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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Salamipizza in Berlin
Eingestellt am 11. 02. 2002 17:34


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Tagmond
Autorenanwärter
Registriert: Dec 2001

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Fahrkarte. Fahr endlich. Damit alles ein Ende hat. Hat er mich gesehen ? Versteckt hinter dem abgenutzten Fahrscheinautomaten verfolge ich seine Bewegungen. Es ist schrecklich. Er hätte nicht kommen dürfen. Die Zeit in Berlin war zu schön. Machte aus mir einen anderen Menschen. Vielleicht formte sie mich sogar mehr zu dem, was ich bin. Anonymität und doch kleine ,freundliche Gesten an jeder Ecke des Prenzlauer Bergs. Der Pizzabäcker passt auf, dass der hutzeligen Blumenfrau, die vor seinem Imbiss auf einer alten Wolldecke hockt, nichts geschieht. Zum Dank versorgt sie sein ansonsten « schäbiges » Ambiente mit bunten Sträussen, die er neben seinen brüchigen Plastikaschenbechern und Gedecken drapiert und kurz an ihnen riecht. Der Duft trägt ihn nach Sizilien, dorthin, wo er geboren ist. Kurz erscheint vor seinem inneren Auge seine Tante mit dem Esel und den Kräutern. Das Grölen des Bauarbeiters der nebenan eine Aussenfassade renoviert, holt ihn in die Gegenwart zurück : « Versteehste mich nüsch ? » Doch, doch. Salami. Seine Hände sind ganz rau. Vor der Hintertür steht sein schwarzer Mercedes. Harte Ersparnisse und ein bisschen Glück haben ihm dieses Auto zugetragen. Für ihn ein Traum. Das Symbol eines Statusses. Er hört Tracy Chapman.
Ich denke an eine Liedzeile « an jeder Ampel ist er der König »…und doch ist er nicht glücklich. Oder doch. Manchmal, so wie jeder. Auf jeden Fall bleibt der erhoffte Erfolg bei den Frauen aus. Ich durfte bei ihm Teller waschen und bekam dafür eine Pizza und einen Kaffee. Eine Woche lang hat er mir von seinen Berlin-Party-Abenteuern erzählt. „Ey, Alter. Die Schnitte hat er voll klargemacht. Die konnte nix mehr danach…” schwört er. Ich betrachte ihn trotzdem ruhig und sehe, dass es auch ihm irgendwie klar ist, dass das nicht alles in seinem Leben sein kann. Rollenzuteilung und ihre Erfüllung. Ich bedanke mich und gehe also durch die Strassen. Warum lächelt man so selten den Entgegenkommenden zu ? Warum sieht man so selten, wie schön die Bilder sind, die sich einem auf den Strassen, in den Häusern und an jeder Ecke bieten. Sich einfach hinsetzen und lachen. Eine Orange pulen und dabei in den blauen Himmel gucken. Komplementärfarben. Davor die Taube. Naja. Eigentlich nervt sie doch eher. Doch gerade passte sie noch zu meiner Stimmung, dem Himmel, dem alten Haus. Dem Mann mit dem grau-weissen Unterhemd, der sich aus dem Fenster lehnt. Der Strassenbahn. Hier sucht mich niemand. Hier kann ich einen Tag barfuss laufen, ohne mir darüber bewusst zu sein, dass ich kein Ziel habe. Jeder Schritt bringt ein neues Bild, einen neuen Gedankengang. Schweigen in der Strass-und-Stress-Stadt. Und Du warst bei mir. Warst in der Uni, während ich mit meinem sizilianischen Kollegen herumalberte. Kamst wieder und nahmst mich in den Arm. Und danach mit in die Natur. Ein See. Ein bisschen dreckig. Drei elfenartige etwa 25 jährige Männer wagen sich langsam ins Wasser hinein. Ein Schwan schwimmt an ihnen vorbei. Frieden. Romantische und abgenutzte Symbole, die ich nicht durch andere zu ersetzen vermag. Du meintest, Du könntest es nicht aushalten und kamst zwei Wochen später zu mir. Doch die Stimmung die ich mit Dir erlebte war nur möglich, weil ich frei war. Frei, Dich anzulächeln. Verliebt in Dich war ich nie. Egoistisch schon immer. So zog ich Dich hinein in mein Meer von Farben, Tönen und Mündern. Ohren. Gesten und Wortfetzen. Du musstest weiter darin leben. Ich musste zurück in meine Stadt. Beruf. Familie. Verpflichtung. Ich krieg keine Luft mehr. Du und Deine Anwesenheit ! Du erinnerst mich doch nur daran, dass ich nicht das lebe, was ich bin. Nicht das, was ich will.So, wie der Pizzabäcker. Ich entscheide mich also für mein kariertes Leben. Gefühle nach Büroschluss ? Und ich schicke Dich weg. Keine Zeit, Du passt hier nicht hin. Hier lauf ich nicht barfuss, hier wasch ich keine Teller und bin glücklich. Nein. Hier geh ich shoppen, trete nach Tauben und nach Gefühlen. Gehe umher und dabei ein.
Du steigst in den Zug. HALT ! Ich komme mit. Eine Träne rollt sehr sehr langsam meine Wange hinab und der Zug rollt sehr sehr langsam aus dem Bahnhof hinaus. Erleichterung . Ohne Gepäck, ohne Alles ; aber mit Überzeugung.

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phase4
Hobbydichter
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TALENT!
Ich hab Hermann Hesse, Sartre, Jack Kerouac, T.C. Boyle und RĂĽdiger Land groĂź rausgebracht. Und auch hier weiĂź ich es! Es ist diese Sache mit auf den ersten Blick. Da steckt viel drin. NatĂĽrlich muĂź man noch etwas an der Technik feilen. Also sozusagen ein Rohdiamant. (schleim, trief)

__________________
pha

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Tagmond
Autorenanwärter
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Das ist aber liiiiiiiiieb! Ich habe auch Dein Gedicht bei "Poesie" gelesen. Ein Meisterwerk Du grosser (!) Unbekannter...baguette, fromage

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Tagmond
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Sanne Benz
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Tagmond
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Registriert: Dec 2001

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Komisch, ich hatte mit jeder Art von Kritik gerechnet, nur nicht mit absoluter Stille. Ich mag diese Wortgefechte nicht, die man sich hier teilweise bietet. Andererseits würde ich mich über konstruktive Verbesserungsvorschläge sehr freuen. (Das war die erste Geschichte, die ich jemals geschrieben hab, ich erwarte also keinen "Lobhagel".)....tagmond

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