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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Samstag Abend Macht Gespielin
Eingestellt am 15. 12. 2003 23:59


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Echoloch
???
Registriert: Nov 2003

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„Ich trage das Tuch, weil meine Haare frieren“, raunzte sie Ă€rgerlich, stand abrupt auf und verließ den Raum. Wir liefen ihr nicht hinterher. Lediglich Berto rĂŒhrte sich, zog an seinem Arm, auf dem ich lag, und ich knurrte, weil meine Unterlage verrĂŒckte. Griff zu meinem Bier; die schöne Lethargie, in der ich gerade geschaukelt hatte, war nun sowieso zerrissen. Lehnte mich wieder gegen Berto und wusste, dass sein Arm ihm bald erneut einschlafen wĂŒrde, aber das war mir egal, denn er wehrte sich nie.
„Musste das wieder sein?“, wandte sich Kajan an mich. Die Gestalten hinter der Fernseh-Scheibe flimmerten bedeutungslos. „Wir sollten zurĂŒck spulen, ich habe die letzten 10 Minuten verpasst“, antwortete ich. Kajan stand entnervt auf und griff zur Fernbedienung, die Neele regiert hatte, bis sie beleidigt den Raum verließ. DafĂŒr war Kajan gut. Er wĂŒrde nicht zulassen, dass ich ihm den Arm abklemmte, aber einem Befehl, der ihm scheinbar die Freiheit ließ, sich zu verweigern, kam er immer nach.
WĂ€hrend er zurĂŒckspulte, versuchte er es erneut: „Wieso musst Du sie immer so angehen? Können wir hier nicht einmal einen friedlichen Video-Abend verbringen?“ Er betonte das einmal, als hĂ€tten wir das schon hĂ€ufiger versucht. Dabei stritten wir uns meistens schon beim Essen. „Gib mir mal die Chips rĂŒber“, und als er zögerte, der Aufforderung nachzukommen: „Sie sollte nicht so exzentrisch sein, wenn sie nicht damit umgehen kann, wie die Leute auf sie reagieren.“ Seine Hand reichte mir die Chips, und ich gratulierte mir zu dem gelungenen Manöver, wĂ€hrend ich die ersten salzigen Fettkrusten in meinen Rachen schob, von wo aus ich sie spĂ€ter wieder auskotzen wĂŒrde. Ich musste ihm ab und zu das GefĂŒhl geben, dass er Macht besaß, dass er eine Antwort erwarten durfte, bevor er meinen Befehlen nachkam. WĂ€hrenddessen hielt er mir einen Vortrag ĂŒber Toleranz; er war gerade an der Stelle, an der er mir erlĂ€uterte, dass es viel weniger Kriege gĂ€be, wenn alle Menschen die Persönlichkeiten der anderen respektierten. Ich dachte daran, wie er gewimmert hatte, als sich sein fetter Schwanz in mir entlud, angeschwollen zu tragischer Frustration durch all die Male, die Neele ihn zurĂŒckgewiesen hatte. Seitdem musste ich nur einen gezielten Blick gegen ihn wenden, damit er sich in Anbetracht dessen, was ich anrichten konnte, zusammenzog. Seine Angst vor Neele war ungeheuerlich, noch grĂ¶ĂŸer als Bertos Furcht vor mir, und damit ihr gar nicht erst die Idee kam, diesen Triumph gegen mich zur Schau zu stellen, war ich ununterbrochen damit beschĂ€ftigt, sie zu erniedrigen.
Neele wĂŒrde es auskosten, wenn sie von seiner Untreue erfĂŒhre, sie wĂŒrde sich nicht trennen, das wĂ€re zu einfach, es gab bessere Wege, ihn zu bestrafen. Er mĂŒsste betteln und kriechen, noch etwas mehr als sonst, sie wĂŒrde die Reste seiner WĂŒrde mit ihren bloßen FĂŒĂŸen auf dem Boden zertreten. Hinter ihrer alternativen Fassade, mit der sie kunstlose Figuren schnitzte, herrenlose Tiere aufnahm und sich schmucklose TĂŒcher um den Kopf wickelte, war sie bösartig und durchtrieben, genau wie ich, deshalb konnten wir uns auch nicht ausstehen.
Kajan hielt noch immer seinen Vortrag. Ich bewegte die Augen in seine Richtung, mit dem geĂŒbten Blick der Mörderin, und das leidige GerĂ€usch seiner Stimme verstummte.
Im Fernsehen reihten sich weiterhin triviale Sequenzen aneinander: Gerade setzte sich Julia Roberts neben das Bett, als sie von der Hochzeit ihres besten Freundes erfuhr, und statt dort liegen zu bleiben, rollte sie weiter und sprengte durch die Flimmerscheibe in unser Wohnzimmer. Berto verkrampfte sich unter mir, aus Angst, ich könnte die andere Frau bemerken, Kajan zog die Beine ein, um sie nicht zu berĂŒhren, wĂ€hrend sie sich aufrichtete und sofort hektisch zu ĂŒberlegen begann, wie sie die Heirat verhindern könnte. Man hatte einfach keine Ruhe in dieser Wohnung.
UrsprĂŒnglich waren Kajan und Neele nur ĂŒbergangsweise eingezogen, weil sie aus ihrer alten WG geflogen waren, doch mittlerweile hatten sie sich eingenistet. Kajan versuchte seitdem, eigentlich gar nicht da zu sein, bloß nicht aufzufallen, ja nicht den Knöchel der Roberts zu berĂŒhren, damit diese sich nicht bei Berto ĂŒber ihn beschweren könnte. Wieder umziehen zu mĂŒssen und mit keiner Wohnung Neeles AnsprĂŒchen gerecht zu werden, war eine seiner grĂ¶ĂŸten Sorgen. Auch deswegen durfte Berto nicht erfahren, wie sein bester Freund sich an mir bedient hatte und ich – starr vor Angst im Angesicht der plötzlichen Gewalt seiner Lust, eingeschĂŒchtert von der Zielstrebigkeit des besten Freundes, dem ich nichts abschlagen durfte, weil die beiden wie BrĂŒder waren seit ihrer Kindheit – panisch dagelegen und die Schatten gezĂ€hlt hatte, die sich im Zimmer jagten, nur dort gelegen und mit zugeschnĂŒrter Kehle darauf gewartet hatte, dass er ĂŒber mir zusammenbrach. Kajan wĂŒrde nicht einmal versuchen, sich zu verteidigen, denn Berto hielt mich fĂŒr eine Heilige, ich hatte ihn in der Hand, dort kauerte er im Schatten der Verachtung, die ich fĂŒr ihn empfand, und bettelte um NĂ€he, bettelte um ein Zeichen der Zuneigung. Ich drehte mich auf seinem Arm und wusste, dass es ihm die Haut schmerzhaft verzerrte. Er hielt die Luft an und den Schmerz aus und freute sich, dass mein Kopf nun auf seiner Brust ruhte.
Julia erzĂ€hlte uns heulend, wie lange sie ihren besten Freund schon liebte und was fĂŒr eine blöde Pute sie war, das erst jetzt zu bemerken. Ich stimmte ihr zu, zerhackte sie mit einem Beil, trat ihre Reste in eine Ecke und fragte mich, wer diesen bescheuerten Film ausgesucht hatte.
Derweil betrat Neele wieder den Raum. „Ich weiß gar nicht, wieso ich mich von dieser frustrierten Person immer wieder reizen lasse“, verkĂŒndete sie und stolperte ĂŒber Julias Bein, aus dem noch Blut quoll. Kajan schreckte hoch, Berto zuckte zusammen, ich rĂ€kelte mich zufrieden. „Möchtest Du noch ein Bier, Schatz?“ fragte Kajan seine Königin, die sich in diesem Moment auf ihren Thron fallen ließ, der unter ihr Ă€chzte, eine brillante Vorlage fĂŒr meine Kampflust: „Herrgott, Neele, knall doch nicht immer so in diesen Sessel, der war teuer; wenn Du schon zunimmst, dann pass zumindest auf, wohin Du schwabbelst.“ Kajan, der bereits auf dem Weg zur KĂŒche war, um das Bier zu holen, das Neele nicht bestellt hatte, blieb abrupt stehen. Berto erlitt einen Herzinfarkt, und da ihm niemand half, starb er, verweste, sein HĂŒhnerfleisch zerfiel zu zĂ€hem Frikassee, seine Knochen bröselten unter meinem Gewicht, in wenigen Momenten war von ihm nur noch Pampe ĂŒbrig, ungenießbar, so wie sein Leben.
„Okay, das reicht“, empörte sich Neele.
„Das muss ich auch sagen, es reicht jetzt“, stimmte ihr Kajan zu.
„So etwas Boshaftes wie Du ist mir noch nie begegnet!“ krĂ€hte sie.
„Also wirklich – wie kann man nur so boshaft sein?“ schnatterte ihr Papagei.
„Wenn Du Dich nicht sofort entschuldigst, ziehen wir morgen aus“, gelang es ihr zu formulieren, wĂ€hrend sie glanzvolle PurzelbĂ€ume in der Luft schlug, einen nach dem anderen, und ich dachte: ‚Sie sollte im Zirkus auftreten, sie wĂ€re eine Attraktion!“
„Genau, dann mĂŒssen wir leider ausziehen“, wimmerte ihr Echo, das sich im selben Moment der drastischen Folgen dieses Versprechens bewusst wurde.
Und dann, wie aus einem Mund, als hĂ€tten sie tatsĂ€chlich etwas gemeinsam: „Berto: Sag doch auch mal was!“
Wie nicht anders zu erwarten, blubberte es aus der HĂŒhnermasse: „Wir haben alle zu viel getrunken, vielleicht sollten wir morgen noch einmal in Ruhe darĂŒber reden.“ Sechs Augen richteten sich auf mich, und natĂŒrlich wusste ich – wie alle großen Herrscher dieser Welt – den Pöbel zu beschwichtigen: „Von mir aus“, erwĂ€hnte ich beilĂ€ufig, wĂ€hrend ich in einem Loch meiner Hose pulte, das einer der Jungs spĂ€ter fĂŒr mich flicken wĂŒrde. Neele und Kajan rauschten aus dem Zimmer, und Berto stellte endlich den albernen Film ab, der noch immer im Hintergrund plĂ€rrte.
„Herzchen, ich finde, Du solltest ...“ fing er an, und ich beschloss, mir bei Gelegenheit einen Liebhaber zu gönnen, denn dieser Gockel wĂŒrde die Lust nicht befriedigen können, welche die abendliche Szene in mir erzeugt hatte. Ich wĂŒrde ihn zwingen, sich die ganze Nacht zu bemĂŒhen, und mich dabei wie ĂŒblich langweilen.
„Sie werden nicht ausziehen“, unterbrach ich seinen Monolog, stand auf, durchquerte den Raum, machte mich auf den Weg ins Schlafzimmer. „Du rĂ€umst noch auf, oder?“ NatĂŒrlich wartete ich seine Antwort nicht ab.
WĂ€hrend ich mich auszog, ließ ich den Abend noch einmal Revue passieren. Er war zu meiner vollen Zufriedenheit verlaufen, ich hatte mich lange nicht mehr so amĂŒsiert. Sie wĂŒrden nicht ausziehen. Das wĂ€re nicht in Neeles Interesse. Vielleicht mĂŒssten wir uns eines Tages neue MĂ€nner zulegen. Aber wir beide wĂŒrden immer zusammen bleiben. Es war die einzige Form von Liebe, die wir kannten.
__________________
Leben ist das, was passiert, wÀhrend Du eifrig dabei bist, andere PlÀne zu machen.
www.echoloch.de

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wondering
Fast-Bestseller-Autor
Registriert: Oct 2002

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Hallo Echoloch,

nett habt Ihr es daheim

Ein schillernder Einstand, den du hier gibst.
Ich sitze seit gut 20 Minuten an diesem Text und lese wieder und wieder, bleibe an sprachlich sehr gekonnten Passagen hĂ€ngen, um gleich darauf die Augen aufzureißen, weil ich meine, ich les' nicht recht...was geht da ab?

Ich fasse zusammen: Irre gut!

LG wondering


__________________
Wenn man die Ruhe nicht in sich selbst findet, ist es umsonst, sie woanders zu suchen.

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Monfou Nouveau
???
Registriert: Aug 2003

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Hi Loch des Echos,

ich finde es auch - wie wondering - nett bei euch. Das Lesen jedenfalls hat auch mir Spaß gemacht. Der Titel klingt etwas bemĂŒht, oder? Oder soll es heißen Samstag-Abend-Macht-Gespielin? So beziehugnslos nebeneinander gestellt wirken die Wörter eher etwas leseunfreundlich und monolithisch, finde ich. Aber es ist auch einmal etwas anderes.
Bis auf wenige Wendungen (z.B: "...weil er Neeles AnsprĂŒchen nie Rechnung tragen könnte" (klingt recht formal) und "...ließ ich den Abend noch einmal Revue passieren" (etwas abgenutzt im Vergleich zur sonstigen Frische des Textes)) erscheint mir die Sprache recht originell.

Beste GrĂŒĂŸe
Monfou

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Echoloch
???
Registriert: Nov 2003

Werke: 15
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Hallo Ihr Zwei & vielen Dank fĂŒr Eure Kommentare und den somit sehr netten Empfang in der LL.
Wondering: Das "irre" Empfinden, das Du beschreibst, befĂ€llt mich auch noch immer, wenn ich den Text lese, und es war auch schon da, als ich ihn schrieb. Genau das reizte mich auch sehr an ihm, ich hatte das GefĂŒhl, meine normalen Vorstellungsgrenzen zu "sprengen" und mich weiter zu wagen. Das hat mir/ meinem Schreiben gut getan, finde ich.
Monfou: Der Titel ist durchaus mit den Bindestrichen gemeint, die Du gesetzt hast. Ich dachte, das wĂŒrde klar, und habe sie dann weggelassen, weil ich fand, dass es den einzelnen Worten mehr Kraft gab. Ich werde mir das aber jetzt noch einmal ĂŒberlegen, denn dass schon der Titel irritiert oder gar gekĂŒnstelt wirkt, ist natĂŒrlich nicht Sinn der Sache. Auch die beiden von Dir "reklamierten" Wendungen werde ich mir im Original noch einmal vornehmen; jetzt, wo Du auf sie hingewiesen hast, finde ich sie auch nicht mehr sehr gelungen, man hat diesen Blick fĂŒr die eigenen Texte oftmals nicht, das liebe ich so an Kritik.

Also vielen Dank & viele GrĂŒĂŸe von Echoloch
__________________
Leben ist das, was passiert, wÀhrend Du eifrig dabei bist, andere PlÀne zu machen.
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black sparrow
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Registriert: Jun 2002

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Hallo echoloch,

willkommen in der Lupe!
Was fĂŒr eine Geschichte! Sie ist sehr gut formuliert,
sehr lakonisch und unsentimental erzÀhlt!
Respekt!
Monfous Kritik am Titel kann ich nicht teilen, ich find
ihn ok., wie er ist. Mit der Kritik an zwei SĂ€tzen hat er
nicht unrecht, aber es stört nicht unbedingt, denn viele
brilliante SĂ€tze machen das wieder gut, zb:" angeschwollen
zu tragischer Frustration".
Ich bin beeindruckt!

black sparrow

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lapismont
Foren-Redakteur
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Registriert: Jul 2001

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Hallo Echoloch,

Du hast da einen bitterbösen kleinen Text benutzt, um Dich vorzustellen.
Frag mich, warum das nicht unter Horror steht.
Ich kann zwar nich sagen, das es mir Freude bereitet hat, den Text zu lesen, eher aufgestellte Nackenhaare, aber hinterher bin ich doch sehr erleichtert, mehr GlĂŒck im Leben zu haben.

Sehr gutes Werk,
sagt lap

und Danke fĂŒrs Empfehlen an Wondering
__________________
Kunst passiert.

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