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Leselupe.de > Humor und Satire
Schadensersatz!
Eingestellt am 04. 04. 2006 14:42


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sabiko
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Schadensersatz von Mutter Natur?

Irgendwann muss ich mit Mutter Natur ein ernstes Wort reden! DarĂŒber, warum sie meist nur uns Frauen so konzipiert hat, dass wir beim kleinsten Ups unseres Babys schon senkrecht im Bett stehen. Der Wecker zeigt 3:36 Uhr. Und die fiependen GerĂ€usche, die unser Sohn im Nebenzimmer von sich gibt, lassen auf lebhafte TrĂ€ume sowie eine 95%ige Wiedereinschlafwahrscheinlichkeit schließen.

Aus dem Fiepen wird Nöckern. Die Einschlafwahrscheinlichkeit sinkt auf 75%. Neben mir schnarcht mein Mann friedlich vor sich hin. Wahrscheinlich trÀumt er von der Weihnachtsgans, die er morgen brutzeln wird. Ich zwinge mich derweil, im Bett zu bleiben und nicht sofort zum Kind zu rennen. Um mich abzulenken, fange ich an zu dichten:

Schrille Nacht, schreiige Nacht,
alles schlÀft, eine wacht.
Und im Bettchen, wer sitzt denn da?
Der plÀrrende Knabe mit wuschligem Haar.
Schlaf, mein Kind, schlaf auch Du.
Mama, die möchtŽ ihre Ruh.

Nicht schlecht, und so wahr! Wir schreiben den 23. Dezember. Und seit zwei Tagen, genauer gesagt, seitdem Mama und Papa Urlaub haben, hat unser Sohn entdeckt, dass er noch kein Geschenk fĂŒr seine Eltern hat. Ebenso profan wie seine Eltern etwas im Internet zu bestellen, das war ihm scheinbar nicht gut genug. Da musste schon etwas besseres her. "WorĂŒber haben sich meine Eltern das letzte Mal so gefreut? Wann war das noch? Ach ja, im Sommer. ZĂ€hne!" Also produziert er schnell auf einen Schwung die Ă€ußeren SchneidezĂ€hnchen, die im Unterkiefer noch fehlen, und schiebt dann die ersten BackenzĂ€hne an. "Wenn ich mich beeile, klappt es bestimmt bis zum ersten Weihnachtsfeiertag."

Falsch, mein Sohn, GANZ FALSCH! ZĂ€hne sind nur dann ein Weihnachtsgeschenk fĂŒr Eltern, wenn sie vollkommen schmerzfrei, leise und am besten alle auf einmal erscheinen. Sonst nicht!

Zu dieser Erkenntnis ist unser Spatz sicherlich auch schon gekommen. Jedoch zu spĂ€t. Die kleinen Beißerchen hacken sich ihren Weg durch das Zahnfleisch frei und er kann nur noch brĂŒllen. Genau das tut er jetzt. Einschlafwahrscheinlichkeit: 0,01%. Auf zur Nachtschicht!

MĂŒde schnappt sich Mama ihr Bettzeug. Bevor sie hinter sich die SchlafzimmertĂŒr schließt, wirft sie einen kurzen, neidvollen Blick zurĂŒck auf das Ehebett. Da liegt der glĂŒckliche Gatte und seufzt. Gleichzeitig breitet er Arme und Beine krakengleich ĂŒber das hinzugewonnene Territorium aus. Selbst wenn jetzt die 0,01% Einschlafwahrscheinlichkeit eintrĂ€ten, die ZĂ€hnchen dem geplagten Zahnfleisch eine Verschnaufpause einrĂ€umten und das Kind glĂŒcklich in einen Spontanschlaf verfiele: Mama könnte nicht mehr zurĂŒck. Die TĂŒr, die ich jetzt schließe, ist auf einmal keine TĂŒr mehr, um den Schlaf meines Mannes zu schĂŒtzen. Sie ist eine TĂŒr, die meinen Mann schĂŒtzt. Und mich davor bewahrt, zur Meuchelmörderin zu werden!

WĂ€hrend ich mein Bettzeug auf der schon im Kinderzimmer bereit liegenden GĂ€stematratze ausbreite und mich anschicke, mein BrĂŒllĂ€ffchen aus seinem Gitterbettchen zu befreien, stelle ich mir vor, wie ich meinen Göttergatten vierteile, am Schrank aufhĂ€nge und dann den Balkon hinunterschubse. Immerhin bewahren mich diese Gedanken davor, das kleine Schreimonster vierzuteilen, aufzuhĂ€ngen und aus dem Fenster zu werfen, das jetzt um einige Oktaven höher schleunigst Handlung von Mama verlangt.

Ich ziehe unseren Fratz aus dem Bett und nehme ihn auf den Arm. 5 Sekunden Stille kehren ein, die er schnell nutzt, um sich an meinen Hals zu schmiegen. "SchnĂŒff! Uff! Schnauf!" Aber auch ein noch so kleiner Mann möchte nicht gerne als Weichei gelten. "An Mama anschmiegen? Ha! Kann ja jeder. Aber ich, ich bin ein kleiner Mann! Und kleine MĂ€nner schreien!" Die Sirene beginnt von neuem. Und Mama tritt vor ihrem inneren Auge am Boden zerstört vor ihr inneres Gericht, vor das ich wegen nĂ€chtlicher Familienmord-Phantasien gestellt wurde, und flehe: "Herr Richter, ich hab doch schon meine Strafe. Drei NĂ€chte Schlafentzug. Reicht das nicht?"

Wie kann ich hier eigentlich auf Gnade hoffen? Ich meine, Herr Richter, das sagt doch alles... Ein Mann! Wahrscheinlich liegt auch mein Phantasierichter nachts schnarchend im Bett, wĂ€hrend sich die holde Gattin um die Kinder kĂŒmmert. Er wird nur sein deutlich höheres Gehalt und seine grĂ¶ĂŸeren Erfahrungen in Sachen Ehegattenmord genutzt haben, seiner Frau rechtzeitig einen teuren Therapeuten zu spendieren. Und der hat das arme Wesen dann mittels Hypnose dazu verdonnert, ihre Aggression statt am Gatten am BĂŒgelbrett abzureagieren. SelbstverstĂ€ndlich erst NACH der Beruhigung von Ehegatten-Schlaf gefĂ€hrdenden Schreiaktionen der lieben Kleinen.

Nein, hier kann ich kein Erbarmen erwarten. Statt weiterer Phantastereien gibt es daher homöopathische ZahnungskĂŒgelchen fĂŒrs Kind. Die nimmt es immer gerne, fast andĂ€chtig. Helfen tun sie allerdings nicht. Sobald die Dinger gelutscht sind, legt SohnemĂ€nnchen wieder los. Der Beißring, den Mama ihm alsdann reicht, ist natĂŒrlich klasse. Klasse, um ihn gegen die Wand zu werfen. Unser Sohn verlangt nach archaischeren Methoden: Bernsteinkettchen! Hat Mama nicht im Haus. Man hat ihr davon abgeraten. Kleine KĂŒgelchen und brutales Kind sind keine gute Mischung. Was, wenn er es mitten in der Nacht schaffen wĂŒrde, eins von den Bernsteinchen von der Kette zu knubbeln, es in den Mund zu stecken und zu schlucken, und es kĂ€me in den falschen Hals und das Kind liefe blau an und bekĂ€me keinen Ton heraus und Mama schliefe und bekĂ€me nichts mit. Nicht auszudenken! Mein Sohn, mein Herz, mein Ein und Alles!

Der LĂŒtte hat keine Ahnung, was Mama auf einmal dazu bringt, ihm einen dicken, feuchten Kuss auf die Stirn zu patschen, aber "Hey, mit MĂ€nnern macht man das nicht!" Zum Zahnungsgeschrei kommt Protestgeschrei dazu. Dagegen kenne ich allerdings ein Mittel.

Ich sehe zwar nicht aus wie Marilyn Monroe. Und so eine erotische Stimme habe ich auch nicht. Aber a) ist es dunkel, b) kann ich singen und c) kenne auch ich ein Mittel, zumindest kleine MĂ€nnchen wie Butter an der Sonne schmelzen zu lassen: Mama beginnt, ihrem Sohn allerlei Kinderlieder vorzusummen. Das vom MĂ€nnchen im Walde mit dem roten Umhang und der schwarzen Kappe hilft am besten.

Irgendwann habe ich das Söhnchen und mich in Trance gesungen. Aus dem MĂ€nnchen im Walde wird ein Wald voller MĂ€nnchen mit roten MĂŒtzen und schwarzen Fliegenpilzen. Oder so? WĂ€hrend sich die Viecher zu drehen beginnen und langsam vom Boden abheben, sinkt Mama mit dem ruhig atmenden Kind auf die GĂ€stematratze und gibt sich halluzinatorischen Ideen hin: Könnte ich eigentlich Onkel Wipp und Tante Pampa auf Schadensersatz verklagen? Ich meine, wer ist denn Schuld an meinem Elend.

Wer wenn nicht diese beiden hat mir stĂ€ndig suggeriert, dass ein Kind mein Leben als mittelerfolgreiche Angestellte um ein erhebliches bereichern wĂŒrde. Tante Pampa ließ vor meinen Augen glĂŒckliche Kleinkinder durch das Wohnzimmer kriechen und noch glĂŒcklichere Babys in den Armen ihrer frisch frisierten, gut geschminkten, teuer gekleideten und ĂŒberaus erholten Mama fröhlich quietschen. Das Quietschen wurde nur unterbrochen, wenn die lieben Kleinen mal eben den Mund aufmachen mussten, um die leckeren GlĂ€schen und Breichen von Onkel Wipp zu schlucken. Und fĂŒr den Fall, dass die beiden doch mal versagten, dann stopfte Wipps und Pampas Kumpel Muk den sĂŒĂŸen Wesen schnell einen Schnuller in den Mund und die Ruhe war wieder hergestellt. "Hey, Du egozentrische Karrierefrau!", schienen ihre Werbespots mir zuzurufen: "Komm endlich von Deinem Egotripp runter und erkenne, dass Du Mitte Dreißig bist. Hab Nachwuchs! Wir sorgen fĂŒr Dich. Alles ganz easy!"

Und ich blöde Kuh hab den dreien auch noch geglaubt! Wegwerfwindeln, frisch gekochtes Essen aus dem Glas, ergonomisch geformte FlĂ€schchen. Mensch, da kann doch nichts schief gehen. Da muss ein Kind doch ruhig und glĂŒcklich werden. Und was, wenn nicht?

Was, wenn ich seit Monaten unter steigendem Schlafmangel leide und unter daraus resultierender Vergesslichkeit? Wie ist es mit meinen schwindenden Chancen auf eine Gehaltserhöhung, weil MĂŒtter in Teilzeit nach öffentlicher Meinung geringer qualifizierte TĂ€tigkeiten erledigen? Kann ich jemanden deswegen verklagen? Produkthaftung oder so? Wegen versprochener Eigenschaften der Ware, die sie nicht hĂ€lt? Selbst unser Kreditkartenunternehmen hat in seiner Werbung nur glĂŒckliche Babys und freundliche Eltern gezeigt! Und mein bevorzugter HaushaltsgerĂ€tehersteller sagte mir eine steile Karriere als erfolgreiche Managerin voraus. Und wo bin ich gelandet. Vor KĂ€lte und MĂŒdigkeit frierend auf unserer schĂ€bigen GĂ€stematratze! Noch dazu mit strĂ€hnigem Haar, weil ich es seit Wochen nicht mehr zum Friseur geschafft habe.

Mein Sohn und seine ZĂ€hne erwachen aus ihrer Trance - die nĂ€chste Schreitirade steht vor der TĂŒr und holt mich in die RealitĂ€t zurĂŒck. Und mit den letzten Resten meines logischen Denkvermögens erklĂ€re ich Mutter Natur fĂŒr exkulpiert. Bei ihr hĂ€tte eine Schadensersatzklage auch wenig Sinn. Ich meine, wie wĂŒrde sie mich bezahlen, sollte ich vor dem Bundesverfassungsgericht Recht erhalten. In Eicheln, Bucheckern oder Kieselsteinchen?

Nein, gleich nach den Feiertagen suche ich mir einen guten Anwalt. Am besten nehme ich mir den, der schuld daran ist, dass man in Mikrowellen keine Pudel mehr trocknen darf. Und wenn ich dereinst von den Zinsen des Schadensersatzes meinem Mann ein Segelboot, mir einen Jaguar mitsamt Chauffeur und unserem Söhnchen sein Taschengeld finanziere, prangt auf jedem Werbefoto mit grinsendem Baby ein Sternchen wie ein Muttermal in dessen linken Mundwinkel. Und unter dem Photo wird sich die Info finden:

* Auch bei funktionsgerechter Anwendung des abgebildeten Produktes können Nebenwirkungen von Kleinkindern körperlicher oder geistiger Art auf deren Erziehungsberechtigte nicht ausgeschlossen werden.

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Marius Speermann
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GefĂ€llt mir, ich wĂŒrde den Text aber ein bisserl kĂŒrzen. Man weiss ja relativ bald, wie sich die Mama befindet, und damit kommt nichts mehr Neues mehr.

Marius
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Wie man einen humoristischen Text schreibt: Humor fĂŒr Deppen.Mehr auf MarioHerger.at

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flammarion
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herrlich!

aber die kĂ€lte im kinderzimmer wĂŒrde ich abschaffen.
prĂŒfe bitte noch mal, ob sich die zĂ€hne wirklich ihren weg haken, ich glaub, da fehlt n c. und hinunterschupse sollte ein b bekommen - der Schubs.
lg
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Old Icke

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