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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Samstags auf dem Markt oder: Einmal ganz große Liebe in fünf Sekunden.
Eingestellt am 11. 08. 2017 16:37


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Malkah
Hobbydichter
Registriert: Jul 2017

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Wintergeschmack mit Sommererinnerung. Der Schneegeruch ist von Lindenblütenreminiszenzen durchzogen. Auch die Haut, die das gefrorene Holz der Obstkisten touchiert, erinnert sich noch an die warmen Körper der Leichtbekleideten. Eingesperrt in Klamottenschichten treibe ich durch die erste Kälte. Dezembermarkttag - und ich kann mich nicht mit Winter zufrieden geben, träume vom Sommerleben, beweglich, wohlig, erweckt, duftend, einem Kosmos voller Gerüche. So voll davon, dass ich ihn nie ganz wahrnehme, um nicht an einer Überdosis in den Sinnen zu sterben.

Streunen, flanieren, schlendern, Zeit verschenken, ich hafte noch am Vergangenen, wo mich schon Rauhluft in die Waden beißt – und ignoriere ihre Zähne. Hier ein Schauen, dort ein Lächeln, ein Streifen, unterschrittene Sicherheitslinien im Gedränge, so bewege ich mich durch den Markt. Der entgegenkommende Mann mit Augen weit oben senkt das Kinn unwillkürlich mir zu, die Blicktiefe der Begegnung ist zwei Sekunden über schicklich. Dann passiert er Richtung Gemüsestand. Ein letztes Umdrehen von ihm, einen Schritt hinter meiner Warteposition, hin zu seiner Freundin: wie unauffällig unabsichtlich verliert sich sein Blick in der Ansprache an sie - zu mir. Ach, ich kenne und liebe diese Spielchen - solange ich nicht die Freundin bin. Dann ist er wieder in seinem Alltag. Ich brauche mich nicht fortzudrehen, mein Leben darf dem Zufall eröffnet sein.

Am Gemüsestand ist der freundliche Riese frei. Welch ein Glück, packt er doch sonst nur im Hintergrund. Zwischen Möhren, Feldsalat und Avocado ist er ein sehr sachlicher Flirter. Er preist die Weichheit des Tomatenfleisches, streichelt noch einmal prüfend über die Wurzeln, lobt voll Wort- und Sinnesfreude den Geschmack des Kohls. Ohne Eile und mit Genuss packt er, lächelnd. Neben mir trippelt ein junger Mann sich warm. Aber heute ist nicht seine Zeit und er muss warten, bis wir unseren geheimen Austausch beendet haben. Wieviel Zartheit keimt in dieser sachlich-höflichen Dienstleistung!

Ich schlendere verträumt weiter. Und schwelge mich am Anblick einer Sahnetorte im Backwerkwagen fest, die ich nie mögen werde. Ich verharre neben einem Zögernden, der für die Dauer meiner Reichweite immer unschlüssiger wird in der Auswahl der Brotsorten. Ich könnte lachen, wäre er mein Typ. Aber er ist es nicht. Körperlich zu nah, flieht er mich am Ende, nicht ohne noch ein Grienen dazulassen, entschuldigend, situationsklärend. Nein, ich fresse ihn nicht. Aber vielleicht hätte er es sich gewünscht, wer weiß?
Ein letzter amüsierter Blicktausch mit der Verkäuferin - und fort treibt es mich zu meinem Lieblingsstand vom Hofladen. Mein Verkäufermann hat Zeit und unzählige Bemerkungen über das Treiben auf dem Markt und in der weiten Welt der Politik für mich. Überschwenglich kaufe ich am Ende des Gespräches ein halbes Brot und verabschiede mich mit launigen Wahlwünschen für die Linken. Er erstarrt abrupt, das Lächeln im Gesicht fixiert. „Jetzt bloß nicht zuviel regen!“ denke ich für ihn und drehe ab, zufrieden. Im Rückspiegel meiner Ohren höre ich das Nahen seiner Frau.

Ich schwelge in Bildern vergangener Sonnentage, die sich überlagern vom Kaleidoskop der flüchtigen Szenen und Gemütsnotizen dieser Tage, hänge den Abenteuern nach, den echten, nicht denen des Geistes oder des Marktes.
Aber es gelingt mir nicht, das Weizengold des Juli im Hier und Jetzt des Winterblau zu halten. Die Birnen werden kalt, die Stimme des Händlers gegenüber aus den Tiefen seiner dicken Joppe gemahnt mich an deren nicht allzu lange Lagerung im Freien, zwischen Stand und zu Hause. Ich schüttele artig den Kopf.

Nun denn, es soll Winter sein. Mühsam zolle dieser Jahreszeit ihren Tribut, steckte das eisige Wechselgeld ein, ziehe doch die Handschuh an, arrangiere den Schal neu und trete den Rückzug ins Warme an. Der Markttag hat Beute gebracht. Der Gang zum den Geschäften ist gegangen. Der Kiosk hat auch an mir verdient. Interessante Jungs sind gesucht worden – heut erfolglos, was wohl an der Uhrzeit liegen mag. Sie sind wohl noch in den Federn und werden von festen Händen gehalten.
Schade.

Andererseits will ich sowieso noch []

Ein jäher Gestank läßt mich im Gedankengang stolpern und abrupt beiseite treten noch bevor ich die Ursache ergründen kann. Sie stinkt nach Fisch, ist hundeartig, agil, breit wie hoch. Ein Köter schlängelt sich durch die samstägliche Markttagsmeute, eng an Hosenbeinen entlang. Brrr, Fisch mochte ich noch nie, und nicht nur nicht am Bein. Eine weitere Sekunde später ist der Fischhalter ausgemacht: In seinem Griff eine leere Leine - ansonsten ganz und gar vollkommen.

Ich bedauere auf der Stelle die unschöne Entgleisung meiner Gesichtszüge bei Angeruch des Hundes. Vielleicht rettet mich jetzt noch die Musik meiner Stimme? Aber wie einen Hund rufen, der keinen Namen hat? Improvisation ist gefragt, aber beeindruckende Spontanäußerungen bringen mich gern an den Rand meiner Leistungsfähigkeit. Ich verwerfe diese Option. Der zeitgleich einsetzende Glockenschlag des Michel, die Leerung des nahegelegenen Briefkastens und das Fiepen eines rückwärts rangierenden Rollis im Gewühl vor mir klären die Situation glücklicherweise auch zu meinen Gunsten: Da ist akustisch ohnehin nichts zu wollen. Also bewege ich mich beherzt und mit Verve gen Hundehalsband. Für irgendetwas sollen die wöchentlichen Sportstunden zum Erhalt der Mobilität im Alter doch gut gewesen sein. Getreu dem Motto Mit Speck fängt man Mäuse schnappe ich nach Hund und Worten. Letztere kommen mir immer noch nicht. Dafür den Hund.

Egal! Angstbefreit und nun von höherer Mission erfüllt, empfängt mein begehrender Geist schon seinen zukünftigen Fängerlohn in Form von Aufmerksamkeit, Lächeln, Telefonnummerntausch, einem Date, Kaffeeschlürfgemeinsamkeit. Ach Du vollkommener Mann! Meine Sinne wirbeln, ich sehe in seinen Augen ein Versprechen auf gemeinsames Lachen über unsere jeweiligen skurrilen, nun verflossenen Beziehungen. Ich sehe die Verkündung unseres unsicheren ersten Kusses, berührender Augenschmeicheleien, warmer Umarmungen in Hauseingängen, und der zögernd-koketten Frage nach dem „zu dir oder zu mir?“. Mit der sicheren Beute des Hundes an der Hand erobere ich ihn in dieser Sekunde im Geiste als Geliebten, Liebenden, Mann und Vater unserer beiden zukünftigen Töchter. Mir eröffnet sich die Ahnung davon, wo seine Haare als erstes grau werden, wie er seine Altersvorsorge wünscht und dass er beim Herumtollen mit den Enkeln keine Hemmungen haben wird, auf allen Vieren durch unsere Hütte zu kriechen. Ich entschlüssele seine Mundwinkel als die eines Genießers und bestelle schon ein Viersterne-Outdoorpicknik zu seinem fünfzigsten Geburtstag. Natürlich werden wir mit all seinen Freundinnen und Freunden feiern, die er liebt (platonisch) und umsorgt. Ich rette ihn für immer aus den Fängen der Häscher, die ihn wegen seiner entzückenden und erschütternd unpragmatischen Renitenz ein Leben lang völlig sinnfrei nachlaufen werden und liebe ihn wegen dieses verrückten Kindes, das aus seinen Augen in die Welt hinaus blitzt und mir zuruft: Spiel! Spiel mit mir das Leben!

Mittlerweile zerrt der Hund in meiner Hand um seine Freiheit. Nicht böse, nur genervt eben - und gewillt, mich loszuwerden und sei es durch Schütteln seines stinkenden Fells. Es wird langsam eklig. Aber ich bleibe fest in meiner Haltung, den Blick ohnehin gebannt die Engelsaugen meines Zukünftigen suchend. Er antwortet mir, eigentlich ungefragt – endlich. Nach einer innigen Pause leuchtet sein Blick auf und er spricht, mitten hinein in die wunderbar drahtige Bewegung seines Oberkörpers nach seitwärts: „Michael, ich hab unseren kleinen Drecksköter gefunden. Eine Dame hier hat ihn.“


© Malkah aus der Zwischennutzungsidylle Dezember2010

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Schön, dass Du den Weg zu uns gefunden hast. Wir sind gespannt auf Deine weiteren Werke und freuen uns auf einen konstruktiven Austausch mit Dir.

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Eigentlich eine banale Geschichte, die aber durch die ungewöhnliche Wortwahl fesselt. Ich bin gespannt, was andere Leser dazu sagen!


Viele Grüße von DocSchneider

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