Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, m√ľssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5552
Themen:   95276
Momentan online:
577 Gäste und 13 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzgeschichten
Schaltjahre
Eingestellt am 23. 11. 2012 21:42


Autor
Ein neues Thema ver√∂ffentlichen.     Antwort ver√∂ffentlichen.
Monochrom
Routinierter Autor
Registriert: Nov 2012

Werke: 61
Kommentare: 376
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Monochrom eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Schaltjahre

An diesem Tag schlief ich lange.
Ich wachte auf ohne Erinnerung an einen Traum. Doch blieb eine Ahnung, dass ich getr√§umt hatte. Noch am √ľberlegen, ob nicht die reale Welt der eigentliche Traum war, schlurfte ich in die K√ľche und bereitete Kaffee. Meine Kaffeemaschine erzeugte einen Kaffee, der immer nach Eisen schmeckte. Ich trank die ersten drei Tassen mit Milch, und nat√ľrlich mit Zucker. Viel Zucker, um den Eisengeschmack zu √ľberdecken.
Der Tag war bereits gef√ľllt mit Terminen. Ich folgte meinem Gef√ľhl, und sagte alles ab. Das dauerte eine halbe Stunde und mehrere Telefonate, bei denen ich s√§mtliche Ausfl√ľchte und Ausreden nutzte, die mir an diesem lausigen Morgen einfielen. Nachdem die Freiheit eines zeitlosen Tages eingekehrt war, trank ich die letzte Tasse Kaffee, diesmal ohne Zucker. Es schmeckte nach Eisen. Ich betrachtete die leicht vergilbte Tapete, bewunderte die Schatten, die das Morgenlicht auf die kleinen Furchen und Erhebungen warf.
Die Sonne, ein wei√ües Ross, das ohne Bitten und Klagen seine Bahn √ľber den Himmel zog. Glutball aus Ged√§rmen, gestanzt in den Auswurf eines Momentes der Unbedachtheit von Regeln, denen sich lediglich der Tod entzog. Wohin mich auch das Leben warf, alles war gef√ľllt mit Gesetzen. H√§mmern auf Blech, Rosinen in weichem Teig, Kalendern, die sich alle vier Jahre einen Tag erlogen. Wie schnell w√ľrde alles beiseite gewischt, wenn sich die Beine einer Frau auf diesen Nummern und Zahlen r√§kelten. Ein leichtes Vibrieren von Augenbrauen und Geschlechtsteilen, dann brachen die Gesetze, die Sonnen brannten glei√üender, die Sterne im Rausch, die Hast von kurzfristigen Zielen, kein Entkommen mehr m√∂glich im Tanz zwischen den Pappw√§nden sich auswechselnder St√§dte voller Gier und Festivit√§ten. Das Tanzen der Kugeln der Jongleure, das Feuer im Atem der k√∂chelnden Gaumenfreuden, mit der abf√§lligen Spucke von verschwitzten K√∂chen darin, dem leisen Hauch der Verg√§nglichkeit an den Str√§nden aus Marmor.
Wohin der Schritt sich in den Stra√üen auch erging, mit dem Verfall, der in den Schatten lauerte, st√§ndig einen Bissen Welt in sich schlingend, hin zu den Kaufr√§uschen, gepresste Erde, Kot, Erze, Untaten und Wohltat zugleich, wo kein Auge platzen w√ľrde, kein rettender Gedanke in den Schlingen aus Fleisch und Helmen, dem Trott z√§hnefletschender Armeen aus Glutsp√§nen, die sich ihr Feuer als Heilung erw√§hlten, diesen Blut spuckenden und um sich schlagenden T√§tern aus Gewalt und Gewissensbiss, gemischt in die Patienten der Psychatrien, um sich schlagend f√ľr Ziele, die kein Sinn mehr fasste. Der Sinn, der ewig mit T√ľren winkte, golden gl√§nzende Felder aus Mais und Weizen durch Schl√ľssell√∂cher jagte, in dunkler, tr√§chtiger Erde versinkende Vorh√§nge, mit den Maden und W√ľrmern lachender Echos des Scheiterns, ein nackter Tross aus hungrigen Wahrheiten, die sich nichts mehr w√ľnschten als ein Fell, um mit den Winden und St√ľrmen zu jaulen.
Vielleicht h√§tte ich den Rest des Tages in dem schummrigen Schlafzimmer bleiben sollen, den Traum wieder durch die T√ľr lassen und mir einbilden, dass es nichts anderes als das Eisen im Kaffee war, das mich animiert hatte, alles abzusagen. Was dann noch kommen w√ľrde, w√§re ein weiterer Geschmack, der wie Blei √ľber die Zunge glitt und sich einen Weg in das faulende Feuer meines Magens bahnen w√ľrde, wo alles aufkochte, was wir mitnahmen und der ewigen Energie direkt ins feixende Gesicht feuerten.
Ich schlief noch eine Weile im Tag, bis der Traum mich wieder aufwecken sollte.

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


Ralf Langer
Routinierter Autor
Registriert: Sep 2009

Werke: 309
Kommentare: 2972
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Ralf Langer eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Hallo Monochrom,

Der Eingang zu diesem Text wirkt auf mch etwas spröde,
wirkt ein bischen so, als suchtest du einen Weg zu dem, was f√ľr mich den eigentlichen Text ausmacht.

Ab:
"Die Sonne, ein weißes Ross,...", gefällt mir das was du schreibst und wie du es schreibst richtig gut.

Es ist gefährlich mit verschachtelten Satzkonstrukionen zu arbeiten.
Ich finde aber, das du es sehr souverän meisterst.

Man sp√ľrt beim Lesen die "Hatz",den "Unmut".
Tolle Bilder, neue Bilder...

Das Leben im Empfinden des √úberdrusses.
Was gibt es ?
Wut und Schlaf. Die Hoffnung - tr√ľgersisch - das Wirklich sei
der Traum.

Wenn wir denn aufwachten, w√ľnschten wir uns vielleicht in den Traum zur√ľck.

Wie gesagt, bis auf den anfang, gefällt es mir ausnahmslos
sehr gut.

lg
Ralf


__________________
RL

Bearbeiten/Löschen    


Dominik Klama
Guest
Registriert: Not Yet

Ich bin nun genau der Antagonist zu Ralf Langers Meinung.
Mir gefiel der Anfang gut. Aber genau bei dem von ihm als Umschwenken ins Bessere genannten Satz versp√ľrte ich sofort den Impuls, diesen zu kopieren, um ihn nachher in die Antwort als Zitat einf√ľgen zu k√∂nnen als Beispiel f√ľr eine wenig gelungene Stelle.

Leider ging das von da ab immer so weiter.

Beim Anfangsteil mochte ich, dass es um was Wirkliches geht, was jeder von uns kennt. Ein Text, der was √ľber die Welt aussagen will. Es kommt ja nichts Besonderes vor, aber diese Frage, ob vielleicht der Traum das echte Leben war, der Morgen, in den man hineingeht, aber eigentlich nicht wahr, sondern ein Traum ist, macht einen gespannt auf das, was folgen wird. Ebenso dieser Eisengeschmack des Kaffees, den man mit viel Zucker √ľberdecken muss. Signal: Irgendwas stimmt hier nicht. Das erweckt Interesse. Man will weiterlesen und sehen, was nun passieren wird.

Dann aber befindet man sich flugs in einer l√§ngeren Passage, wo es nicht mehr wirklich um irgendwas geht, au√üer darum, dass der Autor ein enormes Sprachgewitter anrichtet und uns Lesern mal so richtig vorf√ľhrt, was er alles kann. Ich mag keine Texte, mit denen Autoren mir zeigen, was sie alles k√∂nnen. Ich mag Texte, wo mir Autoren was erz√§hlen oder beschreiben, was es wirklich gibt. Ich mag keine Sprache-f√ľr-Sprache-Werke, ich mag Sprache-f√ľr-Welt-Werke.

Man wird mir entgegnen, dass es sich aber doch genau darum handeln t√§te. Nein, finde ich nicht. Dieses Wuchern mit Expressionismus f√ľhrt zur Manier. Ab dieser Stelle kann alles und jedes, k√∂nnen Jeder und Jegliche apokalyptische Katastrophen darstellen. Dann wird alles austauschbar in seiner Fatalit√§t und bedeutet am Ende gar nichts mehr.

quote:
Die Sonne, ein wei√ües Ross, das ohne Bitten und Klagen seine Bahn √ľber den Himmel zog. Glutball aus Ged√§rmen, gestanzt in den Auswurf eines Momentes der Unbedachtheit von Regeln, denen sich lediglich der Tod entzog.

Echt, ich könnte das auch. Ich will es aber einfach nicht, darum tue ich es nicht.
Irgendwas an Metaphern und Vergleichen herbeizwingen, beliebige Wörter, die dem Leser sagen, dass es gerade um was sehr Zerknirschendes ginge.
Was soll denn ein Glutball aus Gedärmen sein? Wenn da Glut ist, dann bleiben Gedärme nicht lange Gedärme. Entweder schmelzen sie oder zerschmurgeln.
Ein in einen Auswurf gestanzter Glutball. Man stanzt Löcher und keine Bälle. Wie soll das gehen, etwas in Auswurf stanzen?
Was hei√üt das: Auswurf eines Moments? Ich kann das auch: in die Schmutzigkeit eines Augenblicks, in die Behauptung einer Sekunde, in die Gef√ľgigkeit eines Lidschlags... Und so weiter. Alles literarisch bis zum Abwinken.
Es gab einen Moment der Unbedachtheit von Regeln.
Finden wir das gut? Sprachlich? Haben Regeln eine Unbedachtheit? Gemeint ist doch wohl eher es gab einen Moment, wo irgendwer an irgendwelche Regeln nicht gedacht hat. Ja wahrscheinlich. Aber dann kann man es nicht so schreiben, wie es dort steht.
Aber: Es gab einen Moment der Unbedachtheit von Regeln. Und in diesen Moment wurde die Sonne hineingestanzt.
Ich mag's ganz und gar nicht. Ich mag's absolut nicht.

Es gab Regeln, denen sich niemand entzog. Nur der Tod entzog sich diesen Regeln.
Aha.
Klingt gut.
Aber was soll das?

Bearbeiten/Löschen    


Ralf Langer
Routinierter Autor
Registriert: Sep 2009

Werke: 309
Kommentare: 2972
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Ralf Langer eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

hallo dominik,

eine interessante replik von dir.
allein, ich mag den widerspruch nicht erkennen.
du schreibst:

"Ich mag Texte, wo mir Autoren was erz√§hlen oder beschreiben, was es wirklich gibt. Ich mag keine Sprache-f√ľr-Sprache-Werke, ich mag Sprache-f√ľr-Welt-Werke."

Dem kann ich nur zustimmen.

Aber dies St√ľck stellt doch zu einem gro√üteil die innere, ich nenne sie mal gedankenwelt - des erz√§hlers dar.
ausgehend davon, das der autor seinen text wissentlich konstruiert hat, stelle ich fest, das der längere teil- hier etwa zwei drittel mit "gedanken-gängen" beschäftigt.

mir will scheinen, das war seine absicht, und ich finde das gelang ihm auf ansprechende weise.
(sieh meine antwort)

hier löst sich der widerspruch auf:

ich als leser bzw. kritiker muß mich doch darauf einstellen, was der autor tat. nicht was ich gerne gelesen hätte.

√ľberspitzt gesagt, ist es so, als ginge ich in einen actionfilm und beklage mich , das es keine kom√∂die war.
und sage dann der film wäre nicht gelungen.

aber so werde ich dem film nicht gerecht.

wie gesagt: ja, es ist ein "sprache f√ľr sprache werk",
aber dann doch ein gegl√ľcktes, oder?


lg
ralf


__________________
RL

Bearbeiten/Löschen    


Dominik Klama
Guest
Registriert: Not Yet

Es gibt schon Genres - um beim Kino zu bleiben -, in die man irgendwann gar nicht mehr reingeht. Ich gehe ja immer noch in Horrorfilme und in romantische Frauenmelodramen, wo die irgendeinen superschönen Supermann lieben, der dann leider in Afghanistan oder beim Löschen im World Trade Center am 11.9.2001 ums Leben kommt. Aber freiwillig gehe ich eigentlich nicht mehr in Geschichten von vier amerikanischen Highschul-Jungs, die das Problem haben, dass sie alle noch Jungfrau sind und einen Plan aushecken, wie das geändert werden kann.

An dem Anfang des Textes mag ich gerade, dass er so allt√§gliche Dinge hat wie Kaffeemaschine, Wecker, Licht auf der Tapete und zugleich andeutet, es werde nun irgendwas nicht ganz so Normales folgen. Dann aber hebt er ab in eine Sprachsph√§re des Kosmischen. Ich bekomme die Ahnung vom einem Protagonisten, der eine kleine Unlust versp√ľrt, ein wenig Lebens√ľberdruss, einer wie wir - und dann prallen die Gestirne und Maisfelder aufeinander. Die ja in dieser Zusammenballung alle nur noch W√∂rter sind. H√§tte er mir erz√§hlt, dass der Typ einen Spaziergang √ľber die Felder macht, w√§re an den Maisfeldern was dran. So aber sind es am Schreibtisch zusammengeklaubte Worth√ľlsen. Wo ich denke, dass statt ihnen auch 300 andere dastehen k√∂nnten, nach denen er zuf√§llig gerade nicht gegriffen hat.

quote:
...hin zu den Kaufr√§uschen, gepresste Erde, Kot, Erze, Untaten und Wohltat zugleich, wo kein Auge platzen w√ľrde, kein rettender Gedanke in den Schlingen aus Fleisch und Helmen, dem Trott z√§hnefletschender Armeen aus Glutsp√§nen, die sich ihr Feuer als Heilung erw√§hlten, diesen Blut spuckenden und um sich schlagenden T√§tern aus Gewalt und Gewissensbiss, gemischt in die Patienten der Psychatrien, um sich schlagend f√ľr Ziele, die kein Sinn mehr fasste.
um sich schlagen, Zähne fletschen, sich erwählen, Blut spucken, etwas pressen, Augen platzen, Untaten, Wohltaten,
Schlingen, Kaufräusche, Armeen, Feuer, Helme, Psychiatrie, Heilung, Patienten, Gewalt, Gewissenbisse, Kot, Fleisch, Erze, Glutspäne, rettende Gedanken...

Wenn ich dir ein Buch zeigen w√ľrde, das du nicht kennst, sagen, alle diese W√∂rter spielen in diesem Buch eine Rolle, w√ľrdest du dir eine enorme Geschichte vorstellen. Hier aber kommen die W√∂rter nicht auf 120 Seiten, sondern auf wenigen Zeilen vor. Es ist eine Art Aufz√§hlung. Es tut so, als h√§tte es mit jeder Vokabel auch schon die Sache im Griff. Ich sag dann mal schnell Weltuntergang und ich hab ein Werk √ľber den Weltuntergang verfasst. Nein, hab ich doch gar nicht, ich hab den Leuten vorgeflunkert, ich w√ľrde ein h√∂chst bedeutsames literarisches Werk schaffen, indem ich so ein Wort genommen habe, das einen gewissen pathetischen Wert in sich tr√§gt. Aber nur ganz allein, ein Wort f√ľr sich, ist keines bedeutender als das andere. Ich h√§tte auf den paar Zeilen auch die W√∂rter Quietscheentchen, Salami, Alleskleber, G√§hnen, Gully, schlendern, einschlafen... schreiben k√∂nnen, es w√§re grunds√§tzlich literarisch kein anderes Vorgehen gewesen. Es h√§tte nur nach viel weniger "Gewicht" ausgeschaut.

Dem von mir ziemlich gesch√§tzten Thomas Bernhard wurde ja immer wieder von Kritikern angekreidet, dass er sich mit ganz redundanten Wortkaskaden in seiner vorgeblichen Welt- und Lebenskatastrophe geradezu suhle. Das sei in Wahrheit alles nur Pose und auch zu erz√§hlen habe Bernhard kaum was gehabt. Na ja, Bernhard schreibt immer mal wieder hin, die Menschen seien alle pervers und gemein, sein Land √Ėsterreich sei eine Zumutung, die gesamte Welt sei ein Irrenhaus, seine, Bernhards, Existenz sei eine unausweichliche Sackgasse usw. Was er dann macht, ist weniger das Erz√§hlen von interessanten Handlungen als vielmehr das Arrangieren von Sprache. Mit dem hier also durchaus vergleichbar. Blo√ü macht er seinen Katatrophenbefund doch auch immer an irgendwas konkret Fassbarem fest. Dass es in Salzburg keine Neue Z√ľrcher Zeitung zu kaufen gibt, dass es im Caf√© Br√§unerhof zieht, dass man ihn, den Autor, dem man einen Preis √ľberreichen wollte, auf der Verleihungsfeier nicht erkennt, dass die alten Fensterrahmen aus den √∂ber√∂sterreichischen Bauernh√∂fen herausgerissen werden usw. Es wirkt ja dann oft l√§cherlich, dass solcher Pipifax die gro√üe Weltkatatstrophe sein soll. Aber er hat sie an was festgemacht, die Weltkatastrophe. Und der hier nicht. Er fuchtelt nur wild damit herum.

Bearbeiten/Löschen    


Architheutis
Guest
Registriert: Not Yet

Hallo Mono,

ich schwanke. Teilweise brillante Bilder, herrliche, eigensprachliche Bilder, fliessende Sätze ohne Überdruß - zumindest am Anfang und am Ende. Vom Kaffee zum Blei, ich bin dabei. ;-)

Der Mittelteil liegt mir quer im Magen. Zwar ist jeder Satz, jedes Bild f√ľr sich genommen sprachlich hoch interessant, aber in dieser umfangreichen Abfolge doch ein (f√ľr mich) zu hartes Brot. Es ist m√ľhsam, da zu folgen (kann mein Leseproblem sein, aber ein anderes kann ich dir nicht anbieten).

Ich versuche mal zu verdeutlichen, warum:

quote:
Die Sonne, ein wei√ües Ross, das ohne Bitten und Klagen seine Bahn √ľber den Himmel zog. Glutball aus Ged√§rmen, gestanzt in den Auswurf eines Momentes der Unbedachtheit von Regeln, denen sich lediglich der Tod entzog. Wohin mich auch das Leben warf, alles war gef√ľllt mit Gesetzen. H√§mmern auf Blech, Rosinen in weichem Teig, Kalendern, die sich alle vier Jahre einen Tag erlogen. Wie schnell w√ľrde alles beiseite gewischt, wenn sich die Beine einer Frau auf diesen Nummern und Zahlen r√§kelten. Ein leichtes Vibrieren von Augenbrauen und Geschlechtsteilen, dann brachen die Gesetze, die Sonnen brannten glei√üender, die Sterne im Rausch, die Hast von kurzfristigen Zielen, kein Entkommen mehr m√∂glich im Tanz zwischen den Pappw√§nden sich auswechselnder St√§dte voller Gier und Festivit√§ten. Das Tanzen der Kugeln der Jongleure, das Feuer im Atem der k√∂chelnden Gaumenfreuden, mit der abf√§lligen Spucke von verschwitzten K√∂chen darin, dem leisen Hauch der Verg√§nglichkeit an den Str√§nden aus Marmor.

Wie du siehst, habe ich die Verben farbig markiert. Der Grund dessen ist der, dass ich dir veranschaulichen möchte, warum ich an dieser Stelle Probleme habe: Denn die Verben sind die Wörter, in denen das Leben spielt. Der Mensch denkt in Bildern, und Worte des Handelns versteht er immernoch am besten. Verben lesen sich am leichtesten, die Verklompizierung beginnt bereits bei der Substantivierung eines Verbs.

Mal ein Gegenbeispiel eines großen Meisters, Kafka:

quote:
Der Kampf der Hände

Meine zwei H√§nde begannen einen Kampf. Das Buch in dem ich gelesen hatte, klappten sie zu und schoben es bei Seite, damit es nicht st√∂re. Mir salutierten sie und ernannten mich zum Schiedsrichter. Und schon hatten sie die Finger ineinander verschr√§nkt und schon jagten sie am Tischrand hin, bald nach rechts bald nach links je nach dem √úberdruck der einen oder der andern. Ich liess keinen Blick von ihnen. Sind es meine H√§nde, muss ich ein gerechter Richter sein, sonst halse ich mir selbst die Leiden eines falschen Schiedsspruchs auf. Aber mein Amt ist nicht leicht, im Dunkel zwischen den Handtellern werden verschiedene Kniffe angewendet, die ich nicht unbeachtet lassen darf, ich dr√ľcke deshalb das Kinn an den Tisch und nun entgeht mir nichts. Mein Leben lang habe ich die Rechte, ohne es gegen die Linke b√∂se zu meinen, bevorzugt. H√§tte doch die Linke einmal etwas gesagt, ich h√§tte, nachgiebig und rechtlich wie ich bin, gleich den Missbrauch eingestellt. Aber sie muckste nicht, hing an mir hinunter und w√§hrend etwa die Rechte auf der Gasse meinen Hut schwang, tastete die Linke √§ngstlich meinen Schenkel ab. Das war eine schlechte Vorbereitung zum Kampf, der jetzt vor sich geht. Wie willst Du auf die Dauer, linkes Handgelenk, gegen diese gewaltige Rechte Dich stemmen? Wie Deine m√§dchenhaften Finger in der Klemme der f√ľnf andern behaupten? Das scheint mir kein Kampf mehr, sondern nat√ľrliches Ende der Linken. Schon ist sie in die √§usserste linke Ecke des Tisches gedr√§ngt, und an ihr regelm√§ssig auf und nieder schwingend wie ein Maschinenkolben die Rechte. Bek√§me ich angesichts dieser Not nicht den erl√∂senden Gedanken, dass es meine eigenen H√§nde sind, die hier im Kampf stehn und dass ich sie mit einem leichten Ruck von einander wegziehn kann und damit Kampf und Not beenden ‚Äď bek√§me ich diesen Gedanken nicht, die Linke w√§re aus dem Gelenk gebrochen vom Tisch geschleudert und dann vielleicht die Rechte in der Z√ľgellosigkeit des Siegers wie der f√ľnfk√∂pfige H√∂llenhund mir selbst ins aufmerksame Gesicht gefahren. Statt dessen liegen die zwei jetzt √ľbereinander, die Rechte streichelt den R√ľcken der Linken, und ich unehrlicher Schiedsrichter nicke dazu.

Die Verben bilden hier die grösste Wortgruppe, darum liest es sich in einem Rutsch weg. Bei dir sind die 10 Verben in der Minderheit, darum wird es zäh. Auch die Stellung des Verbes im Satzbau bewirkt schon viel: Bei Kafka weit vorne, bei dir meist am Schluß. Den Satz begreift man erst mit dem Verb, alles dazwischen muss man "sich merken" und strengt an. Zumindest mich in dieser Häufigkeit.

Ich will dir -um Gottes Willen- keine Schreibweise diktieren; ich möchte dir nur mitteilen, warum ich beim Lesen hakte. Bewahre dir bitte deine Eigensprachlichkeit, denn die ermöglicht dir den Bau neuer Bilder, auf die nur du kommst.

Ich hoffe, du kannst hiermit was anfangen.

Gruß,
Archi

Bearbeiten/Löschen    


Architheutis
Guest
Registriert: Not Yet

Hallo nochmal,

quote:
ich verstehe, was Du meinst, Architheutis. Jedoch ist der Beispieltext ein Text, der von der Bewegung lebt. [...]
Der Text "Schaltjahre" ist jedoch in der Gedankenwelt angesiedelt. Hier spielen Bilder eine große Rolle, mehr als die Bewegung.

Da bin ich bei dir. Gemeint war nicht, dass du Bildern f√ľr Verben opfern sollst. Ich wollte nur darstellen, warum ich es etwas z√§h finde. Das soll aber in keinem Falle den Wert der Bilder schm√§lern.

Dominiks Einwand,
quote:
So aber sind es am Schreibtisch zusammengeklaubte Worth√ľlsen. Wo ich denke, dass statt ihnen auch 300 andere dastehen k√∂nnten, nach denen er zuf√§llig gerade nicht gegriffen hat.

halte ich f√ľr ein wenig zu streng. Ich sehe hier den Prot nicht in Belanglosigkeiten abdriften, eine Bodenhaftung bleibt erhalten:
quote:
Wohin mich auch das Leben warf, alles war gef√ľllt mit Gesetzen. H√§mmern auf Blech, Rosinen in weichem Teig, Kalendern, die sich alle vier Jahre einen Tag erlogen. Wie schnell w√ľrde alles beiseite gewischt, wenn sich die Beine einer Frau auf diesen Nummern und Zahlen r√§kelten. Ein leichtes Vibrieren von Augenbrauen und Geschlechtsteilen, dann brachen die Gesetze

Belanglos? Ich sehe √úberdru√ü ob des √úbergest√ľlpten. Ich sehe eine Befreiung, einen Hoffnugsweg, sich dessen zu entledigen.

Hier wird ein Weg gedanklich beschritten, sich der Belanglosigkeiten des Alltags zu entledigen.

Das geht klar. ;-)


Bearbeiten/Löschen    


4 ausgeblendete Kommentare sind nur f√ľr Mitglieder und nur mit eingeschaltetem Javascript erreichbar.
Zur√ľck zu:  Kurzgeschichten Ein neues Thema ver√∂ffentlichen.     Antwort ver√∂ffentlichen.
Werbung