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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Sarrebruck Drowning
Eingestellt am 14. 11. 1999 00:00


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martin von arndt
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Registriert: Nov 2001

Werke: 14
Kommentare: -1
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Sarrebruck Drowning
Eine ErzÀhlung aus der Provinz

Die ersten zwanzig Triduen:
"Durch mich geht man hinein zur Stadt der Trauer."
Wenn all dies wahr ist und in dieser Gestalt - dann, ja dann geleitete ihn dorthinaus der Beginn von Sibelius vierter Symphonie. Aus Licht in Nebel. Weinender Frost, Klirregen. Schritte, nur wenige, und Beingewimmel, allgegenwĂ€rtig hier. Sein schleppendes Fußtasten in stets ungleichem Tritt und: Stehen, die Bö faßt ihn hĂ€misch um die Kehle.
Viertel nach eins und Bahnhof. Wer sich jetzt umdreht, kehrt nicht mehr zurĂŒck. Aber wohin auch? Kein GepĂ€ck?
Die weiteren zwei Schritte sind eine LĂŒge. Und es ist nicht gleichgĂŒltig, wie er sie gesetzt haben mag. Der Blick ist unschuldig, was er auch streift, er ist unschuldig. Auf seiner Höhe ein schwach beleuchtetes Nummernschild.
SB-XS 33
Ein Taxi, vielleicht: eine Gelegenheit. Jedenfalls nicht derart starr bleiben, weiterrĂŒcken, inmitten treiben. - Nun hat er sich doch umgedreht. Leider. VerwĂ€ssert und schwarz, der Zeiger der Uhr rĂŒckt um einen Strich noch dĂ€mmerwĂ€rts.
Und das Taxi schwelt in Regung.
Theater - wĂ€hlt er als Zielort; weshalb auch nicht, Theater ist jederzeit der rechte Platz. Was nur knirscht das trĂŒbe Gesicht im Spiegel?
Um diese Zeit? Wirklich - Theater? tönt es in mir, mir im Spiegel.
Blinder grauer Filz umspĂŒlt seine Knie, lang ausgestreckt durchzittert er die Zeit auf der RĂŒckbank. Dann vorbei an rastlosem Kobalt, Teer, angestaunten HĂ€userleichen, Neonkot, ĂŒberall blaut Sperrbezirk; Regenmorgen, Regen trĂ€nt auf AutodĂ€cher, Blutbarracken, ausgeschwefelt.
Doch: die Nacht. Xenonkrallen. Hungern zwischen Betongötzen. Ohne Menschen, ohne Lieder. Indes: die Bremse. Wehrlos graut das Augenpaar jenseits meiner Schulter. Die Symphonie endet ihm hier, ich stelle das Radio ab.
Er sucht in seinen Taschen und findet genug, reicht es mir hin; ich fĂŒrchte, wir sehen uns wieder und rasch, dann weicht mein Fuß nach rechts aus und der Wagen lĂ€ĂŸt zurĂŒck:
blinden grauen Filz vor Monumentalbau.
Noch haben seine Augen sich nicht abgefunden damit, nichts zu erspĂ€hen. Halb zwei Uhr vorĂŒber, der Pechstrom vom Himmel nimmt zu. Die Schritte klĂ€ffen endlos stets, blonddurchwĂ€ssert der Mantelkragen. Zu was Ende ihn seine Beine jetzt wohl tragen. Geradesogut könnte er sie verkaufen. FrĂŒher oder spĂ€ter muß er ohnehin etwas zu Geld machen, in dieser Stadt.
Das Gras fÀllt, schmalen Weg freigebend, zum Ufer ab; dorthin tritt er jetzt. Unruhig treibt das Auge auf den Wassern, der Blick will weinen, ziert sich nur noch, weshalb denn - traumverwirrt?
Von jenseits dröhnen die Explosionen der Vierzigtonner, vorbei, immer vorbei im Autobahngewimmer. Und die Gottesrinnsal nimmt den Kampf nicht auf, kaum daß man sie sĂ€he, noch gar vernĂ€hme.
Dann aber bricht in ihn wie ein Schrei: das Angekommensein. Regen furcht noch stumme Falten schneller in sein Angesicht, diese Nacht, so glaubt er, verbringt er am besten am Ufer, dort im GestrÀuch.

Die andren zwanzig Triduen:
"Durch mich geht man hinein zum ewigen Schmerze."
Am Morgen indes - und nicht nur an diesem - wacht er hastiger auf, bis er vielleicht gar nicht mehr zu schlafen vermag, wenngleich ihm auch nichts bleibt als dieser Schlaf. Er sucht - vornehmlich den allnĂ€chtigen BĂŒschen und HauseingĂ€ngen zu entrinnen.
Das heißt fĂŒr ihn:
Blau. Zischt ihn an, stöhnt ihm entgegen. Urtiefe, Brache, ein Lied aus Teig.
CafĂ© im Herzen der Stadt an einem ewig toten SpĂ€tabend, und Bleischleier krĂŒcken ĂŒber Scheibe und Firnis.
Er mĂŒht sich, zu schreiben - und soll nicht. Er wird nicht.
Nur dem Taxifahrer wird er begegnen. Vor dem Bahnhof, ein um das andere Mal. Sein Blick wird dann erkalten. Ein um das andere Mal.
Und in jenen Tagen will Heimat herauf unter dem Obdach vielleicht einer nicht mehr ganz jungen Prostituierten. Die trÀgt ihr Haar gefÀrbt, seit Jahren schon, und so wird ihm ein Platz zum Schlafen gewiesen.
Wenn die TrÀume aber kostbarer werden, nimmt alles wieder seinen Lauf.
Dann trinkt er sich endlich satt am Regen, der blinde graue Filz.

Die letzten zwanzig Triduen:
"Laßt jede Hoffnung, so ihr eingetreten."
Was aber dem Tode angehört: fett ist es und fetter muß es werden. Dem Lemurenhort verabreicht, StĂŒck fĂŒr StĂŒck fĂŒr StĂŒck fĂŒr StĂŒck. Wer nicht schlĂ€ft, wird nicht wachen, heißt es. Wer aber wacht, soll nicht bleiben.
Wenn die Tage kĂŒrzer werden, werden es rasch auch die NĂ€chte. Dem Umherirrenden gilt das nichts. Nur muß er sehen, sein Vergessen zu behalten, wird er in seinem Dunkel aufgespĂŒrt und wundgerieben am Pflaster. Er kann die NĂ€he dann der Autobahn suchen, gleich ob sie nach Norden oder Osten trĂ€gt. Um einen Zahn ringt er mit sich, er bewahrt ihn. Lange.
Einmal indes, da wird er es heißen, ein andermal zum Theater zu fahren, das Taxi, einmal, ein andermal, und wird zum Ufer sich kehren, sein PrĂ€molarenopfer zu bringen. Unter solchem Himmel, zerschlissen und inkontinent. Und wird sie wiederkehren, die Symphonie.
Nur mir allein klingt sie in glĂ€sernen Morgenstunden, wenn nach der letzten Fahrt der Blick kaffeeumwĂŒhlt den Schloßberg hinab und ferner gleitet.
Dann treibt dort an der OberflĂ€che des todesmatten Khakiflusses abwĂ€rts, immer abwĂ€rts im Glast eine ausladend-aufgeschwemmte Masse, gehĂŒllt in blinden grauen Filz, und alles, alles, was ich denke, mag sein: - quasi adagio. DĂ€mmerwĂ€rts.

(Übernommen aus der 'Alten Leselupe'.
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