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Leselupe.de > Erotische Geschichten
Sag es dem Spiegel
Eingestellt am 10. 06. 2011 11:31


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Arno Abendschön
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Registriert: Aug 2010

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Dieser Graben war auf einmal da, zwischen Mittag und Abend entstanden. Ich bin nicht über ihn gesprungen, damals nicht und später auch nicht …

Geh doch endlich zum Friseur, sagt meine Mutter. Es sind schon fünf Wochen, du siehst aus wie …! Sie will mich schonen, sie verschluckt gern, was sie wirklich von mir denkt.

Ja, wie sehe ich denn aus? Ich gehe ins Bad. Ich brauche heute Nachmittag nicht zu helfen, denn er hat den Lieferwagen zur Werkstatt gefahren, gleich nach dem Essen. Er besorgt noch etwas in der Stadt und wird heute nicht meckern, weil ich wieder mal stundenlang lese. Im Spiegel sehe ich aus wie einer mit Afrolook nach drei Tagen Sturm und Regen. Meine Haare wachsen so schnell – jede aufgeplatzte alte Matratze sieht besser aus. Und mein Gesicht, ist es hässlich? Ich fixiere mich feindselig mit geschürzter Lippe und finde mich abstoßend. Mitesser muss ich auch noch ausdrücken - nach dem Friseur. Ich denke daran, wie er mir immer den Nacken scharf ausrasiert. Das ist sehr angenehm.

Ich trabe also los. Den steilen Berg ins Dorf hinunter laufe ich und kann mich unten an der Ecke der Bahnhofstraße gerade noch stoppen. Das Auto dicht vor mir bremst, hupt und beschleunigt schon wieder. Auch ich werde später einen großen Wagen fahren und ein neues großes Haus in der Stadt haben, draußen am Waldrand. Ich will mal Studienrat werden, für Deutsch und Geschichte, und in den vielen langen Ferien mache ich große Reisen. Kanada und Zypern, Lappland und Portugal, das reicht fürs erste Jahr. Ich werde vier oder fünf Kinder haben und eine attraktive Frau. Das ist genau die Reihenfolge, in der ich immer meine Wunschvorstellungen im Kopf abspule.

Im Friseurladen ist vorne bei den Männern nichts los. Ich komme gleich dran. Wie immer sagt der Friseur: Es ist also wieder mal so weit … Rundschnitt? Ja, alle drei Wochen muss man schon kommen. Du weißt doch: Bei einem jungen Mann sehen die Leute nur auf zwei Sachen: auf die Schuhe und auf die Frisur. - Auf sonst nichts? Ich frage nicht laut, ich denke es nur.





Der Friseur ist Mitte dreißig, sein Salon schäbig. Bei ihm ist es am billigsten hier im Dorf. Hinter der halbhohen Milchglaswand neben mir sehe ich aus dem Augenwinkel die Silhouette zweier Schatten. Die junge Frau des Friseurs bedient dort eine Kundin. Sie reden laut miteinander, pausenlos. Doch unter den Geräuschen von Fön dort und Schere hier kann ich davon so gut wie nichts verstehen. Außerdem will sich der Friseur mit mir unterhalten.

Du verreist nicht in den Ferien? Ach ja, du musst im Betrieb helfen … Du bist der Einzige bei euch, nicht? Wir fahren auch nicht groß weg, nur zu den Schwiegereltern … Ich habe seine Frau ein paar Mal gesehen. Sie ist jünger als er, sehr schlank, kurzhaarig. Sie kommt mir fast wie ein Schuljunge vor. Hübsch ist sie auch noch. Von meiner Mutter weiß ich, sie sind schon Jahre verheiratet und Kinder sind nicht gekommen. Da wird es bei ihnen wohl mal keinen Nachfolger geben, hat sie außerdem gesagt.

Da ist einer unter euch, unter euch Jungen … Der Friseur unterbricht sich, um mir die vielen abgeschnittenen Locken mit seiner Handkante vom Umhang zu fegen. Dabei berührt er durch den dünnen Stoff meine knochigen Schultern. Ich finde den Friseur klein und schmächtig. Er fährt fort: Er hat immer eine Lederhose an, er als Einziger hier im Dorf – weißt du, wen ich meine? Ja, natürlich weiß ich es und sage einfach nur: Fabian heißt er.

Er fragt dann weiter: Was ist das für einer? Der Friseur sieht mir beim Fragen nicht ins Gesicht. Er arbeitet jetzt hinter mir und schaut angestrengt auf meinen Hinterkopf. Wenn ich geradeaus in den Spiegel blicke, kann ich nur mir selbst in die Augen sehen. Fabian, sage ich, ach, der … Sein Vater ist schon tot, der war nur Hilfsarbeiter. Sie wohnen in der Sozialsiedlung … Ich komme mir verlogen vor. Die Wahrheit ist: Ich möchte sagen, dass mich Fabian fasziniert. Er ist so aufregend schön, wie der kleine Friseur hinter mir mickrig ist. Fabian weicht mir immer aus.

Wir schweigen dann beide eine Zeitlang. Den Nacken mit dem Messer ausrasieren? – Ja, bitte. Aber es erregt mich heute kaum. Vielleicht bin ich zu unaufmerksam. Man muss diesen Reiz sehr konzentriert auf sich wirken lassen. Ist bei mir jetzt nicht auch eine Spur Ekel im Spiel? Und warum hat er sich gerade bei mir erkundigt?

Ich habe gezahlt und den Salon verlassen. Seine junge knabenhafte Frau ist heute nicht hinter der Milchglasscheibe hervorgekommen. Jetzt trotte ich die Bahnhofstraße zurück und steige dann den Berg langsam hinauf. In mir entsteht ein kleiner abscheulicher Roman. Also der kinderlose Friseur und seine hübsche, sehr schlanke junge Frau und dieser Fabian - und ich. Der Friseur, ist er so? Meine Gedanken haben das Thema bisher nur in großem Abstand umkreist.

Zu Hause stehe ich wieder im Bad vor dem Spiegel. Ich sehe jetzt mit kurz geschnittenem Haar viel besser aus. Schade, dass das Ausrasieren heute nicht so lustvoll wie sonst war. Da bin ich um ein Vergnügen gekommen. Vielleicht wird es nächstes Mal wieder gut.

Ich vermeide es, mir in die Augen zu sehen, mein Blick wandert abwärts über Konsole und Wasserhähne zum Beckenrand. Ich schiebe meinen Unterleib dicht an den Beckenrand heran. Unser Waschbecken ist mir noch nie so groß wie heute vorgekommen. Ich sehe lange hinein und sehe es auf einmal wie einen Graben vor mir, breit und tief. Dann verstopfe ich den Abfluss, lasse kaltes Wasser einfließen. Über einen solchen Abgrund von Graben müsste ich springen. Ich werde es nicht tun. Ich werde nie springen, ich werde immer auf dieser Seite bleiben. Keine Frau und keine Kinder haben, kein Haus und keine Familienkutsche … Nur das verspreche ich mir: Wie der Friseur will ich später mal nicht dastehen.

Ich lasse das Wasser abfließen und gehe in die Küche, um meiner Mutter den Haarschnitt zu zeigen. Nein, Mama, was soll denn sein? Nichts ist passiert, nichts …

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