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Leselupe.de > Kurzprosa
Schaffnerlos
Eingestellt am 29. 07. 2009 17:46


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dubidu
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Schaffner und Schaffner is Zwarerlei
Ma konn nur a Schaffner
Oder auch ein Herr Schaffner sein

Text: Wolfgang Ambros


„N’Abend, die Fahrkarten bitte!“ nuschelte der stattliche Schaffner in Spätschichtlaune vor sich hin.

Ich verharrte etwa eine Sekunde in der Erschrockenheit eines Pennälers, der etwas ausgefressen hat, kramte dann in meiner Jackentasche und zog erleichtert meine Monatskarte hervor. Gott sei Dank, ich hatte sie heute nicht vergessen.

Leider musste ich mich noch etwas gedulden, denn der Zugbegleiter hatte in der Sitzreihe vor mir noch eine Amtshandlung vorzunehmen.

Eine junge Dame, ich schätzte sie auf dem Sprung in die Volljährigkeit, wies sich mit ihrem Schülerticket aus. Das war dem Zugbegleiter zu wenig, denn, wie wir alle wissen, ist das Schülerticket nur in Verbindung mit einem Personalausweis oder einem Schülerausweis gültig.

Bedauerlicherweise konnte die junge Frau keinen Lichtbildausweis vorweisen, doch hielt sie der Amtsperson eine Kreditkarte, eine Krankenversicherungskarte und einen Bibliotheksausweis vor die Nase.

„Wenn’se keinen Ausweis mit Bild haben, dann müssen’se ein erhöhtes Beförderungsentgelt zahlen!“ brummte die Amtsperson.

Bevor die junge Dame reagierte, schaltete sich schon ihr Nachbar, ein lässig-sportlich gekleideter Endvierziger mit Nickelbrille, in die Diskussion ein.

„Hören Sie, die junge Dame hat ihnen insgesamt vier Ausweise mit gleichlautenden Namen gezeigt; die Wahrscheinlichkeit, dass alle Ausweise geliehen oder geklaut sind, dürfte wohl gegen Null gehen, oder?“ Dabei grinste er ein wenig frech.

„Ich habe meine Vorschriften…“

„In der erster Linie liegt es in ihrem Ermessen und die Situation ist so eindeutig, dass jeder vernünftige Zugbegleiter Gnade vor Recht ergehen lässt, oder?“ fiel ihm der Neunmalkluge ins Wort.

„Junger Mann, ich habe meine Vorschriften und ich kann das nicht durchgehen…“

„Soso!“ unterbrach ihn der Endvierziger. „Und wenn die Vorschrift lautet, dass alle Waggons verriegelt werden müssen, um alle Fahrgäste nach Auschwitz zu deportieren, dann schalten Sie auch ihren Verstand ab und machen Dienst nach Vorschrift, stimmt’s?“

Im Abteil herrschte Totenstille. Die schweigende Mehrheit schwieg wie immer, aber auch der Schaffner war sprachlos. Ich konnte die Sekunden zählen. Nach einer Ewigkeit drückte der Schaffner der jungen Frau das Schülerticket in die Hand, drehte sich wortlos um und rannte aus dem Abteil.

Niemand sprach ein Wort. Der Neunmalkluge verbarg sich hinter seiner Frankfurter Allgemeinen Zeitung, die Schülerin kramte umständlich ihr Handy aus der Handtasche und die anderen Fahrgäste schwiegen.

Ich schaute aus dem Fenster und versuchte an den Feierabend zu denken.

__________________
Die Tollkühnheit des Schreibers und sein spontanes Bedürfnis nach Wahrheit müssen allemal größer sein als dessen Furcht vor den Konsequenzen seiner Aussagen.
RAFAEL SELIGMANN

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bluefin
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ein paar tipps, lieber @dubidu:

quote:
„N’Abend, die Fahrkarten bitte!“ nuschelte der stattliche Schaffner in Spätschichtlaune vor sich hin.

(Ich verharrte etwa eine Sekunde in der Erschrockenheit eines Pennälers,) ich erschrak einen moment wie ein pennäler, der etwas ausgefressen hat, kramte dann in meiner Jackentasche und zog erleichtert meine Monatskarte hervor. Gott sei Dank, ich hatte sie heute nicht vergessen.

Leider musste ich mich (noch) etwas gedulden, denn der Zugbegleiter hatte in der Sitzreihe vor mir noch eine Amtshandlung vorzunehmen.

Eine junge Dame, ich schätzte sie auf dem Sprung in die Volljährigkeit, wies sich mit ihrem Schülerticket aus. Das war dem Zugbegleiter zu wenig, denn(,) wie wir alle wissen, ist das Schülerticket nur in Verbindung mit einem Personalausweis oder einem Schülerausweis gültig.

(Bedauerlicherweise konnte) die junge Frau (keinen Lichtbildausweis vorweisen, doch) hielt (sie) der Amtsperson stattdessen eine Kreditkarte, eine Krankenversicherungskarte und einen Bibliotheksausweis vor die Nase.

„Wenn’se keinen Ausweis mit Bild haben, dann müssen’se ein erhöhtes Beförderungsentgelt zahlen!“ brummte die Amtsperson.

Bevor die junge Dame reagierte, schaltete sich schon ihr Nachbar, ein lässig-sportlich gekleideter Endvierziger mit Nickelbrille, in die Diskussion ein.

„Hören Sie, die junge Dame hat ihnen insgesamt vier Ausweise mit gleichlautenden Namen gezeigt; die Wahrscheinlichkeit, dass alle Ausweise geliehen oder geklaut sind, dürfte wohl gegen null gehen, oder?“ (Dabei grinste er ein wenig frech.)

„Ich habe meine Vorschriften…“

„In der erster Linie liegt es in ihrem Ermessen und die Situation ist so eindeutig, dass jeder vernünftige Zugbegleiter Gnade vor Recht ergehen ließe, oder?“ fiel ihm der (Neunmalkluge) brillenträger ins Wort.

„(Junger Mann,) ich habe meine Vorschriften und ich kann das nicht durchgehen…“

„Soso!“ unterbrach ihn der Endvierziger. „Und wenn die Vorschrift lautet, dass (alle) die Waggons verriegelt werden müssen, um alle Fahrgäste nach Auschwitz zu deportieren, dann schalten Sie auch ihren Verstand ab und machen Dienst nach Vorschrift, stimmt’s?“

Im Abteil herrschte Totenstille. Die (schweigende) Mehrheit schwieg wie immer, aber auch der Schaffner war sprachlos. Ich konnte die Sekunden zählen. Nach einer Ewigkeit drückte der Schaffner der jungen Frau das Schülerticket in die Hand, drehte sich (wortlos) um und rannte aus dem Abteil.

Niemand sprach ein Wort. Der (Neunmalkluge) brillenträger verbarg sich hinter seiner Frankfurter Allgemeinen (Zeitung), die Schülerin kramte umständlich ihr Handy aus der Handtasche. (und die anderen Fahrgäste schwiegen.)

Ich schaute aus dem Fenster und versuchte an den Feierabend zu denken.
ein endvierziger ist kein junger mann, neunmalklug ist man nicht gleich, wenn man einem mädel gegen die obrigkeit hilft, und manche wiederholungen sind überflüssig.

was mir bei der geschichte fehlt, ist eine pointe. so bleibt's im zwiespalt, ob die verteidigung der "schülerin" noch hilfeleistung war oder doch schon körperverletzung. ich tendiere zu letzterem und hätte den schaffner etwas entgegnen lassen wie etwa, dass nach einem verlorenen krieg jeder altnazi in windeseile zum widerstandskämpfer mutierte. oder so ähnlich. dann hätten die mitreisenden "partei" ergreifen können.

liebe grĂĽĂźe aus mĂĽnchen

bluefin

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dubidu
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Registriert: Nov 2002

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Lieber bluefin,

vielen Dank für deine konstruktiven Änderungs-Vorschläge. Ich denke darüber nach und werde dann meinen Text entsprechend überarbeiten.

Stimmt, die Knaller-Pointe fehlt!
Ich schwankte hier zwischen meiner Reflexion des Erlebten und einer künstlichen Verzerrung des Erlebten meinerseits. Ich entschied mich für eine möglichst detailgenaue Beschreibung, wobei auch diese naturgemäß verzerrt ist, und verzichtete z.B. auf eine fiktive Entgegnung des Schaffners.

GruĂź nach MĂĽnchen
dubidu

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RAFAEL SELIGMANN

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