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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Schatt al-Arab
Eingestellt am 22. 06. 2016 11:49


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steyrer
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Jun 2009

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„Ein schlechtes Gewissen steht der Verwandtschaft“, überlegte sich Dora und so waren alle ihre Wünsche zum 75. Geburtstag unerfüllbar. Als es so weit war, legte sie eine Schallplatte auf, nahm in einem Sessel Platz und empfing die vielen unter Bedauern überreichten Ersatzgeschenke, wie Bonbonnieren, Schnäpse; Blumensträuße und Engelsfiguren. „Aber das macht doch nichts. Nein wirklich, ich freu mich trotzdem“, wiederholte sie mit sanfter Stimme immer und immer wieder und fühlte sich sehr gut. Nun lag jedoch das Geschenk ihres Großneffen Roderich vor ihr: Eine alte Zigarettendose aus den 50ern mit einem Segelschiff und der verschlungenen Aufschrift „Schatt al-Arab. Leichte Mischung. 20 Cigaretten“. Dora war nichts übrig geblieben, als sich zu bedanken, denn schließlich hatte sie sich genau solche Zigaretten gewünscht. Sie wusste nicht, ob sie sich auf den Arm genommen, oder vielleicht doch beschämt fühlen sollte, denn Roderich war von ganz ausgesuchter Freundlichkeit, ganz im Gegensatz zu den anderen Verwandten. Jedem Einzelnen von ihnen hatte sie schon einmal ihr ganzes Erbe versprochen, auch Roderich, aber dieser war der einzige, der abgelehnt hatte. „Warum kommt dann ausgerechnet dieser junge Mensch zu mir alten, unausstehlichen Person?“, denn dass sie unausstehlich war, wusste sie, aber auch es nicht immer gewesen zu sein. Darüber, wie solches Unausstehlichwerden vor sich ginge, hatte sie früher oft gegrübelt, jetzt wischte sie solche Gedanken beiseite. Etwas anderes erschien ihr wichtiger: Ihr war, als hätten sich mit Roderich wichtige Dinge verschoben, wären halbfremd geworden, wie eine vertraute Melodie, der eine Note hinzugefügt wurde. Sie hatte diesen Gedanken vor langer Zeit einmal in einem Buch gelesen und versuchte sich zu erinnern: Der Autor war irgendein Philosoph oder Theoretiker, den sie damals für ziemlich exzentrisch gehalten hatte. Jetzt allerdings erschien ihr dies alles sonnenklar und vernünftig.

Die unmögliche Zigarettendose sah tatsächlich alt aus und – sie setzte ihre Lesebrille auf – wirkte dieses Schiff nicht eher wie ein Wrack, oder täuschten die vielen Sprünge und Flecken? Nun schien ihr selbst der Wunsch nach Zigaretten, wenn auch erfundenen, höchst sonderbar. Hatte sie nicht schon vor über vierzig Jahren mit dem Rauchen aufgehört, weil ihr selbst von den leichteren Sorten übel wurde? Sie legte die Dose weg und sah geistesabwesend in ihren Schminkspiegel ohne die Brille abzunehmen. Sie schrak zurück, denn in diesem Augenblick sah sie zum ersten Mal diesen seltsamen winzigen Punkt in ihren Augen, einen Punkt, hinter dem Dunkelheit und Kälte lauerten. Jetzt fiel ihr ein, dass Roderich nicht immer freundlich gewesen war. Einmal hatte er sie sogar auffallend lange mit eindringlichem Blick fixiert, als wäre sie ein anatomisches Präparat. Ihr war damals unheimlich geworden, aber seit damals war sein Verhalten verändert. „Er weiß, dass ich sterbe“, dachte sie bestürzt. Sie betrachtete die Zigarettendose und hoffte, dass sie sich in etwas anderes verwandeln würde – in eines der Ersatzgeschenke – und sie erwachen könne, wie aus einem Traum. Die Dose aber blieb, was sie war und als sie den Deckel öffnete, lagen tatsächlich Zigaretten darin. Der Geruch des alten Orienttabaks erschien ihr wunderbarer als die fernste Erinnerung und sie fühlte sich plötzlich wieder sehr jung. Sie nahm eine davon heraus, schob sie spielerisch zwischen die Lippen und überlegte, was ihr Arzt sagen würde, wenn sie erzählte, dass sie alte filterlose Orientzigaretten rauche wolle. Vielleicht, dass sie nichts als albern-leichtsinnig mit ihrem Leben spiele? Sie entzündete ein Streichholz und dachte: „Ja, vielleicht“.



Version vom 22. 06. 2016 11:49
Version vom 22. 06. 2016 17:01
Version vom 28. 06. 2016 14:48
Version vom 28. 06. 2016 15:05

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müder Dichter
Hobbydichter
Registriert: May 2016

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Hallo steyrer,

Den Anfang deiner Geschichte fand ich sehr spannend und hat mich neugierig gemacht. Den Mittelteil fand ich dann leider nicht sehr ausgereift und an den Details müsste nach meiner Meinung noch gefeilt werden.

quote:
aber niemand von ihnen „ganz gewisse Kleinigkeiten“

Das tönt seltsam in meinen Ohren. Vielleicht besser: […]Engelsfiguren überreichten, liebgemeinte Präsente, denen Dora aber nichts abgewinnen konnte. Oder: die Dora nichts bedeuteten.

quote:
Dennoch wiederholte sie immer und immer wieder: „Aber das macht doch nichts. Nein wirklich, ich freu mich trotzdem.“

Das finde ich eine seltsame Reaktion auf die Geschenke. Würde für mich nur Sinn machen, wenn sich die Besucher für die banalen Geschenke entschuldigen, aber das geht aus dem Text nicht hervor. Ich würde diesen Satz von Dora weglassen. Er hat für den weiteren Verlauf der Geschichte keine Relevanz auch wenn er später nochmals erscheint. Es sei denn du möchtest andeuten, dass die gute Dora ein bisschen senil ist.

quote:
Dies stimmte und für Roderich hatte sie deshalb Schatt-al-Arab-Zigaretten erfunden.
Du hast am Anfang erwähnt, dass diese Zigaretten offenbar von Dora erfunden wurden. Aber wieso hat sie die für Roderich erfunden? Ich verstehe den Zusammenhang zwischen den anderen Geschenken und der Erfindung der Zigaretten nicht, den du sprachlich herstellst. Oder war es ein Märchen, das sie ihm erzählt hatte als er noch klein war?

quote:
„was will dieser junge Mensch von mir?“

Auch dieser Satz tönt inhaltlich seltsam und ist für mich eine unübliche Reaktion auf dieses besondere Geschenk.

quote:
als einziger anständiger, guter, einfühlsamer Mensch

etwas viele Adjektive – weniger wäre mehr.

quote:
Sein Gesicht vermochte sie sich nicht einzuprägen.

Ich habe so die Vermutung, du möchtest mit diesem Satz andeuten, dass Roderich nur in der Fantasie von Dora existiert. Beim Durchlesen der Geschichte hat sich bei mir jedoch nur ein Fragezeichen gebildet. Die Tatsache, dass Dora den Charakter Roderichs offenbar genau beschreiben kann passt für mich nicht dazu. Auch gibt es am Ende keine Auflösung ob Roderich existiert, aber ein 0815-Geschenk überreicht hat, oder ob er überhaupt nicht existiert.

Der zweite Teil deiner Geschichte, auf den ich aus zeitlichen Gründen jetzt nicht mehr näher eingehe, macht auf mich einen sehr hektischen und sprunghaften Eindruck. Du springst vom Aussehen der Dose, zum Make-up von Dora, zum Duft des Inhaltes, zur Veränderung der Dose und des Inhalts und dann ist Schluss. Das passt für mich rhythmisch nicht zum ersten Teil der Geschichte.

Ich hoffe mein Feedback hilft dir weiter.
Mit müdem Gruße

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Blumenberg
Manchmal gelesener Autor
Registriert: Feb 2016

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Hallo steyrer,

ich habe die neue Version deines Textes gelesen und muss gestehen an manchen Stellen bin ich ein wenig ratlos.

quote:
Sie hatte eine Schallplatte aufgelegt, in einem Sessel Platz genommen und Besucher empfangen, die zu ihrem 75. Geburtstag Bonbonnieren, Schnäpse; Blumensträuße und Engelsfiguren überreichten, aber niemand von ihnen „ganz gewisse Kleinigkeiten.“ Dennoch wiederholte sie immer und immer wieder: „Aber das macht doch nichts. Nein wirklich, ich freu mich trotzdem.“

Die ganz gewissen Kleinigkeiten die du hier anführst, lassen ahnen, dass es wohl so etwas wie eine Wunschliste gegeben haben muss, sonst macht der Übergang zu das macht doch nichts in meinen Augen keinen Sinn. Das klingt wie ein Verzeihen, dass die Gäste nicht die richtigen geschenke mitgebracht haben.

Ebenso im nächsten Satz:
quote:
Dies stimmte und für Roderich hatte sie deshalb Schatt-al-Arab-Zigaretten erfunden.


Es stimmt, dass sie sich trotzdem freut, so weit so gut, aber warum sollte sie dann für ihren Großneffen ein Wunschgeschenk erfinden? Hier erschließt sich mir innere die Logik deines Textes nicht so recht. Vielleicht kannst du mir dabei mit einer Erläuterung helfen. Oder setzt du das bewusst als Stilmittel ein um den Leser darauf zu bringen, dass die alte Dame bereits recht dement ist?

quote:
„Der Geruch der Heiligkeit“, schoss es ihr durch den Kopf. Sie überlegte kurz, ob Roderich eine abgründige Neigung hätte, verwarf diesen Gedanken aber rasch: „Vielleicht wollte er mir einfach nur eine kleine Freude machen?“

Auch diese Textstelle ist mir nicht klar. Warum sollte der Großneffe eine abgründige Neigung haben und was soll das in diesem Kontext überhaupt sein?

Auch bei dieser Stelle wäre ich für eine kurze Erläuterung deinerseits dankbar.

Beste Grüße

Blumenberg

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steyrer
One-Hit-Wonder-Autor
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Hallo Blumenberg!

Moment, Moment. Ich arbeite noch an der Neufassung und habe deshalb hier noch gar nichts geändert. Du beziehst dich auf genau dieselbe Version wie müder Dichter. Die aktuelle Version und die alte Fassung vom 22. 06. 2016 unterscheiden sich nur minimal. Es war eine kleine stilistische Änderung nach dem Hochladen.

Eine Zusammenfassung der Grundidee:

Dora ist eine verbitterte, zynische alte Dame, die absichtlich unerfüllbare Wünsche äußert, damit sich ihre Besucher vor ihr demütigen. Daraus ist ein Ritual geworden und diese Devotion gibt ihr Gelegenheit zur Absolution. Die Selbsterniedrigung der Gäste bedeutet also ihre eigene Erhöhung. Nur Roderich macht da nicht mit: Er bringt das unmögliche Geschenk und wird damit zu einer phantastischen Figur, die nicht mehr in die Zeit und Ordnung passt, in der Dora und ihre Gäste leben. Er passt nicht in die alte Zeit und Ordnung, weil er Teil der neuen Zeit ist und damit auch Doras Ende ankündigt.

Das versuche ich jetzt genauer herauszuarbeiten. In ein paar Tagen lade ich diese neue Version hoch. Mal sehen, ob die dann ankommt.

Bis dahin schöne Grüße
steyrer










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steyrer
One-Hit-Wonder-Autor
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Hallo müder Dichter, hallo Blumenberg!

So, das wärs. Die Überarbeitung ist etwas umfangreicher ausgefallen, als ursprünglich geplant.

Grüße
steyrer

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müder Dichter
Hobbydichter
Registriert: May 2016

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Hallo steyrer

Ich finde die Überarbeitung hat deinem Text gut getan. Deine Idee kommt nun klarer rüber.

Grüsse
müder Dichter

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