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Leselupe.de > Science Fiction
Sand in den Augen
Eingestellt am 23. 01. 2004 12:11


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Mazirian
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Zur Schreibaufgabe "Intelligenz"

Sand in den Augen


Die Beine des K√§fers wirbelten wie kleine Rotoren √ľber den Sand, trieben das Insekt √ľber einen Strom gleitender Sandk√∂rner langsam aber unbeirrbar nach oben. Manchmal bohrte sich der K√∂rper in den nachrutschenden Sand, kam wieder frei, wurde zur√ľckgeworfen, wechselte die Richtung, fand erneut Halt, und wieder begannen die Beinchen maschinenhaft zu wirbeln...

Esther Nagana musste die Augen schlie√üen und wieder √∂ffnen, um das Bild aus ihrer Erinnerung loszuwerden und die "K√§fer" wieder als das zu sehen, was sie waren: Kolonnen kleiner Raupenfahrzeuge, die sich √ľber die flachen H√§nge der rechten Wange nach oben voranarbeiteten.
Das Camp lag in der Region Cydonia, direkt unter den Augen des gro√üen Marsgesichts. Genauer gesagt, einige hundert Meter vor seinem rechten Ohr, im sch√ľtzenden Ring eines kleinen Meteoritenkraters.
Ja, es war tats√§chlich ein Gesicht. Zwar hatten die letzten Aufnahmen der unbemannten Sonden den Eindruck vermittelt, es handle sich um eine Laune der Natur, und man hatte dies den Grenzwissenschaftlern gen√ľsslich aufs Brot geschmiert. Aber nachdem zwei der Teams seismologische Messungen angestellt hatten, sah die Sache wieder anders aus. Der Anschein des nat√ľrlichen Ursprungs kam lediglich durch eine meterdicke Sandschicht zustande und durch tiefe Sandauff√ľllungen im Profil des Gesichts. Unter diesem Sand aber lagen die bemerkenswert scharf gezeichneten Z√ľge eines menschlichen Antlitzes.
Zweidellos war es die größte Entdeckung in der Geschichte der Menschheit, unbestritten. Aber einen frustrierenden Beigeschmack hatte die Sache dennoch: das Gesicht war ein Solitär. Die Pyramiden, Mauern, Gräben und Straßen, die man auf den ersten Fotos ebenfalls zu erkennen geglaubt hatte - es gab sie nicht. Sie waren tatsächlich Launen der Natur, optische Täuschungen, hervorgerufen durch die Unzulänglichkeit des Bildmaterials und der zur Auswertung eingesetzten Software.
Auch andere Artefakte hatte man bislang nicht gefunden. Nicht einen Stein, der auch nur entfernt Spuren von Bearbeitung aufwies. Nicht einen Knochen, der einen Hinweis auf die Gestalt der Erbauer gegeben hätte. Keine Metalltafeln, keine Steinritzungen - nichts. Das Gesicht lag so einsam und erratisch in der Cydonia-Ebene, als sei jemand hergekommen, habe es erbaut und sei wieder weggegangen.
Die einzigen greifbaren Ergebnisse, die man bisher vorweisen konnte, waren die exakten Abmessungen des Monuments. Selbst sein Alter war vorerst unbestimmbar, da die Eichskalen der Geologie in der fast wasserfreien Welt des Mars, in der nur Winderosion die Felsen formte, nicht ohne weiteres anwendbar waren. Dennoch zogen die Teams jeden Morgen wieder aus, um weiter zu suchen. Mit der frischen Hoffnung und den neuen Ideen einer durchgr√ľbelten Nacht erkletterten sie die H√§nge, siebten den Sand und schickten Sonden in den Boden.
Esther geh√∂rte nicht zu diesen Teams. Eigentlich geh√∂rte sie zu √ľberhaupt keinem Team. Sie hatte ihre eigene kleine Entdeckung gemacht: so genannte "wandernde Steine". Faust- bis kopfgro√üe Felsbrocken, welche am Ende einer Spur lagen, die ganz so aussah, als seien diese Steine √ľber lange Zeit hinweg und unendlich langsam dort entlang gerollt.
Auf der Erde kannte man √§hnliche Erscheinungen. Im Tal des Todes etwa gab es eine Ebene, auf der man solche Steine entdeckt hatte. Freilich hatte man sie noch nie beim Wandern beobachtet. Aber dass sie sich bewegten lie√ü sich beweisen. Wenn man sich die Position eines Steins merkte und in einem Jahr wieder kam, war er unverkennbar ein paar Zentimeter weiter gewandert. Geologen hatten nach Erkl√§rungen gesucht und vorgeschlagen, dass der oft sehr st√ľrmische Wind f√ľr das Ph√§nomen verantwortlich sei. Aber angesichts der Tatsache, dass in anderen Gegenden weit st√§rkere St√ľrme w√ľteten und die Steine dennoch brav liegen blieben, konnte von einer wirklichen Erkl√§rung keine Rede sein.
Eigentlich h√§tte sie sich um die Untersuchung von Erosionsph√§nomenen k√ľmmern sollen. Aber sie hatte Schermuly, den wissenschaftlichen Leiter davon √ľberzeugen k√∂nnen, dass die Steine es verdienten, zwei oder drei Wochen der kostbaren Zeit f√ľr sie abzuzwacken - auch wenn er eigentlich den Verdacht hatte, dass jemand sich nur einen bl√∂den Scherz erlaubt hatte.
Esther wusste es bereits besser. Sie war die erste, die die Senke entdeckt hatte, in der die Steine lagen. Und da waren schon Spuren vorhanden gewesen. Allerdings, das musste sie eingestehen, seit sie den Platz regelmäßig besuchte, schienen die Spuren schneller zu entstehen. Fast jeden Morgen fand sie ein paar frische. Die Bewegung der Steine selbst hatte sie allerdings noch nicht beobachten können. Über Nacht draußen bleiben konnte sie nicht - es war zu kalt und der Luftvorrat reichte nicht so lange. Und die automatische Kamera, die sie beantragt hatte, war noch nicht bewilligt worden.
Aus den Augenwinkeln bemerkte sie eine Bewegung. Sie schaute hin und erkannte Seaforth, der neben sie getreten war. Unter den Reflexionen seines Helmvisiers erahnte sie sein breites schmallippiges L√§cheln, das sie jeden Morgen begr√ľ√üte, wenn sie so unvorsichtig war, zu lange drau√üen stehenzubleiben. Sie hasste dieses L√§cheln. Oh, es war nicht unattraktiv, eigentlich sogar unwiderstehlich, aber sie wusste, dass er das wusste, und dass er es einsetzte, wie er einen Schraubenzieher benutzen w√ľrde um Schrauben einzudrehen. Es war ihr nachgerade unertr√§glich, dass er sie f√ľr die Dauer der Expedition als "Schraube" ausersehen hatte. Und sie lie√ü es ihn sp√ľren.
"Guten Morgen Prinzessin!" Auch das hasste sie und nicht nur, weil der Helmfunk seine Stimme verzerrte.
"Hallo", antwortete sie lasch. "Sollten Sie nicht bei den anderen auf dem 'Gesicht' sein?" die Frage war obsolet, aber sie stellte sie schon allein deswegen, um ihm eine zusätzliche Dosis abweisenden Tonfall zu verpassen.
Das Grinsen blieb wie eingraviert stehen.
"Ich habe frei heute, meine Sandraupe ist defekt", erklärte er. "Ich dachte, ich schau mal nach, ob ich Ihnen was helfen kann. Sie arbeiten doch hier in der Nähe und ich wollte mir Ihre Steine schon die ganze Zeit mal ansehen."
Esther verzog das Gesicht. Verbieten konnte sie es ihm schlecht. Und mit einem "Das w√ľrde Sie doch nur langweilen" w√ľrde sie auch nicht weiter kommen. Seaforth war wie sie Geologe, und er hatte auf einer renommierteren Universit√§t promoviert. Wahrscheinlich war er sogar viel besser als sie.
Sie zuckte mit den Schultern
"Von mir aus". Sie griff nach ihrem Laborkoffer aber Seaforth war einen Tick schneller.
"Den nehm ich schon", sagte er fröhlich.
Es waren nur ein paar hundert Meter bis zu der kleinen Senke, in der Esther die Steine entdeckt hatte, aber wenn es ihm Spaß machte, sollte er in Gottes Namen den Koffer tragen und weiter Minuspunkte sammeln.
"Die Steine bewegen sich also?", fragte er, während sie nebeneinander her stapften.
"Ja, so ist es wohl."
"Und? Haben Sie schon eine Vermutung, woran es liegen könnte?"
"Nicht wirklich. Alle Vermutungen die ich hatte haben sich in Luft aufgel√∂st. Ich f√ľrchte fast, unsere Zeit auf dem Mars wird nicht ausreichen, es herauszufinden."
"Das t√§te mir leid f√ľr Sie. Aber vielleicht vermuten Sie nur in die falsche Richtung, Esther."
Sag nicht meinen Namen, wenn es nicht notwendig ist, dachte sie und antwortete:
"In welche Richtung w√ľrden Sie denn vermuten?"
"Vielleicht sind es nicht einfach nur Steine".
"Was denn sonst?"
"Na, vielleicht sind sie in irgendeiner Form... belebt".
Sie lachte rauh.
"Leben auf Siliziumbasis, was? Also Steven...".
"Warum nicht? Hey, wir sind keine Biologen, Esther. Wir d√ľrfen solche schr√§gen Ideen haben", scherzte er.
"Vergessen Sie's. Wenn Sie sie sehen, werden Sie mir zustimmen, dass es einfach nur Steine sind. Was machen eigentlich Ihre Untersuchungen? Schon was gefunden vom legendären Wasser des Mars?"
Er lachte gequält.
"Keinen Tropfen. Aber irgendwo muss es nat√ľrlich abgeblieben sein. Die Flussbetten, die Ozeanbecken... mein Gott, der Mars muss einmal getrieft haben vor Wasser".
"Vielleicht suchen sie nur in der falschen Richtung".
Seaforth wusste, das jetzt ein Witz auf seine Kosten kommen w√ľrde, aber er fragte brav zur√ľck:
"In welcher Richtung w√ľrden Sie denn suchen, Esther?"
"Na, vielleicht hat es irgend jemand ausgetrunken...".
"Oooch...".
Sie hatten den Rand der Senke erreicht. Es war ein alter Einbruchstrichter. Ein unteririscher Hohlraum war hier eingest√ľrzt und hatte sich im Lauf der Zeit mit feinem Sand gef√ľllt. Esther schaute hinein und erstarrte miiten in der Bewegung.
"Das ist nicht... ist nicht wahr!", stammelte sie.
"Was ist nicht wahr?" fragte Seaforth, der ein paar Schritte zur√ľckgeblieben war. Dann schaute auch er in die Senke und brachte nur noch ein leise gehauchtes "Oh" zustande.
Sechs der Steine waren zu einem perfekt regelmäßigen Sechseck angeordnet, und gleich daneben bildete eine weitere Gruppe eine geometrische Darstellung des goldenen Schnitts.
Seaforth räusperte sich.
"Also das Sechseck könnte man ja noch als Zufall durchgehen lassen. Aber der Goldene Schnitt ist schon ziemlich eindeutig."
"Da versucht jemand, mich zu verarschen", sagte sie grob.
Seaforth war in weitem Bogen um die seltsamen Steine herumgegangen.
"Da sind keine weiteren Spuren, außer denen der Steine - jedenfalls keine, die so frisch sind, dass sie von heute Nacht sein könnten.", wandte er ein.
"Spuren kann man verwischen."
"Dann wären auch Ihre alten Spuren verwischt worden. Esther. Sind sie aber nicht."
Esther musste einsehen, dass er recht hatte. Es war offensichtlich, dass die Steine sich aus eigener Kraft in ihre Positionen begeben hatten.
"Na gut, aber welchen Sinn soll das Ganze machen?"
"Hm, wenn die Steine hier nicht irgendeinen rituellen Tanz auff√ľhren, was ich nicht glaube, dann bleibt nur eine M√∂glichkeit..."
"Und die wäre?"
"Ein Kontaktversuch. Unternommen in der einfachsten und universellsten Sprache der Welt - der Mathematik. Esther, ich glaube, wir sollten einen dieser Steine mit ins Labor nehmen und ihn gr√ľndlich untersuchen. Es bringt nichts, hier drau√üen immer und immer wieder die Spuren zu vermessen und..."
"Ich habe schon mal einen im Labor gehabt. Es war nur ein Stein!"
"Vielleicht k√∂nnen sie ihren Zustand √§ndern. Vielleicht sind sie nur zu bestimmten Zeiten oder unter bestimmten Umst√§nden mehr als nur normale Steine. Jedenfalls, wenn es ein Kontaktversuch ist, dann m√ľssen wir herausfinden, wie wir ihn beantworten k√∂nnen."
Esther gab sich geschlagen.
"Also sch√∂n", nachdem sie die Stelle sorgfltig fotografiert hatte nahm sie einen kleineren Stein aus dem Diagramm des goldenen Schnitts und verstaute ihn in einer Plastikt√ľte. Seaforth bestand darauf, bei den Untersuchungen dabei zu sein und diesmal war Esther sogar froh dar√ľber.

"Wieder nichts, keine Anomalien. Es ist nur ein verdammter toter Stein.", Esther warf die Spektrographendiagramme lustlos in einen Ablagekasten. Vor ihr lag der kleine, fausgroße Felsbrocken und weigerte sich standhaft, sein Geheimnis preiszugeben. Weigerte sich, auch nur einen Milimeter zu wandern oder seine Struktur zu irgendetwas ungewöhnlichem zu verändern.
Seaforth nippte nachdenklich an seinem Glas Mineralwasser.
"Irgendetwas machen wir falsch", sagte er. "Entweder methodisch oder theoretisch. Sie kriechen, das ist Fakt und es muss einen Grund daf√ľr geben."
"Vielleicht finden wir es auf der Erde heraus. Vielleicht kann ich irgendwo Gelder f√ľr eine Expedition ins Tal des Todes loseisen und mir die Sache in aller Ruhe und unter einfacheren Bedingungen ansehen. Na immerhin", fuhr sie fort. "Der Sand scheint ganz interessant zu sein." Sie lie√ü etwas von dem feinen hellen Sand durch die Finger rieseln, der mit in die Plastikt√ľte geraten war und griff nach einigen weiteren Ausdrucken.
"Interessant? Inwiefern?"
"Es ist eine Form von Sand, wie ich sie auf der Erde noch nie gesehen habe. Ich w√ľrde es fast als Silikatschnee bezeichnen - oder als Lehmflocken. Er besteht aus winzigen filigran ver√§stelten Kristallen - eben wie Schneeflocken. Und alle sind vielfach und dreidimensionsl miteinander vernetzt. Es erinnert mich ein wenig an pyrogene Kiesels√§ure, aber die Struktur ist gro√ür√§umiger, komplexer und bleibt auch ohne w√§ssriges Medium stabil."
"Silikatflocken, hm - und wie sollen die entsanden sein? Sand verdampft schließlich nicht, um dann als Silikatflocken wieder herunter zu schneien."
"Ich wei√ü es noch nicht. Vielleicht ist es... naja, Silikate sind zwar in Wasser extrem schwer l√∂slich, aber eben nicht ganz unl√∂slich. Vielleicht gen√ľgt das Bisschen Luftfeuchtigkeit... der niedrige Atmosph√§rendruck, die extrem tiefen Temperaturen und ganze √Ąonen an Zeit. Es k√∂nnte eine v√∂llig neue Klasse von Silikatverbindungen sein." Sie lachte rauh. "Das Zeug k√∂nnte ein ideales Thixotropiermittel sein. Wir k√∂nnten stinkreich werden wenn wir es synthetisch herstellen und verkaufen k√∂nnten."
"Thixotropiermittel? Was ist das?"
"Nun, ein Verdickungsmittel sozusagen. Sie kennen doch den Ketchupeffekt? Wenn sie Ketchup aus dem K√ľhlschrank holen und aus der Flasche sch√ľtten wollen, dann flie√üt er nicht richtig, sie m√ľssen ihn zuerst sch√ľtteln. Etwas im Ketchup bildet stabile Strukturen aus, die den Ketchup dickfl√ľssig machen. Durch das Sch√ľtteln f√ľhren sie kinetische Energie zu, die diese Strukturen zerst√∂rt, so dass der Ketchup d√ľnnfl√ľssig wird und sie ihn aus der Flasche sch√ľtten k√∂nnen. Wenn er eine Weile stehen bleibt, bilden sich diese Strukturen erneut und er wird wieder dickfl√ľssig.
Manchmal ist dieser Effekt gewollt und dazu benutzt man eben Thixotropiermittel. Pyrogene Kiesels√§ure ist das gebr√§uchlichste. Die Dickfl√ľssigkeit von Lackfarben wird damit eingstellt." Sie kicherte und fuhr fort: "Und die katholische Kirche benutzt den Effekt gern, um sogenanntes Heiligenblut zu bestimmten Feiertagen wieder fl√ľssig werden zu lassen. Naja, und dieses Zeug hier hat anscheinend alle Eigenschaften, die es zu einem guten Thixotropiermittel machen k√∂nnten."
"Das erste brauchbare Geschenk des Mars an die Erde" grinste Seaforth. "Lassen Sie mich mal anfassen". Er langte hin√ľber zu dem kleinen Sandh√§ufchen auf dem Labortisch und stie√ü dabei das Wasserglas um. Zum Gl√ľck war es fast leer, aber ein kleiner Rest lief heraus, schl√§ngelte sich √ľber den Tisch und vereinigte sich mit dem H√§ufchen Sand.
Ein Dampfwölkchen stieg mit leisem Zischeln empor. Der Sand kam in zuckende, brodelnde Bewegung, so als ob er zu kochen anfinge. Wölbungen und Spitzen wuchsen daraus hervor, schienen sich suchend hin und her zu bewegen.
"Mein Gott Steven, sehen sie sich das an!" keuchte Esther. "Es scheint mit dem Wasser zu reagieren."
Seaforth antwortete nicht. Wie gebannt schaute er auf den pulsierenden, sich aufblähenden Sand. Dann war alles Wasser aufgesogen und die Erscheinung kam ebenso plötzlich zum Stillstand wie sie eingesetzt hatte.
Mit leisem Knacken bl√§tterten kleine Schuppen von der wei√ülichen Masse ab, zu der sich der Sand verformt hatte und zerfielen auf der Tischplatte zu feinem wei√üen Puder. Seaforth ber√ľhrte den gr√∂√üten Brocken vorsichtig mit dem Zeigefinger.
"Es f√ľhlt sich warm an", sagte er. "Warm und pulvertrocken. Es muss das gesamte Wasser chemisch gebunden haben."
"Aber die Proben zeigten keine alkalische Reaktion", sagte Esther. "Es kann keine so einfache Reaktion, wie das Löschen von Kalk sein".
Seaforth rieb sich nachdenklich das Kinn.
"Ich glaube wir haben die Lösung vor uns, Esther."
"Der Sand?"
"Ja doch. Wann bewegen sich die Steine?"
"Nur Nachts."
"Eben. Nachts, wenn aus dem Hauch von Wasser, den die Atmosph√§re des Mars noch enth√§lt, ein noch kleinerer Hauch kondensiert und den Sand aktiv werden l√§sst. Es muss gerade reichen, damit er um die Steine Strukturen bilden kann, die in der Lage sind, sie unmerklich anzuheben und zu verschieben. Die kleinen Schurken m√ľssen in den letzten N√§chten alles gegeben haben, um uns auf sich aufmerksam zu machen."
"Aber dann wäre der Sand..."
"...möglicherweise in irgendeiner Form intelligent", ergänzte Seaforth. "Sie haben selber festgestellt, wie komplex sein chemischer Aufbau ist. Jedenfalls ist er in der Lage, gezielt Strukturen zu bilden und wie es aussieht sogar zur Kommunikation einzusetzen ."
Er f√ľgte noch ein paar Tropfen Waaser hinzu. Der Vorgang wiederholte sich in kleinerem Ma√üstab und wieder blieben trockene wei√üliche Kr√ľmel zur√ľck.
"Es muss in der Lage sein, ein Vielfaches seiner Masse an Wasser zu binden", sagte er leise. "Vielleicht vermehrt es sich sogar auf diese Weise."
Esther sprang auf.
"Kommen Sie Steven", sie nahm ihren Druckanzug vom Haken und kletterte hastig hinein.
"Wohin wollen wir denn?"
"Sie sagten, der Sand will mit uns Kontakt aufnehmen? Geben wir ihm doch einen Schluck Wasser, dann redet es sich leichter!" Sie nahm einen Wasserkanister vom Regal. "Nehmen Sie sich auch einen, Steven. Es könnte ein langes Gespräch werden."
Die Sonne stand schon dicht √ľber dem Marshorizont, als sie die Senke erreichten. Das Sechseck und der Goldene Schnitt lagen noch immer unver√§ndert da. Esther schraubte ihren Wasserkanister auf.
"Kommen Sie, beide zugleich", sagte sie fr√∂hlich und lie√ü das Wasser √ľber die Steine flie√üen. Der Sand reagierte augenblicklich. Blasen stiegen sto√üartig auf und wellenf√∂rmige Bewegungen gingen durch die Masse, wie durch den K√∂rper eines sich windenden Weichtiers. Die Steine wurden zur Seite geschleudert und inmitten des chaotischen Pulsierens schraubte sich eine s√§ulenf√∂rmige Struktur empor, bis sie etwa Mannsh√∂he erreicht hatte. Dann begann sie sich zu verformen, bildete Ausbuchtungen und Abschn√ľrungen und nahm seltsam vertraute Formen an. Es war, als s√§he man einem unsichtbaren Bildhauer beim Modellieren eines Bildnisses zu.
"Nein!" kr√§chzte Esther und trat ein paar Schritte zur√ľck, als der Sand endlich wieder zur Ruhe kam und sie erkannte, was sich da geformt hatte. "Nein!"
Vor ihr stand, wie aus weißem Marmor geschnitten - sie selbst. Nackt und mit einem so freundlichen, lieblichen Lächeln, wie sie es selbst nie zustande gebracht hätte. Viel zu freundlich! Und geradezu widerwärtig lieblich.
"Ich glaub das nicht!" stammelte Seaforth, als er sicher sein konnte, dass die Vorstellung vorbei war. "Wenn der Sand uns beeindrucken wollte, ist ihm das gegl√ľckt. Es ist... wundersch√∂n...". Er trat n√§her und legte seine Hand sacht auf die Schulter des Bildnisses. Unter der Ber√ľhrung seines Handschuhs zerfiel die Masse zu Staub und kleinen Schuppen und hinterlie√ü eine h√§ssliche Narbe auf der ebenm√§√üigen Oberfl√§che. Nachdenklich zerrieb er sie zwischen seinen Fingern.
"Pulvertrocken", stellte er fest und starrte hinaus in die rote W√ľste.
"Sie geben sich M√ľhe", fl√ľsterte Esther. "Entweder sie m√∂gen uns furchtbar gern oder sie wollen etwas Gro√ües von uns haben."
Seaforth entfernte sich pl√∂tzlich mit hastigen Schritten von dem Esther-Abbild und zog die echte Esther ein St√ľck weit mit sich.
"Ich glaube, wir sollten dieses Zeug auf keinen Fall zur Erde bringen", keuchte er. " Wissen Sie, wo das Wasser des Mars geblieben ist?", er hielt ihr das H√§ufchen trockenen Staubs vor das Helmvisier. "Hier! Hier ist es. Gebunden und verloren f√ľr alle Ewigkeit! Wenn es je organisches Leben auf dem Mars gegeben hat, dann hat dieses Teufelszeug es vernichtet - erstickt und vertrocknet!"
Esther schaute ihn mit großen, bangen Augen an.
"Und wir sollten es versiegeln", fl√ľsterte sie. "Zubetonieren oder irgendwie sonst."
"Versiegeln? Was versiegeln?"
"Das Tal des Todes."



© 2004 Achim Hildebrand
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Es ist alles schon gesagt worden - nur noch nicht von jedem (Karl Valentin)

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jon
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Statt ausf√ľhrlicher Lobeshymne:

Achim, ich will ein Buch von dir…

Details:

"Sollten Sie nicht bei den anderen auf dem 'Gesicht' sein?" die Frage war obsolet,…
Wieso ist die Frage (Duden: ) ‚Äěnicht mehr √ľblich‚Äú?

‚ÄěVielleicht gen√ľgt das Bisschen Luftfeuchtigkeit... der niedrige Atmosph√§rendruck, die extrem tiefen Temperaturen und ganze √Ąonen an Zeit.‚Äú
Meines Wissens erleichtern HOHE Temperaturen Lösungsvorgänge…

‚ÄěWir k√∂nnten stinkreich werden wenn wir es synthetisch herstellen und verkaufen k√∂nnten.‚Äú
…oder es einfach auf dem Mars abbauen…?

‚Ķ√ľber
"Aber die Proben zeigten keine alkalische Reaktion", sagte Esther. "Es kann keine so einfache Reaktion, wie das Löschen von Kalk sein".
muss ich noch nachdenken. Irgendwas st√∂rt mich daran. So aus dem Stegreif w√ľrde ich sagen: ‚ÄěL√∂schkalk‚Äú reagiert nicht alkalisch, erst ‚Äěgel√∂schter Kalk‚Äú ist eine starke Base‚Ķ Aber ich schau noch mal in meine alten Chemieb√ľchern nach.
__________________
Es ist nicht wichtig, was man mitbringt, sondern was man dalässt (Klaus Klages)

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Mazirian
???
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Statt Danksagungskarten

Hi Ulrike,

du bist nicht nur eine gestandene SF-Autorin, du schreibst auch ans Herz gehende Komplimente. Sei allerliebst bedankt und... okay dann, ich mach dir ein Buch. Muss mich ja irgendwann mal weiterentwickeln. Aber nur, wenn du ein bisschen mit aufpasst, dass es was wird

zu den Anmerkungen:

obsolet: hey, da hast du mich beim Bildungvort√§uschen erwischt. Ich hab's immer als das Gegenteil von "obligat" benutzt (und verstanden *sch√§m*), also im Sinne von "√ľberfl√ľssig". Werd's im Original in "√ľberfl√ľssig" √§ndern.

einfach auf dem Mars abbauen? Bei den Transportkosten? Selbst auf der Erde baut kein Mensch Zeolithe ab, wenn er Molekularsiebe produzieren will (um bei den komplexen Silikaten zu bleiben). Synthetisch ist das Zeug einfach viel billiger - und besser.

Über die chemischen Fragen später mehr.

liebe Gr√ľ√üe

Achim
__________________
Es ist alles schon gesagt worden - nur noch nicht von jedem (Karl Valentin)

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poppins
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Au ja, Achim, da hau ich mal in die gleiche Kerbe wir jon:
Mach’ uns ein Buch!!

Tolle Geschichte, und sehr √ľberraschende Pointe ‚Äď ich hatte erst vermutet, du h√§ttest den GANZEN Planeten zum intelligenten Organismus gemacht (klar, der hat nur ein Gesicht ) ‚Äď einem sehr durstigen Organismus ...

Ein paar kleine Fehlerchen habe sich eingeschlichen:

‚ÄěZweidellos war es die gr√∂√üte Entdeckung in der Geschichte der Menschheit, unbestritten.‚Äú


‚ÄěEsther schaute hinein und erstarrte miiten in der Bewegung.‚Äú

Das ‚Äěobsolet‚Äú hatte ich auch auf meiner Liste ...*kleiner Klugschi√ü meinerseits*



__________________
Verschiebe nicht auf morgen, was auch bis √ľbermorgen Zeit hat.
(Mark Twain)

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GabiSils
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Leserin Nr. 3 schließt sich an

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Darwin
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Super Story, vorallem das Ende hat mich gefesselt.

Zu:
"Was machen eigentlich Ihre Untersuchungen? Schon was gefunden vom legendären Wasser des Mars?"

Tja, blöd wenn die Wissenschaft die Fiction einholt

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