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Leselupe.de > Horror und Psycho
Santa Grotto
Eingestellt am 02. 03. 2005 14:10


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frasdorf
Festzeitungsschreiber
Registriert: Feb 2005

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Mr. Wilson kam mit einem großen Sack auf dem RĂŒcken aus der Knightsbridge Tube, blieb stehen und sog die ungewöhnlich warme Winterluft der Großstadt ein. Der Boden war nass und rutschig, es hatte in der Nacht zuvor geschneit. Die Menschenmassen, die sich durch die Straßen Londons drĂŒckten, und die Temperaturen sorgten fĂŒr eine unheilvolle Mischung der braunen Masse auf dem Boden, die noch ein paar Stunden zuvor reinster weißer Schnee war. Er prĂŒfte, ob er ausrutschen wĂŒrde, nickte zufrieden (die schwarzen Boots mit dem tiefen Rillenprofil waren eine gute Wahl) und schulterte seine Last, zupfte seinen Bart zurecht und machte sich auf zu Harrods. Die Menschen wunderten sich zu dieser Jahreszeit nicht ĂŒber einen Mann in roten Klamotten, weißem Rauschbart und einem riesigen grĂŒn-braunen Sack auf dem RĂŒcken. Die meisten machten ihm sogar Platz, so das er ohne große Schwierigkeiten (der Sack war irre schwer) auf das in unzĂ€hligen orangegelben Lichtern strahlende GebĂ€ude zustapfte. Er ging an der Seite entlang, bog in die Brompton Road ein, machte noch einen Knick und blieb vor dem Eingang der Damenabteilung stehen. Ein kurzer Blick auf die Uhr unter seinen weißen Handschuhen sagte ihm 10 vor 10 Uhr. Also, noch ein paar Minuten, bis der Laden öffnete. Mr. Wilson achtete sorgfĂ€ltig darauf, das die vorbeiziehenden Leute nicht an seinen Sack stoßen konnten. Nicht auszudenken, wenn jemand jetzt schon, einen Tag vor Weihnachten, durch einen dummen Zufall eines seiner PĂ€ckchen beschĂ€digen wĂŒrde. Das gĂ€be nur enttĂ€uschte Gesichter, wĂŒrde Julie, seine Frau, sagen. Die ganze Überraschung wĂ€re futsch. „Nein“, sagte sie immer, „die PĂ€ckchen mĂŒssen ordentlich verpackt werden und niemand darf sie vor Weihnachten öffnen. Nicht mal Santa selbst.“
Der Seiteneingang war nicht sehr stark regfrequentiert, so konnte Mr. Wilson in Ruhe seine Zigarette zu Ende rauchen, ohne von lĂ€stigen Menschen oder noch nervenderen Kindern belĂ€stigt zu werden. Eine Mutter kam mit ihrem Spross, einer, so schĂ€tzte er, ungefĂ€hr achtjĂ€hrigen Göre, auf ihn zu und fing irgendetwas von „Ach, ist das lieb, ein Weihnachtsmann“ und „sag artig guten Tag zu Santa, dann bringt er dir auch viiiele Geschenke“ zu brabbeln an. Er schnippte die Zigarette achtlos auf den BĂŒrgersteig, was ihm einen abwertenden Blick der Frau einhandelte. Aber das MĂ€dchen schaute mit leuchtenden Augen nur auf den riesigen Sack und Mr. Wilson setzte sein Santa-LĂ€cheln auf.
„Na, kleines MĂ€dchen. Wie heißt du denn?“
Ohne ihn eines Blickes zu wĂŒrdigen, antwortete sie „Elisa.“
„Ok, Elisa.“ Er bemerkte den Angestellten durch die TĂŒr, der mit dem SchlĂŒssel ankam. Endlich, dachte er sich. „Also,“ er griff in den Sack und holte ein kleines PĂ€ckchen hervor. Elisa folgte seiner Hand und lĂ€chelte, als er ihr den bunten WĂŒrfel mit Schleifchen ĂŒberreichte. „Das darfst du aber erst morgen öffnen. Versprochen?“ „Jaaaa.“ Sie hielt das PĂ€ckchen ihrer Mutter hin und sagte „ein Geschenk vom Weihnachtsmann. Hurra.“ Ihre Mutter ließ ein kurzes, gespieltes LĂ€cheln aufblitzen und schob sich mit dem MĂ€dchen an ihm in den Laden vorbei. Macht nichts, dachte er sich, ich bin mir sicher, das nicht nur Klein-Elisa eine Riesenfreude mit dem PrĂ€sent haben wird.
Der Angestellte fragte ihn, ob er mit tragen helfen sollte, aber Mr. Wilson lehnte ab. Er ging in den Laden, vorbei an lauter Zeug fĂŒr Frauen (Handschuhe, Juwelen, HĂŒte) und steuerte den Fahrstuhl an. Unter einem Himmel aus silbernen Weihnachtskugeln wartete er vergnĂŒgt pfeifend auf den „Àgyptischen“ Aufzug. Er musste wieder an Julie denken und ihm verging die gute Laune. Sie war schon eine anstrengende Person, dachte er, als die TĂŒren aufglitten. Er wuchtete den Sack in den Fahrstuhl und drĂŒckte auf „4“. Wenn sie nur nicht immer so, na ja, wie soll er sagen, „NETT“ gewesen wĂ€re.
Anfangs war es ja noch Ok, wenn sie sich besondere MĂŒhe fĂŒr seinen Geburtstag oder Namenstag oder Jahrestag oder was auch immer fĂŒr Tage gab. Es machte ihm sogar ursprĂŒnglich Freude, wenn er von morgens bis abends von ihr verwöhnt wurde. FrĂŒhstĂŒck ans Bett, ein Ausflug ins GrĂŒne, die „Überraschung“, wenn plötzlich alle Freunde und Verwandten hinter BĂŒschen hervor kamen und lautstark „happy Birthday“ durch den Park brĂŒllten, damit es ja auch der letzte Penner erfuhr (an diesem Tag beschloss er, sollte sie ihn noch mal in einen Park bringen, wĂŒrde er erst in einige BĂŒsche pinkeln). Romantische AusflĂŒge an Seen (er hatte dann immer einen höllischen Muskelkater vom Rudern) und romantische Candlelight-Dinner. Romantische Bars, romantische Liebesfilme, romantische UnterwĂ€sche (so Zeug mit RĂŒschchen und WollknĂ€uel, einfach lĂ€cherlich), romantisch, romantisch... er musste sich zurĂŒckhalten, nicht sofort das FrĂŒhstĂŒck zu erbrechen. Nein, die Freude war nur gespielt und er sagte ihr das auch. So ein Geburtstag zum Beispiel ist doch immer das Gleiche. Nichts besonderes. Sie sollte nicht so viel Tamtam um ihn machen. Er schaffte es (nach ein paar Jahren), das sie sich zumindest bei ihm etwas zurĂŒck hielt, aber es Ă€nderte nichts daran, das sie immer so viel „Freude“ verbreiten musste. Da gab es ja noch die Geburtstage, Namenstage und was fĂŒr sonstige „Scheißtage“ der Freunde und Bekannten.
Die FahrstuhltĂŒr ging auf und er betrat den vierten Stock. Vorbei an den KinderbĂŒchern ging es zum Spielzeugland. Mr. Wilson steuerte allerdings zuerst die Umkleide an. Er musste sich beeilen. Nach ein paar Minuten kam er aus den AngestelltenrĂ€umen zurĂŒck und suchte sich den Weg zu seinem „Arbeitsplatz“. Er musste nicht lange suchen, den eine Traube Kinder wartete schon auf Santa. Als sie ihn erblickten, liefen einige zu ihm und begannen laut lachend und schreiend damit, an seiner Uniform und dem Sack zu zupfen. Er ermahnte sie mit einem „Hoho“ und erhobenem Zeigefinger und nahm unter einem Schriftband mit dem Wortlaut „Harrods Grotto 2000“ auf einem riesigen grĂŒnen Ledersofa Platz. Einige kleine als Elfen verkleidete Liliputaner, sie sollten die Helfer Santa Grottos spielen, trieben die Kinder zurĂŒck. Er hielt verkrampft an dem Sack fest, beinahe wĂ€re das schwere Teil umgestĂŒrzt. Das hĂ€tte dramatisch enden können. So aber war alles gut. Er wuchtete den Sack zur Seite und sah, wie ein Ă€lterer Herr in Anzug auf ihn zusteuerte. Der Mann blieb vor ihm stehen und stellte sich als Mr. Al Fayed vor. Mr. Wilson hatte zwar keine Ahnung, wer dieser Fayed sein sollte, aber es wurde deutlich, das dieser Typ hier wohl was zu sagen hatte.
„Mr. Liebmann,“ sagte Fayed leise zu ihm „sorgen sie dafĂŒr, das jedes Kind glĂŒcklich hier raus geht. Und lassen sie sich Zeit, umso mehr kaufen dann die Eltern.“ Er drehte sich von Mr. Wilson weg und verkĂŒndete mit ausgebreiteten Armen zu den wartenden Kindern „Santa Grotto wird euch nun empfangen und jedes Kind bekommt ein Geschenk von ihm.“ Fayed schaute zu dem Sack, dann zu Wilson, noch mal zum Sack. Der Schweiß stand Wilson auf der Stirn, als der Mann im Anzug sagte „die Geschenke dĂŒrften wohl ausreichen. Ist das Geschenkpapier aus unserem Haus?“ Mr. Wilson dachte nicht lange nach. „Nein, ich habe die Geschenke zu Hause verpackt.“ Fayed blickte abschĂ€tzend auf ihn, sagte dann aber im FlĂŒsterton „Na, dann. Sie haben sich ein paar Pfund extra verdient. Ich werde der Zahlstelle Bescheid geben.“ Mit einem zufriedenem LĂ€cheln verschwand der (offensichtlich wichtige) Mann.
Nun, der Rest des Vormittags war fĂŒr Wilson eine einfache Aufgabe. Ein Kind nach dem anderen wurde zu ihm gebracht, er fragte immer nach dem Namen, ob es auch artig gewesen sei, was sie sich wĂŒnschten und gab ihnen dann eines seiner PĂ€ckchen. Einige kamen auf die Idee, ihm Gedichte vorzutragen und er nahm es geduldig hin. So hatte er Zeit, ĂŒber seine Frau nachzudenken.
Julie konnte es nicht lassen, immer und immer wieder irgendwelche Überraschungsfeiern, Partys, Feste und zu allem Überfluss auch noch Tuppa-Treffen zu veranstalten. Es verging kaum ein Tag, an dem er von der Arbeit nach Hause kam und sofort in eine „lustige“ Gesellschaft gedrĂ€ngt wurde. Einige Zeit spielte er noch mit, aber zunehmend stand er auf den Veranstaltungen nur noch apathisch rum und begann, seine Frau zu hassen. Nicht nur, das sie das Haus immer schmĂŒckte und den lieben langen Tag an PlĂ€nen schmiedete, alles noch lustiger und pompöser zu machen. Nein, sie verĂ€nderte sich auch selbst. Ihre liebliche Stimme, als er sie kennen gelernt hatte (auf einer Party), wurde zu einer hysterisch lachenden KreissĂ€ge. Ihre dezenten Klamotten wichen grellen, bunten KostĂŒmen und das Make-up musste wohl mit dem Tanklaster angeliefert werden, dachte er schmunzelnd, als ihm ein Kind am Bart zupfte. Sofort zog er den Kopf weg und um ein Haar hĂ€tte er den Bart verloren. Nicht auszudenken, was dann passiert wĂ€re. Er hĂ€tte wohl seine PlĂ€ne dann etwas Ă€ndern mĂŒssen, aber so kam er gerade noch mal davon. Mit einem mordlĂŒsternen Blick (das Kind verzog sofort die Lippen nach unten) drĂŒckte er ein PĂ€ckchen in die kleinen HĂ€ndchen und ermahnte sie, wie auch alle anderen, diese Geschenke ja nicht vor dem morgigen Tag zu öffnen.
Es vergingen zwei Stunden, bis der Sack geleert war und als er das letzte Paket, ein großes, dem letzten Kind ĂŒberreichte, lĂ€chelte er zufrieden, stand auf und verabschiedete sich unter einem enttĂ€uschenden Aufschrei der noch wartenden Gören. Er sah in ihre Gesichter und ihm kam wieder Julie in den Sinn. Eines Tages kam sie auf die Idee, Partys nicht nur fĂŒr Freunde und Verwandte, sondern auch fĂŒr deren Gören zu geben. Das muss man sich mal vorstellen. Nicht nur die nervigen Feste mit den Erwachsenen, nein, wenn Mr. Wilson jetzt nach Hause kam, dann empfing ihn ein schreiendes Komitee aus Rotzlöffeln und HalbpubertĂ€ren. Das war die Hölle. Und es musste ein Ende haben. Aber sie hörte nicht auf ihn. Das wĂŒrde sie sich nicht nehmen lassen, anderen eine Freude zu bereiten, sagte sie zu ihm, als er sie vor drei Tagen in der KĂŒche zur Rede stellte.
„Ich wĂŒrde mich am liebsten selbst verschenken“ lachte sie auf und drehte sich wie eine Irre tanzend im Kreis. Da haute es Mr. Wilson den imaginĂ€ren Sicherheitsschalter aus dem Kopf. „Ok, Julie“ flĂŒsterte er und sah sich plötzlich mit dem Hackbeil in der Hand vor ihr stehen „dann nichts wie los.“ Endlich einmal hörte sie zu Lachen auf.
Santa Grotto bahnte sich einen Weg durch die Kinder. Er suchte auf dem schnellsten Weg die UmkleiderÀumlichkeiten auf und verschwand darin.
Kurze Zeit spĂ€ter kam ein Angestellter in den Raum und fand den bewusstlos geschlagenen Mr. Liebmann vor. Der eigentliche Santa Grotto erzĂ€hlte spĂ€ter der Polizei, er sei von einem als Nikolaus verkleideten Mann niedergeschlagen worden. Neben Mr. Liebmann fanden sich ein großer, leerer grĂŒn-brauner Sack und eine Verkleidung samt Bart und schwarzen Stiefeln.
Am nĂ€chsten Tag war Weihnachten und Mr. Wilson saß zuhause in seinem Sessel, genoss eine schöne Tasse Tee mit Biskuits und schaltete den Fernseher an. Heute gab es in den Nachrichten nur eine Meldung: Es wurden alle Personen aufgerufen, die gestern mit ihren Kindern bei Harrods waren und ein Geschenk vom Weihnachtsmann bekamen, sich in der nĂ€chsten Polizeistelle zu melden und das Geschenk mitzubringen. Unter keinen UmstĂ€nden sollte man das PĂ€ckchen öffnen.
Mr. Wilson grinste. Es gab keine vernĂŒnftige ErklĂ€rung des Reporters, warum man das PĂ€ckchen nicht öffnen sollte und er vertraute auf die Neugier der Kinder. Ach, das wird ein schönes, ruhiges Weihnachtsfest.

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Ch. Ertl

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MDSpinoza
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Endlich mal eine richtig schöne Weihnachtsgeschichte!
Wenn Du die dafĂŒr verdiente "9" auch genießen willst, dann setze bitte auch das "daß" da ein, wo's gebraucht wird (z. B.: ...Platz, so daß er ohne große... ).
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Lieber ein verfĂŒhrter Verbraucher als ein verbrauchter VerfĂŒhrer...

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frasdorf
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Hallo..

...W O W *freu*

Eine "9" von Dir. Die ist mehr wert als jede andere Wertung, die ich bis jetzt erhalten habe. Das ist mein Ernst. Gerade nach Deinen Kritiken bin ich schwer erstaunt. Das wirst Du vielleicht jetzt nicht glauben: ABER DAS FREUT MICH WIRKLICH. Als ich in meinen E-Mails gesehen habe, daß Du einen Kommentar abgegeben hast, ist mir erst ganz heiß geworden, umso mehr bin ich jetzt richtig erleichtert. Gerade Deine Kommentare haben mich dazu veranlasst, bei dieser Geschichte (obwohl ich erst vor 2 Jahren selber im Harrods war) noch mal grĂŒndlich zu recherchieren, da ich mir nicht noch so eine Schelte einfahren wollte.
Und die Geschichte mit dem das/daß bekomme ich mit Hilfe einiger anderer Leute (siehe mein Kommentar bei "Kurzer Prozess") hoffentlich auch noch in den Griff.

MfG
Christian Ertl
__________________
Ch. Ertl

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