Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, m├╝ssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5552
Themen:   95266
Momentan online:
426 Gäste und 8 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
Scharlachroter Honigesser
Eingestellt am 10. 01. 2018 18:02


Autor
Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.
CPMan
Routinierter Autor
Registriert: Aug 2014

Werke: 65
Kommentare: 155
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um CPMan eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Friedrich war seit jeher ein Fischnarr. Schon zur Schulzeit lief er nach dem Ert├Ânen der Glocke nicht nach Hause, sondern an den nahe gelegenen Weiher, wo im Gestr├╝pp seine selbst gebastelte Angel versteckt lag. Er fing Fische, er kaufte sich von dem wenigen Taschengeld, das er bekam, B├╝cher ├╝ber Fische, und leider roch er manchmal auch nach Fisch. Wenn ich mich mit ihm traf, dann musste ich mir immer seine Geschichten ├╝ber exotische Fische in fremden Gew├Ąssern anh├Âren, Geschichten ├╝ber Quastenflosser, Ohrensardinen und Papageifische. Noch Jahre sp├Ąter fand ich es manchmal erm├╝dend, wenn ich mich mit ihm auf ein oder zwei Bier verabredete, und er endlos ├╝ber die zahlreichen Arten der Angelruten fachsimpelte, oder die Unzul├Ąnglichkeiten bestimmter Angelhaken anprangerte. Oder wenn er immer und immer wieder die Geschichte von dem kapitalen Hecht, den er einmal, vor ├╝ber zwanzig Jahren, in einem Flussarm der Mosel gefangen hatte, erz├Ąhlte. Wenn ich dann versuchte, ihn auf ein anderes Thema zu bringen, dann l├Ąchelte er, und sagte: Du hast ja Recht, Gregor, ich rede zu viel ├╝ber Fische. Aber glaub mir, sobald ich mir so einen sch├Ânen Flussbarsch gefangen habe, werde ich mich zufrieden zur├╝cklehnen und wissen, dass ich im Angelsport alles erreicht habe was man nur erreichen kann. Flussbarsche, das wusste ich schon, galten unter Anglern als selten und gewitzt, was sie besonders begehrenswert machte. Der Fang eines Flussbarsches muss so etwas wie die Kr├Ânung eines jeden Anglerlebens sein. Durch diese repetitiven Fischgespr├Ąche wusste ich auch, dass Friedrich Stichlinge als K├Âder f├╝r seine Angelhaken benutzte, aber dass die Stichlinge in letzter Zeit so teuer geworden waren, dass er sich wieder k├╝nstliche K├Âder kaufte, die man mehrmals benutzen konnte.

Auch bei ihm zu Hause musste man nicht lange ├╝berlegen, was wohl Friedrichs Leidenschaft sein k├Ânnte. ├ťber die ganze Wohnung verteilt hingen unz├Ąhlige Poster von Fischarten an den W├Ąnden. In seinem Schlafzimmer hatte er ein 2mal2 Meter gro├čes Poster von einem vor Gibraltar photographiertem Flughahn, der wirklich bizarr aussah. Friedrich hatte mir erkl├Ąrt, dass dieser Fisch den lieben langen Tag nichts weiter tat, als ├╝ber dem sandigen Meeresboden zu schweben, und dass er, obwohl man ihn Flughahn nannte, und obwohl er fl├╝gelartige Brustflossen hatte, nicht wirklich fliegen konnte. Auch in der K├╝che, in der wir uns eines Abends mit zwei Flaschen Wein betrunken hatten, hing ein gerahmtes Bild von einem unwirklich aussehenden Fisch. Als wir beide schon recht angeheitert waren, war Friedrich pl├Âtzlich aufgestanden, hatte auf das Bild gezeigt, und mir stolz verk├╝ndet, dass dieser Fisch ein Lungenfisch sei, der an die Wasseroberfl├Ąche steigen m├╝sse, um atmen zu k├Ânnen. Um meinem Gastgeber zu gefallen, heuchelte ich Interesse vor, was Friedrich dann als Anlass nahm, mir einen etwa halbst├╝ndigen Vortrag ├╝ber diese bestimmte Fischart zu geben, und mich mit den bl├Âdesten Details und seinem detaillierten Hintergrundwissen zu f├╝ttern. Irgendwann, nach langer Zeit, plumpste er dann besoffen auf seinen Stuhl zur├╝ck, legte seinen Kopf auf die Tischplatte und schlief ein. Da ich Alkohol schon immer besser vertragen hatte als er, schaffte ich es, ihm unter die Schultern zu greifen, und ihn in sein Schlafzimmer zu transportieren. Als ich die T├╝r zu seinem Zimmer aufstie├č, glaubte ich zu tr├Ąumen. Das riesige Bett war von einem Vorhang aus Fischnetzen umgeben, und die Bettdecke sowie der Kissenbezug zeigten ein Fischmotiv, einen Schwarm Heringe, die sich unter dem Meereswasser und im Schein der durch die Oberfl├Ąche brechenden Lichtstrahlen synchron fort bewegte.
Als ich an diesem Abend nach Hause ging, wurde mir klar, dass ich nie das ganze Ausma├č seiner Vernarrtheit verstanden hatte. Erst an diesem Abend war mir klar geworden, dass f├╝r Friedrich Fische nicht nur ein Zeitvertreib, ein Hobby oder eine Leidenschaft waren, sondern eine sein Leben bestimmende Obsession. Nie, dachte ich, werde ich so eine Obsession nachvollziehen k├Ânnen.

*

Ich selbst war, ├╝brigens, ein Ornithologe. Aber ich war nicht verr├╝ckt nach V├Âgeln. Ich hatte nur ein einziges Poster mit einem Vogelmotiv in meiner ganzen Wohnung. Wenn ich mich mit Friedrich traf, dann erz├Ąhlte ich selten von meiner Arbeit im Vogelschutzgebiet oder von meiner Arbeit als Professor f├╝r die ornithologische Station der Universit├Ąt. Ich h├Ątte mich bestimmt komisch gef├╝hlt, wenn ich ihm von meiner Habilitationsschrift ├╝ber Zugv├Âgel erz├Ąhlt h├Ątte, oder ├╝ber meine wirklich unkonventionellen Theorien bez├╝glich des Kalifornischen Kondors. Ich glaube auch nicht, dass er meine Verachtung f├╝r die Goldoriolen verstanden h├Ątte, eine Vogelart, die vor allem unter Laien f├╝r ihre gl├Ąnzenden, goldgelben Federn verehrt wird. Nein, ich hatte es schon lange aufgegeben, meine Umwelt f├╝r meine beruflichen F├Ąhigkeiten zu begeistern, und war auch immer gut damit gefahren. Manchmal kam es vor, dass Leute mich von selbst ├╝ber meinen Beruf ausfragten, sobald ich ihnen erz├Ąhlte, dass ich Vogelkundler war. Diesen interessierten Menschen hatte ich dann immer gerne Rede und Antwort gestanden, und ich hatte ihnen bei weitergehendem Interesse auch Bildmaterial gezeigt, oder sie zu einem Besuch im Naturschutzgebiet eingeladen. Auch an der Universit├Ąt machte mir die Arbeit mit den Studenten Spa├č, denn sie sahen mich als eine Koryph├Ąe auf diesem Gebiet, und ihre manchmal dem├╝tige Art, mich ├╝ber eine bestimmte Spezies auszufragen, gab meinem Selbstbewusstsein einen ungeahnten Auftrieb. Aber, und ich bin stolz, das sagen zu k├Ânnen, f├╝r mich war die Vogelkunde immer nur ein Beruf, nicht mehr. Im Gegensatz zu Friedrich hatte ich es immer vermocht, Berufliches von Privatem zu trennen. Und so erz├Ąhlte ich Friedrich, wenn wir uns trafen, nichts ├╝ber V├Âgel.

Bis auf eine Ausnahme. Wir waren zusammen in Urlaub nach New York geflogen. Wir hatten uns in einem Hotel in der N├Ąhe des Central Parks einquartiert, und in den ersten Tagen hatten wir die eher un├╝blichen Sehensw├╝rdigkeiten erkundet. Wir waren raus nach Staten Island gefahren, um uns den h├Âchsten Punkt New Yorks, Todt Hill, anzusehen, und waren dann auch noch bis nach Montauk gefahren, weil wir beide den Autor Max Frisch verehrten. Die ├╝blichen Sehensw├╝rdigkeiten wie die Freiheitsstatue, das Rockefeller Center oder den Trump Tower hatten wir uns nicht angesehen, daf├╝r waren wir zu naturverbunden. Einzig und allein den Times Square waren wir hinauf- und hinab gelaufen, um das Gef├╝hl einer Gro├čstadt, die der Moloch New York ja nun einmal war, in uns aufzunehmen.
Am letzten Tag vor unserer Abreise waren wir dann in den Central Park gegangen. Wir liefen schon eine gute Stunde in dem Park umher, als Friedrich mich pl├Âtzlich am Arm festhielt, auf etwas zeigte, und sagte: Schau mal, ein Sperling. Ich schaute in die Richtung, die Friedrich mir angedeutet hatte, und brach sofort in Gel├Ąchter aus. Ich lachte so sehr, dass ich mich auf eine Bank setzen musste. Friedrich muss wohl gedacht haben, dass ich einen epileptischen Anfall oder so etwas hatte, denn er versuchte mich zu halten und fragte ganz aufgeregt: Was ist los, Gregor, was ist los? Als ich mich wieder einigerma├čen gefangen hatte, zeigte ich mit dem Finger auf den Vogel, den Friedrich als einen Sperling identifiziert hatte, und sagte, immer noch grinsend: Das, mein lieber Friedrich, ist kein Sperling, sondern eine Elster. Du hast absolut keine Ahnung von V├Âgeln, oder?

Friedrich hatte daraufhin das Gesicht verzogen. Nein, hatte er dann ruhig erwidert, ich habe keine Ahnung von V├Âgeln, genauso wenig, wie du Ahnung von Fischen hast.

*

An dem Tag, an dem ich sie zum ersten Mal traf, hielt ich gerade eine Vorlesung an der Universit├Ąt. Die Vorlesung war schon fast eine halbe Stunde alt, als die T├╝r aufging, und sie herein kam. Sie stieg die Stufen herab und setzte sich in die erste Reihe, als ich gerade beginnen wollte, die unverkennbaren Merkmale des farbenpr├Ąchtigen Pfirsichk├Âpfchens zu erkl├Ąren. Ich erinnere mich noch gut an diesen Tag, und ich erinnere mich noch besser an ihre Erscheinung. Sie war in einen schwarzen Mantel geh├╝llt und sie trug ihr rotes Haar geschlossen in einem Zopf. Ich muss zugeben, dass ich f├╝r eine Weile so sehr von ihrer Sch├Ânheit geblendet war, dass ich mich nicht wirklich konzentrieren konnte, als ich ein Dia vom Austernfischer an die Wand projizierte. Der Austernfischer ist an K├╝sten und im Marschland anzutreffen, begann ich, und er ├Ąhh, er ├Ąhh, nun, seit einiger Zeit wird er auch im Binnenland gesichtet. Ein Student fragte mich, ob er Austernfischer hie├č, weil er sich von Austern ern├Ąhrt, und ich erwiderte, nat├╝rlich, sonst hie├če er wohl kaum Austernfischer. Erst als es schon zu sp├Ąt war, fiel mir ein, dass der Austernfischer sich haupts├Ąchlich von Muscheln ern├Ąhrt, und so gut wie gar nicht von Austern.
Vor lauter Aufregung beendete ich die Vorlesung dann zehn Minuten fr├╝her, was einige der Studenten, die mich und mein Pflichtbewusstsein genauestens zu kennen schienen, leicht verwunderte. Meine Aufregung lie├č leider auch nicht nach, als sie pl├Âtzlich vor meinem Pult stand und mich anl├Ąchelte. Ich studiere Entomologie, sagte sie, und ich brauche ein paar Informationen ├╝ber den Weidenlaubs├Ąnger. F├╝r einen langen Moment starrte ich sie an, dann gab ich mir einen Ruck, und sprach zu ihr. Wissen sie, sagte ich, meine Kenntnisse bez├╝glich des Weidenlaubs├Ąngers sind leider etwas limitiert. Wie w├Ąre es, wenn wir uns, sagen wir, Samstagabend zum Essen treffen, bis dahin kann ich ihnen ganz bestimmt eine kleine Mappe zusammenstellen, die alle n├Âtigen und unn├Âtigen Informationen zum Weidenlaubs├Ąnger enth├Ąlt.

Sie schaute mich belustigt an. Die Zeit, die zwischen meiner Einladung und ihrer Reaktion auf meine Einladung verging, kam mir wie eine kleine Ewigkeit vor. Der Blick, den sie mir in diesem Moment zuwarf, brannte sich an diesem Tag f├╝r immer in mein Ged├Ąchtnis ein. Ich wei├č, dass es dieser Moment gewesen sein muss, in dem ich mich unsterblich in sie verliebt habe.

Warum nicht, sagte sie l├Ąchelnd. Wie w├Ąre es mit Samstagabend um Acht?

Ich kenne ein tolles Restaurant, sagte ich. Als sie ging, musste ich mich erst einmal hinsetzen und laut aufatmen. Ich habe sie, ├╝brigens, nie gefragt, warum sie Informationen ├╝ber den Weidenlaubs├Ąnger brauchte, wo sie doch Entomologin war, und ich glaube, dass sie mich auch deshalb mochte, weil ich nie zu viele Fragen stellte.

*

Wir heirateten zwei Jahre sp├Ąter, am 11. Juli 1991, an dem Tage, an dem man von Mexiko aus eine totale Sonnenfinsternis beobachten konnte. Die Heirat war und wird immer der sch├Ânste Tag in meinem Leben bleiben. Denn noch in derselben Nacht flogen wir in unsere Flitterwochen auf den Bismarck Archipel. Ich hatte mich f├╝r diese Inselgruppe entschieden, weil sie f├╝r einen Vogelkundler wie mich, der sich auf exotische V├Âgel spezialisiert hatte, ein unbedingtes Muss war. Und als Annalena in einem Reiseprospekt ein F├╝nf-Sterne Hotel gefunden hatte, das sich in der N├Ąhe der Vogelwarte befand, war auch sie der exotischen Vielfalt dieser vor Neu-Guinea gelegenen Insel erlegen, und hatte sich zu einer Reise dorthin bereit erkl├Ąrt.

Die ersten Tage waren wundersch├Ân. Wir verbrachten einen Tag am Strand, es war herrlich warm, und das azurblaue Meer ergoss sich best├Ąndig mit seiner wei├čen Gischt auf den wei├čen Sand, der uns die nackten F├╝├če kitzelte. Die Angestellten des Hotels erkannten uns als zahlkr├Ąftige europ├Ąische Kunden, und lasen uns praktisch jeden Wunsch von den Lippen ab. Als ich am dritten Tag fragte, ob sie auch Touren in die nahe gelegene Vogelwarte unternahmen, erz├Ąhlte mir der Concierge gleich von einer f├╝r den ├╝bern├Ąchsten Tag geplanten Jeep-Tour, bei der, gegen eine stattliche Geb├╝hr nat├╝rlich, ein einheimischer Fahrer uns in die interessantesten Gebiete fahren konnte. Ohne Annalena zu fragen, buchte ich gleich zwei Pl├Ątze f├╝r die Tour.

Zwei Tage sp├Ąter fuhren wir. Annalena war nat├╝rlich etwas sauer, weil ich sie ohne zu fragen mit eingeschrieben hatte, aber da es unsere Flitterwochen waren, und ich ihr diesen Trip auch f├╝r sie als Entomologin schmackhaft machen konnte, verlor sich ihr Schmollen im Fahrtwind, den die riskanten und rasanten Man├Âver unseres waghalsigen Fahrers produzierten.
Als wir in der Vogelwarte ankamen, traute ich meinen Augen nicht. Ein buntes Gemisch exotischer V├Âgel flog ganz unbek├╝mmert in den hohen B├Ąumen und Palmen umher, und f├╝hlte sich durch unsere Anwesenheit nicht im Geringsten gest├Ârt. Mit meiner Spiegelreflexkamera und mit aufgesetztem Teleobjektiv machte ich mich sogleich an die Arbeit. Schon innerhalb einer Stunde waren mir mehrere gute Photographien vom Blutschnabelweber, vom Goldh├Ąhnchen und vom Schneidervogel gelungen. Sowohl physisch als auch gedanklich glaubte ich mich im Paradies. Nie wieder habe ich so ein lohnendes Erlebnis, in beruflicher wie privater Hinsicht, gehabt.
Dass Annalena unser Ausflug in die Vogelwarte nicht ganz so begeisterte wie mich, merkte ich, als wir nach vier Stunden den anstrengenden Marsch unterbrechen mussten, damit sie sich ausruhen konnte. W├Ąhrend sie sich von unserem Fahrer die F├╝├če massieren lie├č, und sich lauthals ├╝ber die Strapazen des Marsches beschwerte, ging ich auf einen mit starken ├ästen best├╝ckten Baum zu und begann, an ihm herauf zu klettern. Nach knapp zwanzig Minuten und gut f├╝nfzehn Meter ├╝ber dem Erdboden war ich an einem Vogelnest angelangt. Wie unschwer zu erkennen war, handelte es sich um das Nest eines vom Aussterben bedrohten Salomonentrupials. Wie viele andere Vogelarten nutzt der Salomonentrupial zum Nestbau Materialien, die er in unmittelbarer N├Ąhe findet. Im Gegensatz zu den anderen Vogelarten ist sein Nest jedoch wie ein Napf geformt, und es besteht zu einem gro├čen Teil aus Viehhaaren und Bindf├Ąden. Auch das Nest, das ich vor mir hatte, war gr├Â├čtenteils aus Viehhaaren und Bindf├Ąden gemacht worden. Um das ganze Nest herum befand sich jedoch zus├Ątzlich eine Schicht Spinnweben, die das Nest mehr wie einen Kokon aussehen lie├čen. In dem Nest lagen zwei Eier, beide cremig wei├č, mit einem schwarzen Bereich an jedem Ende. Da es Juli war, erstaunten mich diese zwei Eier. Der aktuelle Forschungsstand bez├╝glich des Salomonentrupials besagte n├Ąmlich, dass die Brutzeit dieses Vogels f├╝r gew├Âhnlich zwischen Ende August und Anfang Oktober lag.

Als ich wieder vom Baum herunter geklettert war, machte ich Annalena sofort auf meine Entdeckung aufmerksam. Ich sagte ihr, dass ich sobald als m├Âglich die Herausgeber des Bestimmungsbuches, das ich bei mir hatte, anrufen m├╝sse, um ihnen meine Entdeckung mitzuteilen. Annalena schaute mich jedoch nur entgeistert an, und sagte dann zum F├╝hrer: Please take us home.

Wir verbrachten noch zwei weitere herrliche Wochen auf dem Bismarck Archipel. Ich unternahm noch einige Touren in die Vogelwarte, und hatte somit am Ende unserer Reise genug Photomaterial zusammen um ein eigenes Buch ├╝ber die Vogelarten dieser Inselgruppe herausbringen zu k├Ânnen. Annalena jedoch zog es vor, am Strand oder im Hotel zu bleiben, um sich dort mit den anderen internationalen G├Ąsten zu unterhalten, oder um eins ihrer mitgebrachten B├╝cher zu lesen.

*


Ich wei├č nicht mehr, warum ich Friedrich erst mit Annalena bekannt machte, als wir schon ├╝ber vier Jahre verheiratet waren. Vielleicht, so denke ich heute, sch├Ąmte ich mich ein bisschen f├╝r ihn. Vielleicht konnte ich mir aber auch einfach nicht vorstellen, dass Annalena und Friedrich sich viel zu sagen h├Ątten. Friedrich war ein ganz anderer Typ als Annalena, und er lebte in seiner Welt. Wahrscheinlich bef├╝rchtete ich auch, dass Friedrich Annalena mit seinen endlosen Geschichten ├╝ber den Fischfang langweilen w├╝rde, und dass Annalena sich sp├Ąter blo├č dar├╝ber beschweren w├╝rde, dass ich sie einander vorgestellt hatte.

Jedenfalls gingen wir eines Abends miteinander essen. Friedrich hatte uns in sein Lieblingsrestaurant eingeladen, ein Fischrestaurant nat├╝rlich. Wir trafen uns um acht Uhr abends, und Annalena begr├╝├čte ihn ├╝berschw├Ąnglich. Ich habe schon viel von Ihnen geh├Ârt, sagte sie, Gregor erz├Ąhlt oft von ihnen. Friedrich antwortete darauf mit einem lockeren Spruch, den ich akustisch nicht verstand. Annalena aber lachte, und dann betraten wir das Restaurant. Es war ein Restaurant der gehobenen Preisklasse, und anstatt der gew├Âhnlichen Fenster waren Bullaugen in die W├Ąnde eingelassen. Der Boden knarrte und quietschte wie die Holzbohlen auf einem Schiffsdeck, und die Kellner trugen, wie es nicht anders zu erwarten war, Matrosenanz├╝ge. Ich fand die Atmosph├Ąre ein bisschen l├Ącherlich, aber Annalena schien es zu m├Âgen. Wir setzten uns in eine entlegene Ecke des Restaurants, und lie├čen es uns gut gehen.

Nach etwa drei Flaschen Wei├čwein und nach unseren Hauptgerichten begann der Abend feuchtfr├Âhlich zu werden. Annalena erz├Ąhlte von ihrer Arbeit als Entomologin, und Friedrich h├Ârte ihr gespannt zu. Als Friedrich schlie├člich einen Witz ├╝ber Fr├Âsche machte, die gehen, h├╝pfen und fliegen konnten, lachte Annalena unerh├Ârt laut. Noch w├Ąhrend sie sich in Lachkr├Ąmpfen sch├╝ttelte, stupste sie Friedrich an der Schulter, und sagte: Sie sind ja ein komischer Vogel. Fisch, gab Friedrich zur├╝ck, Fisch, der komische Vogel sitzt gegen├╝ber, und zeigte dabei auf mich. Ich verzog nur das Gesicht, aber Annalena ├╝berkam ein neuer Lachkrampf. Auch f├╝r den Rest des Abends schien sie sich k├Âstlich zu am├╝sieren, und obwohl Friedrich wieder seine Geschichte vom gr├Â├čten Fang, eben jenem kapitalem Hecht im Flussarm der Mosel, zu erz├Ąhlen begann, schien Annalena sich pr├Ąchtig zu am├╝sieren. Ich hingegen war froh, als wir gegen zwei Uhr in der Fr├╝h das Restaurant verlie├čen.



Als wir nach Hause liefen, fragte ich Annalena, ob sie bemerkt habe, welch strengen Geruch Friedrich verstr├Âme, und wie sehr man sich wundern m├╝sse, dass ihm trotz seiner Begeisterung f├╝r Fische noch keine Schwimmh├Ąute gewachsen seien. Annalena erwiderte nur, dass sie an ihm keinen besonderen Geruch ausgemacht habe, und dass sie ihn, selbst wenn er nach Fisch r├Âche, m├Âgen w├╝rde. Ich w├╝rde dich auch m├Âgen, wenn du nach V├Âgeln r├Âchest, f├╝gte sie kichernd hinzu. Daraufhin wurde ich ein wenig ungehalten, schlie├člich gibt es meiner Meinung nach keinen haarstr├Ąubenderen Vergleich als den von Fisch- und Vogelgeruch. Fische riechen nach Fett und ranziger Schmierseife, erl├Ąuterte ich, V├Âgel aber, fuhr ich fort, V├Âgel verstr├Âmen einen luftigen Geruch von Rosenwasser, ihr Gefieder umgibt ein Hauch von Freiheit. Bei dem Wort Freiheit brach Annalena wieder in Gel├Ąchter aus, ein Gel├Ąchter, das so bei├čend war, dass ich mich pers├Ânlich angegriffen f├╝hlte. Ich redete weiter auf sie ein, und versuchte, sie von der falschen Verh├Ąltnism├Ą├čigkeit ihres Vergleichs zu ├╝berzeugen. Aber je mehr ich auf sie einredete, desto weniger sagte sie. Wei├čt du, Gregor, ich finde, dass du dieser Sache eine Bedeutung beimisst, die sie nur schwerlich verdient, sagte sie, als wir endlich zu Hause angekommen waren.

*

Im siebten Jahr unserer Ehe schrieb Annalena ihre Habilitationsschrift. In ihrer Habilitationsschrift, so erkl├Ąrte sie mir, wollte sie zeigen, wie vor Millionen von Jahren Fische sich Schritt f├╝r Schritt zu Amphibien fortentwickelt hatten, und dann schlie├člich, im Laufe der Jahrhunderte, zu Reptilien geworden waren. Ich hatte von solch einer Theorie schon mal geh├Ârt, und so fragte ich sie, ob ihre Theorie nicht ein Gemeinplatz der Evolutionsforschung w├Ąre. Sicher, hatte sie geantwortet, aber in meiner Habilitationsschrift setze ich ganz andere Schwerpunkte, und auch unterscheidet sich mein Ansatz stark von den etablierten Arbeiten zu diesem Thema. Ich werde die Forschung mit meiner Habilitation in eine ganz andere Richtung lenken, sagte sie kokett. Da ich so gut wie gar nichts ├╝ber Bodentiere wusste, konnte ich ihr bei der Habilitationsschrift nicht behilflich sein. Ich schlug ihr jedoch vor, Friedrich zu kontaktieren, schlie├člich war er mit Fischen und ihrer Geschichte bestens vertraut. Er wird dir sicherlich helfen k├Ânnen, sagte ich. Annalena nahm diesen Ratschlag gerne entgegen, und keine zwei Tage sp├Ąter rief sie ihn an. Sie verabredeten sich f├╝r den darauf folgenden Tag und Annalena nahm Friedrichs Einladung, bei ihm vorbei zu kommen, hocherfreut an.

Im Laufe der Zeit traf sie sich immer ├Âfter mit Friedrich. Das ging manchmal so weit, dass sie erst sp├Ąt abends nach Hause kam. Ich machte mir allerdings keine Sorgen, schlie├člich konnte ich mir absolut nicht vorstellen, dass Annalenas Interesse an Friedrich nicht ausschlie├člich beruflicher Natur war. Ich bemitleidete sie sogar, weil sie sich so sehr f├╝r ihre Habilitation aufopferte, dass wir unser soziales Leben immer mehr einschr├Ąnkten. Wir gingen am Wochenende immer seltener weg, und auch unsere wenigen Freunde kamen immer seltener zu Besuch. Aber ich wusste ja auch, wie aufreibend die Zeit der Habilitation war, schlie├člich hatte ich auch mal eine geschrieben. Zu jener Zeit hatte ich pers├Ânlich sogar auf jegliche soziale Kontakte verzichtet. Ich hatte mich damals quasi in meiner Junggesellenbude f├╝r den Zeitraum eines Jahres eingeschlossen, und war nur zu den n├Âtigsten Dingen wie Einkaufen und Sprechstunden des betreuenden Professors aus dem Haus gegangen. Deswegen fand ich Annalenas Verhalten auch nicht im Geringsten sonderbar.

An einem Abend im Dezember kam sie erst nach Mitternacht nach Hause. Sie hatte den ganzen Tag bei Friedrich verbracht. Ich war schon eingeschlafen, aber die Ger├Ąusche, die sie im Bad machte, weckten mich wieder auf. Ich war ein bisschen verstimmt, weil ich es grunds├Ątzlich nicht mochte, wenn man mich aus dem Schlaf holte. Annalena nahm sich im Schein der Badezimmerlampe die Ohrringe ab, die ich ihr zu unserem f├╝nfj├Ąhrigen Hochzeitsjubil├Ąum geschenkt hatte, und schl├╝pfte schlie├člich in ihr Nachthemd. Als sie ins Bett gekrochen kam, stellte ich mich schlafend. Doch Annalena kannte meine Art, mich schlafend zu stellen, und so versuchte sie, sich an mich zu kuscheln. Ich war aber immer noch schlecht gelaunt, und so stie├č ich sie von mir fort. Lass mich, sagte ich. Sie schien ersch├╝ttert. Was hast du denn, fragte sie. Mir fiel kein wirklicher Grund f├╝r meine schlechte Laune ein, und so sagte ich: Du riechst nach Hering!

Das sa├č. F├╝r ungef├Ąhr eine halbe Minute sa├č Annalena aufrecht auf dem Bett und schaute mich ganz entgeistert an. Dann, noch eine halbe Minute sp├Ąter, verlie├č sie das Bett und ging auf die T├╝r zu. Bevor sie aus unserem gemeinsamen Schlafzimmer verschwand, drehte sie sich noch einmal zu mir um und sagte: Karpfen, ich rieche nach Karpfen, nicht Hering.

*



Ihre Treffen mit Friedrich rissen nicht ab. Jetzt kam sie nicht mehr um Mitternacht nach Hause, sondern erst am fr├╝hen Morgen. Und noch immer schrieb ich diese langen Abwesenheiten einzig und allein ihrem beruflichen Interesse zu. Abgesehen davon war ich selber beruflich auch ziemlich eingespannt. Ich schrieb eine Arbeit ├╝ber den Scharlachroten Honigesser, oder Myzonela sanguinolenta. Ich fand heraus, dass diese seltene Vogelart in Neukaledonien verbreiteter war, als man allgemein annahm. Auch konnte ich feststellen, dass diese Spezies, die man in Neukaledonien auch den Blutvogel nannte, im Fr├╝hling meistens in Vierer- oder F├╝nferschw├Ąrmen auftrat, w├Ąhrend sie in den Wintermonaten eher nomadisch lebte. Auch die Essgewohnheiten des Scharlachroten Honigessers gaben zu einiger ├ťberraschung Anlass. So ern├Ąhrt dieser Vogel sich haupts├Ąchlich von Eukalyptusb├Ąumen, der Rinde von Teestr├Ąuchern und dem Saft der wirklich seltenen Banksien, kleinen Nadelb├Ąumen, die vereinzelt in den W├Ąldern Neukaledoniens wachsen. Das M├Ąnnlein ver├Ąu├čert bei der Balz eine schnelle Folge von Pfeift├Ânen, die man zumeist in der Mittagshitze des neukaledonischen Sommers vernehmen kann, zu einer Zeit also, wo die meisten anderen V├Âgel eher still sind. Die Eier, die der Scharlachrote Honigesser legt, sind wei├č, mit einem gr├Ąulichen Schimmer an den Enden. Die K├╝ken sind bei der Geburt schon gefiedert, wobei die Farbpalette des Gefieders von kastanienbraun bis anilinrot reicht.

Ich war ziemlich versunken in meiner Arbeit. Manchmal verbrachte ich ganze Nachmittage damit, Gespr├Ąche mit neukaledonischen F├Ârstern zu f├╝hren, die die von mir untersuchte Spezies schon einmal zu Gesicht bekommen hatten. Nach ungef├Ąhr zwanzig Telefonaten konnte ich sogar einen F├Ârster dazu ├╝berreden, mir einen Scharlachroten Honigesser zuzuschicken. Am liebsten h├Ątte ich nat├╝rlich einen lebenden Vogel dieser Art bekommen, aber aufgrund der strengen Auflagen des internationalen Zolls war dies nicht m├Âglich. So lie├č ich mir einen eines nat├╝rlichen Todes gestorbenen Scharlachroten Honigesser an meine Adresse in der Universit├Ąt schicken. Es dauerte ungef├Ąhr eine Woche, bis das Exemplar bei mir eintraf. Ich verschanzte mich regelrecht in meinem B├╝ro und ├Âffnete das Paket. Als ich die letzten Schn├╝re und das letzte Papier von der Schachtel entfernt hatte, nahm ich behutsam den Deckel ab. Und dann sah ich zum ersten Mal in meinem Leben einen Scharlachroten Honigesser. Wie ich den Vogel so daliegen sah, mit seinen abgespreizten Krallen, ├╝berkam mich ein Gef├╝hl der Trauer. Es wollte einfach nicht in meinen Kopf, dass selbst so ein exotischer Vogel dasselbe Schicksal wie alle anderen V├Âgel erleiden musste.


Wenn Annalena zu Hause war, lie├č ich sie meistens in Ruhe. Ich wollte sie nicht bei ihrer Arbeit st├Âren, genauso wenig, wie ich bei meiner Arbeit gest├Ârt werden wollte. Ich hielt es f├╝r das Beste, sie w├Ąhrend dieser anstrengenden Zeit allein zu lassen. Abgesehen davon interessierte ich mich auch nicht sonderlich f├╝r ihre Arbeit. Ich konnte ihre Begeisterung f├╝r diese un├Ąsthetischen Kriechtiere nicht nachvollziehen, und das merkte sie mir wohl an. Jedes Mal, wenn ich sie dabei beobachtete, wie sie in ihrem Arbeitszimmer irgendwelche Tiere sezierte, ├╝berkam mich der Brechreiz. Wenn die Ged├Ąrme und Innereien dieser Tiere aus der Bauchdecke hervor traten, wurde mir jedes Mal ├╝bel. Nat├╝rlich w├Ąre es sch├Ân gewesen, wenn sie sich f├╝r meine Arbeit interessiert h├Ątte, und ich mich f├╝r ihre. Aber ich denke, dass man solche Gemeinsamkeiten nicht erzwingen kann, und ich fand es auch nicht richtig, Interesse vorzuheucheln, wo keines vorhanden war. Also lie├č ich sie ihre Arbeit machen und ich machte meine.

*

Einen Monat nachdem sie ihre Habilitationsschrift eingereicht hatte, verlie├č sie mich. An einem sch├Ânen Sonntagmorgen stand sie pl├Âtzlich mit gepackten Koffern im T├╝rrahmen, sagte Lebewohl, und verschwand dann. Ich hatte nicht einmal die Zeit, ihr etwas hinterher zu rufen. Ich hatte keine wirkliche Ahnung davon, was um mich herum passierte, und so tat ich erst einmal gar nichts. Als am Nachmittag das Telefon klingelte, glaubte ich, dass Annalena mich anrief um sich zu entschuldigen. Als ich den H├Ârer abnahm, erkannte ich ihre Stimme, aber ihr Ton war nicht sehr entschuldigend. Ich bin bei Friedrich, sagte sie tonlos, ich werde bei ihm einziehen. Ich war schockiert. Ich hatte trotz ihrer vielen Treffen mit Friedrich nicht im Traum daran gedacht, dass eine Frau, ganz zu schweigen von meiner Frau, jemanden wie Friedrich attraktiv oder charmant finden konnte. Warum? fragte ich ersch├╝ttert, warum? Annalena blieb ganz ruhig. Nun, sagte sie, erstmal, weil er in einer Zeit f├╝r mich da war, in der du mir nur die kalte Schulter gezeigt hast. Dann, weil er und ich die gleichen Interessen haben. Im Gegensatz zu dir ist er sehr bodenst├Ąndig. Nimm ess mir nicht ├╝bel, Gregor, aber du lebst nur f├╝r deine V├Âgel und f├╝r nichts sonst. Jedes Mal, wenn ich mich mit dir unterhalten wollte, flogst du mir mit deinen V├Âgeln davon. Ich kann einfach nicht mehr, Gregor, ich kann einfach nicht mehr. Es tut mir leid. Dann h├Ąngte sie auf. Ich f├╝hlte mich wie vor den Kopf gesto├čen. Die ganze Zeit, in der ich geglaubt hatte, dass Friedrich und Annalena rein beruflich miteinander zu tun hatten, war Friedrich auf ein Aff├Ąre mit meiner Frau aus gewesen. Er musste sie so becirct haben, und ihr wahrscheinlich auch ein paar L├╝gen ├╝ber mich erz├Ąhlt haben, dass sie seinen Machenschaften letztendlich erlegen war.

Die folgenden Tage passierte nichts. Ich ging wie gew├Âhnlich meiner Arbeit nach, und hoffte darauf, dass Annalena Friedrich bald satt haben, und schlie├člich zu mir zur├╝ckkehren w├╝rde. Ich war mir sicher, dass diese Sache zwischen Annalena und Friedrich von vorneherein zum Scheitern verurteilt war, und dass Annalena bald erkennen w├╝rde, was f├╝r ein Profilneurotiker Friedrich in Wirklichkeit war. Immer und immer wieder verglich ich mich mit Friedrich, und immer schloss ich meinen Vergleich zu meinen Gunsten ab. Ich hatte einen besser bezahlten Beruf als Friedrich, ich war gesellschaftsf├Ąhiger, und, ich wei├č, das klingt jetzt vielleicht ein wenig anma├čend, aber ich sah auch besser aus als Friedrich. Je mehr ich ├╝ber Annalena und Friedrich nachdachte, desto mehr kam ich zu der ├ťberzeugung, dass Annalena jene Art von Seitensprung beging, der in diesen Lifestyle-Magazinen als ÔÇÜpositiver SeitensprungÔÇÖ beschrieben wird. Dieser Theorie zufolge w├╝rde Annalena bald an den M├Ąngeln, die Friedrich zweifelsohne hatte, erkennen, dass ich in punkto Zuverl├Ąssigkeit, Aussehen und Charakterst├Ąrke weitaus besser abschnitt als er. Dann w├╝rde dieser Seitensprung letztendlich unserer Ehe zu neuem Schwung verhelfen, und Friedrich w├Ąre dann nicht nur Annalena los, sondern auch mich, seinen ehemaligen Freund.

Als zwei Monate vergingen, und Annalena immer noch nicht zur├╝ck war, begann ich an der Theorie des ÔÇÜpositiven SeitensprungsÔÇÖ zu zweifeln. Ich glaubte, dass Annalena nun wirklich bald erkennen m├╝sse, was f├╝r ein Depp Friedrich war, und wie verhaltensgest├Ârt seine Fischliebe auf den gesunden Menschenverstand wirkte. Ich vermutete, dass Annalena Friedrich schon l├Ąngst verlassen hatte, und dass sie nun alleine in einem Hotel wohnte, um sich ein wenig Zeit zu lassen, bevor sie zu mir zur├╝ckkehrte. Ich wei├č, um mir Gewissheit zu verschaffen, h├Ątte ich nur bei Friedrich anrufen m├╝ssen. Aber mein Stolz war zu gro├č und zu gekr├Ąnkt, als dass ich Friedrich einfach so h├Ątte anrufen k├Ânnen. Schlie├člich war er es gewesen, der mich schamlos hintergangen, und mir meine Ehefrau gestohlen hatte. Wenn sich einer bei mir melden und entschuldigen musste, dann doch wohl er. H├Ątte ich bei ihm angerufen, h├Ątte es so ausgesehen, als bettelte ich bei ihm um meine Frau. Diese Bl├Â├če konnte und wollte ich mir nicht geben.

*

Ein Jahr verging und nichts passierte. Ich schaute jeden Abend aus dem Fenster unserer Wohnung, und in jeder vorbeigehenden Passantin sah ich Annalena. An der Universit├Ąt schlich ich ein ums andere Mal um das entomologische Seminar herum, doch niemals traf ich dort auf Annalena. Nur in den Universit├Ątsnachrichten las ich, dass Annalena ihre Doktorw├╝rde erlangt, und f├╝r ihre Habilitationsschrift die Bestnote bekommen hatte. Sie hatte es also geschafft. Ich freute mich f├╝r sie, aber mehr noch h├Ątte ich mich gefreut, wenn sie bei mir vorbei gekommen w├Ąre, um mich zu ihrer Doktorparty einzuladen.

Auch mein Beruf litt unter der privaten Misere. Ich verlor mehr und mehr das Interesse an V├Âgeln, und konnte einen Sperling nicht mehr von einem Spatz unterscheiden, wie wir Ornithologen sagen. Mir war es auch egal geworden, dass der Scharlachrote Honigesser sich aufgrund der sorgf├Ąltigen Planung und Pflege des WWF derart vermehrt hatte, dass er nicht mehr auf der Liste der bedrohten Tierarten stand. Auch die Ehrendoktorw├╝rde der Universit├Ąt Noum├ęa, die sich f├╝r meine Bem├╝hungen zur Erhaltung des Scharlachroten Honigessers erkenntlich zeigen wollte, nahm ich ohne gr├Â├čere Freudenspr├╝nge entgegen. Mein neues Projekt, eine Arbeit ├╝ber die s├╝dostasiatischen Echosalanganen, kam nur schleppend voran. Obwohl ein befreundeter Experimentalbiologe aus K├Âln ├╝ber ein Nest der Echosalanganen verf├╝gte, konnte ich mich nicht dazu ├╝berwinden, die Reise dorthin anzutreten. Ich wusste, dass die s├╝dostasiatischen Echosalanganen ihre Nester komplett aus Speichelsekret herstellten, und dass diese Nester sogar essbar waren. Ich hatte verschiedene Exemplare dieser Nester schon auf Fotos gesehen, und konnte mir nicht vorstellen, dass eine Untersuchung eines realen Nestes irgendwelche bahnbrechenden Erkenntnisse, die nicht schon vorher in irgendwelchen B├╝chern besprochen worden waren, hervor bringen w├╝rde. Auch ging es meinem Kollegen nicht nur um mein Interesse am Echosalanganen. Er hatte mich gebeten, vor seinen Studenten eine Vorlesung ├╝ber den Scharlachroten Honigesser zu halten. Gerade diese Bitte lie├č mich erkennen, dass meine beruflichen Erfolge immer mehr auf diese eine Arbeit ├╝ber den Scharlachroten Honigesser reduziert wurden, und dass meine anderen Arbeiten, in die ich mindestens genauso viel Energie investiert hatte wie in meine Arbeit ├╝ber den Honigesser, als eher unwesentlich f├╝r die Ornithologie behandelt wurden. Und so sagte ich meinem Kollegen aus K├Âln nach reiflicher ├ťberlegung ab.

Eines Tages lief ich dann Friedrich ├╝ber den Weg. Er kam mir auf der Einkaufsmeile des Stadtzentrums entgegen, und als er mich sah, verzog er das Gesicht zu einer Grimasse. Dennoch kam er auf mich zu, und wollte mir sogar die Hand sch├╝tteln, die ich ihm aber verweigerte. Immer noch sauer? fragte er zerknirscht. Sauer trifft es nicht ganz, Friedrich, entgegnete ich ihm in einem Ton, der aus meinem gekr├Ąnkten Stolz keinen Hehl machte. Es tut mir leid, fuhr Friedrich fort, aber du kannst eine gewisse Schuld deinerseits nur schwerlich leugnen. Alles, wof├╝r du dich jemals interessiert hast, sind deine V├Âgel. Ich habe noch nie jemanden getroffen, der so sehr in seinem Beruf aufging wie du. Annalena hat mir erz├Ąhlt, dass du ihr nie zugeh├Ârt hast, wenn sie von ihren Problemen erz├Ąhlt hat. Alles, was ihn interessiert, ist dieses dumme Gefieder, hat sie gesagt. Und ich finde, dass sie nicht ganz Unrecht hat.

Friedrich machte mich ganz w├╝tend mit seinem analytischen Gehabe. Was wei├čt denn du, fuhr ich ihn an, duÔÇŽ, du dummer Kabeljau, du verfaulter Aal, du teuflischer Glattrochen. Friedrich lachte nur, murmelte etwas wie, Du lernst es nie, was, und lief davon. Ich konnte einfach nicht verstehen, was Annalena mit so einem Trottel wollte, der Fische pries, als w├Ąren sie eine dem Menschen ├╝bergeordnete Kreatur, und der von V├Âgeln so viel verstand wie ein Zebra.

*

Kurz vor Weihnachten traf ich dann auch auf Annalena selbst. Ich traf sie im Festsaal der Universit├Ąt, bei der Verleihung der Ehrendoktorw├╝rde an ein Mitglied der britischen K├Ânigsfamilie. Ich stand an der Sektbar, als sie pl├Âtzlich neben mir stand. Wie geht es dir? fragte sie behutsam. Gut, log ich. ├ťbrigens, fuhr sie fort, ich bin dir immer noch sehr dankbar daf├╝r, dass du in die Scheidung einwilligen willst. Es ist schade, dass wir das so unpers├Ânlich ├╝ber unsere Anw├Ąlte abwickeln mussten, findest du nicht auch. Ja, sagte ich wieder. Wann wollt ihr beiden denn heiraten? fragte ich mit einem Schmerz in der Brust. Oh, sagte Annalena, wir haben schon einen Termin f├╝r Juli im n├Ąchsten Jahr. Friedrich h├Ątte gerne kirchlich geheiratet, aber das geht ja nun nicht. Ich werde aber trotzdem ein sch├Ânes, wei├čes Kleid f├╝r die Hochzeit kaufen. Mir kamen fast die Tr├Ąnen. Da stand Annalena, die Frau, die ich abg├Âttisch liebte, und erz├Ąhlte mir von ihrer Hochzeit mit meinem besten Freund.

Um mich auf andere Gedanken zu bringen, wechselte ich das Thema. Ich schreibe gerade ein Buch ├╝ber den s├╝dostasiatischen Echosalanganen, sagte ich. Aha, erwiderte sie. Ja, fuhr ich unbeirrt fort, es ist ziemlich interessant. Der Echosalangane baut sein Nest n├Ąmlich nicht aus kleinen Zweigen oder aus Laub, sondern aus seinem eigenen Speichelsekret. Ich werde vielleicht bald nach K├Âln fahren, um mir dort ein Exemplar eines solchen Nestes anzugucken. Aha, sagte sie erneut. Eine Pause entstand. W├Ąhrend ich noch ├╝berlegte, was ich als n├Ąchstes sagen k├Ânnte, ergriff Annalena wieder das Wort. Du, ich muss weiter, sagte sie. Wir sehen uns. Wir sehen uns, sagte auch ich. Dann verschwand Annalena in der Menge. Ich blieb mit dem Sektglas in der Hand allein zur├╝ck. Kurze Zeit sp├Ąter sah ich Annalena noch einmal, wie sie Arm in Arm mit Friedrich den Festsaal verlie├č. Friedrich fl├╝sterte ihr etwas ins Ohr, was Annalena zum Lachen brachte. Als sie f├╝r mich nicht mehr zu sehen waren, kam mein wissenschaftlicher Assistent auf mich zu, und versuchte, mich in ein Gespr├Ąch ├╝ber meine Arbeit ├╝ber den Honigesser zu verwickeln. Ich blockte das Gespr├Ąch etwas unh├Âflich ab, indem ich sagte, ich f├╝hle mich nicht wohl. Ohne mich von irgendjemandem zu verabschieden, ging ich nach Hause.

Meine Arbeit ├╝ber den Echosalanganen f├╝hrte ich nicht zu Ende. Ich gab die Arbeit an meinen wissenschaftlichen Assistenten weiter, der ├╝ber den Echosalanganen seine Habilitationsschrift schreiben wollte. Ich nickte nur, als er mich fragte, ob ich ihm bei seiner Arbeit zur Hand gehen k├Ânne. Im Grunde war mir der Echosalangane egal.

*

Heute war ich beim Dekan der Universit├Ąt. Ich hatte einen offiziellen Termin mit ihm vereinbart. Als ich in sein B├╝ro kam, winkte mich die Sekret├Ąrin gleich durch, und sagte, dass der Dekan mich schon erwarten w├╝rde. Ich klopfte an die T├╝r, und Sekunden sp├Ąter ging die T├╝r auf, und der Dekan stand im T├╝rrahmen. Kommen sie rein, sagte er fr├Âhlich. Kommen sie rein, Herr Eisenstein, sagte er und lachte, weil es sich reimte. Ich sch├╝ttelte ihm die Hand und setzte mich dann auf den von ihm angebotenen Stuhl. Was f├╝hrt sie zu mir, werter Kollege? fragte der Dekan. Wenn sie mehr F├Ârdergelder f├╝r eine Arbeit brauchen, dann muss ich ihnen gleich sagen, dass mir die H├Ąnde gebunden sind. Ich wei├č, sie haben mit ihrer Arbeit ├╝ber den Scharlachroten Honigesser einen wesentlichen Beitrag zum guten Ruf dieser Universit├Ąt geleistet, und ich bin ihnen auch sehr dankbar daf├╝r, aber sehen sie, ich kann nicht mehr Geld ausgeben als ich habe. Das verstehen sie doch, Herr Eisenstein, oder? Nat├╝rlich verstehe ich das, erwiderte ich m├╝de. Ich will auch gar kein Geld von ihnen. Aha, lachte der Dekan, das sind doch mal gute Nachrichten. Also dann, Herr Eisenstein, wo dr├╝ckt denn der Schuh, immer raus mit der Sprache?

Also, fing ich an, ich bin nach reiflicher ├ťberlegung zu dem Schluss gekommen, dass es f├╝r mich das Beste ist, meine Stelle hier an der Universit├Ąt aufzugeben. Der Dekan schien ernsthaft ersch├╝ttert. Aber warum denn das, stotterte er, warum denn das? Sie sind einer unserer besten M├Ąnner hier, Herr Eisenstein, aufgrund ihrer sorgf├Ąltigen Arbeiten sind sie praktisch zu einem Aush├Ąngeschild dieser Universit├Ąt geworden. Sie k├Ânnen mich doch jetzt nicht im Stich lassen. Nicht jetzt, Herr Eisenstein, nicht jetzt. Sie sind doch der Mann, der alles ├╝ber V├Âgel wei├č, ja, noch nie im meinem Leben habe ich jemanden getroffen, der so vernarrt in V├Âgel war, und der soviel ├╝ber V├Âgel wusste wie sie, Herr Eisenstein. Ach, V├Âgel, sagte ich leicht verbittert. Alles was die tun, ist ihre Federn zu spreizen und herum zu fliegen. Ich brauche einfach in Zukunft etwas Abstand zu meinem Beruf, schlie├člich will ich mich an der Oxford Universit├Ąt in England bewerben. Aha, sagte der Dekan, ist dort ein Lehrstuhl freigeworden? Nicht dass ich w├╝sste, entgegnete ich ihm, es interessiert mich auch nicht. Ich will mich dort als Student bewerben, nicht als Lehrkraft.

Jetzt schien der Dekan vollkommen perplex. Als Student, wunderte er sich. Ja, aber um Himmels willen, Herr Eisenstein, was wollen sie denn studieren?

Ichthyologie, sagte ich, mit einem L├Ącheln im Gesicht.







Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


Zur├╝ck zu:  Erz├Ąhlungen Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.
Werbung