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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Sag niemals nie
Eingestellt am 01. 08. 2003 09:12


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Estrella
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Jul 2003

Werke: 14
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Sag niemals nie
Ich hatte mich um halb zwei mit meiner Schwester zum Mittagessen in einer Pizzeria in der Innenstadt verabredet. Schon von weitem sah ich Dani am Eingang des Restaurants stehen. Ihr kugelrunder Schwangerschaftsbauch unter dem gelben Fleece-Sweatshirt ragte un├╝bersehbar zwischen ihren offenen Mantelh├Ąlften hervor. Die Arme erwartete Zwillinge und man konnte f├Ârmlich zusehen, wie sie von Tag zu Tag mehr wurde. Ungeduldig trat sie von einem Fu├č auf den anderen und rieb die Handfl├Ąchen aneinander. Obwohl heute schon der erste April war, war es noch immer bitterkalt.
„Hallo Schwesterherz“, begr├╝├čte ich sie und gab ihr einen dicken Schmatzer auf die Wange.
„Du hast aber schon wieder ganz sch├Ân zugelegt“, stellte ich fest, w├Ąhrend ich mit der linken Hand z├Ąrtlich ├╝ber ihren Bauch fuhr, und mit der Rechten die Eingangst├╝r der Pizzeria aufzog.
„Findest du, Carina? Mir selber f├Ąllt das gar nicht so auf“, sagte sie und betrat das Restaurant.
„Obwohl ich das Theaterspielen in unserer Laiengruppe vorerst wohl vergessen kann. Im Moment kommen in unseren St├╝cken leider keine schwangeren Frauen vor.“

In der Pizzeria mussten wir zun├Ąchst einen Augenblick warten, da alle Tische besetzt waren. Doch wir hatten Gl├╝ck, eine der Kellnerinnen winkte und deutete uns an, ihr nach oben in die erste Etage zu folgen. Sie f├╝hrte uns an einen Tisch in einer hinteren Ecke, wo gerade ein Mann seiner Begleiterin ganz kavaliersm├Ą├čig in den Mantel half.
„Na diese schnelle Bedienung haben wir jetzt bestimmt deiner Figur zu verdanken.“ Ich deutete auf Danis vorstehenden Bauch und lie├č mich auf einen Stuhl plumpsen.
„Ja, manchmal hat es eben Vorteile schwanger zu sein“, sagte sie, w├Ąhrend sie ihren Schal abwickelte und hinter sich ├╝ber die Lehne hing.
„Ich h├Ątte aber auch nicht mehr lange auf meinen F├╝ssen stehen k├Ânnen, immerhin bin ich schon zwei Stunden in der Stadt herumgelaufen.“ Sie entsorgte ihren gebrauchten Kaugummi im Aschenbecher.
„Na, wie viele Leute haben dich heute schon in den April geschickt?“ fragte sie und warf dabei einen Blick in die Speisekarte, welche die flinke Kellnerin bereits vor uns hingelegt hatte.
„Ach stimmt ja, heute ist der erste April.“ Den hatte ich nat├╝rlich wieder einmal vollkommen vergessen.
„Du, bei mir hat es bisher noch nie jemand geschafft.“ Nicht ohne Stolz klopfte ich mir auf die Schultern.
„So schnell legt mich keiner rein. Was essen wir denn, einen Salat vom B├╝fett?“
„O.k., aber ich bestelle mir danach noch eine Pizza und zwar die mit dem K├Ąse im Rand, ich habe n├Ąmlich richtig Kohldampf."
„Denk an Dr. Hansens Ern├Ąhrungsbrosch├╝re“, neckte ich sie.
„Der n├Ąchste Vorsorgetermin kommt bestimmt.“
Dr. Hansen war der Frauenarzt meiner Schwester und hatte ihr bei der letzten Untersuchung einen langen Vortrag ├╝ber gesunde Ern├Ąhrung w├Ąhrend der Schwangerschaft gehalten, da meine Schwester schon erheblich an Gewicht zugenommen hatte
„Ja, ja“, winkte Dani ab. „Ich habe aber trotzdem Hunger.“
„Sie sollen aber nicht f├╝r drei essen, sondern sich ausgewogen und vitaminreich ern├Ąhren“, imitierte ich den Arzt.
„Also, jetzt spiel hier nicht den Moralapostel“, rief Dani und warf mir ihre Serviette an den Kopf. Die Kellnerin bewahrte mich Gott sei Dank vor schlimmeren Verletzungen. Sie nahm unsere Bestellung auf und Dani verzog sich daraufhin sofort zum Salatb├╝fett. Sie kam mit einem riesigen Salatteller zur├╝ck. Meiner fiel nat├╝rlich erheblich bescheidener aus. Gerade als ich den ersten Bissen in den Mund stecken wollte, klingelte mein Handy. Wie immer dauerte es eine Zeitlang, bis ich es aus dem chaotischen Innenleben meiner Handtasche herausgefischt hatte. Ein kurzer Blick auf das Display sagte mir, dass es sich um eine unbekannte Nummer handelte.
„Hallo“, meldete ich mich. Eine aufgeregte M├Ąnnerstimme bedachte mich mit einem sehr undeutlichen Wortschwall, der wohl so etwas wie: „ Das ist jetzt das letzte Mal, dass ich Sie anrufe, wenn die Lieferung heute nicht rausgeht, werde ich Ihre Firma verklagen“, bedeuten sollte.
„Jetzt aber mal langsam“, versuchte ich den aufgebrachten Menschen zu beruhigen, wen wollen Sie denn ├╝berhaupt sprechen?“
„Kommen Sie mir blo├č nicht auf die Tour. Ich lasse mich nicht wieder von Ihnen abwimmeln“, schrie mir der Choleriker ins Ohr.
„Sie sollten sich mal eine Brille anschaffen, damit Sie auch sehen, was f├╝r eine Nummer sie eintippen. Vielleicht w├╝rden Sie dann nicht unschuldige Mitmenschen am Telefon anbr├╝llen,“ gab ich zur├╝ck und brach das Gespr├Ąch ab.
„Was war das denn f├╝r ein Idiot?“, wollte meine Schwester wissen.
„Den konnte man fast bis hierhin verstehen, so ein lautes Organ hatte der.“
„Ich wei├č auch nicht, er scheint die falsche Nummer gew├Ąhlt zu haben.“
Wir wandten uns wieder unseren Salattellern zu und erz├Ąhlten uns alle Neuigkeiten, w├Ąhrend wir mit geraspelten M├Âhren, Maisk├Ârnern und sonstigem gesunden Gr├╝nzeug k├Ąmpften.

Ich hatte den unangenehmen Anrufer schon l├Ąngst wieder vergessen, als mein Handy erneut klingelte.
„Warum m├╝ssen einen die Leute eigentlich immer beim Essen st├Âren?“ murmelte ich mit vollem Mund und kaute eine Idee schneller, w├Ąhrend ich das Telefon herausholte. Dabei h├Ątte ich mich fast noch an einem St├╝ck Tomate verschluckt.
„Hallo“, sagte ich mit grimmiger Stimme.
„Auch hallo, ja also eh, ich bin der Anrufer von vorhin“, ert├Ânte es kleinlaut.
„Ich wollte mich nur bei Ihnen entschuldigen, weil ich Sie so angeschrieen habe. Ich hatte wirklich die falsche Nummer gew├Ąhlt.“ Jetzt, da in normaler Tonlage gesprochen, klang die Stimme richtig sympathisch.
„Wissen Sie, ich habe in der letzten Zeit soviel ├ärger mit dieser Firma gehabt, da ist mir einfach der Kragen geplatzt.“
„Macht ja nichts“, sagte ich. „Ich habe es ├╝berlebt.“
„K├Ânnte ich Sie vielleicht zu einem Kaffee einladen, sozusagen als Wiedergutmachung?“
„Mm,“ machte ich, „ ich wei├č nicht, ich kenne Sie doch gar nicht.“
„Ich Sie auch nicht,“ war seine logische Schlussfolgerung, „ aber das k├Ânnte man ja ├Ąndern.“
Ich ├╝berlegte kurz und dachte dann, warum eigentlich nicht, schlie├člich war es eine harmlose Sache, sich irgendwo ganz unverbindlich auf einen Kaffee zu treffen. Au├čerdem war ich zur Zeit gerade Single und wer wei├č, vielleicht lernte ich auf diese Weise meinen Traumprinzen kennen.
„O.k.,“ stimmte ich also zu. „Wann und wo?“
Er nannte mir eine Uhrzeit und den Namen eines Cafes in der Innenstadt.
„Gut, und wie erkenne ich Sie? Halten Sie die obligatorische rote Rose in der Hand?“ „Nein“, lachte er, „ fragen Sie einfach nach Thomas, so hei├če ich n├Ąmlich.“
Meine Schwester hatte nat├╝rlich w├Ąhrend des Gespr├Ąches schon wieder ‚Rhabarberohren’ bekommen und wollte wissen, wer denn das nun gewesen sei.
„Du wirst es nicht glauben, aber das war der verr├╝ckte Typ von vorhin“, kl├Ąrte ich sie auf. „Er hat sich entschuldigt und mich auf einen Kaffee eingeladen.“
„Und mit so einem willst du dich treffen? Wer wei├č, was das f├╝r ein Spinner ist.“
„Er wird schon nicht im Cafe ├╝ber mich herfallen, auf jeden Fall ist es doch s├╝├č, extra noch einmal anzurufen, um sich zu entschuldigen“, verteidigte ich den netten Unbekannten.
„Das stimmt nat├╝rlich“, gab meine Schwester zu, w├Ąhrend sie ein gro├čes St├╝ck von ihrer Pizza abschnitt, die K├Ąsef├Ąden wie Spaghettis um ihre Gabel wickelte und sich den Riesenbissen dann gen├╝sslich in den Mund steckte.

Drei Stunden sp├Ąter betrat ich das besagte Cafe. Neugierig schaute ich mich um, ob vielleicht an einem der Tische ein blonder Adonis bereits sehns├╝chtig auf mich wartete, aber es sa├čen nur ein ├Ąlteres Ehepaar und zwei junge M├Ądchen im Cafe.
Also erkundigte ich mich bei der Kellnerin und wurde prompt an einen der hinteren Tische verwiesen. Der junge Mann sei wohl gerade auf die Toilette gegangen.
Ich setzte mich und harrte gespannt der Dinge, die noch folgen sollten. Da, ein Mann kam soeben zur T├╝r heraus und ging auf den Tisch zu.
„Hallo, ich bin Thomas“, er streckte mir seine Hand entgegen, „und sie m├╝ssen meine Telefonbekanntschaft von heute mittag sein, nett, dass Sie gekommen sind.“ „ „Carina,“ stellte auch ich mich vor und dachte so bei mir, der sieht ja gar nicht schlecht aus. Er war relativ gro├č und hatte eine athletische Figur.
„Also, ich m├Âchte mich nochmals bei Ihnen entschuldigen“, begann er, „das Ganze ist mir wirklich sehr peinlich.“
„Das macht doch nichts, jeder kann sich doch mal verw├Ąhlen“, verzieh ich ihm gn├Ądig. „Ich war nur im ersten Moment etwas geschockt, weil ich es nicht gewohnt bin, dass man mich am Telefon so anschreit.“
„Auf jeden Fall haben wir uns dadurch kennen gelernt“, er fixierte mich mit seinen Augen und verweilte dabei ziemlich lange auf meinem Busen, „ das ist schlie├člich etwas Positives.“ Dessen war ich mir allerdings nicht so sicher, und im Laufe unserer Unterhaltung wurde mir eigentlich immer klarer, dass ich diesen Herrn wohl nicht wiedersehen wollte. Er wohnte noch bei seiner Mutter und das mit sch├Ątzungsweise mindestens Anfang vierzig. Also, musste man ihn bestimmt in die Kategorie „verw├Âhnte Mutters├Âhnchen“ einstufen. Au├čerdem war es mir sehr unangenehm, wie er st├Ąndig auf meine Figur starrte, so als ob er mich mit seinen Augen ausziehen wollte. Als er dann allzu pers├Ânlich zu werden begann, indem er meinte: „Eine Frau wie du ist doch bestimmt einem kleinen Abenteuer nicht abgeneigt“, da warf ich einen provokativen Blick auf meine Uhr und sagte: „Oh Gott, schon so sp├Ąt, ich muss leider gehen. Vielen Dank f├╝r den Kaffee, war nett, Sie kennen gelernt zu haben.“ Ich nahm meine Jacke von der Stuhllehne und wollte Richtung Ausgang marschieren. Aber so einfach konnte ich mich nat├╝rlich nicht aus der Aff├Ąre ziehen. „Halt, nicht so schnell“, er griff nach meinem Arm. „Du gef├Ąllst mir wahnsinnig gut, ich m├Âchte dich unbedingt wiedersehen. Wann hast du Zeit?“
„Das sieht schlecht aus, im Moment habe ich wirklich furchtbar viel zu tun“, versuchte ich abzublocken. „Und au├čerdem fahre ich jetzt erst mal f├╝r drei Monate ins Ausland“, f├╝gte ich noch hinzu und hoffte, ihm damit den Wind aus den Segeln genommen zu haben.
„Dann m├╝ssen wir uns vorher unbedingt noch einmal sehen“, lie├č er nicht locker. Also, jetzt musste ich wohl doch einmal etwas deutlicher werden.
„Sie scheinen es anscheinend nicht zu verstehen“, sagte ich in forschem Ton.
„Ich m├Âchte Sie nicht wiedersehen, vielen Dank f├╝r den Kaffee, aber das war’s.“
In dem Moment tauchte pl├Âtzlich meine Schwester auf und rief mit schadenfroher Miene: „April, April.“
Ich schaute nur ungl├Ąubig von einem zum anderen und schnallte erst einmal gar nichts.
„April, April“, sagte Dani noch einmal. „ Das Ganze war ein Scherz. Thomas ist ein Theaterkollege von mir.“
Dieser schaute mich grinsend an und sagte: „Sorry, aber eigentlich bin ich ganz nett.“
„Nein, das glaube ich jetzt nicht“, lachend st├╝rzte ich mich auf meine Schwester und bedachte sie mit den erstbesten Schimpfw├Ârtern, die mir in den Sinn kamen.
„Tja“, meinte sie nur, „man sollte eben niemals nie sagen.“


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Daktari
Guest
Registriert: Not Yet

Witzig

Hi, Estrella!

Ich finde den Text originell und witzig. Die Aufl├Âsung kommt mir etwas zu schnell vor. Man h├Ątte es ein wenig spannender machen k├Ânnen, beispielsweise, da├č der Mann erz├Ąhlt, seine Mutter w├╝rde ihn seit Monaten nerven, da├č er doch endlich mal ein nettes M├Ądchen kennen lernen solle. Man k├Ânnte die Komik noch etwas karikieren. Er sieht auf, sieht seine vermeintliche Mutter kommen und sagt zu Carina: Da kommt ja meine Mutter, endlich kann ich ihr die Frau vorstellen, die ich heiraten werde. Wenn Carina dann entsetzt aufspringt und wenglaufen will, sieht sie ihre Schwester: April April.

Das w├Ąre mein Tip, auf jeden Fall die Aufl├Âsung ein wenig spannender machen.

Ciao
Tim

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Estrella
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Jul 2003

Werke: 14
Kommentare: 23
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Sag niemals nie

Hallo Daktari,

vielen Dank f├╝rs Lesen meiner Geschichte. Es freut mich, dass sie Dir gefallen hat. Deinen Tipp finde ich gut, mal schauen, vielleicht schreibe ich sie mal dementsprechend um.

Liebe Gr├╝sse
Estrella

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