€nder, Zettel. Und es gab auch Schalen, die mit kleineren Sachen gefĂŒllt waren: Briefmarken, Stecknadeln, Döschen, SchrĂ€ubchen. Wenn man am KĂŒchentisch frĂŒhstĂŒcken oder essen wollte, musste man erst mal diese ganzen Sachen zur Seite schieben, damit man einen Teller hinstellen konnte. Ein Jahr nach unserem Einzug konnte man diese gefĂŒllten Schalen ĂŒberall im Haus finden: auf dem KĂŒhlschrank, auf den Ablagen des Badezimmers, auf dem Wohnzimmertisch. Es waren Schalen, in die sie die ganz kleinen, winzigen Sachen reinpackte, um nicht den Überblick zu verlieren: die winzige Porzellannase, die einer Puppe mal abgefallen war, eine Briefmarke, ein Streichholz, das sicherlich nĂŒtzlich sein könnte, falls die Streichholzschachtel mal leer wĂ€re etc. 


Ich muss zugeben, dass es Momente gegeben hat, in denen ich irgendetwas Bestimmtes in kĂŒrzester Zeit auch gefunden habe. Und zwar genau dann, wenn ich es gerade mal brauchte: eine Tube Schnellkleber, ein Hustenbonbon oder einen Teppichklopfer (wer besitzt heutzutage noch ein Teppichklopfer?). Ich jedenfalls war mir sicher, dass wir keinen besaßen, als ich einen brauchte. Und siehe da, es war nicht nur so, dass wir einen im Haus hatten, sondern meine Mutter wusste auch sofort, wo: in der KĂŒche hinter dem KĂŒhlschrank.

Nach zwei Jahren war das Haus mit Sachen zugebaut. Dinge quollen aus den Regalen, standen ĂŒbereinander in jeder Ecke. Und auf dem Weg ĂŒber die Terrasse zum Anbau standen Kartons und SĂ€cke voller Sachen, in die ich nie reinblickte oder nicht reinblicken konnte, weil sie oben mit einem BĂ€ndchen sorgfĂ€ltig zugeschnĂŒrt (und verknotet) waren. Wenn ich am Wochenende im Haus sauber machte, um meiner Mutter ein bisschen behilflich zu sein, tat ich es nur mit dem Staubsauger: Ich saugte einfach ĂŒber die Sachen hinweg oder drum herum. Das Praktische daran war, dass man sehr schnell fertig wurde. Manchmal saugte ich um so viele kleine Sachen herum, dass diese aus Versehen mit eingesaugt wurden. Meine Mutter ahnte dies und hasste es, wenn ich zum Staubsauger griff. Gerade das Verschwinden sehr kleiner Dinge war ihr ein Albtraum.
Dieses Thema war sehr heikel, und deshalb vermieden wir es, darĂŒber zu sprechen: Was ist fĂŒr wen nĂŒtzlich? Das ist ein bisschen so, als diskutiere man ĂŒber Religion oder Politik. Ich ließ es sein, auch weil ich immer im Stress war und keine Zeit hatte. Von zu Hause fuhr ich ins BĂŒro und vom BĂŒro abends mĂŒde zurĂŒck nach Hause, wo ich mich nur noch aufs Sofa vor den Fernseher fallen ließ.
Der Weg ĂŒber die Terrasse zum Anbau – meiner kleinen Wohnung – wurde immer schmaler. Links und rechts hĂ€uften sich immer mehr Sachen an, und manchmal schob ich die Sachen einfach nur mit dem Schuh dreißig Zentimeter weiter nach hinten an die Wand, um diesen schmalen Weg, der mir noch geblieben war, breiter zu machen. Um mein Terrain, also wenigstens den Weg in meine Wohnung, zu verteidigen. Aber es gab Tage, an denen meine Mutter anscheinend vergaß, dass ich dort hinter der Terrasse in einer kleinen Wohnung lebte. Denn manchmal war der Weg völlig zugebaut, und dann blieb mir nichts anderes ĂŒbrig, als ĂŒber die Sachen hinwegzusteigen. Wobei mir aber durchaus bewusst war, dass ich dies nicht einfach so hinnehmen durfte, es sei denn, ich wollte irgendwann ĂŒber das Fenster in meine Wohnung gelangen. Aber nichts war mir unangenehmer, als dieses Thema anzuschneiden. Und deshalb vermied ich es.

Zwei-, dreimal im Jahr, wenn es mich ĂŒberkam, packte ich das Thema dann doch an und schlug meiner Mutter vor, wenigstens die unbrauchbaren Sachen – also die, die schon seit Jahren in SĂ€cken und Kartons lagen –, wegzuschmeißen, oder zu verschenken. Ich erklĂ€rte ihr, dass sich mittlerweile so viel angehĂ€uft hatte, dass wir wichtige Sachen auch gar nicht mehr finden konnten, weil alles verpackt und zugestellt war. Ich nannte ihr als Beispiel den Tag, an dem ich den kleinen Staubsauger suchte. Nicht der große Staubsauger, sondern ein kleiner, der sehr nĂŒtzlich war, wenn man zum Beispiel mal schnell das Auto staubsaugen wollte. Gut. Dieser kleine Staubsauger befand sich im unteren Regal eines Schranks, vor dem jedoch acht sehr schwere, vollgepackte Kartons standen, die ich keinen Zentimeter bewegen konnte. Also musste ich auf den handlichen Staubsauger verzichten; nicht nur an jenem Tag, sondern auch in den darauffolgenden Wochen und Monaten. Ich sagte: »Dann kauf ich eben ’n neuen. Denn an den komme ich ja nicht mehr ran.«
Meine Mutter saß dann da wie eine Sphinx, eiskalter Blick, unnahbar, mit einem Strichmund, und starrte mir in die Augen. Und mir war klar, dass das als Antwort genĂŒgte. Dieses Thema war tabu, und man hatte nicht darĂŒber zu reden.

Eines Tages – ich kam gerade vom BĂŒro nach Hause –, erwartete meine Mutter mich in der KĂŒche. »Ich hab eine ganz tolle Idee!«, sagte sie.
»Und das wÀre?«
»Ich werde auf den Flohmarkt gehen, um einige Sachen zu verkaufen!«
Ich stand gerade vor dem Herd und blickte in einen großen Topf GemĂŒsesuppe, die sie an dem Nachmittag gekocht hatte, und eigentlich hĂ€tte mich in dem Augenblick nichts mehr interessieren sollen als das. Doch als ich diese Worte hörte, drehte ich mich auf dem Absatz um: »Um Sachen zu verkaufen?«
Ihre Augen blitzten, wÀhrend sie mich erwartungsvoll ansah. »Wie findest du das?«
»Keine schlechte Idee«, sagte ich vorsichtig. »Flohmarkt ist was Tolles.«
»Ich könnte zum Beispiel die Mannequins verkaufen«, sagte sie. »Und die Puppen mit den Puppenwagen. Das sind doch alles geeignete Dinge, um sie auf einem Flohmarkt zu verkaufen. Oder? Was meinst du?«
»Ja«, antwortete ich, noch immer zurĂŒckhaltend, weil ich wusste, dass jede Art des DrĂ€ngelns eine kontraproduktive Wirkung hervorrufen könnte. »FĂŒr die Schaufensterpuppen wĂŒrdest du wohl sofort Interessenten finden.«
Ich fĂŒllte mir ein Teller mit GemĂŒsesuppe und versuchte, mir meine VerblĂŒffung nicht anmerken zu lassen. Als ich mich zu ihr an den Tisch setzte, blickte sie nachdenklich zur Decke. Und spĂ€ter, als sie durchs Haus ging, um zu prĂŒfen, was sie sonst noch alles auf dem Flohmarkt verkaufen könnte, verschwand ich in meinem Zimmer, um allein zu sein und um dem lieben Gott fĂŒr diese außergewöhnliche Eingebung, die er ihr geschenkt hatte, zu danken. Ich stellte mir vor, wie die Sachen langsam aus unserem Haus verschwanden, wie meine Mutter Kisten und Kartons und SĂ€cke ins Auto packte und leere FlĂ€chen entstanden. Im Geiste sah ich unsere Terrasse mit nichts anderem als einem Tisch und vier StĂŒhlen und vielleicht noch ein paar hĂŒbschen Blumentöpfen drum herum. Halt so wie in jedem anderen, normalen Haus.
Meine Mutter war von ihrer Idee so besessen, dass sie noch in derselben Woche zum Rathaus fuhr und sich nach einem Flohmarktplatz erkundigte. Man gab ihr ein KĂ€rtchen mit der Nummer 322, und sie zahlte den Platz sechs Monate im Voraus. Ich sagte ihr, dass ich sie das erste Mal begleiten wĂŒrde. Den ganzen Samstag verbrachte sie damit, das Auto mit Sachen zu fĂŒllen, wĂ€hrend ich mich um die Dinge kĂŒmmerte, die wir auf dem Flohmarkt benötigen wĂŒrden: einen Tisch, eine Tischdecke, zwei Hocker, eine Thermoskanne mit Kaffee.

Sonntag um sieben Uhr frĂŒh standen wir dann auf unserem Platz. Ich hatte noch nicht einmal unseren Tisch aufgebaut, als sich die ersten Interessenten bereits nach den alten KaffeemĂŒhlen erkundigten, die meine Mutter gerade aus den Kisten packte. Ein Ehepaar aus Holland nahm spĂ€ter die Mannequinpuppen mit. Und noch bevor es zwei Uhr nachmittags wurde, hatten wir bereits die HĂ€lfte aller Sachen verkauft. Auf der RĂŒckfahrt nach Hause öffnete meine Mutter eine kleine Metallschatulle und zĂ€hlte erwartungsvoll das Geld.
»Fast dreihundert Euro!«, rief sie.
»Na, damit können wir doch etwas anfangen«, sagte ich vorsichtig.
Am darauffolgenden Sonntag fuhr sie allein zum Flohmarkt. Diesmal brachte sie es auf zweihundertachtzig Euro. Und am dritten Sonntag kam sie mit dreihundervierzig Euro zurĂŒck.
»Jetzt könnten wir uns das kleine GartenhĂ€uschen leisten, das wir im Einkaufszentrum gesehen haben«, sagte ich. »Weißt du noch? Dieses HĂ€uschen, in dem wir das Gartenwerkzeug hineinstellen könnten.«
»Jaha!«, antwortete sie enthusiastisch. »Wir könnten jetzt auch die Markise fĂŒr die Terrasse kaufen! Ich hab heute nicht nur viel verkauft, sondern auch ganz tolle Sachen gefunden!«
»Gefunden?«
»Ja. Jetzt wirst du staunen!«
Sie rannte aus der KĂŒche und hastete zum Auto. Ich beobachtete sie durch das KĂŒchenfenster und sah, wie sie mit einem großen Karton unter dem Arm zurĂŒckkam. »Guck dir das nur an!«, sagte sie und kramte lauter Dinge aus dem Karton, die sie auf den KĂŒchentisch stellte.
»Eine ganz tolle PfeffermĂŒhle fĂŒr nur einen Euro! Dabei habe ich neulich eine ganz Ähnliche fĂŒr zehn Euro verkauft! Hier, schau! Eine Öllampe fĂŒr drei Euro! Ist die nicht hĂŒbsch? Unsere alte Öllampe hat mir ein EnglĂ€nder letzte Woche fĂŒr zwölf Euro abgekauft! Er sagte noch, dass sie ideal fĂŒr sein Segelboot sei.«
»Man könnte also sagen, dass du dieselben Sachen kaufst, die du gerade verkauft hast«, sagte ich.
Sie sah mich aus verengten Augen an. »So könnte man es sagen. Aber 
 FĂ€llt dir dabei denn nichts auf?«
Ich erwiderte ihren Blick. Eigentlich war ich nicht darauf bedacht, mich auf ein solches GesprĂ€ch einzulassen, da es ganz bestimmt in keine gute Richtung verlaufen wĂŒrde.
»Ich verkaufe die Dinge mit Gewinn!«, sagte sie. »Das ist das GeschĂ€ft des Flohmarkts. Man kauft fĂŒr wenig Geld und verkauft es dann teurer. Und das bedeutet Gewinn. So funktioniert die Welt.«
»Mh«, sagte ich. Ihr Geduldsfaden lag an der Grenze. Das spĂŒrte ich.

Und so lief meine achtzigjĂ€hrige Mutter jeden Sonntag bei DĂ€mmerung aus dem Haus. Schwang sich auf den Fahrersitz ihres VW-Busses und fuhr zum Flohmarkt. Selbst bei vierzig Grad Hitze oder im Winter, bei prasselndem Regen oder EiseskĂ€lte stand sie da, mit Handschuhen, eingemummt in dicke Wollpullover, und verkaufte die Dinge, die sie eine Woche zuvor an irgendeinem Stand billig gekauft hatte. Auf der RĂŒckfahrt nach Hause brachte sie immer mehr Sachen mit. Einmal kam sie mit einem vollen Auto gebrauchter Teppiche, die ein Marokkaner ihr zu einem Spottpreis vermacht hatte, da er dringend das Geld benötigte, um nach Marokko zu fahren.
»Du mir geben hundert Euro! Und du verkaufen fĂŒr zweihundertfĂŒnfzig!«, hatte er ihr erklĂ€rt.

So vergingen die Jahre. Vor unserem Hauseingang hĂ€uften sich Holzplatten in allen GrĂ¶ĂŸen an. Leere Blumentöpfe standen dutzendweise herum. Mehrere alte FahrrĂ€der, Kinderautos aus Plastik, kaputte Bilderrahmen, die irgendwann repariert werden sollten, fĂŒllten den Garten. Wenn ich mit dem Wagen bis vors Haus wollte, weil ich vielleicht einen grĂ¶ĂŸeren Einkauf im Supermarkt gemacht hatte, konnte ich nur noch vorwĂ€rts oder rĂŒckwĂ€rts fahren. Ein Wenden war nicht mehr möglich, wenn ich nicht ĂŒber sĂ€mtliche Sachen fahren wollte.
Im Haus, in den Regalen und SchrĂ€nken, gab es keine freie Stelle mehr, und es gab auch keine Stelle mehr, wo man ein neues Regal oder einen neuen Schrank hĂ€tte hinstellen können. Im kleinen GĂ€stezimmer am Ende des Flurs gab es ein Regal, das sogar zusammengebrochen war. Es hatte seinen Geist unter der Last der Sachen aufgegeben und lag dann monatelang zugeschĂŒttet von Sachen auf dem Boden, weil es gar nicht möglich war, dorthin zu gelangen, ohne ĂŒber andere Sachen in Kartons oder SĂ€cken hinwegzusteigen, mit der Gefahr, diese zu beschĂ€digen, falls ihr Inhalt fragil war.

Um es kurzzufassen: Das Haus war voll. Es hatte uns jeden Zentimeter Raum zur VerfĂŒgung gestellt, aber nun ging nichts mehr. Es war kein weiterer Leerraum vorhanden, weil das Haus nun mal nur diese FlĂ€che besaß. Nicht mehr und nicht weniger. Mir wurde bewusst, dass wir bald ein grĂ¶ĂŸeres Haus benötigen wĂŒrden. Aber ich schwieg und dachte nur, dass meine Mutter selbst darauf kommen mĂŒsste. Sie war meine Mutter, und ich respektierte sie. Eine alte, gebrechliche Frau, die den Krieg miterlebt hatte, die an Rheuma litt, an niedrigem Blutdruck und an Schlaflosigkeit. Ich wusste, dass es nur eine Mutter im Leben gibt und dass man diese respektieren muss. Ich meine, sie war ja auch ein interessanter und edler Mensch. Es gab nichts, was sie nicht konnte: kochen, backen, basteln, Holz hacken. Einmal hatte sie sogar einen Kamin gebaut. Na gut, dann musste man halt einiges in Kauf nehmen. Dann musste man eben die Sachen auf dem Weg zum Anbau wegschieben. Dann musste man halt rĂŒckwĂ€rts oder vorwĂ€rts zum Haus fahren, um den Einkauf auszuladen.
Selbst wenn wir mal GĂ€ste hatten und das Haus gerade wirklich ein einziges Chaos war, fand meine Mutter eine geeignete Lösung: Lass uns die Pecholts doch einfach in ein Restaurant einladen! Und so gingen wir dann mit unseren GĂ€sten in ein Restaurant und erklĂ€rten ihnen, dass wir zu Hause einen Rohrbruch hatten – oder der Gasofen kaputt sei oder weiß der Geier was. Ins Restaurant zu gehen, hatte wiederum den Vorteil, etwas essen zu können, das wir zu Hause nie kochten: etwa TrampĂł oder Tumbet oder Kaninchen in Weinsoße. Außerdem ersparten wir uns so den Abwasch sowie das mĂŒhsame WegrĂ€umen der Pfannen und Kochtöpfe, in voll beladene und ohnehin zugestopfte Regale, in die nichts mehr reinpasste.

Als meine Mutter in einem FrĂŒhsommer mit 82 Jahren plötzlich starb, hatte ich keine Zeit, um ĂŒber diese Dinge nachzudenken. Erst einige Wochen danach kam mir die Aufgabe in den Sinn, die mir jetzt bevorstand: Ich musste das Haus leeren. Drei Tage lang lief ich von Zimmer zu Zimmer, ohne zu wissen, wo ich anfangen sollte. Aus diesem Grund packte ich es irgendwann einfach kopflos an und lief in den erstbesten Raum, um Kartons zu öffnen.
Die Dinge, die ich fand, bereiteten mir schlaflose NĂ€chte. Es fand sich alles, was man sich nur vorstellen konnte, und vieles in dreifacher, zehnfacher, hundertfacher Version. So fand ich zum Beispiel einen grĂ¶ĂŸeren Schuhkarton mit achtundzwanzig Scheren. Eine große Holztruhe mit Weihnachtspapier und Schleifen, die meine Mutter ĂŒber dreißig Jahre lang gesammelt haben musste. Eine weitere, noch viel grĂ¶ĂŸere Truhe enthielt so viel Weihnachtsdeko, dass man eine Kleinstadt damit hĂ€tte schmĂŒcken können. Es gab einen Karton gefĂŒllt mit Kerzen in allen GrĂ¶ĂŸen und Farben. Ein Riesenkarton enthielt ReißverschlĂŒsse, ein anderer Radiergummis oder Mal- und Bleistifte. Nicht zu vergessen: der SchlĂŒsselkarton. Wenn jemand in unserem Dorf mal einen SchlĂŒssel benötigt hĂ€tte, dann hĂ€tte er diesen bei uns gefunden: SchlĂŒssel in allen GrĂ¶ĂŸen und Variationen, von großen alten bis zu denen, die so winzig waren, dass man sie kaum sehen konnte. Ich fand massenweise gestapelte Kleider und Stoffe und Gardinen. Eine Bekannte trug achtzehn große MĂŒllsĂ€cke voller Stoffe in ihren Wagen. Außerdem fand ich Wasserpumpen und vier verschiedene elektrische Bohrer. Oder Außenlampen, mit denen man ein Fußballfeld hĂ€tte hell erleuchten können. Im Wohnzimmer stand eine sehr lange Kommode, in die ich in den letzten Jahren nie reingeschaut hatte. Diesmal blieb mir nichts anderes ĂŒbrig. Und mit was war sie gefĂŒllt? Tischdecken! Weiße, hellblaue, rosa, gelbe Tischdecken. Bei fĂŒnfundsechzig gab ich das ZĂ€hlen auf.
Und doch hatte alles irgendwie seine Ordnung: Fand ich eine Puppe, der ein Arm fehlte, so tauchte irgendwann mal ein KĂ€stchen auf, welches genau diesen Arm enthielt. Oder ein anderes KĂ€stchen mit dem Deckel eines Weckers, dem Beinchen eines PĂŒppchens oder das kleine WC, welches in das Bad einer Puppenstube gehörte.

Das Sortieren und Entleeren des Hauses dauerte vier Monate. Stoffe, Kleidung, VorhĂ€nge sowie einige MöbelstĂŒcke gingen an die marokkanische Gemeinschaft unseres Dorfes. Puppen, Kaffee- und PfeffermĂŒhlen zurĂŒck an den Flohmarkt. Ich schenkte sie ein paar FlohmarkthĂ€ndlern, die sich mit meiner Mutter, als diese noch lebte, gut verstanden hatten. Es war schon seltsam, wie sich das Rad drehte. Wie die Dinge, die meine Mutter irgendwann mal verkauft und spĂ€ter gekauft hatte, nun auf dem Flohmarkt wieder verkauft wurden.

Irgendwann war das Haus dann leer.

Man konnte im Wohnzimmer sitzen und Kaffee trinken und sich frei bewegen. So saß ich spĂ€ter oftmals da. Nachmittags warf die Sonne ihre letzten Strahlen durch die Fenster. Das Wohnzimmer wurde in ein warmes, goldenes Licht getaucht. Draußen hörte man die Vögel zwitschern. Und ich saß auf dem Sofa, erinnerte mich an alte Zeiten und blickte nun auf leere, kahle WĂ€nde.


__________________
Der Leser hatÂŽs gut: Er kann sich seine Schriftsteller aussuchen.
(Kurt Tucholsky)


Version vom 19. 10. 2016 08:34

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aligaga
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Der Leser kĂ€mpft sich verzweifelt durch den endlos langen Text, hoffend, es kĂ€me irgendwann doch eine ErklĂ€rung fĂŒr den ersten Satz

quote:
Meine Mutter war kein Messie, das muss ich gleich zu Beginn klarstellen.

Aber nicht nur, dass der Begriff "Messie" von der Autorin falsch gebraucht wird (ein Messie ist kein Schwein, das in seinem Kot liegt, sondern ein Mensch, der sich von nichts trennen kann) - sie weiß im Folgenden nichts anderes, als uns aufzuzĂ€hlen, was Mutti so sammelt, im Lauf der Zeit. Bis der Kanal voll und Mutti (gottlob, ist man versucht, zu sagen) tot ist.

Nun ist der Umstand, dass Ă€ltere Damen und Herren zu "Sammlern" werden, nichts so Besonderes, dass man darĂŒber noch viel zu "erzĂ€hlen" hĂ€tte: eine vermĂŒllte Wohnung gleicht der anderen, und auch die Omis und Opis haben alle das beinahe gleiche Signalement. Welcher Außenstehende fĂ€nde Interesse an diesen gewöhnlichen Alten und deren GerĂŒmpel?

Wenn man von einer fremden Omi berichtet und möchte, dass die Leser am Text bleiben, mĂŒsste in dem MĂŒll was Besonderes sein oder die Omi was an sich haben, das Besonders wĂ€re.

Leider ist das hier nicht der Fall. Der Leser steht mitten im MĂŒll und kramt darin herum, findet aber nichts von Wert. Leider findet er auch keine ErklĂ€rung dafĂŒr, was Mutti wirklich dazu gebracht hat, sich ihr HĂ€usel vollzustopfen, so wie's ihre Altersgenossinnen irgendwann immer zu tun pflegen, wenn sie niemand davon abhĂ€lt.

Mit anderen Worten: Das hier ist keine ErzĂ€hlung, sondern eine pure Bildbeschreibung, nota bene eine recht langweilige, denn außer dem MĂŒll wird uns nichts gezeigt. Und die Nummer, dass Omi oder Opi noch beladener vom Flohmarkt heimkommen, als sie hingefahren sind, hat einen Bart bis in Souterrain: Echte Sammler sind immer so.

TTip: Nicht schreiben, was Omi macht, sondern warum sie einen Wertstoffhof betreibt. Und wenn die Tochter schon mit dabei sein muss: Das eine oder andere persönliche Konflikterl könnte man sich schon vorstellen. Dann kÀme vielleicht in bisschen Leben in die langweilige Bude. Wenn wirklich nichts passiert, gibt's nix zu erzÀhlen.

Aber auch das ist ein alter Hut.

Heiter immer weiter

aligaga

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Vagant
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Hallo Ja Rina,

Zu Deinem ErzÀhlen braucht man keine Worte zu verlieren. Sauber, routiniert; also sprachlich ist hier an keiner Stelle irgendetwas zu bemÀngeln.
Aber:

quote:
Was ist fĂŒr wen nĂŒtzlich? Das ist ein bisschen so, als diskutiere man ĂŒber Religion oder Politik. Ich ließ es sein, auch weil ich immer im Stress war und keine Zeit hatte.
warum lĂ€sst der Text es so schnell sein? Warum geht er nicht durch die TĂŒr die er aufgestoßen hat, und diskutiert gerade diese Dinge aus. Ich wĂŒrde den Text als Vehicel dafĂŒr sehen, genau diese Fragen zu stellen, und diese dann auch zu beantworten. Das fehlt mir hier.
Aber vielleicht habe ich auch die Intention des Textes völlig missverstanden. (obwohl das Koordinatensysthem fĂŒr den Text im ersten Satz ja festgelegt zu sein scheint – 'meine Mutter war kein Messie' nagelt mich auf das Thema fest) Vielleicht geht es ja hier auch mehr um eine Sprachlosigkeit, um ein gestörtes Mutter-Tochter-VerhĂ€ltnis – du siehst, ich bin mir bei der Einordnung der ErzĂ€hlung noch gar nicht so sicher.
Ab dem 5ten Absatz nimmt die ErzÀhlung dann wieder ein bisschen Fahrt auf. Hier gehst du dann mal kurz in die Szene. Ich gestehe, dass mir bis dahin schon ein bisschen die Luft ausgegangen war. Das muss dich aber nicht beunruhigen, denn gehöre nicht zu den ausgewiesen Freunden der wortreichen ErzÀhlung ;-).
Am Ende muss ich sagen, dass mir hier etwas zu viel erzĂ€hlt wurde, dass ich mir da irgendwie etwas mehr Rhythmus, eine gelegentlich eingeworfene Szene, vielleicht auch etwas mehr Innenansicht und weniger OberflĂ€che gewĂŒnscht hĂ€tte.
Vielleicht muss ich es auch einfach nur nochmal lesen.
LG Vagant.

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ThomasQu
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Hallo Jirina,

ich finde “Sachen“ schon etwas anrĂŒhrend, eine Beschreibung einer etwas verschrobenen Persönlichkeit, mit der das Zusammenleben nicht immer leicht ist.
Du denkst dir vielleicht selber, dass das jetzt von mir kommt: Ein wenig zu ausufernd beschrieben!
Der erste Absatz ist eine einzige ErklĂ€rung, den wĂŒrde ich ersatzlos streichen. Ohne den kann sich der Leser selber ein Bild von der Mutter machen, ohne dass sich die Frage “Messie oder nicht“ ĂŒberhaupt stellt und mit dem zweiten Absatz hĂ€ttest du einen sehr schönen Einstieg in den Text.
Auch im Anschluss solltest du noch einiges wegkĂŒrzen, dann wĂ€re die Geschichte griffiger. Einige Passagen sind wirklich sehr ausfĂŒhrlich geraten.
Gefallen hat mir “Sachen“ trotzdem.

Schade, dass du “Frau mit Koffer“ gelöscht hast, den Text fand ich richtig gut.

Gruß, Thomas

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aligaga
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Dass wir hier wirklich nicht mehr als eine - nota bene recht oberflÀchliche - "Stoffsammlung" vor uns haben statt einer ErzÀhlung, in der sich etwas bewegte, wird deutlich, wenn man in jenen ErzÀhlungen blÀttert, die's zu diesem Genre, wie ja schon gesagt, massenhaft gibt.

Vor ein paar Jahren war Walls "Schloss aus Glas" in aller Frauenmunde (allein in Deutschland wurde es eine halbe Million mal verkauft) und erlangte einen zweiten PopularitĂ€tsschub, als die SchrriftstellerIn bekannt machte, ihre vermĂŒllte Mutter bei sich aufgenommen zu haben.

Im "Schloss aus Glas", einem biografischen Roman, geht's natĂŒrlich nicht nur um das permanente Anfangen und wieder LiegenlassenmĂŒssen, unter dem Mami leidet, sondern um mehr, denn es ist ja ein dicker Roman geworden. Es hat viele Zimmer! Aber der Raum, der dem Messie-Syndrom der Mutter gewidmet ist, zeigt uns sehr schön, wie man diese "Störung" als Tochter wahrnehmen kann, was sie bedeutet und wie man damit (nicht) zurechtkommt.

Eine ErzĂ€hlung muss fesseln, sonst bleibt sie im BĂŒcherregal stecken. Zu beschreiben, wie ein Geschoß aussieht, das aus einem Gewehrlauf kommt, interessiert niemanden wirklich. Spannend ist, was das Teil - wenn es denn trifft! - auf seinem Weg durch das menschliche Gewebe anrichtet.

So muss Literatur. Sonst bleibt's, wie hier, bloß langfaseriges Pillepalle.

Heiter

aligaga

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He de Be
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"in aller Frauenmunde"? Geht's noch, aligaga, oder wird's jetzt noch hilariöser?

Ich finde Ji Rinas ErzĂ€hlung ganz schön, ein bisschen wehmĂŒtig, ein bisschen dem Leben so abgetrotzt, dass es ein bisschen weh tut.

Das Haus ist leer, die Sachen sind weg. Aber die Hauptsache, Mutters Erinnerung, haust ja immer noch hinter den leeren WĂ€nden.

Das macht daraus eine gute Geschichte.

Was das Messi-sein angeht, kann man es so sehen:
Die Tochter stellt klar, dass Mutter kein Messie war, auch wenn sie am so genannten Syndrom mehr oder weniger litt – zu wieviel Prozent oder Grad muss man in einer ErzĂ€hlung nicht wortwörtlich erklĂ€ren.
Dann geht es um die Frage des reinen Seins.

Man kann es auch als Verneinung sehen, etwa so, wie die IcherzĂ€hlerin die Leere des Hauses anschließend widerlegt:

quote:
"Irgendwann war das Haus dann leer."
heißt es.

Kurz darauf erzĂ€hlt sie, dass sie oftmals in seinem Wohnzimmer sitzt. Auch ein Sofa findet ErwĂ€hnung sowie Kaffee, dessen zugehörige BehĂ€lter man sich ebenso ausmalen kann wie die Tatsache, dass das alles sich in dem "leeren" Haus befindet, und nicht draußen. Ganz oder richtig leer ist also das Haus auch nicht. Wieso auch?

Hauptsache, der Leser kann sich ein Bild machen, vielleicht sogar mehrere, dann lÀuft's. Hier bleibt am Ende eines stehen: Das der Tochter, die nun in dem von « Sachen » und Mutter befreiten oder entleerten Wohnzimmer im goldenen Licht sitzt und Vögel zwitschern hört. Manch Leser hört die Freudigall dann trappsen.

Respekt.

P.s.
SelbstverstÀndlich hÀtte man noch mehr - oder noch weniger - oder auch nicht - aber alles in allem: Muss man das? Mir zum Beispiel hat der Strichmund so gut gefallen, dass ich sie am liebsten "Strichmunde" genannt und damit dann dem Spuk gleich ein Ende gemacht hÀtte, aber muss man das? Und was mit den Sachen? ... nicht mal St King macht so was, wieso auch.

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FrankK
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Hallo, Ciconia
Wie versprochen (oder angedroht ) hier eine etwas detailliertere BeschÀftigung mit Deinem Text:

Einordung
Du hast diesen Text als „ErzĂ€hlung“ einsortiert, das finde ich in Ordnung. Er ist (inhaltsthematisch) umfangreicher als eine Kurzgeschichte, Du „erzĂ€hlst“ eine vollstĂ€ndige Epoche aus dem Lebensraum der Mutter (hier: die Epoche „Zeit des Sammelns“), mit Einstieg, Höhepunkt und Abschluss.
Im Forentext heißt es:

quote:
Was hier an so genannten „ErzĂ€hlungen“ auftaucht, sind meist Kurzgeschichten, die dem Autor selbst wohl ein wenig zu lang geraten erscheinen, um unter dieser Rubrik eingestellt zu werden. Hier werde ich aber nach wie vor recht großzĂŒgig verfahren.

Bleibt also zu hoffen, dass unser geschÀtzter Redakteur Dir gewogen bleibt .


ErzÀhlstil:
Non-Auktoriale (nicht allwissende) Ich-Perspektive, wirkt (in dieser Form) wie eine Selbstbeschreibung und dadurch eindringlicher, emotional betonter. Ob diese eine reale oder fiktive ErzĂ€hlung darstellt, ist fĂŒr die QualitĂ€t belanglos.
Wichtig fĂŒr die ĂŒberzeugende Darstellung ist die konstante Einhaltung der ErzĂ€hlperspektive, dies ist Dir (leider) misslungen. An einer einzigen Stelle.


Details:
quote:
Meine Mutter war kein Messie, das muss ich gleich zu Beginn klarstellen.

Im Verlauf der Geschichte wird deutlich, dass diese „festgemauerte Erkenntnis“ gar nicht so festgemauert ist. Es wurde nie psychologisch geprĂŒft, ob es sich nicht doch um das sogenannte „Messie-Syndrom“ handelt.
Dieser Einstieg ist auch das winzige Problem bezĂŒglich der ErzĂ€hlperspektive, wenn sich die ErzĂ€hlerin nicht selbst als Psychologin erweist, ist dieser Einstieg zu auktorial. Gleichzeitig emotional distanzierend und sich schĂŒtzend vor die Mutter stellend.
FĂŒr mich als Leser wird eine zusĂ€tzliche Interpretation unterdrĂŒckt. Es wird klar gesagt (klar definiert / konkretisiert): kein Messie. Eine mögliche Fehlinterpretation der ErzĂ€hlerin wird dadurch ausgeklammert.
Was hieltest Du von einer Modifizierung des Einstiegs, emotional nÀher am Geschehen, angepasst an die folgende konstante Non-Auktoriale (nicht allwissende) Ich-Perspektive:
„Ich hielt meine Mutter nie fĂŒr eine Messie, das muss ich gleich zu Beginn klarstellen.“

quote:
Sie war keiner dieser Menschen, in deren Wohnungen man Bananenschalen unter der Matratze oder alte Zeitungen im Gefrierschrank findet.

Dieser Satz bedient (meines Erachtens) nur eine falsche Vorstellung. FĂŒr mein Empfinden könnte er Ersatzlos verschwinden, zumal Du auch spĂ€ter viel eindringlicher erzĂ€hlst, wie es um die Mutter bestellt ist.

quote:
So vergingen die Jahre. Vor unserem Hauseingang hĂ€uften sich Holzplatten in allen GrĂ¶ĂŸen an. Blumentöpfe (leere) standen dutzendweise herum. Mehrere alte FahrrĂ€der, Kinderautos aus Plastik, kaputte Bilderrahmen, die irgendwann repariert werden sollten, fĂŒllten den Garten. Wenn ich mit dem Wagen bis vors Haus wollte, weil ich vielleicht einen grĂ¶ĂŸeren Einkauf im Supermarkt gemacht hatte, konnte ich nur noch vorwĂ€rts oder rĂŒckwĂ€rts fahren. Ein Wenden war nicht mehr möglich, wenn ich nicht ĂŒber sĂ€mtliche Sachen fahren wollte.

An diesem (kompletten) Abschnitt habe ich das GefĂŒhl, da warst Du nicht gut drauf, irgendwie aus dem Fluss. Er wirkt vom Klang nicht so harmonisch wie der Rest des Textes, er wirkt wie „hinzu gebastelt“.
AuffĂ€llig störend wirkt auf mich der Einschub in Klammern, anstatt das „leere“ nachtrĂ€glich zu definieren, könnte es eine vorangestellte Eigenschaft sein:
„Leere Blumentöpfe standen 
“
Das Problem mit dem Auto – ist in dieser Form eigentlich keines. Viele Hauszufahrten kann man nur VorwĂ€rts oder RĂŒckwĂ€rts nutzen, mit den ganzen „Sachen“ kĂ€me ein zu „umfahrender Parcours“ möglicherweise der darzustellenden Situation nĂ€her.


Ganz leicht FĂŒllwortlastig:
Kleine Statistik gefÀllig?
Das Wörtchen „oder“ kommt 26 mal vor.
Das Wörtchen „so“ kommt 19 mal vor.
Das Wörtchen „dann“ kommt 18 mal vor.
Das Wörtchen „mal“ kommt 16 mal vor.
Das Wörtchen „wenn“ kommt 15 mal vor.

Von gesamt 3225 Worten sind 322 sogenannte FĂŒllwörter (9.98%). Sie sind Bestandteil der gelebten gesprochenen Sprache. FĂŒr diesen ErzĂ€hlstil vielleicht noch angemessen, an manchen Stellen aber vielleicht auch ĂŒberlegenswert.


Messie-Syndrom
Es bedarf nicht des „Endstadiums“, in denen der fortgeschrittene Messie in seinen eigenen Exkrementen liegt, dies ist Halbwissen.
Das „Messie-Syndrom“ beginnt bereits deutlich eher, wenn der betroffene Mensch nicht mehr differenzieren kann, zwischen dem, was noch nĂŒtzlich ist und dem, was er nicht mehr gebrauchen kann.


Fazit:
In einer RĂŒckblende, einer Retrospektive, wird uns die Geschichte des mehr oder weniger sinnvoll gestalteten Lebensabends einer Mutter nĂ€her gebracht, einer Person, die sich mit dem „kleinen Wirtschaftskreislauf“ auf FlohmĂ€rkten und der dort vorherrschenden eigenen Welt auseinandersetzt. (Floh)MarkthĂ€ndler sind eine ganz eigene Klientel. Dieser Aspekt wird in den resĂŒmierenden Überlegungen der Tochter ganz kurz angerissen.
Deutlich wurde nur, dass die Tochter nicht glĂŒcklich mit dem Verhalten der Mutter war, dass die Tochter diese „Obsession“ der Mutter nicht nur nicht teilte, sondern auch nicht billigte. Die Mutter hatte Grenzen ĂŒberschritten, wurde allerdings von der Tochter dafĂŒr nicht gemaßregelt oder sogar bloßgestellt. Dies manifestiert sich mit dem ersten Satz (auch in der modifizierten Variante).

FĂŒr meinen Geschmack gut getroffen:
Das kritische VerhÀltnis der Tochter zur Mutter.
Das Grenzverhalten der Mutter (eine gewisse Verhaltenslogik lÀsst sich noch erkennen).
Die zum Ende angedeutet wehmĂŒtige Betrachtung der Tochter.

Mit dem Titel „Sachen“ definierst Du schon recht geschickt gleich zu Anfang, dass es sich halt nicht um MĂŒll handelt.


Anmerkung:
Ich versuche mir gerade vorzustellen, wie diese Geschichte wirken wĂŒrde, wenn Du dem Leser zunĂ€chst zugestehst, seine eigene Meinung zu bilden, und erst ganz am Schluss die Tochter mit „Nur um es klarzustellen – ich habe meine Mutter nie fĂŒr eine Messie gehalten!“ eine Wertung aussprechen zu lassen.
Die Geschichte könnte dann mit
quote:
Meine Mutter besaß ein großes, ordentliches Wohnzimmer, wo alles seinen Platz hatte.

starten und wĂŒrde den Leser (möglicherweise) langsam in die Situation einfĂŒhren, wie sich die ganze Situation auch langsam entwickelt.
Diese ErzĂ€hlweise kĂ€me auch dem einer „ErzĂ€hlung“ am nĂ€chsten.


Einen schönen Abend noch und herzliche, aufmunternde GrĂŒĂŸe
Frank

__________________
Leben und leben lassen.

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