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Leselupe.de > Anonymus
Sag mir, wo du stehst
Eingestellt am 12. 06. 2018 15:53


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Anonymous
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1. Die Frage

Die aktuelle Diskussion um den Islam – ausgelöst durch die Flüchtlingsproblematik, durch Terrorakte, durch eine fühl- und sichtbare Veränderung unserer gewohnten Welt seit dem Elften September, und schwer angeheizt durch Skandalromane wie Houellebeqcs „Unterwerfung“, Sachbücher wie „Der islamische Faschismus“ von Hamed Abdel Samad oder auch skurrile Petitionen gegen Masseneinwanderung (zu den Unterzeichnern der „Gemeinsamen Erklärung 2018“ gehören Vera, Matthias, Uwe, Michael und Henryk M., die Nachnamen spare ich mir auf Grund tiefen Unbehagens) – scheinen von jedem eine Stellungnahme zu fordern. Fragen zuhauf, in offensiver Form, fliegen einen aus Talkshows, Filmen, Leserbriefen, Diskussionen unter Freunden und Bekannten wie Mörsergranaten an: Was hältst du vom Islam? Müssen wir nicht Angst haben vor einer Islamisierung des Abendlandes? Steckt nicht in jedem Moslem ein potentieller Islamist? Wie siehst du die Rolle der Frau im Islam? Kann der Islam unser Wertesystem zerstören? Findet eine schleichende Machtübernahme statt? Leben wir bald unter dem Diktat der Scharia usw.

Nichts Neues scheint mir das in unseren Zeiten neu aufflammender gesellschaftlicher Verteilungskämpfe, die letztlich wohl immer auf Zeiten gefühlter Ruhe und allgemeiner Stabilität – welche meist in Stagnation und allgemeine Müdigkeit übergeht – folgen. Ich erinnere mich sofort an eine Textzeile, ich glaube, jeder kennt sie: „Sag mir, wo du stehst und welchen Weg du gehst“, verlangte ein Lied des Oktoberklubs, verfasst von Harmut König, 1967 von den unentschlossenen Jugendlichen.

Die Zeit war genau richtig für dieses Lied: Vietnam-Krieg, Studentenrevolten (im Westen offen, im Osten latent), neue sexuelle Freiheiten, Verheißungen von Wissenschaft und Technik (bevorstehender Mondflug, Lösung aller Energieprobleme durch Atomtechnik usw.) waren einschneidende Ereignisse/Veränderungen, die eine Positionierung notwendig machten. Die allgemeine Frage, wo der Einzelne denn stehe, war im Prinzip die Frage nach der Stellung zum System: Dafür oder dagegen? Nicht nur im Osten, wo das Lied entstand und bekannt wurde, nein, auch im vermeintlich freien Westen wurde diese Frage gestellt.

Wer im Osten „dafür“ war, wurde Offizier, Parteimitglied, FDJ-Funktionär. Wer dagegen war, schloss sich von Studium, Karriere, gesellschaftlicher Anerkennung aus. Wer Zweiteres gewählt hatte, geriet entweder in oppositionelle Kreise; oder er zog sich ins Private zurück und begann zu saufen; oder er tüftelte über U-Boot- und Heißluftballonbauplänen; oder er stellte einen Ausreiseantrag; oder er nahm sich einen Strick.

Heute meinen viele, sie könnten die Menschen, die sich damals entschieden, eindeutig bewerten. Wer sich fürs „System“ entschied, gehört jetzt gemeinhin zu den „Bösen“, zu den Angepassten, den Kriechern, Duckmäusern, Feigen etc. Wer sich gegen das System entschied, darf sich nun als Widerständler und als einer der „Guten“ feiern lassen.

Auf die aktuelle Situation mit ihren Fragen nach der Bewertung von Religionen übertragen, entspräche eine Position, die sich für Toleranz ausspricht und im Islam zuallererst die friedliche, spirituelle Seite und die in beeindruckender Kalligrafie geschriebenen, in mitreißend rhythmisiertem Sing-Sang vorgetragenen Koran-Verse sieht, einer Bejahung des herrschenden politischen Systems.

Stehen die bisher gewohnten Verhältnisse plötzlich Kopf? Könnten die „Systemkonformen“ irgendwann die „Bösen“ sein?

Die „Guten“ wären nach dieser Logik von Gut und Böse gleich Systemverneinung oder -bejahung damit zukünftig jene, die dem Mainstream der Meinungen nicht folgen, die im Islam den neuen Faschismus wittern, die den Untergang des Abendlandes predigen, die sich in der AfD organisieren und offen zur Islamophobie bekennen.

Das ist kaum vorstellbar. Diese Logik muss einen Fehler haben.

Der scheint mir in der euphemistischen, scheinheiligen, scheinehrlichen, zu allen Zeiten gestellten und somit zeitlosen Frage zu liegen: „Sag mir, wo du stehst“, ist zunächst und auf jeden Fall eine viel grundsätzlichere Frage, als es die fünf dürren Worte vermuten lassen. Mit diesem kurzen Sätzchen bringt die (fragende) Gesellschaft, d.h. die herrschende Elite, nicht etwa ein freundliches, mit einem aufmunternden Schulterklopfen verbundenes Interesse an der privaten Meinung eines ihrer Bürger zum Ausdruck; nein, sie zwingt den unsicheren Kandidaten ins inquisitorische Verhör: „Wo siehst du dich in der Gesellschaft? Wie sicher fühlst du dich in deiner sozialen Stellung? Welche Ambitionen hast du auf einen Aufstieg? Wieviel Angst hast du vor einem Abstieg, vor Strafen, Sanktionen?

Die genannten Fragen entspringen den systemrelevanten Interessen der Eliten; sie werden meist höflich formuliert und in die Watte politisch-korrekter Formulierungen gepackt – man möchte sie denn doch nicht ganz unverblümt den Untertanen auf die Köpfe schlagen. Ganz ohne alle Scham würden die Fragen vermutlich lauten: Wer bist du wirklich? Passt du in unser Schema oder nicht? Wie können wir dich integrieren, nutzen oder, falls du zu störrigem Verhalten neigst, eliminieren?

2. Die hörbare (offizielle) Antwort

Wenn wir die Frage „Sag mir, wo du stehst“, die sich ja formal an die schwache und daher auskunftspflichtige Untertanen-Einzelpersönlichkeit richtet(e), verallgemeinern, müssen wir unsere Gesellschaft ins Blickfeld nehmen.

Man stelle sich vor, man befrage alle Deutschen zu ihrem Standpunkt hinsichtlich des Islam, islamischer Flüchtlinge, islamischer Gemeinden, Moscheen, Verhüllungsgebot, Verweigerung des Handschlags mit Frauen. Mit Sicherheit gäbe es ein breites Spektrum an Antworten, wir brauchen nur in die Tagespresse zu sehen oder ein paar Gespräche im Café oder auf der Straße belauschen.

Das Spektrum der Antworten zeigte vermutlich eine deutliche Neigung zu Toleranz, Verständnis, Hilfsbereitschaft. Gegen Nationalismus, Xenophobie, Gewalt, einerseits. Es machte andererseits aber auch tiefe Gräben zwischen einer – positiv eingestellten – Mehrheit und einer ablehnend bis aggressiv sich verhaltenden Minderheit sichtbar.

Für mich stellt sich die Frage: Wie soll ich offizielle Statements eigentlich verstehen? Ist jede verbale Äußerung, jede öffentlich wahrnehmbare Stellungnahme, vom Willen nach Wahrhaftigkeit bestimmt? Oder liegt da bei manchem noch was begraben, so etwa im Bereich des Bauches, und das klopft und puckert und möchte raus, sie fürchten sich aber davor, es rauszulassen, es könnte ja als stinkender Mist der Öffentlichkeit präsentiert und, mitsamt dem Veräußerer, im Klärwerk öffentlichen Konsens entsorgt werden?

Die Frage resultiert natürlich aus dem Wissen um die Wirkung von Mehrheitsmeinungen, von „pc“, von „Mainstream“; all diese feinen Hebelchen funktionieren auf der Grundlage der Erkenntnis eigener Gewöhnlichkeit, und sie führen zur Differenz zwischen Sagen und Fühlen, Sagen und Denken, kurz: zum Verschweigen und Verschlucken.

Was die Befragten im Einzelnen verschweigen oder gar in sich hineinfressen, wissen diese nur selbst; das ist gut so und entspricht der aktuellen Datenschutzgrundverordnung. Trotzdem wage ich einmal den Versuch, dem dunkel in der Tiefe persönlicher Fühligkeiten vor sich hin Gärenden auf die Spur zu kommen, vielleicht hilft das ja, plötzlichen, brachialen Brechanfällen zuvorzukommen. Zu diesem Zweck bastle ich mir ein Hilfswerkzeug, es hat die Form eines kurzen Thesenpapiers und erhebt keinesfalls den Anspruch von Fehlerfreiheit:

1. Wir sind eine überwiegend humanistisch eingestellte und sich zivilisiert gebende moderne, gebildete Gesellschaft mit erkennbar unangenehmen Rändern: ein minderer, aber dennoch nicht zu ignorierender Teil der deutschen Bevölkerung wendet sich offen gegen den Islam. Die Mehrheit bewährt sich in Toleranz und Verständnis. Die wenigsten aber interessieren sich wirklich für die Religion und die Kultur des Islam.
2. Nicht die Religion und die Kultur sind also Ursachen für diese oder jene Meinung, für ablehnendes oder befürwortendes, unterstützendes Verhalten; die Menschen müssen die Ursache sein, die von der deutschen Mehrheit unter dem Begriff des Islam zu einer fremden Gruppe zusammengefasst werden.
3. Wenn man dem Biodeutschen den Durchschnittsmoslem – vermutlich sind beide nur als Projektion oder Abstraktion denkbar – gegenüberstellt, werden gewiss Unterschiede deutlich; zunächst äußerliche, sie beginnen bei der Kleidung und enden unter der Gürtellinie; auf einer zweiten Ebene folgen kulturelle Differenzen, die wir nur unvollständig oder gar nicht kennen. Eine Islamophobie dürfte sich somit weniger aus einer Aversion gegenüber einer – uns weitgehend unbekannten – Religion oder Kultur speisen.
4. Es müssen andere Gründe eine Rolle spielen: Sind das eventuell doch überwunden geglaubte animalische Empfindungen, Sinneseindrücke, niedere Instinkte?
5. Wer meint, er habe solche Empfindungen nicht, kann kein Mensch, kein Säugetier, kein Moslem und kein Deutscher sein, er müsste aus einer fremden Galaxie stammen.
6. Vorausgesetzt also, wir alle haben solcherart animalische Empfindungen, lässt sich unser widersprüchliches Verhalten – Xenophobie, Islamophobie, offener Rassismus auf der einen, Toleranz, Hilfsbereitschaft, Nächstenliebe auf der anderen Seite – nur damit erklären, dass ein Teil der Menschen Ressentiments, die aus diesen Empfindungen erwachsen, freien Lauf lässt. Um nicht als „Empfindungstier“ dazustehen, sucht Betroffener nach geistvoll klingenden Begründungen – fremde Religion, Unterdrückung der Frauen, patriarchale Gesellschaft usw. Der andere Teil unterdrückt, verleugnet oder blendet diese Empfindungen aus. Er wird sich damit in Übereinstimmung zu den universellen Menschenrechten befinden und nach den Prinzipien des Humanismus verhalten. (Womit er übrigens, das sei hier am Rande bemerkt, schnell in Widersprüche zu grundlegenden Glaubenssätzen orthodox ausgelegter Religionen gerät.)
7. Die Äußerlichkeiten, die wir bemühen, um Menschen schnell und bequem – und nie fehlerfrei – einer Religion und/oder Ethnie (ein Euphemismus für Rasse) zuzuordnen, dienen uns als Instrumente der Abgrenzung und der Erhaltung unserer Macht, unter ökonomischem und darwinistischem Aspekt. Wenn wir sagen, dieser oder jener sei Moslem und unserer Kultur, unserem Glauben fremd, meinen wir in Wirklichkeit, dieser oder jener Türke oder Araber könne ein Konkurrent um Ein- und Nachkommen und Frauen sowieso sein, er komme mir nicht auf meinen Arbeitsplatz oder darüber, und ganz und gar nicht in die Gensequenzen meiner Sippe. (Bei moslemischen Frauen entwickeln wir durchaus eine andere Haltung.)

3. Das Bild darunter

Wenn ich mich einmal als „Lackschaber“ betätige, um mit den genannten Thesen als Kratzhilfe ein paar möglicherweise schönende Farbschichten vom „Antlitz“ unserer angeblich mehrheitlich demokratisch-humanistisch, christlich-jüdisch geprägten Abendlandsgesellschaft zu entfernen, könnte folgendes Bild zum Vorschein kommen: Viele haben Bedenken, Ressentiments, wenige erlauben es sich, diese zu äußern. Viele geben sich nach außen weltoffen und tolerant, in Wirklichkeit haben sie ein wachsames Auge auf ihren Privatbereich, auf ihre soziale Stellung, auf ihr Einkommen, auf ihre Frau, die Kinder. Sie sind – mit einem Bild ausgedrückt – lächelnd in Lauerstellung.
Vielleicht ist ja ein Autor wie Houellebeqc ein Beispiel für den Zustand westeuropäischer Gesellschaften, also auch der deutschen: „Unterwerfung“ halten manche Rezensenten für eine abgefahrene Dystopie, manche für eine ernsthafte Fiktion, manche für ein islamophobes Machwerk, manche für eine kritische Bestandsaufnahme einer rückwärtsgewandten Religion. Der Autor selbst taucht meistens ab, wenn man ihm die Frage stellt, wie er „das“ gemeint habe.
In der Zeit fand ich diesen Kommentar:

"Was bei der Lektüre der misogyneren Passagen in Michel Houellebecqs neuem Roman Unterwerfung unbedingt hilft, ist übrigens, sich in der Rolle des 42-jährigen Icherzählers, der dem Älterwerden von Frauen insgesamt in einer Mischung aus Entsetzen und Ekel gegenübersteht, einfach Houellebecq vorzustellen und wie der heute mit gerade mal 56 Jahren aussieht. Dann kommt man fröhlich durch", schrieb die Journalistin Johanna Adorján 2015 nach Erscheinen des Buchs.

Houellebeqcs Angst ist die Angst des Bürgers vor Alter, Abstieg, Verfall; es ist die Angst vor der eigenen Gewöhnlichkeit und der animalischen Basis seines ganzen Lebens; sie deckt sich mit der Angst unserer Gesellschaft, die – überwiegend – noch cool tut und lächelt und sich freundlich und korrekt verhält, aber schon sprungbereit auf den Hinterbeinen sitzt.

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