Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, m├╝ssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5439
Themen:   92269
Momentan online:
309 Gäste und 12 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Gereimtes
Schatten
Eingestellt am 18. 10. 2010 21:06


Autor
Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.
presque_rien
???
Registriert: Feb 2003

Werke: 200
Kommentare: 1762
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um presque_rien eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Schatten

Vergeigter Himmel voller Geigen
spielt Hungersnoten, Saitenstiche,
wenn Zeit verzweigte Augenbliche
im Rachen schweigt, und Drachen steigen,

verv├Âgelt fr├╝hen Flaum, verfiebert
den Mohn im Gras, ein leichtes R├Âteln,
wenn Frost sich ├╝bt im leisen T├Âteln,
und federt, teert, was einst gefiedert

- kann's nicht verl├Ąngern! Nicht verlangen
noch einen Sch├Ąfchentraum zu fangen
im Mittagskurz, wenn abendlang
der Wolkenru├č an meinen H├Ąnden.

Dann klebt am LebEnden ein Enden,
und eine Klinge hat sein Klang.

Version vom 18. 10. 2010 21:06
Version vom 19. 10. 2010 23:59
Version vom 21. 10. 2010 00:38

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


gitano
Guest
Registriert: Not Yet

Uijui!
Ich lese hier sonettich-semantische Kernbohrungen mit Rhetorkreisel dessen phonetischer Schaum ├╝ber die Reibung der Tiefbohrung etwas hinwegt├Ąuscht...mit scharfer Klinge den Klang des LebEnden mit diesem Text etwas panikartig aus dem "Loch" rettet.

Wenn ich auch reingefallen bin bitte Rettungsbohrung und per Kapsel wieder zur Sonne! Sonnenbrille wegen Blendung bitte auch mitschicken!

Viele Schmankerl!
z.B. Hungersnoten (welche D├╝rre!)

Ein paar Fragen noch bidde:
Q1:
wenn Zeit verzweige Augenbliche
im Rachen schweigt
, und Drachen steigen,
hm, noch etwas unklar f├╝r mich. Funzt hier nicht so gut wie an anderer Stelle. Fehlt hier der Anschluss? Problem ist der? Tempus von: verzweigt

Vorschlag:
mit "verzweigte" klappt die Bindung wieder.

und T2:
"im Mittagskurz, wenn abendlang
der Wolkenru├č an meinen H├Ąnden."

Hier m├╝├čte doch das P├╝nktchen hinter "H├Ąnden" zum "nix" aufgebohrt werden (entfernen), weil sonst das Enjabement zu S 4 nicht funzt-oder?

KLANG>LebENDEN...sch├Âner R├╝ckbezug!

Meiner Meinung nach Dein bisher st├Ąrkstes Sonett (von denen die ich kenne)-Irrtum auch bei Sickergrubenfall meinerseits ausgeschlossen! Das ist ne ganz dicke zeitlose Packung! Daf├╝r vergebe ich gern meine erste 10 hier.
bewundernd und ger├╝hrt
gitano





Bearbeiten/Löschen    


presque_rien
???
Registriert: Feb 2003

Werke: 200
Kommentare: 1762
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um presque_rien eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Wow, gitano,

ich f├╝hle mich sehr geehrt, deine erste Lupen-10 zu erhalten! Das bedeutet mir viel, denn du bist ja Sonettkenner... und das hier ist noch nicht mal ein vern├╝nftiges Sonett, sondern ein seltsamer Bastard, den Petrarca und Shakespeare im Schatten der Nacht zeugten. (Hmmmm... keine sch├Âne Vorstellung.. ich glaube, Petrarca w├Ąre nicht Shakespeares Typ gewesen...) Dazu noch schielt er auf einem Reim. Aber er hat andererseits auch eine ├Ąltere Schwester, die in der Lupe bereits Zuwendung fand (aber das war bevor du kamst). Wie sch├Ân .

Zu "verzweigte" - danke f├╝rs aufmerksame Lesen, war ein Tippfehler - dabei habe ich den Text vor dem Posten bestimmt 10 Mal durchgelesen - verr├╝ckt, was das Hirn alles ausblenden kann...

Zum ├ťbergang zwischen V12 & V13: Das Enjambement ist willkommen und beabsichtigt, aber nur implizit. Zuerst wollte ich schreiben:

quote:
der Wolkenru├č an meinen H├Ąnden.
So klebt am LebEnden ein Enden,
und eine Klinge hat sein Klang.
Oder:
quote:
klebt Wolkenru├č an meinen H├Ąnden,
klebt schon am LebEnden ein Enden,
und eine Klinge hat sein Klang.
Aber dann wollte ich den Zweizeiler doch als Pointe vom Rest abtrennen, und mit dem "Dann" am Anfang einen Kontrast zu allen drei "wenn"s in den Strophen davor setzen. Und ich schreibe ja auch oft Gedichte, in denen ich die Gro├čschreibung und Zeichensetzung komplett weglasse, um freies semantisches Flie├čen zu erm├Âglichen - aber hier fand ich, dass das Gedicht semantisch und phonetisch ziemlich (zu?) dicht ist, und damit schon recht leserunfreundlich - ich wollte ihm dann doch ein klassischeres Layout g├Ânnen. F├╝r mich funktioniert V12 mit einem impliziten "ist" - was meinst du?

Freut mich ├╝brigens besonders, dass dir die Schmankerl gefallen - eigentlich schreibe ich nur noch, um Sprachspiele mit anderen zu teilen, die mir so im Alltag auf- und einfallen ...


Danke auch an allen anderen Werter!! So eine positive Reaktion h├Ątte ich echt nicht erwartet!

LG,
presque

Bearbeiten/Löschen    


gitano
Guest
Registriert: Not Yet

Liebe Julia!
Alles drehen und sich winden ist zwecklos. ob Bastard oder nicht und vom wem auch immer korpuliert!
Das Lob schlie├čt Deine (nicht unentdeckten-stillschweigend aufgenommenen, nicht alles viel mir auf-) Formgebungen(Idee) ein. Ich habe keine Orthodoxie mit dem Sonett-es mu├č letztendlich passen.
Weil f├╝r mich:
Die Gesamtidee bestimmt die recht bewegliche Form-nicht die Stare am Grab!
Das Sonett war nach meiner Kenntnis einer der beweglichsten und dynamischsten klass. Gedichtformen. Seit ich, auch au├čerhalb eines philologischen Studiums (grins) etwas davon aufnehmen konnte-und es mir wie mit einem Schlag die Klosterbrettt├╝r von der Stirn ri├č-bange ich nicht mehr um meine Sonettliebe!..und Du liebst es ja sehr offensicht auch:

Von wegen: Wortspielchen etc. pp. (siehe oben: meine Eingangspolemik). Wer derart ├╝ber die Schatten schreibt die Leben imagin├Ąr vorauswirft, es so einf├Ąngt-spielt nur W├Ârterlein? Jo, jo (l├Ąchel) aber flieg ruhig unbeschwert weiter!

Nun noch zur Textstelle:
Z12 als implizites IST wirkt ein wenig zu schwach auf mich.
Ich w├╝rde daf├╝r pl├Ądieren, gerade an dieser Stelle das Enjabement zuzulassen. Die Wortspielf├╝lle und die semantische Tiefe, nebst "Figuren" ist kein Grund f├╝r diese Pause...lass es fliesen!
Gute Sonette mit Tiefgang liest man nicht nur einmal, Die Irritation hier w├╝rde mich eher im Gedankenfluss unangenehm hemmen/irritieren. Auch wenn die "Kompliziertheit" sich mit Wortspielen/ Figuren( semantischen Umdeutungen etc. speist, wird wohl ein zweites Lesen mehr erschliessen. Es ist nur meine Meinung (aus vielen gelesenen Sonetten)-da├č es kein fixes Kriterium von Qualit├Ąt ist, das Sonett im ersten Lesen voll zu erschlie├čen. Das Dessert ist oft s├╝├čer (Bitte Punkt hinter "H├Ąnden" wegnehmen). Die Pointe ergibt sich nach meinem Lesen sch├Âner durch den Fluss.

...und nu noch:
Ich bin kein Sonettkenner-seh mich eher als Liebhaber der nicht am Grabe dieser sch├Ânen Form trauern m├Âchte. ENDE MEINES KOMMS DAZU.

Dein Belebungsversuchbeitrag ist also (f├╝r mich)gegl├╝ckt!
...all dies und noch viel mehr lese ich, sp├╝hre ich-und die 10 bleibt (f├╝r Dich von mir) eine "Lupenreine"! und wenn m├Âchtest putze ich sie noch! (Klarofix?)
Dankesch├Ân und bis bald!
gitano












Bearbeiten/Löschen    


gitano
Guest
Registriert: Not Yet

Huhu Marie Luise W. und Pelikan!
Fragen und es ├Âffnet sich eine so-nette-Welt!

Ich zitiere mal die Bewertungen:
HerbertH 8
Walther 8
Heidrun 10(die Du so sch├Ątzt Pelikanin und ich auch)
MD Spinoza 10
Spaetschreiber 10
anonym 7
gitano (anonym) 10 (aber angek├╝ndigt)

alles sehr gesch├Ątzte Autoren und Kritiker (bis auf mich, ich bin zu kurz dabei)

Zwei Zitate noch:
aus dem Forum Lupanum, Thema: Flaute im Experimentellen
(wo Du auch gepostet hast)
13.10.2010 von presque_rien:
Also ich finde es einfach unsinnig, ein Forum "Experimentelles" zu haben, weil gute Dichtung immer experimentell ist.
und am 16.10.2010:
P.S.: Ich glaube ├╝brigens nicht, dass Rimbaud (den ich ├╝ber alle Ma├čen bewundere) seine Dichtung ins "Experimentelle" gestellt h├Ątte. Ein Experiment iat ein Versuch. Aber Rimbaud erhebte an seine Dichtung den Anspruch, die neue und die einzige richtige Art des Dichtens zu sein.

und unser aller Goethe:
Der Genuss w├Ąchst mit dem entsprechenden Hintergrundwissen!

Es geht nicht um Deppen und Eliten
Wer das Sonett liebt wei├č warum, mit dem was man liebt befa├čt man sich gern!
Die Entfernung vom ersten Kuss bis hin zur goldenen Hochzeit ist auch gro├č-

Alles, was zum Sonett an Lesenswertem/ gibt, ist LEICHT ERREICHBAR ├Âffentlich zug├Ąnglich: ob man es liest entscheidet jeder selbst...

Ich habe keine AHnung von asklepischen Oden...
ich w├╝├čte aber wo ich nachschauen kann, (wenns mich interessiert)und da├č es l├Ąnger dauert zu verstehen.
Odenschreiber w├╝rden mir dies aber niemals vorwerfen...

Die Entfernung des Textes "Schatten" zu jemanden der sich nicht daf├╝r interessiert-der Sonette nicht so liebt wie Julia- ja die ist gro├č! Vor allem aber in der Sonettliebe-Was ist daran schlimm?
Es gibt hier viele Pl├Ąsierchen - und immer auch Leute die diese teilen, denen es gef├Ąllt!

Wenn ihr ├╝ber meine Komms r├Ątselt..ICH BIN DA, man kann mich fragen: a la : wie meinst Du das?
Ich frage st├Ąndig hier: HerbertH , Julia, Walther, Pelikan, Marlene M., Karl Feldkamp, Thylda, Walther, Spaetschreiber, revilo, Heidrun D., Heidrun D. und auch ├╝ber Fragen wurde ich zum Sonettliebhaber.
vielleicht ist das die Entfernung...
Ist niemalsnich b├Âse gemeint-sondern nur dem Ph├Ąnomen auf der Spur!

Bearbeiten/Löschen    


presque_rien
???
Registriert: Feb 2003

Werke: 200
Kommentare: 1762
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um presque_rien eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Liebe Pelikan,

vielen Dank f├╝r deine ausf├╝hrlichen Kommentare! Ich f├╝rchte, du hast das ganz falsch verstanden, als ich zu gitano sagte, er sei ein Sonett-Experte . Ich meinte das lediglich auf die Form des Sonetts bezogen - Hebungen, Reime, Versanzahl pro Strophe usw. - weil ich weiss, dass gitano gerne Sonette mag, und mich freute, dass er mein Gedicht gut fand und als Sonett ansah, obwohl es im Grunde kein klassisches Sonett ist (weshalb es auch hier steht und nicht bei den Festen Formen).

Was den Inhalt angeht, finde ich, dass es keinen besonderen Expertentum braucht, um dieses Sonett zu verstehen. Denn ich mache ja fast ausschliesslich Bez├╝ge innerhalb der Sprache, und nicht nach Aussen. Insofern spielt Hintergrundwissen ├╝berhaupt keine Rolle bei der Frage, ob das Gedicht gef├Ąllt - es kommt lediglich darauf an, ob man diesen extremverdichteten und assoziativen Stil mag oder nicht.

Beispiel "T├Âteln". Es gibt im Deutschen eine Reihe von Verben, bei denen eine Ableitung mit "-ln" ein weiteres Verb bildet, e.g.: "tanzen - t├Ąnzeln", "spotten - sp├Âtteln", "z├╝nden - z├╝ndeln" (und auch "streichen - streicheln", obwohl sich hier die Bedeutung des "-ln"-Verbs verselbstst├Ąndigt hat). Allen diesen "-ln"-Ableitungen ist gemeinsam, dass sie eine kleinere, unbedeutendere, schw├Ąchere, weniger vollendete, eher flackerhafte Handlung ausdr├╝cken. Nach demselben Muster funktioniert "t├Âteln" im Gegensatz zu "t├Âten": Der Frost "t├Âtet" ja meist nicht wirklich, nicht sofort - er umwebt leise, friert St├╝ck f├╝r St├╝ck ein, verlangsamt... H├Ątte ich "t├Âten" geschrieben, waere die Formulierung viel zu dramatisch - ich wollte aber Melancholie erzeugen, keine Dramatik, keinen Pathos. Ich sehe ein, dass meine Absicht nicht unbedingt klar erkennbar ist, finde aber auch, dass hier kein Expertentum notwendig ist - ausser ein Expertentum f├╝r deutsche Sprache vielleicht, aber dar├╝ber verf├╝gt ja jeder Muttersprachler .

Und du hast Recht: Nat├╝rlich gibt es hier ein Bem├╝hen um Neologismen, das kann ich kaum abstreiten . Aber die Neologismen sind auch genau das, was das Gedicht ausmacht, was der Grund f├╝r das Schreiben ist. Sie sind kein (krampfhaftes) Mittel, einen Inhalt zu transportieren, sondern sie sind das Gedicht. Der Grund, warum du denkst, du st├╝ndest "vor dem Inhalt wie ein Depp" ist nicht, dass dir irgendein Wissen fehle, dass es hier einen versteckten Inhalt g├Ąbe, der nur "Experten" zug├Ąnglich w├Ąre - sondern einfach, dass es bei diesem Gedicht keinen festen Gesamtinhalt gibt . Ich stelle nur eine Stimmung und eine Reihe von (meiner Meinung nach) passenden semantischen und phonetischen Bildern zur Verf├╝gung, und du musst dann als Leser schon selbst deinen Inhalt basteln. Oder auch nicht. Mir ist vollkommen klar, dass sowas nicht jedermanns Sache ist, aber das ist einfach der Stil, in dem ich schreiben m├Âchte. Ich erwarte nicht, dass es jedem gef├Ąllt. Ich h├Ątte niemals erwartet, mit diesem Teil hier das Beste Lyrikwerk aus 2 Wochen zu landen!

Interessant ├╝brigens, dass - wie ich schon im Lupanum anmerkte - Sprachspiel mit Humor und/oder Experimenten, nicht mit ernsthafter Dichtung assoziiert wird. Warum? F├╝r mich ergibt das keinen Sinn. Wenn man ├╝ber semantische und grammatische Grenzen der Standardsprache hinausgeht (nicht zu weit allerdings), erh├Âht sich doch einfach die Ausdrucksst├Ąrke der Sprache (im Idealfall) - das hat nichts mit einer bestimmten Stimmung zu tun, finde ich. F├╝r mich gibt es keine "├ťbers├Ąttigung am Wort" - ich kann mich daran nicht sattessen!

Bitte verzeih den langen Kommentar !

LG,
presque

P.S.: Mich w├╝rde ├╝brigens sehr interessieren, wie dich Heidrun genau "├╝ber den Inhalt aufgekl├Ąrt" hat...

Bearbeiten/Löschen    


18 ausgeblendete Kommentare sind nur f├╝r Mitglieder und nur mit eingeschaltetem Javascript erreichbar.
Zur├╝ck zu:  Gereimtes Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!