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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Samstagabend
Eingestellt am 06. 05. 2001 16:50


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murmeltier
Autorenanw├Ąrter
Registriert: Jan 2001

Werke: 94
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Zum dritten Mal hatte ich das Fernsehprogramm durchgesehen. Vor halb elf kam heute Abend nichts. Und der Film, der dann gezeigt wurde, war auch noch eine Wiederholung. Das Programm wird auch immer mieser.
Wieso zahlt man denn noch Geb├╝hren? Immer die gleiche Frage, die man sich dann stellt. Und doch l├Ąuft alles so weiter wie bisher. Wer meldet schon seinen Fernseher ab?
In der K├╝che machte ich mir ein Spiegelei. Um nicht nur die traurige Stille in der Wohnung zu h├Âren schaltete ich das Radio ein. Mist, gerade Nachrichten. Wird auf allen Sendern ├Ąhnlich sein. Aber lieber Nachrichten auf englisch. Da versteht man nicht alles, daher leichter zu ertragen. Der Engl├Ąnder hat sogar eine weichere Stimme als der deutsche Sprecher. Ob der wohl so richtig wie ein alter Genlteman ins Studio kommt? Ich stellte mir den Engl├Ąnder in der kleinen Sendekabine vor. Seine schwarze Melone liegt vor ihm auf dem kleinen Tisch. Der Regenschirm h├Ąngt mit der Kr├╝cke an der Tischkannte. Ich l├Ąchelte m├╝de dar├╝ber.
Mir f├Ąllte gerade noch rechtzeitig mein Spiegelei ein. Schei├če, schon wieder hart. Dabei mag ich sie lieber
weich. Das Dotter so richtig zum schl├╝rfen oder bekleckern, wenn man Pech hat. Ich sollte mir mal wieder was Vern├╝nftiges zusammenkochen, denke ich. Aber nur f├╝r mich allein? Das macht mir keinen Spa├č. Oder ein paar Leute einladen und dann f├╝r die kochen. Ja, das k├Ânnte man mal wieder machen. An einem Wochenende am besten, da hat man Zeit. Die Nachrichten sind vorbei. Der Engl├Ąnder bringt Sportberichte.
Die kann er behalten. Ich suche den deutschen Sender. Das ist schon besser. An der Stimme des Ansagers
erkenne ich die Sendung, die ich mir oft wegen der guten Musik anh├Âre. Ich mache die Kaffeemaschine fertig, hole Tabak und setze mich wieder an der Tisch. Ich stecke die Zigarette an und h├Âre dem Sprecher zu.
Wenigstens eine menschliche Stimme. Und gute Musik.
Aber ich will heute Abend nicht alleine zuhause bleiben. Ich will raus, Menschen sehen, oder einfach nicht
alleine in der toten Wohnung sitzen. Was kann ich machen? Jemanden besuchen?
Der Kaffee ist fertig. Heute trinke ich ihn mal mit viel Milch und Zucker, wie in Frankreich. Ah ja, der franz├Â-
sische Milchkaffee, der ist echt gut. Ich m├Âchte mal wieder nach Frankreich. Zuletzt war ich mit Bibi da. Mit dem bin ich fast immer in der letzten Jahren in Urlaub gefahren. Vielleicht sollte ich mal bei ihm heute Abend
vorbeigehen. Aber ob der ├╝berhaupt zuhause ist? War da nicht irgendwas an diesem Wochenende? Mensch, er hat doch vorgestern irgendwas gesagt. Was war das denn noch? Schei├če, ich vergesse aber auch alles. Ach, stimmt ja. Sein Opa in Duisburg hat Geburtstag. Da ist er erst wieder am Sonntagabend zur├╝ck. Also Bibi f├Ąllt schon mal aus. Und Hartmut? Der ist bestimmt nicht zuhause. Am Wochenende ist er immer unterwegs. Wieviel Leute der aber auch kennt, die er besuchen kann. Letzte Tage hat er was erz├Ąhlt, da├č er sich schon wie im Stre├č f├╝hle. Er will jede Menge Leute sehen und wei├č nicht, wie er das zeitlich schaffen soll.
Ihm scheint┬┤s in letzter Zeit wieder ganz gut zu gehen. Ist oft so, wenn man neue Leute kennenlernt. Das ist die Anfangszeit, in der man sich gegenseitig entdeckt. Sp├Ąter sieht man dann, ob man zu Freunden wird oder nur Bekannte bleibt. Da scheint irgendwo so ┬┤ne Art Weiche zu sein, denn das Kennenlernen ist eigentlich immer gleich. H├Ąngt wohlt auch sehr vom Interesse f├╝reinander ab.
Der Kaffee ist schon lauwarm. Heute habe ich keine Lust auf kalten Kaffee und trinke ihn schnell aus. Tja, was mach ich heute? Wohin mit mir? Immer diese gleiche leidige Frage an den Wochenenden, an den langen Abenden nach der Arbeit, wenn ich die ganze Woche ├╝ber zuhause bleibe. Wohin kann man denn schon gehen?
Ich drehe mir noch eine Zigarette. In welcher der Kneipen, die mir gefallen, war ich denn schon l├Ąnger nicht?Obwohl es fast egal ist, wo ich hingehe. Heute Abend wird es ├╝berall wieder knallvoll sein. Leute, die an der Theke Bier trinken. Tische mit Leuten, die sich kennen. Lachende Gesichter und traurige Gesichter. Wie an jedem Wochenende in den Kneipen, die ich kenne.
Ich gehe aufs Kloo und ├╝berlege, was ich anziehen soll. Es ist schon k├╝hl drau├čen, besser eine dicke Jacke. Ich schaue in den Spiegel, l├Ąchele einmal. Fast um zu sehen, ob ich┬┤s ├╝berhaupt kann. Ich wei├č dabei, da├č ich so niemals herausfordend ein M├Ądchen anlachen w├╝rde. Ob daher das Wort vom "sich jemand anlachen" kommt? Ich ziehe die Stiefel an, weil ich gern in ihnen gehe, schn├╝re die Jacke zu und gehe hinaus.
Drau├čen bleibe ich einen Moment lang vor der Haust├╝r stehen, um zu schnuppern, wie die Luft ist. Der Sommer, er scheint vorbei zu sein. K├╝hler Wind kommt von der Stra├čenecke her. Ich wende dem Wind meinen R├╝cken zu und gehe los, leicht angeschoben durch meinen luftigen, k├╝hlen Freund. Ich mag den Wind. Am liebsten habe ich es, wenn ich gegen den Wind gehe und ich ihn im Gesicht und in den Haaren sp├╝re, die er nach hinten zieht. Ich mag nicht, wenn er, wie heute Abend, von hinten kommt und mir die Haare in die Augen weht.
Ich gehe langsam Richtung Innenstadt. Auf dem Weg dorthin ein paar P├Ąarchen, die sich an den H├Ąnden halten oder Arm in Arm gehen. Was machen die wohl heute Abend? Wollen sie nur allein sein, um sich gegenseitig zu zeigen, wie sie sich lieben? Wie lange werden die Beiden wohl noch zusammen sein, frage ich mich manchmal.
Wenn ich Liebespaare sehe, wird mir manchmal st├Ąrker als sonst bewu├čt, wie alleine ich bin. Mir f├Ąllt ein, da├č ich fr├╝her sehr neidisch auf die Paare war. Ich fragte mich damals, ob das denn unbedingt sein m├╝sse,
da├č sie sich auf der Stra├če abknutschen und allen zeigen, wie gern sie sich haben. Wu├čten die eigentlich,
wie sie damit manchmal Menschen in ihrer Einsamkeit treffen konnten? Wu├čten die, wie qu├Ąlend es manch-
mal war, wenn man als einsamer Einzelner immer und immer nur gl├╝ckliche P├Ąarchen sah?
Heute wei├č ich, da├č ich damals nur neidisch war. Wohl auch mit einem Schu├č Selbstmitleid. Die Menschen
sind doch nichts weiter als gl├╝cklich. Und das zeigen sie nicht so sehr anderen, als da├č sie sich eben einfach
ungezwungen verhalten. Sie lieben sich und ihnen ist es egal, wo sie sind und wer sie sieht. Sie sind gl├╝ck-
lich und k├Ânnen┬┤s nur sein, wenn sie wenigstens f├╝r kurze Zeit das Ungl├╝ck um sie herum vergessen.
Heute bin ich fast auf dem Weg, mich f├╝r die Paare zu freuen. Sie geben sich so etwas Liebe, Gl├╝ck, Geborgenheit, W├Ąrme. Und das braucht wirklich jeder Mensch. Erst recht in der Welt von heute, die immer
k├Ąlter wird und einen neuen Menschen hervorbringt: den denkenden, berechnenden, vorw├Ąrtsstrebenden
Menschen, der merkt, da├č zuviel Gef├╝hl ihm nur hinderlich sein kann. Sachlichkeit, k├╝hle ├ťberlegung und
Planung entscheidet heute, nicht Gef├╝hl.
Ich gehe in eine Imbi├čstube, um mir Pommes zu holen. Ich betrachte die Frau hinter der Theke. Sie scheint um die Vierzig zu sein, obwohl sie durch das aufgetragene Make up j├╝nger aussieht. Der aufmerksame Beobachter sieht jedoch die Falten an den Augen und die durchschimmernde, gro├čporige Haut. Ob die Frau verheiratet ist? Warum arbeitet sie hier? Wie lange steht sie wohl hinter der Theke? Die haben bestimmt bis nach Mitternacht auf. Und dann am Samstag hier arbeiten. Gibt bestimmt manchmal ├ärger mit Besoffenen.
Ich gebe ihr das Geld und kriege meine Pommes mit Mayonnaise daf├╝r. Sie schaut mich kaum an, fragt schon das M├Ądchen hinter mir, was sie bekommt. Eingespieltes L├Ącheln dabei, aber die Augen sind m├╝de oder nur gelangweilt.
Ich bin wieder auf der Stra├če, jetzt schon zwischen den Gesch├Ąften der Innenstadt. Ich gehe langsam und esse vorsichtig die verdammt hei├čen und fettigen Fritten. Schaue gleichg├╝ltig in die Schaufenster der Gesch├Ąfte, an denen ich vorbeigehe. Schaue den Menschen in die Gesichter, die mir entgegenkommen.
Wenn sie alleine sind, schauen sie meistens vor sich hin. Oder in die Schaufenster. Oder auf die Leucht-
reklamen. Oder mir in die Augen, so als wenn sie w├╝├čten, da├č wir aus der gleichen Familie sind. Verlorene Einzelne an einem Samstagabend in einer gro├čen Stadt.
Ich komme an Kinos vorbei und gucke mir die Bilder in der K├Ąsten an. Nackte Frauen, heldenhafte M├Ąnner,
Trickbilder aus der Kindervorstellung, ernste Gesichter aus den sogenannten Problemfilmen. Ich bin noch nie alleine im Kino gewesen. Es scheint mir schlimmer zu sein, als wenn man alleine fernsieht.
In meiner Einbildung sehe ich ein vollbesetztes Kino. Alles Leute, die alleine reingegangen sind. Sie schauen sich gemeinsam den Film an. Vielleicht sinnigerweise ein Problemfilm ├╝ber das Alleinsein und dar├╝ber, was man dagegen machen kann. Nat├╝rlich mit einem nicht allzu normalen Happy-End. Der Film ist aus und alle gehen genauso einsam aus dem Kino, wie sie hineingegangen sind. Auf der Stra├če vor dem Kino zerstreuen sie sich schnell. Jeder denkt alleine ├╝ber den Film, den er eben gesehen hat, nach. Man findet ihn gut, da es nicht schwer war, sich darin wiederzufinden. Man hat einen guten Film gesehen. Das Gesicht des Kinonachbarn ist einem v├Âllig unbekannt. Man hat ihn auch gar nicht angesehen. Schlie├člich kam man ins Kino, um den Film zu sehen.
Mir kommt eine Gruppe j├╝ngerer Leute entgegen. Sie scheinen alle gut gelaunt, rei├čen Witze, lachen laut und gehen vorbei. Wohl einer dieser Kneipentische, denke ich, der nur dabei ist, das Lokal zu wechseln. Vielleicht gehen sie auch zu ┬┤ner Fete oder haben sonstwas vor. Ich geh├Âre jedenfalls nicht dazu und denke nicht weiter dr├╝ber nach.
An der Fu├čg├Ąngerampel mu├č ich warten. Ich krame den Tabak aus der Jacke hervor und stehe noch da, als es schon Gr├╝n wird f├╝r die Fu├čg├Ąnger. Ich gehe langsam r├╝ber und achte darauf, da├č ich das Bl├Ąttschen mit dem Tabak nicht verliere. Dr├╝ben bleibe ich stehen und drehe die Zigarette zu ende. Ich stecke sie an und drehe mich zur Stra├če um. Wo die ganzen Autos wohl hinfahren? Ich schaue mal genauer hin und sehe, da├č in den meisten Wagen ein oder zwei Leute sitzen. Auch wieder oft Paare. Keine Familien, denke ich. F├╝r die ist hier auch nichts. Familien fahren sonntags aufs Land vor die Stadt. Dort gehen sie spazieren. Was sollen Familien an einem Samstagabend in der Innenstadt.
Ich gehe in eine Kneipe. Eine ganz normale, kein spezieller Treff von jungen Leuten. Ich stelle mich an die Theke da ich wei├č, da├č ich hier nicht lange bleiben werde. Will nur ein, zwei Bier trinken und ansonsten nur sehen, was hier l├Ąuft. Reines Interesse.
Das bestellte Bier wird mit einem freundlichen "Zum Wohle" des Wirtes vor mich hingestellt. Neben mir wird geknobelt, um eine Runde Bier und Korn. Der Flipper ist frei, der Spielkasten daneben besetzt. Einer, der mit seinem Bier vor dem Apparat steht, spielt. Na ja, spielen stimmt da wohl nicht. Er wirft ab und zu Geld rein und hofft, die Gewinnserie zu kriegen. Es sind nur ein paar Tische besetzt. Alles Paare, bis auf einen Tisch mit Jugendlichen. Die machen Stiefeltrinken und dr├╝cken Musik.
Ich trinke noch ein Bier und rauche eine Zigarette. Ein Betrunkener kommt rein und stellt sich neben mich.
Der Wirt scheint ihn warten zu lassen, hofft vielleicht, da├č der Typ wieder rausgeht. Er ruft nach Bier, der Wirt kommt und sagt, da├č er ihm nur ein Bier geben w├╝rde. Dann h├Ątte er genug und solle gehen. Der Betrunkene sch├╝ttelt schweigend den Kopf. Ich falle ihm auf. Er versucht, mich mit seinem unklaren Blick anzupeilen. Es scheint nicht zu klappen. Schlie├člich l├Ą├čt er den Kopf kurz h├Ąngen, um ihn sofort wieder nach oben zu werfen. Sein Bier ist da.
Drau├čen genie├če ich den k├╝hlen Wind. Die Stadt scheint voller geworden zu sein. Mehr Leute laufen jetzt herum. Ich gehe Richtung "Spektrum" und hoffe, da├č es dort nicht allzu voll sein wird. Auf dem Weg dorthin bleibe ich vor einem Buchladen stehen und lese die Buchtitel. Mir f├Ąllt ein, da├č ich zu Hause viele B├╝cher herumstehen habe, die ich noch nicht kenne. Warum bleibe ich nicht zu Hause und lese? Ich wei├č doch, da├č diese Rumlaufen nichts bringt. Ich gehe weiter. Als ich an einem Polizeiwagen vorbeigehe, ist mir micht gut zumute, obwohl ich noch nie was mit den Bullen zu tun hatte. Immer wenn ich sie sehe, habe ich ein eigenartiges Gef├╝hl. Vielleicht wegen ihren unbewegten Gesichtern, aus denen kalte Augen auf die Stra├če und die Menschen schauen. Komisch, ich schaue ihnen immer extra in die Augen. So als wenn ich sagen wollte: Guckt, ich habe keine Angst vor euch. Obwohl ich ganz geh├Ârige Angst h├Ątte, wenn die Bullen w├╝├čten, was ich von ihnen halte. Einmal habe ich sie auf einer Demonstration gesehen, wie sie begeistert auf Menschen eingeschlagen haben. Manche schienen nur auf das Kommando "Schlagstock frei" zu warten. F├╝r mich sind es Schweine, die sich feige und gewissenlos hinter der Behauptung verstecken, sie w├╝rden wie jeder andere auch nur ihren Beruf aus├╝ben. Kann man zum Pr├╝geln berufen sein?
Kann man sich zum Menschenj├Ąger berufen f├╝hlen?
Im "Spektrum" finde ich glatt einen freien Hocker an der Theke. Nach dem k├╝hlen Wind drau├čen ist es wenigstens angenehm warm hier. Ich bestelle ein gro├čes Bier und drehe mir eine Zigarette. Ich f├╝hle mich gut hier. Die Musik gef├Ąllt mir, die Leute hier bilden eine Mischung aus Studenten, Ausgeflippten, Punkern, jungen M├Ądchen, Feministinnen und anderen, die man in Rockl├Ąden wie diesem eben findet. Man h├Ârt die Musik, trinkt was, unterh├Ąlt sich, starrt vor sich hin, berauscht sich, bringt die Zeit rum, f├╝hlt sich gut oder gelangweilt oder ist einfach da, weil man nicht wei├č, wohin sonst.
Ich trinke gem├╝tlich Bier, h├Âre Musik und beobachte die Leute. Auch hier Gruppen, aber manchmal so, da├č man nicht wei├č, wer zu welcher Gruppe geh├Ârt. Erst recht ist es schwer herauszufinden, wer mit wem geht. Viele kennen sich untereinander. Dabei f├Ąllt mir auf, da├č ich sehr selten Kontakt zu anderen kriege. Es gibt Leute, die sind ein paarmal in dem gleichen Laden und kennen dann schon fast alle von den Leuten, die ├Âfter dahinkommen. Ich war auch schon ├Âfter hier, kenne aber keinen. Manchen Gesichter kenne ich vom Sehen her, mehr aber auch nicht. Ich lege es nie darauf an, in Kneipen Leute kennenzulernen. Ich wei├č, da├č ich sehr kontaktarm bin. Ich will aber auch nichts mehr dagegen tun. Ich habe mich wohl damit abgefunden, alleine herumzusitzen, Bier zu trinken, zu rauchen und dabei die Leute genau und gerne zu beobachten.Lang-
weilen tu ich mich dabei selten, da es eigentlich immer was zu sehen gibt. Oder bei Gespr├Ąchen mitzuh├Âren. Manchmal denke ich, da├č ich der geborene Zuh├Ârer und Zuschauer bin. Gar nicht so bestimmt dazu, wirklich zu leben, als dazu erschaffen, auf der Erde herumzuh├Ąngen und das Leben anderer wie ein Geschichts-
schreiber zu beobachten. So wird sogar das Alleinsein ertr├Ąglich und scheint einen tieferen Sinn zu haben.
Dabei ist das wohl nichts anderes als eine Entschuldigung f├╝r die eigene Unf├Ąhigkeit, andere Menschen anzusprechen, sie kennenzulernen.
Ich sehe mir die M├Ądchen an und passe auf, da├č ich sie dabei nicht zu offensichtlich betrachte. Manche haben h├╝bsche Gesichter. Und was f├╝r einen K├Ârper manche haben. Der fordert gerade dazu heraus, sie an sich zu dr├╝cken, sie abzuk├╝ssen und sich zu w├╝nschen, mit ihnen zu schlafen. Bei manchen frage ich mich,
ob sie eigentlich schon alt genug sind, um jetzt noch hier zu sein. Oder ob sie schon alt genug sind, um mit ihnen legal ins Bett steigen zu d├╝rfen.
Ich erinnere mich an meine letzte Freundin. Wie lange ist das schon wieder her? Wohl auch schon so sechs Monate. Es w├Ąre sowieso nicht gut gegangen mit uns beiden. Ich hatte f├╝r sie einfach zuviel d├╝stere Gedanken, wie sie meinte. Ich fand ihrer Meinung nach nicht genug Spa├č am Leben, womit ich ihr auch die Lebensfreude nahm. Und die wollte sie sich nicht nehmen lassen. Was h├Ątte ich daran ├Ąndern k├Ânnen?
Ich erinnere mich an manche hei├če Nacht mit ihr. Au├čerdem das Gef├╝hl des totalen Verliebtseins. Es war schon herrlich gewesen. Und manchmal sp├╝rte ich auch sowas wie tiefe Gl├╝ckseligkeit. Vor Jahren h├Ątte ich nicht geglaubt, da├č ich zu solchen Gef├╝hlen nach den zu einsamen Jahren noch f├Ąhig gewesen w├Ąre. Doch, Verliebtsein ist schon in Ordnung, sagte ich zu mir und trank mein Bier aus.
Ich bestelle mein letztes Bier da ich anfange, mich zu langweilen. Au├čerdem bin ich m├╝de und etwas angetrunken. Ich rauche mal wieder zu viel, denke ich, als ich wieder eine Zigarette anstecke. Aber man lebt schlie├člich nur einmal. Und was bleibt mir denn sonst noch, wenn ich mal das Bier und das Rauchen weglasse. Ist schon ganz in Ordnung so. Wenn┬┤s mich nicht st├Ârt, wen sollte es sonst st├Âren? Es st├Ârt heute sowieso niemanden, wenn sich die Menschen um einen herum langsam selbst kaputtmachen. Oder wenn sie kaputtgemacht werden. Alles Zeichen von Schw├Ąche. Und Schw├Ąchlinge kann die moderne Leistungsgesellschaft nicht gebrauchen. Im Rahmen der ├ťberbev├Âlkerung auch gar nicht so schlecht, wenn die einfach wegsterben.
Gezahlt habe ich schon, als mein letztes Bier gebracht wurde. So kann ich einfach gehen, als ich es ausge-
trunken habe. Drau├čen ist es recht kalt. Ich kriege das durch den Alkohol nicht mehr so genau mit, wei├č aber, da├č die N├Ąchte k├Ąlter werden. Ich mache die Jacke bis obenhin zu und beschleunige den Schritt.
Ich will nur noch nach Hause, um mich ins Bett zu legen und zu schlafen. Unterwegs drehe ich einem Betrunkenen noch eine Zigarette. Er bedankt sich mit Handschlag. Ich sage "schon gut, Kumpel" und denke im weitergehen: wenigstens etwas, wozu der Abend gut war. Mir fiel auf, da├č der Betrunkene der einzige Mensch gewesen war, den ich heute angefa├čt hatte, und das nur, weil er Raucher war.

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