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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Safran
Eingestellt am 22. 03. 2019 21:04


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Hudriwurz
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   Safran   

Hudriwurz (Emanuel W. Kury)

(an einer wahren Begebenheit entlang)

03/2019

Es wird Abend


   Die Tage waren sich neuerdings penetrant ähnlich geworden. Abwechslung brachten bestenfalls Arztbesuche, Einkäufe und Begräbnisse. Seltsame Rhythmen, und Helga, die genauso alt war wie er, schien immer mehr die Kontrolle über das gemeinsame Leben übernommen zu haben. Es war ihm nicht unrecht, denn sie hielt die Mühle damit am Laufen.
   Er fühlte sich müde. Helga kannte er, seit sie beide siebzehn gewesen waren, und er kannte inzwischen alles an ihr. Sie war alt geworden und er selbst wohl auch. Alles hatte sich verändert. Die angenehmen, lieb gewonnenen Dinge verschwanden und andere tauchten dafür auf. Plagende Routinen, die sich heimlich in ihr gemeinsames Sein eingeschlichen hatten. Rheuma, unkontrolliertes Harnlassen, hängende Brüste, fehlende Erektionsfähigkeit. Mangelnde Lust am Miteinander.
Die Tage begannen damit, gemeinsam beim Frühstückskaffee die Zeitung zu lesen; über Allgemeines, Langweiliges wurde geredet. Sie sprachen darüber, ob der Tag etwas von der Regel abweichen würde und planten ihr Verhalten danach.
   Nur alle paar Monate kam es vor, dass sich die Tochter mit den Enkelkindern zu Besuch anmeldete. Es war nett, wenn die Kinder dann herumschwirrten, obwohl er ihr Verhalten immer weniger verstand. Sie waren in ein Alter gekommen, in dem Telefone und damit verbundene Kommunikationsmöglichkeiten sie völlig der Umwelt entrissen. Schreckte man sie dabei auf, wirkten sie weltfremd und mussten sich jedes Mal neu orientieren. Seltsam mutete das an.

   Nach dem Frühstücksritual ging er meist in seine Werkstatt. Sie befand sich in einer kleinen Holzhütte, die an die Garage angebaut war. Sein persönliches Reich. Dort hatte er seinen Frieden und eine Weinflasche stand, nicht für jeden Eindringling gleich ersichtlich, auch griffbereit unter der Werkbank. Es konnte passieren, dass er schon vormittags an ihr nippte. Aus reiner Langeweile und ohne suchtähnlichem Drang. »Umbringen wird es mich schon nicht«, pflegte er zu sich selbst zu sagen. Und wenn es das tat, dann schleichend.
   Manchmal wartete er regelrecht sehnsüchtig auf den Briefträger. Nicht dass er eine besondere Sendung erwartete, aber er freute sich auf die Werbeprospekte, die immer wieder wunderschöne, perfekte Mädchenkörper zeigten. Dann hob sich sein Herz ein wenig und er staunte darüber, dass diese Empfindungen in seinem Alter noch möglich waren. Mitunter fragte er sich, ob Frauen ab einem gewissen Alter prinzipiell jegliches sexuelles Interesse verloren. Ihn erinnerte es jedes Mal an seine Jugend, aber von Helga würde er nie erfahren, ob solche Gefühle in ihrem Leben überhaupt noch aufkamen. Dabei waren sie beide irgendwann jung gewesen, sie hatten Sex gehabt und es war schön gewesen. Es konnte damals nicht genug sein, zumindest nicht für ihn, und er bildete sich ein, dass Helga auch Spaß daran gehabt hatte. Er verstand nicht, dass bei ihr jegliches Interesse versiegt war, und er verstand ebenfalls nicht, dass bei ihm ein reizendes Mädchenfoto noch immer sexuelle Regungen auslöste.
Eine ernstzunehmende Erektion hatte er schon lange nicht mehr gehabt. Manchmal aber packte ihn die Lust angesichts besonders reizender Unterwäschemädchen, und dann bearbeitete er heimlich und einsam in seiner Werkstatt stehend sein Geschlecht. Um zu ejakulieren war eine knallharte Erektion nicht unbedingt notwendig, das ging auch so. Zaghaft tröpfelte es dann auf den Boden und er dachte dabei, dass dies wohl der Unterschied war. Was da zu Boden fiel, war vermutlich durchaus noch funktionsfähig. Bei Frauen hingegen war ab einem bestimmten Alter nichts mehr los. Die reproduktive Phase war vorbei und die verantwortlichen Organe waren ohne Sinn und Nutzen. Sie verursachten Krebsausbruch und wurden dann entfernt und nicht selten rissen die toxischen Gewächse den ganzen Wirt mit in den Höllenschlund. Mit dem Verschwinden der Funktion oder der gesamten Organe verlor sich das Interesse und auch die Lust an sexueller Aktivität dann endgültig. Die Evolution hatte die sinnlose Monogamie nie eingeplant und so erklärte sich die Asynchronität.

   Irgendwann gefiel es dem Zufall, Helga zu einem Zeitpunkt in die Werkstatt zu schicken, der für ihn, hätte er es bemerkt, äußerst peinlich gewesen wäre. Selbstbefriedigung war nie ein Gesprächsthema zwischen ihnen gewesen, auch nicht, als sie jung waren, und das war mit zunehmendem Alter in keiner Weise anders geworden.
Helga sah, dass das, was er da tat, ihm Lust bereitete, und sie war erstaunt darüber. Was er da mit seinem schlaffen Geschlecht anstellte, sollte ihn befriedigen? Aber ihre Vorstellungen von männlichen Gelüsten waren natürlich weiblicher Natur und noch dazu extrem konservativ gelagert.
   Sie wollte das seltsam anmutende Spiel nicht unterbrechen und schlich sich wieder zurück ins Haus. Wahrscheinlich war es besser, die Sache nicht anzusprechen. Er hatte sie ja nicht bemerkt und so musste sie nicht darauf reagieren. Sie wollte auch nicht über etwas sprechen, von dem sie froh war, dass es kein Bestandteil ihres gemeinsamen Lebens mehr war. Als sie jung waren, war natürlich alles anders und sie hatte Alois auf eine bestimmte Art geliebt. Sie hatte gespürt, dass er ein guter Vater ihrer Kinder sein würde und hatte ihn genau dafür auserkoren. In ihrer weiblichen Gedankenwelt war das der Hauptgrund für Geschlechtliches. Es war wunderbar, wenn sie sich trafen und küssten und sie freute sich, wenn er Erfüllung und Befriedigung bei ihr fand. Sich selbst stellte sie dabei ganz zurück.
   Mit zwanzig wurde sie schwanger. Sie heirateten und bald kam ihr gemeinsamer Sohn Martin zur Welt. So viel veränderte sich plötzlich in ihrem Leben. Es fühlte sich so an, als hätte das Schicksal plötzlich auf Ernst geschaltet.
   Ihre Wohnung wurde zu klein, und sie fassten den Plan, ein Haus zu bauen, was sie dann beinahe drei Jahre lang beschäftigte. Nicht lange, nachdem sie eingezogen waren, war Helga wieder schwanger. Margarethe. Sie lebten ein gemütliches, zufriedenes Jungfamilienleben und Alois arbeitete in einer Fabrik, die Nägel produzierte. Er hatte es nicht weit dorthin und fuhr jeden Tag mit dem Fahrrad. Helga blieb bei den Kindern zu Hause und führte den Haushalt. So zogen die Jahre über sie hinweg und einzig das Aufwachsen der Kinder erinnerte sie daran, dass das Altwerden langsam über sie kam.
   Der dunkelste Tag in ihrem gemeinsamen Leben war der Tag von Martins Unfall. Monatelang hatte er seine Eltern darum angefleht, ihm den Erwerb eines Motorrads zu ermöglichen, und obwohl Helga und Alois das von Anfang an für keine gute Idee hielten, ließen sie sich letztendlich breitschlagen. Es war an einem Samstag, als sie die schreckliche Nachricht ereilte.
   Martin war tot. Verunglückt mit dem Motorrad. Sie machten sich Vorwürfe, weil sie ihm nicht entschiedener entgegentreten waren, und es dauerte Jahre, bis die Was wäre gewesen, wenn … Fragen aus ihrer beider Leben verschwanden.
   War es Bestimmung? Wäre er sonst vielleicht von einem Auto überfahren worden, hätten sie ihm das Motorrad nicht gekauft? Hätte ihn vielleicht eine schreckliche Krankheit ereilt? Sie flüchteten sich in ihre Schicksalstheorie und als hätte das Vorsehung nicht schon genug Prüfsteine in ihren gemeinsamen Lebensweg gerollt, hatte Alois kurz darauf diesen Arbeitsunfall. In der Fabrik, in der er arbeitete, gab es einen Defekt an einer Maschine, und sie schoss plötzlich kleine Drahtstückchen durch die Halle. Alois war zur falschen Zeit am falschen Ort. Ein Stück traf ihn genau in seinem linken Auge und machte es unbrauchbar. Als Ersatz bekam er dafür eines aus Glas. Er war damals schon sechzig und musste eine lange Zeit im Krankenhaus verbringen. An regelmäßige Arbeit war danach nicht mehr zu denken, da er ständig von stechenden Kopfschmerzen gepeinigt wurde. Medikamente behoben den Schmerz, verhinderten aber auch, dass er Maschinen bedienen konnte.
Frühpension mit sechzig war die Konsequenz, die ihm anfangs gar nicht so unrecht war. Die Schulden für das Haus waren abbezahlt, Margarethe war ihrerseits verheiratet und lebte ihr eigenes Familienleben.

   Alois hatte alles erledigt und sein Denken war wieder ganz unbeeinflusst von Hormonen, die sein Gehirn von Zeit zu Zeit zu diesen seltsamen Phantasien trieben. Die Mädchen in den Werbeprospekten, die in Unterhosen an Sandstränden posierten, kamen ihm nun lächerlich vor. Von Bildbearbeitungsprogrammen zur Makellosigkeit verstümmelt standen sie plan- und sinnlos am Strand und lächelten einfach nur. Warum sie lächelten war unklar. Vermutlich ob des zu erwartenden Honorarschecks.
Alois ging hinüber und streckte seine Beine zufrieden unter den Tisch. Er konnte sich nicht erklären, warum Helga ein seltsames, schelmisches Lächeln im Gesicht trug, wollte aber auch nicht nachfragen. Es kam ihm vor, als würde sie sich das Lächeln kaum verkneifen können und als suche sie angespannt nach einem Gesprächsthema, um ihrem Grinsen einen Grund vorzuschieben.
   Alois schlürfte seine Suppe und beachtete sie schließlich nicht weiter. Nach dem Mittagessen kam der Verdauungsschlaf und die zuvor genommenen Schlucke aus der Weinflasche halfen ihm dabei, tatsächlich in schnarchenden Tiefschlaf zu versinken.
   Den Mittagsschlaf, der nie länger als eine Stunde dauerte, absolvierte er auf der angrenzenden Küchencouch. Helga würde inzwischen wie immer das Geschirr versorgen und die Küche putzen. Sie zog sich danach gerne ins Schlafzimmer zurück, um ein wenig Radio zu hören.
   Nach ziemlich genau einer Stunde erwachte Alois wieder und setzte sich auf. Helga kam aus dem Schlafzimmer und es wurde Kaffee getrunken. Danach ging er wieder in seine Werkstatt, um zumindest das Werkzeug zusammenzusuchen, das er für die Reparatur der Dachrinne brauchen würde, die er schon seit einigen Tagen plante.

Die Suppe

   Der Kirchtag wurde in ihrer Gemeinde schon sehr früh im Jahr begangen. Der Frühling war erst vor wenigen Tagen zum Sommer geworden und für Helga bedeutete das, dass eine Kirchtagsuppe gekocht werden musste. Sie hatte dafür schon beim letzten Einkauf alle notwendigen Zutaten besorgt.
   Kirchtag war so eine Sache. Vermutlich hatte sich der Brauch vor Generationen entwickelt, in einer Zeit, in der alles extrem reduziert war und Bauern den Hauptteil der Bevölkerung ausmachten. Die Männer scherten sich nicht um Familienplanung oder überhaupt um etwaige Folgen ihrer geschlechtlichen Aktivitäten.
   So geschah es wohl nicht selten, dass ein Bauer, weil ihm gerade danach war, die Magd begattete. Diese wiederum hatte nicht den Mut, sich zu wehren, und viele Mägde wurden auf diese Weise einfach schwanger und gebaren dann Kinder, die von ihrer Stunde Null an als Underdogs, Ungewollte, Schandflecke, Ausgeburten weiblicher Unzüchtigkeit durch ihre Kindheit, ja durch ihr ganzes Leben geschupst wurden. Sie wurden früh an andere Bauernfamilien vergeben, bei denen sie dann ohne Entlohnung arbeiteten. Es ging damals noch primär um das nackte Überleben, und die Anzahl derer, die am Hof ihr Essen bekamen, war ziemlich genau an die zu erwirtschaftenden Ressourcen angepasst.
So entstanden die Knechte und Mägde, die ein karges Dasein fristeten und neben der Arbeit wenig Abwechslung in ihrem Leben hatten. Einen Tag im Jahr gab es allerdings, an dem sich auch diese Leute wie Menschen fühlen durften. An dem Tag waren alle in ihre besten Kleider gehüllt, es wurde nur das notwendigste gearbeitet und es gab die feinsten Dinge zu essen. Hauptgericht war eine Suppe aus süßer Sahne mit etlichen Fleischsorten, exotischen Gewürzen und dazu gab es Germteigbrot mit viel Zucker und Butterschmalz. Ein Jahresereignis, das alle sehnsüchtig erwarteten und sie spüren ließ, wie es sein würde, wären sie echte, integriertes Mitglieder der Gesellschaft.
   Helga kochte jedes Jahr eine Kirchtagsuppe. Sie war stolz darauf, weil ihr das Gericht zuverlässig gut gelang und sie regelmäßig anerkennendes Lob von allen erhielt.
   Auch wenn man alle Zutaten beisammenhatte, beanspruchte die Herstellung einen ganzen Tag. Bevor sie loslegte, überprüfte sie die Zutatenliste auf Vollständigkeit. Alles da, stellte sie zufrieden fest. Nein! Sie hatte ein Gewürz vergessen. Safran. Das ewig teure Zeug, das hauptsächlich für die Farbgebung verantwortlich war. Crocus sativus, eine Krokus-Art, die in der Gegend um Afghanistan kultiviert wurde. Die getrockneten Blütengriffel wurden als Gewürz verwendet und sie sollten, laut Rezeptur, auch Bestandteil der Kirchtagsuppe sein.
   Helga rief diesmal schon von der Haustüre aus nach Alois, weil sie sich daran erinnerte, in welcher Situation sie ihn neulich angetroffen hatte. Er kam aus dem Werkstatthäuschen und sie bat ihn, doch schnell Safran vom Kaufhaus zu holen.

Das Parfum

   Alois sah das als Gelegenheit, sich einen Kasten Bier für die Feiertage zu besorgen. Es war seine kleine Tradition, zum Kirchtag Bier zu trinken. Er tat das das ganze Jahr über nicht, da sein Arzt meinte, dass Kohlensäure für seinen gastritischen Magen bei andauerndem Konsum nicht gut wäre. Zum Kirchtag gehörte aber Bier, wie Alois meinte, und so reduzierte er seinen jährlichen Bierkonsum auf exakt einen Kasten, und auf das Bier freute er sich schon beinahe so, wie auf die Kirchtagsuppe.
   Das Lebensmittelgeschäft war nicht weit entfernt und die Distanz war leicht mit dem Fahrrad zu bewältigen. Da er aber Bier besorgen wollte, fuhr er mit dem Auto.
   Einen Einkaufswagen vor sich hinschiebend, betrat er den Laden. Einkaufswagen stellen eine hervorragende Hilfe für leicht gehbehinderte Menschen dar. Es war sein Plan, eine Angestellte zu finden und sie nach dem seltsamen Gewürz zu fragen, das er sonst nie suchte, weil es ja eigentlich für nichts zu gebrauchen war.
   Sein erster Weg führte ihn zum, durch eine Regalwand abgetrennten, Bierdepot. Er suchte nach der Biermarke, die er gerne trank und es stieg ihm ein wohliger Duft in die Nase.
   Der betörende Geruch weckte ihn innerlich auf eine bestimmte Weise auf. Es war, als hätte jemand einen Vorhang vor seinen Augen entfernt, der alles in milchige Unwirklichkeit und Teilnahmslosigkeit tauchte. Er war plötzlich hellwach und da erschien sie am anderen Ende der Bierabteilung. Sie war bestimmt einen Kopf kleiner als er, trug eine schwarze Pelzjacke, die bis zur Mitte ihrer Oberschenkel reichte. Darunter staken zwei wunderbar geformte und mit schwarzen Nylons bekleidete Beine in hochhackigen Schuhen. Ihr Gesicht war auffällig geschminkt, doch das Besondere an ihr war ihre Duftaura. Nie zuvor hatte Alois etwas Ähnliches so intensiv gerochen.
   Alois erinnert sich an eine Radiosendung, die das Thema Parfumindustrie behandelte. Die Kernaussagen dabei waren wie folgt: Der Duft eines Parfums besteht aus Kopf-, Herz- und Bassnoten. Alle drei Duftnoten sind sich prinzipiell sehr ähnlich, ein paar Grundeigenschaften unterscheiden sich dennoch. Die Kopfnote ist für den ersten Eindruck verantwortlich und eher überakzentuiert. Sie hält nur wenige Minuten an und ist darauf ausgerichtet, das Kaufverhalten zu beeinflussen. Die Herznote wirkt schon um einiges länger und duftet deutlich weniger penetrant. Die Basisnote stellt den eigentlichen, lange anhaltenden Charakter des Duftes dar.
   Der Duft war einfach umwerfend und unglaublich intensiv. Es war die Kopfnote eines, erst vor ganz kurzer Zeit applizierten, betörenden Parfums, das durch seine Nase direkt in sein Denken und Fühlen vordrang und es war wundervoll. Plötzlich kam ihm alles so anders und unwirklich vor.
   Die Frau ging an ihm vorbei und zog einen Schleier der Betörung hinter sich her. Tief atmete er den unfassbar schönen Geruch ein. Er sah ihr nach. Sie schritt die Regalwand entlang und er blickte auf ihre perfekt geformten Beine, die in eleganten Schuhen endeten.
   Plötzlich drehte sie sich um, sah ihm in die Augen und kam auf ihn zu.
»Entschuldigung, ich kenne mich hier wenig aus und suche eine Adresse. Ich muss sie dringend finden und habe leider keine Ahnung in welche Richtung ich muss. Ich habe sie draußen im Wagen notiert. Könnten Sie bitte einen Blick darauf werfen? Vielleicht können Sie mir weiterhelfen.«
Die duftende Frau sprach mit einem leichten, charmanten Akzent, den Alois nicht zuordnen konnte. Er war von der Situation überwältigt. War es ein Traum? Die Frau stand direkt vor ihm, ihre Pelzjacke, die sie nur nachlässig geschlossen hielt, ließ ihn erkennen, dass sie darunter vermutlich sehr wenig anhatte.
   »Ja, natürlich«, sagte er, »ich helfe Ihnen sehr gerne. Wir können gemeinsam zu Ihrem Wagen gehen, ich lade noch schnell etwas in den Einkaufswagen.« Er packte den nächstbesten Bierkasten in den Wagen und ging gemeinsam mit der Duftwolkenfrau zur Kasse. Den mitleidigen Blick, mit dem die Kassenfrau ihn ansah, wusste er nicht zu deuten.
Sie war mit einem Kastenwagen da und bat Alois, sich doch auf den Beifahrersitz zu setzen, sie würde dann nach dem Zettel sehen. Sie setzte sich hinter das Lenkrad. Ihre Pelzjacke rutschte etwas hoch und Alois sah den oberen Rand ihrer halterlosen Strümpfe und die angrenzende, glatte Oberschenkelhaut. Seine Eingeweide hoben sich für einen kurzen Moment und er schluckte hastig.
   »Es tut mir leid«, sagte sie plötzlich. »Ich heiße Marie und habe Sie vorhin belogen. Ich habe Sie aus einem anderen Grund zu meinem Auto gebeten. Ich mag reife Männer wie Sie und wollte Sie fragen, ob Sie mit mir etwas spazieren fahren würden.«
   Alois fiel aus allen Wolken. Er konnte nicht klar denken und die Situation vernünftig einordnen. Es war paradiesisch und er fragte sich, ob er überhaupt noch am Leben war oder ob er träumte. Der Duft dieser schönen Frau neben ihm, der in der Enge des Wagens noch stärker wirkte, ließ sein Denken verschwimmen und er genoss einfach, was hier geschah.
Marie fuhr recht zielgerichtet zu einem abgelegenen Parkplatz, auf dem nur vereinzelt Autos standen. Sie parkte neben einem weiteren Kastenwagen und meinte, dass sie sich gerne hinten in den Wagen legen würde.

Sex

   Sie stieg aus, öffnete die Heckklappe und machte es sich auf einer Decke bequem. Alois war auch aus dem Auto gestiegen und stand jetzt hinten am Wagen. Ihre Pelzjacke war nun offen und Alois sah, dass er sich nicht geirrt hatte. Unter ihrer Jacke war sie völlig nackt und wunderschön. Ihr Schamhaar war kohlschwarz und penibel bis auf einen schmalen Streifen rasiert.
   Sie setzte sich auf, öffnete seine Hose und ließ sie bis zu seinen Knien rutschen. Sofort begann sich eine Erektion zu entwickeln. Marie legte sich zurück, Alois nahm ihr linkes Bein in seine Hände und rollte langsam ihren Strumpf zum Knöchel hinauf. Beinahe ehrfürchtig hielt er das Bein mit beiden Händen; er küsste ihre Fußsohle und versuchte, seine Zunge in den Zwischenraum zwischen großer und angrenzender Zehe zu schieben. Ein leises Seufzen drang an sein Ohr. Er nahm ihre große Zehe in den Mund und beschrieb mit seiner Zunge kleine Kreise. Sie seufzte erneut. Langsam begann er sich dann an der Innenseite ihres Beines hochzuküssen. Im Zentrum der Lust angekommen, vergrub er seine Nase in das spärliche Überbleibsel ihrer Behaarung und es roch wunderbar nach einer Mischung aus Meeresbrandung und dem betörenden Duft ihres Parfums.
Plötzlich schnellte an dem Wagen, der neben ihnen parkte, die    Schiebetüre auf. Ein Mann mit einem Fotoapparat in der Hand trat auf Alois zu und fotografierte ihn, wie er mit einer stattlichen Erektion hinter einem Auto stand und das Bein einer Frau in der Hand hielt. Alois wusste nicht, wie ihm geschah. Was passierte hier, in diesem wunderbaren Moment? Er war benommen und verstand nicht, welche Mächte hier in diese Szene platzten und bevor er die Situation noch genauer einordnen konnte, war der Störenfried schon wieder in sein Auto gesprungen und mit quietschenden Reifen davongerast.
   Marie hatte ihre Pelzjacke geordnet und den Strumpf wieder angezogen. Sie wirkte verstört und meinte, dass sie sofort wegmüsse. Ihr wäre nach diesem Vorfall sämtliche Romantik und alle Lust vergangen und sie bat Alois, wieder in den Wagen zu steigen. Benommen, sprachlos, ja unfähig, irgendwie angemessen zu reagieren stieg er in das Auto und blickte starr vor sich hin.
   »Schreib mir bitte deine Adresse auf, ich melde mich bei dir. Okay? Mir gefällt, was du mit deiner Zunge tust und wir müssen das in Ruhe fortsetzten.«
   Alois nahm ein Stück Papier aus dem Handschuhfach und notierte seine Adresse darauf. Er war von dem Erlebten noch voll Glückseligkeit und alles um ihn kam ihm unwirklich vor.
   Wieder beim Kaufhaus angekommen, sah er als erstes den Einkaufswagen. Niemand hatte sich um den mit dem Bierkasten beladenen Einkaufswagen gekümmert, völlig verwaist stand er neben seinem Auto. Vermutlich kochte das Bier in den Flaschen bereits.

Das Nachdenken

   Zu Hause angekommen, ging er direkt in seine Werkstatt. Er versuchte zu verstehen, was da mit ihm geschehen war.
   Der Geruch hatte sich in seiner Nase festgesetzt und mit ihm waren seine Gedanken noch voll sehnsüchtiger, wundervoller Erinnerungen. Er hatte den Himmel erahnen dürfen und dafür war er dankbar. Er glaubte nicht daran, dass sie sich jemals wieder bei ihm melden würde und fühlte sich erschöpft und schwer. Es war inzwischen dunkel geworden und er überlegte kurz, ob er das Licht einschalten sollte.
   Schließlich ging er rüber ins Haus. Helga wirkte nervös und irgendwie auch erleichtert, als sie ihn sah und fragte, wo er denn so lange geblieben sei. Er antwortete, dass er eine ganze Weile in der Werkstatt gesessen habe und schon vor einiger Zeit zurückgekehrt war. Still und in sich gekehrt war Alois.
   »Ich glaube, ich werde dann mal ins Bett gehen“, sagte Helga.    »Kommst du auch?«
   »Ich komme gleich. Ich trink noch einen Schluck Wein.«
Nur das Ticken der Uhr war mit ihm im Raum. Entspannt und auf seltsame Art zufrieden saß Alois am Küchentisch bei seinem Glas Wein und dachte an die Erlebnisse des Tages. Er versuchte, sich den wunderbaren Duft ihrer Schamhaare ins Gedächtnis zurück zu holen. Seinen Kopf auf die Hände gestützt verzog sich sein Mund zu einem leichten Grinsen. Tick, tack …

Der Brief

   Die nächsten Tage begannen wie schon viele vor ihnen. Kaffee, Zeitung, Werkstatt …
   Alois erwartete den Briefträger und es waren nicht die Prospekte mit Unterwäschemädchen, denen seine Erwartung galt, sondern er hoffte insgeheim, dass die wunderbar duftende Frau sich melden würde.
Nach drei Tagen kam wirklich ein Brief, auf dem in zarter    Frauenhandschrift seine Adresse stand. Er roch begierig daran und bildete sich tatsächlich ein, den Duft der Frau zu riechen. Sein Herz begann zu rasen und er stürzte zurück in die Werkstatt. Mit zitternder Hand öffnete er den Umschlag und was er da zu Gesicht bekam, löschte alle positiven Gedanken und Erwartungen in ihm aus.
   Es war ein Foto. Mit einer leidlichen Erektion sah er sich selbst hinter einem Kastenwagen stehen, die Hose bei den Knien, mit beiden Händen andächtig ein Damenbein mit rubinroten Zehennägeln liebkosend. Dabei blickte er mit halb geöffneten Augen verträumt und wie in Trance in die Kamera. Auf der Rückseite stand in spärlichem Deutsch geschrieben, dass er doch bitte zweitausend Euro auf das nachfolgende Konto überweisen solle, um weitere Sendungen zu vermeiden.

Die Scham

   Es fiel ihm wie Schuppen von den Augen. Mit einem Ruck kehrte er aus seiner Traumwelt zurück und es war, als hätte jemand einen Vorhang vor ihm zugezogen, um ihm die herrliche Aussicht zu entziehen. Er fühlte sich missbraucht und plötzlich bekamen die Ereignisse einen Sinn. Sie reihten sich aneinander und bildeten eine schlüssige, düstere Wahrheit.
   Sein Mund war trocken geworden und er nippte kräftig an der Weinflasche. Das änderte leider nichts an dem bitteren Geschmack, den er plötzlich im Mund hatte, und er merkte, wie sein Atem schwer wurde. Es war ihm, als müsse er jeden Atemzug bewusst auslösen, um nicht zu ersticken. Gleichzeitig war ihm die Kehle zugeschnürt und sein Herzschlag fühlte sich widerwillig an. Das nächste Pochen schien nicht mehr die automatische und logische Konsequenz des letzten Schlages zu sein, wie es die letzten Jahrzehnte lang gewesen war. Er spürte jeden Muskel seines Herzens, spürte, wie es sich bemühte, das Blut im Kreislauf weiterzuschieben. Und es war ihm plötzlich egal, dass es das tat. Es wäre ihm sogar recht gewesen, wenn es ganz einfach aufhören würde, denn jedes Mal, wenn sich der Muskel zusammenzog, verursachte er physische Schmerzen.
   Wozu der ganze Aufwand? In welch abgrundtief traurige Geschichte war er da verwickelt worden? Alois konnte sich nicht erklären, warum sich plötzlich der Unfall von Martin in sein Denken drängte. War dieser Schmerz jetzt vergleichbar mit dem, den er hatte, als Martin starb? Das kann ja wohl nicht sein, dachte er. Die Sache kam ihm verglichen mit der Situation damals plötzlich lächerlich vor. Er konnte sich das nicht erklären, aber er fühlte sich leichter. Er beschloss, Helga gegenüber die Karten auf den Tisch zu legen. Es würde ja vermutlich kein Ende nehmen, würde er erst einmal zu zahlen beginnen.

Verzeihen

Es war schon finster, als er ins Haus zurückkehrte. Ein beklemmendes Gefühl schnürte seinen Brustkorb ein und er konnte sich nicht daran gewöhnen.
   »Helga, ich muss mit dir reden«, sagte er unumwunden.
   »Was ist los, was gibt es? Das klingt ja ziemlich ernst«, meinte sie, rückte die Stühle am Tisch zurecht und setzte sich hin.
   »Mir ist etwas verdammt Blödes passiert, Helga.« Er erzählte ihr die ganze Geschichte und sparte dabei nicht mit Details. Es folgten einige Minuten des Schweigens. Es erstaunte ihn, wie nahe Helga die Sache an sich heranließ, dachte er. Für ihn bewies es einmal mehr, wie groß die Distanz zwischen ihnen bereits war. Was war da überhaupt noch?
   »Alois«, sagte sie und klang dabei sehr dramatisch, »du bist ein alter Depp.«
   Erstaunlich, dass ihn das beruhigte und er eine Last von sich abfallen spürte. Er saß am Tisch und er war bereit, mit jeder erdenklichen Konsequenz zu leben. Aber genau dieser eine Satz war alles, was Helga an Reaktion von sich geben wollte. Sie stand auf und ging wortlos ins Bett. Alois trank Wein und das mit großen Schlucken.

   Die nächsten Tage kamen und gingen mit gewohnter Ereignislosigkeit. Nach etwa drei Tagen kam die erste Ansichtskarte. Der Briefträger lächelte freundlich, als er Alois die Post überreichte. Es war eine Postkarte mit dem bekannten Motiv. Auf der Rückseite ein freundlicher Gruß dazu, signiert mit dem Abdruck eines Lippenstiftkusses. Mein Gott, war das peinlich, dachte Alois und er verstand, warum der Briefträger so freundlich gelächelt hatte. Und diese Briefsendungen wiederholten sich jeden zweiten Tag.

   Eines Tages nahm Helga die Post entgegen und sah das Bild erstmals. Sie hatte nicht gedacht, dass es sie in dem Ausmaß berühren würde, und erst jetzt wurde ihr schlagartig bewusst, was sich da abgespielt haben musste. Wer war dieser Mann und was tat er da? Fremd, er war ihr einfach fremd. Sie war enttäuscht und dachte über ihre Beziehung nach. Anscheinend waren sie im Spätherbst ihres gemeinsamen Lebens angekommen. Sie selbst hatte Ruhe gefunden und die Aufgaben, die ihr das Leben gestellt hatte, sah sie als erfüllt an. Sie hatte Alois offensichtlich abgehängt, und sie bemitleidete ihn in gewisser Weise, weil das Schicksal ihn noch immer nicht ruhiger gemacht zu haben schien. Welcher große Plan wohl dahinterstecken mochte, versuchte sie vergebens für sich zu ergründen.

   Der Kirchtag verlief wie immer. Margarethe war mit ihrem Mann und den Kindern da und es wurde wie jedes Jahr zufrieden an der Suppe geschlürft. Alois war schweigsamer als sonst, aber niemand empfand diesen Umstand als seltsam.
   »Die Suppe ist ausgezeichnet, wie jedes Jahr, Mama«, meinte Margarethe. »Trotzdem finde ich, dass irgendwas fehlt. Ich komm aber nicht drauf, was es sein könnte.«
   »Es ist ein Gewürz, das fehlt«, sagte Helga nachdenklich. »Die Suppe ist dadurch auch nicht so gelb, wie sonst.«
   »Ja, aber welches Gewürz fehlt denn, Mama?«
   »Safran.«

Ende

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Emanuel Kury

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