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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Samstagabend
Eingestellt am 25. 07. 2015 17:05


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Ji Rina
HĂ€ufig gelesener Autor
Registriert: Apr 2015

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Es ist Samstagabend, mitten in einem Sommer der siebziger, und ich ging ĂŒber unseren Dorfplatz, als mir zwei Typen auffielen, die dort neben ihren RucksĂ€cken auf einer Bank saßen. Mein Gott, wie sahen sie aus! Zerlumpte Kleider, Dreitagebart, lange Haare bis auf die Schultern so, als seien sie um die halbe Welt getrampt. Ich hatte nichts Besonderes vor, es war einer dieser Abende, an denen man sich einfach irgendwo hintreiben ließ, weil die Überraschungen sowieso an jeder Ecke warteten.

Was ich tat, tut man heute eher selten, aber damals 
 Das waren die siebziger Jahre, und da tat es jeder: Ich ging schnurstracks auf sie zu, setzte mich neben sie und fragte, woher sie kĂ€men. Einer von ihnen ergriff sofort das Wort, sagte, sie kĂ€men aus Paris und dass sie hier irgendwie durch Zufall gelandet seien. Und der andere – oh Gott, der andere – wie sah er aus: braune schulterlange Locken, ganz warme sanfte Augen, und dieser Blick!
 Wie der eines Rehs, scheu und zart, er sagte nichts, sondern lĂ€chelte mich nur an.

Mir fiel auf, dass der eine, ein verbundenen Fuß hatte, mit Gips und so, einen ganzen Klumpen trug er da mit sich herum, und als ich danach fragte, gab er mir eine endlose ErklĂ€rung, von der ich kaum etwas verstand, weil ich nicht genug Französisch sprach. Dieser Klumpfuß hatte wohl etwas mit einem Unfall zu tun, irgendetwas mit einem Auto und einem Motorrad an einer Kreuzung im Zentrum von Paris. Ich hörte ihm zu, wĂ€hrend mein Blick sich jedoch immer wieder auf den anderen richtete, auf dieses zarte Reh, das nur lĂ€chelte. Einmal gab er mir Feuer, und allein das ErspĂŒren seiner Hand in der NĂ€he meiner Hand ließ ganze BildbĂ€nde in meinem Kopf entstehen, von wilden NĂ€chten und Leidenschaft und Romantik. Er hatte so schöne Augen, und an seinem Handgelenk hingen viele kleine BĂ€ndchen aus Leder. Er war durch und durch ein Hippie. Oh, mir wurde so schwach ums Herz 


Der eine fragte, ob ich denn nicht wĂŒsste, wo sie ĂŒbernachten könnten. Ich sah ihn grinsend an. Na klar wusste ich es. In so einem Dorf wie diesem, und dann noch in den siebziger Jahren, da teilte man alles mit jedem. Die Leute teilten ihre Wohnungen, ihre Autos, ihre Freundinnen, ihre MĂ€nner, die Betten, die Kleidung, die Joints; hauptsĂ€chlich SchlafplĂ€tze wurden gern rumgereicht, sie waren sehr gefragt, und man gab sie gern. Ich ĂŒberlegte kurz, zu wem ich wohl gehen könnte, und sagte, dass sie einen Augenblick auf mich warten sollten. Dann lief ich zu Anna, um mir den SchlĂŒssel dieser Wohnung in der NĂ€he des Hafens zu holen. Ich erinnerte mich, dass diese Wohnung direkt zwischen zwei Kneipen vor der Hafenhalle lag und dass die meisten von uns diese WohnungsschlĂŒssel schon einmal besessen hatten. An jenem Abend konnte ich mich nicht mehr genau erinnern, ob auch ich diese SchlĂŒssel schon einmal besessen hatte, aber das war ja auch nicht wichtig. Ich hatte auch keine Ahnung, wer der Besitzer dieser Wohnung war, jedenfalls besaß Anna die SchlĂŒssel, und das wusste jeder.

»Sind die auch okay?«, fragte sie mich, nachdem ich ihr meine Geschichte erzĂ€hlte: Arme Franzosen aus Paris, mit ‘nem Gipsfuß und so, schlimmer Unfall, gute Kumpel, mit nix in der Tasche 

»Ich hab da nĂ€mlich noch ’n ziemlich teuren Mantel im Eingang hĂ€ngen, nicht dass der dann futsch ist?«
Ich beruhigte sie und klopfte ihr auf die Schulter, sei doch nur fĂŒr eine Nacht, sagte ich, nahm daraufhin die SchlĂŒssel und lief zurĂŒck.
Die beiden Typen saßen noch genau an derselben Stelle, ich lachte schon von Weitem und klimperte mit den SchlĂŒsseln in der Luft herum, wobei sie beide verlegen wirkten, sich aber auch freuten. Dann machten wir uns auf den Weg. Der mit dem Gipsfuß ging am Stock; er humpelte so stark, dass wir sehr langsam gehen mussten.
Er redete stĂ€ndig auf mich ein, und ich denke, dass er sich fĂŒr meine MĂŒhe bedanken wollte, denn er schĂŒttelte immerzu den Kopf, und sagte: »Incredible 
 c’est incredible  « Wobei er dann mit einem breiten LĂ€cheln hinzufĂŒgte: »Merci! Merci beaucup!«
Alles, was ich dazu sagte, war: »C’est normal!« Auf jeden Satz von ihm, antwortete ich: »Eh bien oui, c’est normal!«
Diesen Satz hatte ich bereits tausendmal unter den französischen Touristen gehört, und er klang unheimlich gut, halt sehr französisch.

Als wir in der Wohnung ankamen, ich das Licht anknipste und auf die zwei armseligen Laken und deckenlosen Matratzen blickte, hatte ich meinen Kopf schon lĂ€ngst voller PlĂ€ne. Ich wĂŒrde die beiden am nĂ€chsten Morgen zum FrĂŒhstĂŒck einladen; sie dann aufs Land, bis zu Andys Haus schleppen, wo wir eine Session Blues spielen wĂŒrden – wir könnten das ganze in Andys Garten unter dem Feigenbaum durchziehen und da dann auch zu Mittag essen. Andy hatte sein Haus immer voller Leute. Irgendwelche Freunde, die kochten, andere, die zusammensaßen und Musik machten und wiederum andere, die ihre Geschichten erzĂ€hlten –, da langweilte man sich nie. Und der Zarte, das Reh 
 Oh, ich hatte ihn keineswegs vergessen. Ihm wĂŒrde ich irgendein ganz besonderes Lied widmen, irgendwas wie »You’ve got a friend« von James Taylor oder so, und ihm dabei ganz tief in die Augen blicken, so tief und so lange, bis er verstehen wĂŒrde, wie der Hase lĂ€uft.
Ich versuchte also, mich mit HĂ€nden und FĂŒĂŸen verstĂ€ndlich zu machen, und sagte: »Demain, moi ici, a le dix au matin. Petit dijeuner. Croissant. Cafe. Vous compris?«
Und da beide mich mit strahlenden Augen anlachten und mit dem Kopf nickten, wusste ich, dass sie mich verstanden hatten. Ganz besonders der Zarte, das stumme Reh, lÀchelte mich in einer so verflucht unwiderstehlichen Art an, wie es nur Komplizen tun.

Am nĂ€chsten Morgen konnte ich nicht schnell genug am Hafen sein. Als ich ankam, stand die WohnungstĂŒr weit offen. Ich ging rein und war nicht einmal ĂŒberrascht: NatĂŒrlich waren sie nicht mehr da. Keine RucksĂ€cke, kein Zettel, kein Zeichen. Der Mantel war natĂŒrlich weg, so auch ein elektrischer Wecker, ein Kassettenrekorder und sĂ€mtliche Kassetten. Sogar die Papierbecher aus der KĂŒche hatten sie mitgenommen. Ein paar Minuten stand ich einfach nur da und blickte auf die herumfliegenden Zigarettenstummel und leeren Bierdosen.
Dann schloss ich die TĂŒr wieder sorgfĂ€ltig zu, und machte mich auf den Weg zu Anna. Und dabei wurde mir klar, was sie alles verpasst hatten: ein ĂŒppiges FrĂŒhstĂŒck im CafĂ©, eine Blues-Session auf dem Land, ein Mittagessen unter Andys Feigenbaum und wer weiß, was noch alles gekommen wĂ€re. Mit dem stummen Reh jedenfalls hatte ich die Liebe meines Lebens verpasst.



__________________
Der Leser hatÂŽs gut: Er kann sich seine Schriftsteller aussuchen.
(Kurt Tucholsky)


Version vom 25. 07. 2015 17:05

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Hyazinthe
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Hallo Ji!

Eine hinreißende Geschichte! Ich sehe sie direkt vor mir, deine Protagonistin, dieses hilfbereite, verliebte, arglose MĂ€dchen. Ich hĂ€tte ihr das Abenteuer mit dem 'scheuen Reh' von Herzen gegönnt. Schade, aber die RealitĂ€t ist nun mal oft anders, als man sie sich wĂŒnscht.
Wie immer: toll geschrieben! Die etwas flapsige Sprache passt gut zur Ich-ErzÀhlerin, so dass ein paar ungeschickte Kleinigkeiten ("dieses zarte Reh, der nun lÀchelte") oder Wortwiederholungen ("schon einmal besessen hatte") kaum ins Gewicht fallen.

Gruß, Hyazinthe

PS: Danke fĂŒr deine Tipps zur "Taube"!
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aligaga
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Diese an sich nette SchĂŒlergeschichte leidet ein wenig darunter, dass ihr Deutsch ebenso unbeholfen ist wie die in ihr vorkommende Protagonistin, @Ji. Ich hab dir im ersten Absatz mal alles eingefĂ€rbt, was diesen Eindruck erweckt und ganz offensichtlich nicht Stilmittel, sondern Unvermögen ist:

quote:
Es war Samstagabend, irgendwann (es ist Samstagabend, mitten in einem Sommer der 80er, nicht "irgendwann". UnnĂŒtze Floskel!) mitten im Sommer, und ich ging gerade (wieso "gerade"? Als Gegensatz zu "in Kreisen"? UnnĂŒtze Floskel!) ĂŒber unseren Dorfplatz, als mir sofort (Wieso "sofort"? Sie fallen auf, Punkt. Floskel!) zwei Typen auffielen, die dort neben ihren RucksĂ€cken auf einer Bank saßen. Mein Gott, wie sahen sie aus –, (besser: Ausrufezeichen!) zerlumpte Kleider, Dreitagebart, lange, filzige Haare bis auf die Schultern. Sie sahen aus (unschöne Wiederholung), als seien sie um die halbe Welt getrampt. Ich hatte an dem Abend nichts Besonderes vor, es war einer dieser Abende (unschöne Wiederholung) , an denen man sich einfach (Floskel!) irgendwo (Floskel!) hintreiben ließ, weil die Überraschungen sowieso an jeder Ecke warteten (das ist unlogisch - dann wĂ€ren die "Ecken" ja ein Ziel!) . Was ich tat, tut heute kein Mensch mehr (wie bitte?) , aber damals 
 Das waren die achtziger Jahre (was waren die denn Besonderes?), und da tat es jeder (ganz bestimmt nicht, und schon gar nicht auf dem Dorf!): Ich ging also schnurstracks auf sie zu, setzte mich einfach (Floskel!) neben sie und fragte, woher sie kĂ€men. Einer von ihnen war der Sprecher (besser: den Typ beschreiben. "Sprecher" gibt's eigentlich nur bei Gruppen, bei Regierungen und NGOs) und ergriff sofort das Wort (Floskel!) , sagte, dass sie aus Paris kĂ€men und sie hier irgendwie (Floskel!) durch Zufall gelandet seien. Und der andere –, oh Gott, der andere –, wie sah er aus: (besser: Und der andere – oh Gott, der andere – wie sah der aus!) ganz (Floskel!) warme sanfte Augen, braune schulterlange Locken (war da vorher nicht nur Filz?) und dieser Blick 
 (besser: Ausrufezeichen!) Wie ein Reh sah er aus (das ist kaum glaublich ...*giggle*... besser: "Wie der eines Rehs") , scheu und zart, er sagte nichts, sondern lĂ€chelte mich nur an.

Tipp: vermeide unnĂŒtze Floskeln und reine WorthĂŒlsen. Und lass Dinge weg, die nicht essentiell sind und den Leser eher nerven, statt ihm hilfreich zu sein. Die ganze Gipshufnummer, zum Beispiel. Die Hippies waren in den 80ern des vorigen Jahrhunderts ĂŒbrigens schon lĂ€ngst mausetot. Da krochen nur noch ein paar verknitterte Omis und Opis in den bunten Klamotten herum; die MĂ€delz und Jungs, die auf sich hielten, waren Punkers und hatten nicht Filz, sondern Eierschnee in der MĂ€hne. Oder ne Glatze.

Anyway. Viele der Fehler, die du (noch) machst, sind wohl nur der OberflĂ€chlichkeit und der FlĂŒchtigkeit geschuldet. Bei etwas mehr Sorgfalt und reflektorischer MĂŒhewaltung wird's schon noch werden!

Gruß

aligaga

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FrankK
Autor mit eigener TV-Show
Registriert: Nov 2006

Werke: 22
Kommentare: 2738
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Hallo, Ji Rina
Eine schöne, romantisch verklĂ€rte Episode erzĂ€hlst Du uns hier. Eine leicht vertrĂ€umte (ich möchte fast „liebliche“sagen) Sprache nennst Du dein eigen.
Die Geschichte versetzte mich wieder zurĂŒck in die frĂŒhen Achtziger, mit der Musik aus den Siebzigern, spontan kam mir Maffay in den Sinn, ich konnte ihn förmlich hören:
„Samstag Abend, in unserer Straße ...“
Und als sie „das Reh“ erblickte, lief gerade „Bright Eyes“ im Radio.

ErbsenzÀhlerei

quote:
wie sahen sie aus –, zerlumpte Kleider

Kein Komma hinter dem Gedankenstrich. Gedankenstriche ersetzen die Kommata. Dies Problem taucht hier öfter auf.

quote:
ganz warme sanfte Augen, braune schulterlange Locken und dieser Blick

Ich wĂŒrde Augen und Blick etwas nĂ€her zusammenrĂŒcken, die „Ansicht“ springt sonst zu sehr hin und her. Ich bin mir ziemlich sicher, das Sie den „Blick“ unmittelbar mit den „sanften Augen“ registriert.

quote:
... weil ich nicht genug Französisch spreche.

Zeitfehler: sprach

quote:
Ich hörte ihm aufmerksam zu, wÀhrend mein Blick sich ...

Man kann normalerweise niemandem aufmerksam zuhören, wenn der eigene Blick wandern geht.

quote:
... auf dieses zarte Reh, der nur lÀchelte, mich ansah und stumm blieb.

Jepp, ich verstehe Dein sprachliches Problem. Dieses „der nur lĂ€chelte“ bezieht sich zwar sprachlich korrekt auf den Mann, verdirbt aber das romantische Bild.
Auch nicht ganz perfekt gelungen, aber vielleicht „etwas“ besser:
„... auf dieses stumm lĂ€chelnd mich betrachtende, zarte Reh.“
Ich weiß, irgendwie gesteltzt.

quote:
Er war durch und durch ein Hippie.

Hier kollidiert es mit den „Achtzigern“. Vielleicht eher:
„Er war durch und durch das, was ich mir unter einem Hippie vorgestellt hĂ€tte.“
WĂŒrde auch wieder einen Bezug zum romantischen Blick der Prota konstruieren.

quote:
Oh, mir war so schwach ums Herz 


Aus dem GefĂŒhl heraus hĂ€tte ich „wurde“ geschrieben.

quote:
Alles, was ich dazu sagte, war: »C’est normal!« Auf jeden Satz, den er sagte, antwortete ich: »Eh bien oui, c’est normal!«

Unschöne Dopplung, hier wĂŒrde ich verknĂŒpfen mit:
„Auf jeden Satz von ihm antwortete ich:“

Ich hoffe, Du nimmst mir die ErbsenzĂ€hlerei nicht ĂŒbel.


Viele GrĂŒĂŸe aus Westfalen
Frank


__________________
Leben und leben lassen.

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