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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Sally Field
Eingestellt am 04. 06. 2001 14:23


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Kaspar Neumann
Hobbydichter
Registriert: Jan 2001

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Sally Field

Gelingt es ihnen, gewisse Dinge zu vermeiden? Wenn nicht, sollten sie sich ernsthafte Gedanken um ihre Überlebenschancen machen. Sie denken wahrscheinlich, ich meine es ironisch. Das ist nicht der Fall. Ich weiß mit Ironie nichts anzufangen.
Wir leben in einer Spaßgesellschaft. Habe ich zumindestens in der Zeitung gelesen. Die Wirklichkeit zeigt mit allerdings, daß niemand von uns etwas aufbringen kann, was auch nur im entferntesten mit Spaß, Genuß, Freude, oder gar etwa Humor in Verbindung gebracht werden sollte.
Waren sie in den letzten Jahren auf einer Party? Sie werden jetzt alle sagen: na klar! Letztens haben wir wieder rumgesessen und uns nett unterhalten. Ha, habe ich sie erwischt: Nett unterhalten. Wenn es entgegen meiner These etwas zu lachen gÀbe, lachte ich just in jetzigem Augenblick.
Sie haben sich also mit ihrem durch DiĂ€ten und Fitneß gut in Form gebrachten Hintern auf einem exklusiven schwarzen Designersofa bequem gemacht, nachdem ihre Gastgeberin ihnen erst einmal das Preisschild des Sofas unter die Nase gerieben und sie instĂ€ndigst aufgefordert hat, die wertvolle KunstlederoberflĂ€che nicht zu beschĂ€digen, da sie sich sonst gezwungen sĂ€he, sie auf Schadensersatz zu verklagen. Sie haben ein stilles Mineralwasser mit besonders viel Calcium und Magnesium, fĂŒr den Knochenbau, das vegetative Nervensystem und den Stoffwechsel in die Hand gedrĂŒckt bekommen und ihn wurde gleichzeitig ein rohe Paprika oder eine Karotte angeboten. Sie lehnten ab. Schließlich nehmen sie nach achtzehn Uhr keine feste Nahrung mehr zu sich. Das könnte Nachts ihre Verdauung zu sehr belasten. Aber keine Angst. Sie haben sich nicht blamiert. Die anderen GĂ€ste haben VerstĂ€ndnis fĂŒr sie. Der Gastgeber legte unaufdringliche Meditationsmusik auf, schaltete das Licht aus und zĂŒndete ein paar Kerzen an. Er gab noch ein Statement zur Energieverschwendung ab und erwĂ€hnte, er wolle mit dieser Aktion ein Zeichen setzen. Sie wagten es, anzumerken, daß der CD-Spieler auch Strom benötige und er lieber ausgeschaltet werden sollte. Viele böse Blicken trafen sie. Sie Spielverderber.
Ihr bester Freund weigerte sich, trotz gedĂ€mpftem Licht, seine Sonnenbrille abzuziehen. Allerdings sorgte er fĂŒr Ablenkung von ihrem Vergehen, indem er ungefragt ĂŒber seinen neuen Job Bericht erstattete. Oh Gott, denken sie sich, gleich muß ich wieder mein Jahresgehalt offenlegen. Sie als einfacher Angestellter in der Dienstleistungsbranche werden natĂŒrlich schlecht aussehen. Schließlich sitzen sie mit Brokern, Topingenieuren, Softwareentwicklern, Netzadministratoren und Unternehmensberatern in einem Raum. Sie entschließen sich zur NotlĂŒge und erhöhen ihr Jahresgehalt um das doppelte. Schließlich sind die Berufsbezeichnungen ihrer Bekannten auch einer regen Phantasie entsprungen, die in deren krankhaftem GeltungsbedĂŒrfnis ihre Grundlage findet. Sie warten gespannt, bis man sie nach ihrem Gehalt fragt und stellen fest, daß man frĂŒher in solchen Runden die PenisgrĂ¶ĂŸen, die PS-StĂ€rken der Sportwagen, die Oberweiten der Partnerinnen oder die Anzahl der Biere, die man an einem Abend trinken konnte verglichen hat. MĂ€nner mĂŒssen halt eben mit irgend etwas angeben, sonst bekommen sie Depressionen oder Ejakulationsprobleme.
WĂ€hrend sich die Partygesellschaft wie ĂŒblich nach Geschlechtern aufteilt und die MĂ€nnerrunde sich aufs Prahlen einschießt, beginnen die Damen ihr eigenen GesprĂ€che. Sie unterhalten sich ĂŒber Leben und Tod. Sie denken jetzt wahrscheinlich an eine tiefsinnige und philosophische Auseinandersetzung ĂŒber die wahren und unergrĂŒndbaren Geheimnissen der Menschheit. Nein, sie denken völlig falsch. Ihr letzter Besuch einer Party scheint doch schon etwas lĂ€nger zurĂŒckzuliegen. Sie sind nicht hip und nicht ganz bei Trost. Die Damen reden natĂŒrlich ĂŒber Krankheiten. Jede der Weiblichkeiten ist ein wandelndes Medizinlexikon. Sie werfen den Frauen einen Fachbegriff zum Fraße vor und bekommen innerhalb einer halben Sekunde das Krankheitsbild, samt Folgen fĂŒr die Gesundheit und Therapiemöglichkeiten vor die FĂŒĂŸe gespuckt. Die erste stöhnt Meningitis und die anderen ĂŒberstĂŒrzen sich mit angstvollen Definitionen. Man hat das GefĂŒhl der Sensenmann ist anwesend und wartet nur darauf, daß eine der Damen an HirnhautentzĂŒndung zu Grunde geht. Dann werden die Modekrankheiten wie Creutzfeld-Jakob, Alzheimer und Lhasa-Fieber durchgegangen. Jedes einzelne Wort kommt auf die Goldwaage. Sofort beschleichen sie Beklemmungen und sie gewinnt die Einsicht, daß wir alle im Sterben liegen. Zur spĂ€ter Abendstunde gehen die Damen zum gemĂŒtlichen Teil ĂŒber und als kurz hintereinander Begriffe wie Neurasthenie, Lungenfibrose, Pankreatitis, Hypotonie, Psoriasis und HĂŒftluxation fallen, fĂŒhlen sie sich an ein heiteres Beruferaten erinnert.
Der Abend könnte so schön an ihnen vorbeilaufen, stolperten sie nicht geradewegs auf den Fettnapf zu, den sie insgeheim den ganzen Abend schon gesucht haben. Ihr Gastgeber hat einen Kuchen gebacken. Sie sind gerade in schwere Diskussionen ĂŒber den Wert eines Werbefachmanns geraten, als der Gastgeber mit vor Stolz geschwellter Brust einen selbstgebackenen Kuchen in das Wohnzimmer trĂ€gt und genau vor ihnen auf den teuren Designeredelholztisch stellt. Der Kuchen starrt sie an. Besser gesagt eine graue undefinierbare Masse, die der Gastgeber Möhren-Honig-Dinkel-Kuchen genannt hat, starrt sie an. Sie werden, entgegen allen Beteuerungen, sie seien einen viertel Punkt ĂŒber ihren persönlichen Body-Mass-Index und brĂŒteten ein MagengeschwĂŒr aus, zum Verzehr des anschaulichen StĂŒck aus der Vollkornbackstube ihres Gastgebers gezwungen und beißen in eine geschmacklose Masse, die ihre ZĂ€hne knacken und sie wĂŒrgen lĂ€ĂŸt.
Alle schauen sie erwartungsvoll an. Sie haben die Ehre, als erster den Kuchen zu probieren. Der staubtrockene Teig blockiert ihre Kehle. Sie schĂŒtten schnell ihr stilles Mineralwasser hinterher und transportieren das edle StĂŒck in ihrem Magen, in den es hineinplumpst wie ein schwerer Granitfels. Sie versuchen höflich zu sein und wollen die Erwartungen erfĂŒllen. Ein massiver Fehler, wie sich spĂ€ter herausstellt.
Sie sagen: hĂ€tte Forrest Gumps Mutter den Kuchen gekannt, hĂ€tte sie ihren berĂŒhmten Spruch abgeĂ€ndert. Das Leben ist wie ein Möhren-Honig-Dinkel-Kuchen. Man weiß nie, was einen erwartet.
Ihr Todesurteil. Die erschrockenen Blicke der anderen GĂ€ste haben das Urteil schnell bestĂ€tigt. Ihr erster Fehler: der Gastgeber hat sich stundenlang abgemĂŒht, um dem traditionellen Klischee eines Mann nicht gerecht zu werden und sie haben nichts anderes zu tun, als sein Statement zur Rolle des modernen Mannes, der durchaus nicht nur gut auszusehen und ein dickes Gehalt heimzuschleppen hat, sondern auch weibliche Verhaltensformen annehmen muß, indem er sich um den Haushalt kĂŒmmert und fĂŒr GĂ€ste kocht und backt, in den Schmutz zu ziehen.
Ihr zweiter und viel schwerwiegender Fehler: sie haben Sally Field beleidigt. Die Damen in der Runde verzehren sich in Erinnerungen an die herzergreifende Sterbeszene, als Forest von seine ĂŒber alles geliebten Mutter Abschied nehmen muß und wie die kleine zerbrechliche und doch so ĂŒbermĂ€chtige Sally mit ihrer Person nicht nur das Bett, sondern den ganzen Film ausfĂŒllt. Sie erinnern sich im gleichen Atemzug an die schmĂ€chtige, dĂŒrre, stolze und unbeugbare Sally, die in „Nicht ohne meine Tochter“ ihr Kind aus den FĂ€ngen von islamischen Fundamentalisten befreit. Sie ist die Übermutter, die alle unmenschlichen Hindernisse ĂŒberwindet und somit das Vorbild aller Frauen, die sich regelrecht nach SchicksalsschlĂ€gen sehnen, um in der gleichen Weise ihren Mut zu beweisen.
Sie dahergelaufener Kerl tauchen auf und zerstören Sallys Dogma vom Leben in der Pralinenschachtel und bringen es mit einem Honik-Möhren-Dinkel-Kuchen in Verbindung, der auch noch von einem Mann gebacken wurde. Sie Schwein.
Sie haben genug von den bösen Blicken und flĂŒchten auf die Toilette. Sie wollen urinieren, heben den Deckel der KloschĂŒssel hoch und mĂŒssen die in aufdringlich schwarzen und völlig ernstgemeinten Buchstaben die Aufforderung lesen: „Setzen! Pinkeln im Stehen ist verboten!“
Ihrem letzten RĂŒckzugswinkel beraubt, verkneifen sie sich das Urinieren und rennen zurĂŒck ins Wohnzimmer. Als sie die verschworene Gemeinschaft der Moralisten in stiller Eintracht versammelt sehen, erfaßt sie ein schlimmer Taumel. Ihr Entschluß steht fest. Es muß etwas passieren. Nachdem sie in den Fettnapf getreten sind, ihr Ruf als Störenfried sich manifestiert hat, können sie sich nicht einfach in die Reihen der Prahler und Hypochonder einordnen.
„Hallo Leute, hört mal her! Warum gibt es hier eigentlich kein Alkohol?“
Sie haben es geschafft, sich endgĂŒltig unbeliebt zu machen. Sie wollen also nicht mehr schlank, fit und klug sein, sondern besoffen, fett und dumm. Ihr Platz in dem elitĂ€ren Kreis der Normalos ist ihnen durch dieses GestĂ€ndnis automatisch aberkannt wurden. Als sie auch noch rufen, „Hat jemand mal`ne Kippe fĂŒr mich?“, ist es endgĂŒltig vorbei.
Die Damen echauffieren sich bis aufs Ă€ußerste. Sie werfen das Wort Lungenkrebs in den Raum und tauschen sofort ihre Bildchen ĂŒber Raucherlungen aus, die jede von ihnen im HandtĂ€schchen mit sich herumtrĂ€gt. Ein ihnen unbekannter Typ fragt:“Willst du sterben?“
Sie denken: FrĂŒher oder spĂ€ter muß ich doch gehen. Kaum ist der Gedanke zu Ende gedacht, greift sie der Gastgeber am Schlafittchen und zerrt sie an den einzigen Platz, wo sie jetzt hingehören: Vor die TĂŒr.
Plötzlich wird ihnen bewußt, was sie angerichtet haben. Nie wieder dĂŒrfen sie sich ĂŒber ihr Gehalt unterhalten und nie wieder dĂŒrfen sie sich Krankheitsbilder anhören. Schade eigentlich. Sie grinsen, gehen in die nĂ€chste Kneipe (es gibt wirklich noch welche), bestellen sich ein Bier und ein PĂ€ckchen Zigaretten und genießen den Abend alleine mit ihren Gedanken ĂŒber ihr Leben, daß jederzeit ein wenig Spannung vertragen kann. Gut, ich gebe zu, wenigstens sie hatten ein wenig Spaß.

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La Luna
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Hallo Kaspar Neumann,

alle Achtung, ein wirklich gut durchdachter gesellschaftskritischer Beitrag - exzellent geschrieben.

Zum GlĂŒck gibt es noch Menschen die wissen, worauf es im Leben wirklich ankommt - man muss sie nur finden.


Liebe GrĂŒĂŸe
Julia

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Yamiko
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Hey toll geschrieben, könnte aus einer Zeitschrift sein. Die sozialkritische Kolumne! Auf der nÀchsten Seite sind dann die neuen DiÀt tipps...

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Kaspar Neumann
Hobbydichter
Registriert: Jan 2001

Werke: 4
Kommentare: 10
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Sally Field

Vielen Dank fĂŒr die Blumen.

Wie alle Autoren höre ich natĂŒrlich gerne Lob. Wobei mir der
letzte Beitrag von Yamiko nicht als uneingeschrĂ€nktes Lob vorkommt. Schließlich will ich meine Geschichten nicht in einer Zeitung lesen, die auf der nĂ€chsten Seite DiĂ€ttipps veröffentlicht. Wobei heute seltsamerweise alle GegensĂ€tze
dieser Art geduldet werden....

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Yamiko
Guest
Registriert: Not Yet

Na ja ich denke du bist kritisch und ich - wohmöglich ĂŒberkritisch. Mein Beitrag war nicht gegen die qualitĂ€t deiner geschichte gerichtet. Wirklich!

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