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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Sajida
Eingestellt am 20. 07. 2019 22:52


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CPMan
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Ich höre schon den Vorwurf: Das ist ein billiger Trick!
Aber stell dir einmal vor, deine Stadt und dein Land sind von amerikanischen Soldaten besetzt. Sie haben die Regierung gestĂŒrzt, das Land verwĂŒstet und die Macht ĂŒbernommen. Sie patrouillieren auch in deinem Viertel und wenn sie kommen, dann mit schwerem GeschĂŒtz. In Humvees mit aufmontierten Maschinengewehren fahren sie an deinem Haus vorbei, unter den schweren Schutzwesten und den großen Helmen vermutest du harte, unnachgiebige MĂ€nner. In der Nacht, wenn du schlafen möchtest, hörst du hĂ€ufig das GerĂ€usch der Drohnen. Sie sind mit Raketen bestĂŒckt, von denen eine schon das Haus am Ende der Straße in Schutt und Asche gelegt hat. Du kannst dich noch genau erinnern: an das Zischen, es dauerte zwei Sekunden, und an die Wucht der Explosion, die dich zu Boden warf. An die Stille kurz danach und an das Geschrei und Wehklagen, das dann folgte.

*

Sajida wachte an jenem Tag in dem Bewusstsein auf, dass es ihr letzter sein wĂŒrde. Im Morgengrauen erhob sie sich von der einfachen Matratze in der angemieteten, leeren Zwei-Zimmer Wohnung und verbrachte die Morgenstunden mit Beten. Anschließend bereitete sie einen Tee in der vergammelten Pantry-KĂŒche zu und setzte sich auf den einzigen Stuhl in dem schmucklosen Raum. Eine Weile saß sie nur so da, dann stand sie wieder auf. Sie wurde unruhig. Sie trank in kurzen ZĂŒgen vom heißen Tee und schaute dabei aus dem Fenster, auf die belebte Straße außerhalb des Zentrums von Amman. Als ein Mann auf der Straße unwillkĂŒrlich zu ihr hochsah, zuckte sie zurĂŒck und machte hastig einen Schritt zur Seite. Sie ging wieder zurĂŒck zum Stuhl und setzte sich erneut. Die Zeit verging einfach nicht. Sie dachte an ihre beiden BrĂŒder, die AQI Offiziere gewesen und von amerikanischen Soldaten in der NĂ€he von Falludscha getötet worden waren. Auch ein Schwager war von amerikanischen Soldaten erschossen worden. Sie dachte an sie, aber sie fĂŒhlte dabei nichts mehr. Sie dachte an die Aufgabe, die sie nun hatte. Sie wĂŒrde den Tod dieser MĂ€nner rĂ€chen, so wie es das Stammesgesetz vorsah.
Als sie im Begriff war, sich erneut vom Stuhl zu erheben, hörte sie, wie der SchlĂŒssel im Schloss der WohnungstĂŒr umgedreht wurde. Es war Ali, ihr ‚Ehemann’.


*

Das Foto von Sajida, aufgenommen vom jordanischen Muchabarat, zeigt eine in meinen Augen alte Frau. Wenn ich nicht wĂŒsste, dass sie zum Zeitpunkt der Aufnahme fĂŒnfunddreißig Jahre alt war, wĂŒrde ich sie wohl auf fĂŒnfzig Jahre oder Ă€lter schĂ€tzen. Sie wirkt ein wenig dĂŒmmlich, hĂ€sslich gar, mit dem weißen Kopftuch sieht sie aus wie ein verkleideter Mann. FĂŒr den jordanischen Geheimdienst hat sie nochmal die Weste mit dem Sprengstoff anlegen mĂŒssen, zur Beweisaufnahme.
Der erste Blick auf dieses Foto erfĂŒllt mich mit GleichgĂŒltigkeit. Ob sie noch lebt oder gestorben ist, mir ist es einerlei. Unter ihrem Kopftuch und ĂŒber der Weste erkenne ich nur grob die Physiognomie ihres Gesichtes, Charaktereigenschaften lassen sich dort nicht ausmachen oder ableiten. Sie ist lediglich ein Symbol des Terrors. Ich nehme sie nicht einmal als Mensch war.
Beim zweiten Blick meine ich, die Abwesenheit von Bildung und Erziehung in ihren Augen zu erkennen. Die UnfĂ€higkeit, das eigene Tun zu reflektieren, zu hinterfragen und eigenstĂ€ndig zu Schlussfolgerungen zu gelangen. Ich meine eine Frau zu sehen, deren Weltbild aus einer Handvoll Behauptungen bestand, die man ihr solange als Wahrheiten verkaufte, dass sie diese auch als solche verstand: Allah ist groß, es gibt keinen Gott außer Gott und die Sunna ist sein Buch.

*

Ali, ihr ‚Ehemann’, hatte die Westen dabei. Er holte sie beide vorsichtig aus der mitgefĂŒhrten Tasche und legte sie behutsam auf der einfachen Matratze ab. Er bedeutete Sajida mit einer Geste, ihre Weste hochzunehmen und einmal anzuziehen. Sie tat es. Überrascht von dem Gewicht, ertastete sie die Taschen mit der Elektronik und die mit Stahl versehenen Ausbuchtungen im Innenfutter. Es war nicht nur Neugier, sondern auch eine Notwendigkeit, dass sie sich mit der Weste vertraut machte. Sie zog die Schnallen an, um die Weste noch enger am Körper tragen zu können, sie schaute sich genau den ZĂŒnder an, den sie wĂŒrde drĂŒcken mĂŒssen und sie schwang ihre Abaya um die Weste, um zu sehen, wie unauffĂ€llig sie sich damit fortbewegen konnte. Sie war beeindruckt von der passgenauen Schnittform dieses tödlichen Instruments.
Ali zeigte ihr genau, wie sie den Mechanismus auslösen musste. Er fasste sie dabei nicht an, sondern erklÀrte ihr alles anhand seiner eigenen Weste. Sajida hörte aufmerksam zu und sah Ali dabei nur aus den Augenwinkeln an.


Zarquawi hatte darauf bestanden, dass die beiden heirateten. Er hatte in aller Eile einen Geistlichen herbeigerufen und eine zweifelhafte Zeremonie veranlasst, die seinen strengen, religiösen Idealen Rechnung trug. Immerhin erleichterte diese Heirat ihnen auch, sich besser in die Rollen hineinzufinden, die sie mitsamt ihrer gefĂ€lschten Ausweise spielen sollten, gesetzt den Fall, sie wĂŒrden an der Grenze zu Jordanien kontrolliert werden: Ein Ehepaar, das sich in Amman wegen Unfruchtbarkeit der Frau behandeln lassen wollte.

*

Von außen betrachtet bin ich wohl das, was man despektierlich einen Gutmenschen nennt. Ich verhelfe SchĂŒlern mit Migrationshintergrund zu einem Bildungsabschluss, ich habe einen Spendenaufruf fĂŒr FlĂŒchtlinge initiiert und ihnen, wenn auch nur fĂŒr kurze Zeit, Deutschunterricht erteilt. Ich habe ĂŒber PLAN ein Patenkind im Senegal und ich spende Geld fĂŒr die Welthungerhilfe.
Ich selbst aber erkenne an mir die gleichen Ressentiments gegenĂŒber AuslĂ€ndern und FlĂŒchtlingen, wie wahrscheinlich viele andere auch. Wenn ich in der U-Bahn neben einem AuslĂ€nder sitze, der fĂŒr meine Begriffe streng riecht, oder das asoziale Verhalten zweier Jugendlicher vermutlich nordafrikanischer Herkunft erlebe, wenn ich einen Handwerker anrufe, der laut myhammer.de Alexander Schmidt heißt, und dann seinen russischen Akzent höre, dann werden meine Toleranz, meine ach so grenzenlose NĂ€chstenliebe und mein Idealismus mit der RealitĂ€t konfrontiert und halten ihr nicht immer stand.
Aber Ă€hnlich wie ein Gesetz gelegentlich etwas vorschreibt, das gesellschaftlich nicht akzeptiert oder umgesetzt ist, so schreibe ich mir tagtĂ€glich vor, die Dinge differenziert zu sehen, und scheitere nicht selten an dieser selbstgemachten Vorschrift. Nach Köln war ich auch gegen nordafrikanische Jugendliche, nach Paris und BrĂŒssel auch antiislamisch und nach/seit Erdogan ebenfalls antitĂŒrkisch. Zumindest eine Zeit lang.

*

Ali fixierte Sajidas Weste mit Panzer-Tape und half ihr dann wieder in die Abaya. Seine eigene Weste fixierte er selbst. Gegen 8:30 Uhr verließen sie beide die Wohnung, auf der Straße vor dem Haus stiegen sie in einen Mietwagen und fuhren zum Radisson Hotel, wo sie gegen 9:00 Uhr ankamen.
Die Festbeleuchtung, der Klang freudig erregter Stimmen, die folkloristische Musik und der Anblick jemenitischer Familien mit Jugendlichen, Kindern und Kleinstkindern irritierten Sajida. Sie war in Erwartung englischsprachiger Geheimagenten und westlicher MilitÀrs zum Hotel gefahren und nun traf sie auf eine weitaus harmlosere Szenerie: Eine Hochzeitsgesellschaft.
Ali und Sajida liefen bedĂ€chtig die Stufen zur Empfangshalle des Hotels hinauf und fĂŒhlten sich im bunten Treiben der kommenden und gehenden GĂ€ste relativ unbeobachtet. Ihre steife Art zu gehen und ihre nervösen Blicke fielen zunĂ€chst niemandem auf. Als sie die Empfangshalle betraten, dauerte es nicht lang und ein junger Mann in Hoteluniform kam auf sie zu.
„Kann ich Ihnen behilflich sein?“, fragte er auf Arabisch, in einem recht devoten Tonfall.
Sajida, unfÀhig zu sprechen, schaute nur auf Ali, der nach kurzem Zögern den Mund aufmachte.
„... mal eine echte jordanische Hochzeit sehen“, murmelte er mehr, als dass er es artikulierte. Er nahm Sajida beim Arm und drĂŒckte sie ein wenig in die Richtung des Festsaals, in dem sich die Festgemeinde befand. Der Hotelangestellte glaubte offenbar, dass sie nichts weiter als neugierige Touristen seien und ließ sie gewĂ€hren. Er lief zurĂŒck zur Rezeption.

Sajida und Ali passierten ungehindert den Eingang zum ‚Philadelphia Ballroom’. Noch am Eingang trennten sie sich voneinander und liefen in Richtung der sich jeweils gegenĂŒberliegenden Seiten des Saals. Sajida lief auf die Gruppe Frauen und junger MĂ€dchen zu, Ali steuerte geradewegs auf die MĂ€nner zu.
Als Sajida glaubte, einen strategisch gĂŒnstigen Punkt gefunden zu haben und die Weste zur Detonation bringen wollte, glitt sie mit ihrer rechten Hand unter die Abaya, ertastete den ZĂŒnder und begann, an ihm herum zu fummeln. Dann drĂŒckte sie den Auslöser.
Doch nichts passierte.
Sie stutzte, dann signalisierte sie ihrem ‚Ehemann’ mit nervösen Augen, dass es ein Problem gab. Ali warf ihre einen wĂŒtenden Blick zu und bedeutete ihr mit einem kurzen Handzeichen, zum Eingang des Festsaals zurĂŒck zu gehen.
Sajida tat wie ihr geheißen. Als sie fast am Eingang des Festsaals angekommen war, drehte sie sich nochmal zu Ali um. Sie sah gerade noch, wie er einen Tisch erklomm. Dann folgte die ohrenbetĂ€ubende Explosion.


*

Die völkische Idee ist mir genauso fremd wie die Scharia. In meinem Leben treffe ich nette und weniger nette AuslĂ€nder, genauso wie ich nette und weniger nette Deutsche treffe. An einem Tag denke ich auch, dass wir nicht unbegrenzt FlĂŒchtlinge aufnehmen können, am nĂ€chsten denke ich, dass unser Wohlstand auf der Armut und Ausbeutung der Ă€rmsten Menschen dieser Welt fußt und dass wir es verdienen, mit FlĂŒchtlingen ‚gestraft’ zu werden. An einem Tag bin ich mir keiner Schuld bewusst und empfinde GleichgĂŒltigkeit gegenĂŒber den ertrunkenen FlĂŒchtlingen im Mittelmeer, am nĂ€chsten Tag will ich einen bei mir zuhause aufnehmen, und bin dann froh, wenn meine Familie es mir ausredet. Also spende ich Geld und beruhige mein schlechtes Gewissen mit kontaktloser Hilfsbereitschaft.
Im Spannungsfeld dieser widersprĂŒchlichen Gedanken kann ich sogar mit dem Programm der AfD sympathisieren und mich erst mit einer Überdosis Höcke auf Youtube von dieser Geschmacksverirrung befreien. Letztendlich ist da eine große Verunsicherung.

In guten Momenten, so glaube ich, ergreift jedoch eine leise Stimme in mir das Wort. Sie sagt: In einer politischen Krise mĂŒssen alle Gedanken und Überlegungen auf den Tisch, in einer Demokratie muss auch dem Anti-Demokraten mit Vernunft und Argumenten begegnet werden, nicht mit Verweigerung oder blankem Hass. Aber in einem humanitĂ€ren Kontext mĂŒssen wir sagen: Die FlĂŒchtlinge sind da! Und die Menschlichkeit, oder das Bestreben danach, gebietet uns zu helfen. Und so ist dies tief in meinem Innern der erste Impuls, den ich fĂŒhle, wenn ich einen Menschen in Not sehe: Ich will helfen. Aber, auch das muss ich zugeben, gelegentlich vermag ich, diesen Impuls erfolgreich zu unterdrĂŒcken.

*

„Ich wußte nicht, was ich tun sollte. Da bin ich weggerannt“, sagte Sajida spĂ€ter im Verhör.
„Sie haben mir gesagt, ich wĂŒrde Amerikaner töten“, behauptete sie weiter. „Ich wollte nur den Tod meiner BrĂŒder rĂ€chen.“
Bis zuletzt glaubte sie daran, dass die Operation ein MissverstĂ€ndnis war, dass Zarquawi selbst einem Irrtum aufgesessen war. Niemals, so ihre Überzeugung, hĂ€tte er sie losgeschickt um unschuldige Frauen und Kinder auf einer Hochzeit zu töten.
„Ich wollte nicht sterben“, sagte sie zuletzt.

Der jordanische Muchabarat verlor sehr bald das Interesse an ihr. Sie hatte nie die FĂŒhrungskrĂ€fte in Zarquawis Organisation getroffen, sie kannte keine der konspirativen Wohnungen und war auch ĂŒber die Schmuggelrouten nicht informiert. Sie war dumm, wertlos, und fĂŒr Zarquawis MĂ€nner perfekt gewesen: eine todtraurige Frau, die den Tod ihrer Liebsten rĂ€chen wollte.

Am 4. Februar 2015 wurde Sajida Al-Rishawi gehÀngt.

*

Sajida al-Rishawi wurde nur 45 Jahre alt. Man kann sie als TĂ€ter und als Opfer sehen. Wenn man die Kommentare unter dem Youtube Video, das von ihrer Exekution berichtet, liest, dann gewinnt man den Eindruck, dass die Mehrheit sie undifferenziert als TĂ€terin, als das personifizierte Böse ansieht. Man wĂŒnscht ihr, in den Kommentarspalten, auf dem Times Square geköpft zu werden, man ĂŒberlegt, ihr Dynamit zu implantieren und sie dann als Tausch fĂŒr HĂ€ftlinge des IS zu benutzen und man ĂŒberlegt, sie von Pferden vierteilen zu lassen.

In Anbetracht all dieser biblisch anmutenden Vergeltungsphantasien wird mir eines klar: Ambivalenz wird als SchwĂ€che ausgelegt. Wir leben in einer Zeit, in der sich zwei völlig verhĂ€rtete Fronten gegenĂŒberstehen, doch zwischen den beiden Parteien befindet sich ein Niemandsland unglaublichen Ausmaßes. Dieses Niemandsland verhindert jeglichen Kontakt oder Dialog, und jeder, der es betritt, wird sofort als ÜberlĂ€ufer tituliert und von den eigenen Leuten als VerrĂ€ter erschossen. Ambivalenz ist schlimmer als eine klare Positionierung.

Ich aber tappe im Dunkeln durch dieses Niemandsland, mal nĂ€her an der einen, mal nĂ€her an der anderen Seite, aber ich fĂŒhle mich keiner zugehörig, trage keine Uniform, habe kein Gewehr dabei. Ich könnte die weiße Fahne hissen, aber man wĂŒrde es fĂŒr einen Trick halten.

Und mich von beiden Seiten erschießen.




* mit sinngemĂ€ĂŸen Übernahmen aus Joby Warrick’s ‚Black Flags – The Rise of Isis’ (Bantam Press: 2015)













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Arno Abendschön
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Lieber CPMan, formal ist das ein interessantes Experiment. Ich weiß nicht, ob es wirklich als geglĂŒckt bezeichnet werden kann, und das ist jetzt keine Ausrede, ich bin mir tatsĂ€chlich unsicher. Einerseits bin ich froh, in dieser Rubrik mal etwas lesen zu können, was formal nicht dem ĂŒblichen Einerlei des Kurzgeschichteneintopfs entspricht. Andererseits: Der stilistische Wechsel von orientalischer Handlung und Selbstvergewisserung eines EuropĂ€ers wirkt abrupt und krass. Mein GefĂŒhl wĂŒrde mir raten, falls ich je etwas Ähnliches versuchen sollte, diese beiden Ebenen fließender ineinander ĂŒbergehen zu lassen.

Inhaltlich finde ich die Interpretation der AttentĂ€terin nachvollziehbar, anschaulich, ĂŒberzeugend. (Ausnahme: Kann man wirklich die "Abwesenheit von Bildung und Erziehung" an den Augen ablesen? Ich wĂŒrde mir das nicht zutrauen.)

Die Positionen des ErzĂ€hlers sind mir im Übrigen ĂŒberwiegend sympathisch, aber das nur ganz am Rand, und zwar nicht nur im Hinblick auf den Vorrang von Textarbeit. Wie insoweit hier die Lage ist, kann man ja den erregten Reaktionen auf Lapismonts jĂŒngstes Gedicht entnehmen. Die Stimmungsdemokratie, die wir im Land seit lĂ€ngerem haben, mutiert allmĂ€hlich zur Gesinnungsdiktatur. Na ja, jeder Blödsinn muss sich erst totlaufen. Kein Wort weiter dazu an dieser Stelle.

Habe gern mit "8" gewertet.

Freundlich-kollegialen Gruß
Arno Abendschön

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Arno Abendschön
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Lieber CP-Man, danke fĂŒr die Replik. Nur auf eins will ich kurz eingehen: "Scharfsinnigkeit und Intelligenz", worauf du nun bei Sajidas Blick nachvollziehbar abstellst, stehen in keinem direkten Ursache-Wirkungs-VerhĂ€ltnis zu "Bildung und Erziehung". Das sind jeweils selbstĂ€ndige Kategorien, die sich, wenn vorhanden, natĂŒrlich gegenseitig verstĂ€rken können. Auf meine Kritik hin hast du das eine jedoch durch das andere ersetzt. Ja, aus dem Blick kann man schon SchlĂŒsse auf die Grundausstattung einer Persönlichkeit ziehen, eher weniger jedoch auf die individuelle Bildungsbiographie, zumal in einer fremden Kultur.

Wenn ich dich Ă€rgern wollte, könnte ich die Vermutung ausdrĂŒcken, dass da eine eurozentristische Lehrerperspektive sich geltend gemacht hat. Aber so weit wĂŒrde ich doch nie gehen ...

Freundliche GrĂŒĂŸe
Arno Abendschön

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MicM
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Hallo CPMan,

sprachlich ist der Text aus meiner Sicht sehr gut; auch die Montage der beiden ErzÀhlebenen ist - soweit ich das beurteilen kann - handwerklich sehr gut umgesetzt. Das bietet die Gelegenheit, sich vor allem mit dem Inhalt im Detail auseinanderzusetzen; dabei sind mir einige problematische Aspekte aufgefallen:

Vor der LektĂŒre deines Textes war mir die Geschichte von Sajida nicht bekannt. So wie du ihre Geschichte erzĂ€hlst (einschließlich der Referenz), gehe ich als Leser davon aus, dass die Geschichte so stimmt (historisch belegt ist etc.). Du beschreibst sie - ich verkĂŒrze - vor allem als dumm, naiv bzw. leichtglĂ€ubig und in gewisser Hinsicht als „Opfer“. Nach kurzer Internetrecherche (bspw. Wikipedia) zu ihrer Person bin ich mir allerdings nicht mehr sicher, wieviel von deiner ErzĂ€hlung objektiv/gesichert und was davon eigene Interpretation/fiktional ist. Ich sage damit nicht, dass Wikipedia immer recht hat. Doch fĂŒr einen Leser, der nicht selbst ausgiebig zu dem Thema recherchiert hat, ist in deiner Geschichte – so jedenfalls mein Eindruck – die Grenze zwischen historisch belegten Fakten und fiktionaler ErgĂ€nzung nicht mehr erkennbar. Das finde ich problematisch. Es sei denn du möchtest dich tatsĂ€chlich nur an „Fachpublikum“ wenden.

Die Gedanken des Ich-ErzĂ€hlers finde ich bezogen auf die jeweiligen Abschnitte nachvollziehbar. Blendet man aber die zweite ErzĂ€hlebene aus (Geschichte von Sajida), wird es fĂŒr mich etwas wirr. Der erste Abschnitt (Stell dir mal vor
) provoziert aus meiner Sicht MitgefĂŒhl. Im zweiten Abschnitt geht es aber um GleichgĂŒltigkeit und es wird auf Sajida „herabgeschaut“. Im dritten Absatz wiederum bezeichnet sich der Ich-ErzĂ€hler (durch eine geschickte indirekte Wendung) als „Gutmensch“, um darauf basierend sein permanentes „Ringen“ und „Abdriften“ bei dem Gutmenschentum zu skizzieren. Im letzten Absatz werden dann ein paar „Fakten“ aufgelistet und die Behauptung aufgestellt, dass der Ich-ErzĂ€hler gedanklich im Niemandsland herumtappe („eigentlich“ hat er ja eine Meinung, nĂ€mlich das eine differenzierte Betrachtung erforderlich ist). Das ist hier jetzt etwas verkĂŒrzt von mir; soll nur meinen Eindruck verdeutlichen.

Eine wesentliche Aussage, die ich aus dem Text herauslese, ist fĂŒr mich aber: Man sollte immer das ganze Bild sehen und darf dabei aber auch zweifeln. Das finde ich eine gute Linie.

Insgesamt habe ich großen Respekt davor, dass du dieses Thema aufgreifst. Daher bitte die vorgenannte Kritik als konstruktive Anregung verstehen. Gerade weil ich das Thema fĂŒr wichtig halte, könnte man vielleicht in den Text noch mehr Stringenz hineinbekommen.

Auf bald,
MicM


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