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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Scheinehe
Eingestellt am 21. 10. 2003 17:39


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Nina Trebesi
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Oct 2003

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Scheinehe

Scheinehe

„Aber Oma, das ist doch eine Mitzwah“, hatte Sarahs j├╝ngster Sohn gesagt. Eine Mitzwah, eine gute Tat, wird nicht bestraft. Im Gegenteil, sie wird von Gott belohnt.
Nat├╝rlich verstand Sarah, dass Ihre Mutter aufgebracht war. Sie war gewiss ein Risiko eingegangen, als sie Luis geheiratet hatte: einen 16 Jahre j├╝ngeren, schwulen, kubanischen Salsat├Ąnzer. Seit in Frankreich die Rechte an der Macht war und Innenminister Sarkozy mit eiserner Hand durchgriff, wurden Scheinehen besonders streng geahndet.

„F├╝nf Jahre Gef├Ąngnis kannst du dir einhandeln, wenn die Sache auffliegt“, hatte ihr erster Ehemann besorgt gesagt. Ihr zweiter Ex-Mann hatte damit gedroht, ihr das Sorgerecht f├╝r ihren J├╝ngsten streitig zu machen. Und ihre Mutter weinte jeden Tag und tr├Âstete sich nur damit, dass der Nicht-Jude Luis als Schwuler wenigstens nicht der zuk├╝nftige Vater nur halb j├╝discher Mischlings-Kinder sein w├╝rde. Sarah wollte ihrer Mutter keinen Kummer machen. Aber sie hatte keine Wahl. Was w├Ąre denn sonst aus Luis geworden? In Frankreich war sein Visum abgelaufen, und da er die Elf-Monate-Frist ├╝berschritten hatte, konnte er auch in Kuba nicht wieder einreisen, ohne Sanktionen zu riskieren. Er h├Ątte also nicht einmal ohne weiteres seine erkrankte Mutter besuchen k├Ânnen. Seine Mutter. Sarah l├Ąchelte in sich hinein. Die war gerade mal drei Jahre ├Ąlter als sie. Und sie sah ihr sogar ein wenig ├Ąhnlich, fand sie. Aber sie sollte ja nicht als Luis Mutter, sondern als seine Ehefrau durchgehen.
Sie hatte sich bei einer Rechtsanw├Ąltin erkundigt. Die von der DDASS, der Familienbeh├Ârde, konnten unangemeldet bei ihr auftauchen, die Wohnung durchsuchen, intime Fragen stellen, um eine eventuelle Scheinehe aufzudecken. So war das nun mal in Frankreich.
Deshalb hatten Luis und Sarah alles perfekt inszeniert.
Ger├╝hrt betrachtete Sarah die Fotos auf der Anrichte. Sie – klein, rundlich, lebhaft lachend. Luis, gro├č, gut gebaut, ein sonniges, offenes Jungengesicht. Seine Finger w├╝hlten z├Ąrtlich in Sarahs schwarzem Haar. Oder hier, komplizenhaft diskutierend. Luis und Sarah, H├Ąnde haltend. Luis, der Sarah zu Salsarhythmen f├╝hrte, seine Hand sanft auf ihrer H├╝fte.
Wie gut, dass Luis schwul war. Seine Homosexualit├Ąt bewahrte sie davor, unangebrachte Gef├╝hle in diese Ehe zu investieren. So waren die Dinge wenigstens klipp und klar: Einzig auf dem Papier waren sie als Gatten aneinander gebunden, „bis dass der Tod sie scheide.“

Dreimal pro Woche ├╝bernachtete Luis bei ihr, in Rubens Zimmer: Ihr ├Ąltester Sohn schlief schon regelm├Ą├čig bei seiner Freundin. Seine Sachen hatte Luis in der ganzen Wohnung… nicht verstreut, sondern liebevoll angeordnet, mit einem weiblichen Sinn f├╝r Harmonie. Genauso wie er aus jeder gemeinsamen Mahlzeit ein Festessen machte, mit gefalteten Servietten und schimmernden Kerzen. Sarahs Blick fiel auf den siebenarmigen Leuchter, den ihr ein Freund von Luis zur Hochzeit geschenkt hatte. „Auf dass Euer Ehegl├╝ck ewig strahle!“ hatte er affektiert gejauchzt, und Luis hatte Sarah f├╝rs Foto gek├╝sst.

Aber wo blieb er nur? Gew├Âhnlich war Luis dienstags vor ihr zu Hause, hatte frische Blumen auf dem Tisch arrangiert und brutzelte in der K├╝che irgendwelche k├Âstlichen, nach exotischen Gew├╝rzen duftenden und in allen Farben leuchtenden Gerichte.
Gew├Âhnlich lie├č sie sich dienstagabends aufs Kanapee sinken, kaum hatte sie die Wohnung betreten, und sog die w├╝rzigen Ger├╝che aus der K├╝che ein. Der Dienstag war ihr schwerster Tag. Von morgens bis abends: Sexuelle Probleme und Verfolgungswahn, Depressionen und Verlust├Ąngste. Ihre letzte Patientin an diesem Tag war eine Selbstmordkandidatin, die ihr gro├če Sorge bereitete. Und dann musste sie zu Samuels Schule hetzen, um ihren J├╝ngsten abzuholen und ins Fu├čballstadion zu chauffieren, und gleich darauf zum Coll├Ęge, denn David, ihr mittlerer Sohn, musste zur Klavierstunde gebracht werden. Danach ├╝bernachteten die beiden bei ihren jeweiligen V├Ątern.

Luis kam gew├Âhnlich dienstagabends singend aus der K├╝che, sobald er die T├╝r ins Schloss fallen h├Ârte. Er legte dann eine Salsaplatte auf, tanzte auf das Kanapee zu, nahm ihre beiden H├Ąnde und zog sie aus den Polstern heraus sanft an sich heran. Der leichte Rhythmus trug sie mit, immer weiter, ein ewiges Kreisen, das alle Gedanken aufsch├╝ttelte und das Herz fr├Âhlich auf und nieder h├╝pfen lie├č.

Aber wo blieb Luis heute nur? Sie wollte schon die Taste des Anrufbeantworters dr├╝cken, da sah sie pl├Âtzlich Rubens Jacke als Kn├Ąuel in einem Sessel liegen. Ruben war zu Hause? Und das dienstags?
Als sie an seiner Zimmert├╝r klopfte, h├Ârte sie von drinnen leise Stimmen. Vielleicht war er mit Julie gekommen, einem reizenden M├Ądchen, zwar keine J├╝din, aber im Gegensatz zu ihrer Mutter dachte Sarah zuallererst an das Gl├╝ck ihres Sohnes.

„Adelante!“ h├Ârte sie zu ihrer Verwirrung Luis warme Stimme von innen rufen. Sie stie├č die T├╝r auf. Da sa├čen in seltsamer Vertrautheit Luis und Ruben, zwei hoch aufgeschossene Burschen, Seite an Seite auf Rubens Sofa. Was die beiden wohl… Doch nicht… Aber nein, das war ausgeschlossen, so verliebt wie Ruben in Julie…
Luis war schon aufgesprungen, kam rasch auf sie zu, k├╝sste sie auf den Mund. „Amor“, sagte er z├Ąrtlich… Sie hatten sich diesen Umgang angew├Âhnt, damit sie f├╝r den Fall einer Kontrolle Routine hatten und nicht k├╝nstlich wirkten.
„Entschuldige, Mamormita, ich habe heute noch gar nicht f├╝r meine Familie gesorgt. Heute feiern wir! Ich besorge alles! Hasta luego, amor!“

„Luis ist total verknallt“, sagte Ruben, als die T├╝r ins Schloss gefallen war. Er lachte komplizenhaft. „Nein, keine Sorge! Nicht in mich!“
„Ah“, Sarah entfuhr ein Ausruf der Erleichterung. Obwohl sie doch als weltoffene Psychologin fest entschlossen war, ihre Kinder zu freien Menschen heranzuziehen, deren Entscheidungen sie respektieren w├╝rde. Ob sie nun Beruf, Religion oder die Sexualit├Ąt betrafen. Darum stellte sie klar: „Aber wei├čt du, Ruben, es ist deine Entscheidung, es ist dein Leben. Solltest du dir eines Tages dar├╝ber bewusst werden, dass...“ „Huch“, Ruben kreischte m├Ądchenhaft und strich sich kokett eine Haarstr├Ąhne aus der Stirn. „Doch nicht ich, Mama“. Mit wiegenden H├╝ften t├Ąnzelte er aus dem Zimmer.

„Auf uns“, Luis lie├č den Korken knallen. „Auf wen… uns?“ fragte Sarah lachend. „Auf uns alle“, Luis dunkle Haut f├Ąrbte sich ein wenig r├Âtlich. Er blickte zu Ruben hin├╝ber.
„Hast du’s erz├Ąhlt…“
„Ja!“ verk├╝ndigte Sarah fr├Âhlich und warf ein paar Scheiben d├╝nn geschnittene Kochbananen in die Pfanne. Sie zischten w├╝tend im hei├čen ├ľl. „Ich freu mich f├╝r dich, Luisito!!“ Sie strich Luis liebevoll ├╝ber die Wange. „Aber warum hast du mir das denn nicht gesagt!“
„Vielleicht wollte Luis sich nicht gleich therapieren lassen, Mama.“ Ruben lehnte cool in einer Ecke der K├╝che und kaute Pistazien. Beide jungen M├Ąnner ├╝berragten Sarah um zwei K├Âpfe.
„Aber nein“, protestierte Luis. Und zu Sarah: „Amorcito, ich habe ihn doch gestern erst kennen gelernt…“
„Und schon bis ├╝ber beide Ohren…“
„Mama. Genau das meinte ich eben, “ unterbrach Ruben sie.
„Ruben, jetzt spielst DU den Analytiker.“ Sie hielt Luis ihr Glas hin, er goss sch├Ąumenden Champagner ein. „Auf die Liebe!“ rief Sarah. „Jetzt sag doch endlich: ist er gro├č, klein, jung, alt, sch├Ân…“ „Er ist… so r├╝hrend“, Luis hatte feuchte Augen. „Unbeholfen… und zugleich so stolz… Schon wie er Salsa tanzt…“ „Er tanzt?“ Sarahs Glas klirrte, als sie es auf die K├╝chenablage stellte. „Ja, er ist mein Sch├╝ler… Im Montagabend-Kurs… Wo ich auch dich kennen gelernt haben, mi amor querido.“ Luis benutzte h├Ąufig spanische Ausdr├╝cke. Er wusste, wie charmant Sarah das fand. Er fasste sie um die H├╝fte wie immer dienstagabends und lie├č sie rhythmisch vor dem K├╝hlschrank kreisen.
Doch an diesem Abend f├╝hlte sich Sarah ein wenig steif. „Wie tanzt er denn?“ fragte sie. „Ungelenkig. Z├Âgernd. Unsicher.“ Luis lachte. “Das Gegenteil von dir, Amor. Dabei tut er so selbstsicher. Aber beim tanzen l├Ąsst sich eben nichts verbergen.“
Sarah l├Âste sich von Luis.
„Wann lernen wir deinen Liebsten denn mal kennen? Lade ihn doch zum Abend essen ein!“ Mit raschen Bewegungen hackte sie noch eine Kochbanane in St├╝cke. „Er kann auch gerne hier ├╝bernachten…“
„Spinnst du, Mama“, Ruben hatte den Mund voller Pistazien. „Und wenn die Nachbarn etwas mitkriegen!“
Er hatte ja Recht. Ihre Gro├čz├╝gigkeit war eben mal wieder mit ihr durchgegangen: Leben und leben lassen, war Sarahs Devise. Auch Julie war immer bei ihr willkommen. Aber Ruben machte von ihrem Angebot selten Gebrauch. Er warf ihr vor, sie wolle die ihr Nahestehenden unter Kontrolle haben. Nur deshalb gefiel es ihr, wenn sich alles in ihrem Haus abspielte. Was f├╝r ein Unsinn. Ruben war eben gerade in der Losl├Âsungsphase und suchte den Konflikt mit ihr.
„Davon abgesehen finde ich“, sagte Ruben kauend und legte Luis l├Ąssig den Arm um die Schulter, „du solltest deiner Frau deinen neuen Liebhaber schon einmal vorstellen“.

Am darauf folgenden Dienstag stand Sarah erneut allein vor der Anrichte. Luis hatte schon alles vorbereitet. Der Tisch war festlich gedeckt, exotische D├╝fte zogen aus der K├╝che. Nun holte er seinen Geliebten vom Vorortbahnhof ab.
Luis hatte ein ├╝ppiges Blumengebinde vor die Fotos gestellt, die Sarah und ihn als Liebespaar auswiesen. Wollte er die Bilder verstecken, um seinen Freund nicht eifers├╝chtig zu machen?
Sarah holte den siebenarmigen Leuchter, ihr Hochzeitsgeschenk, hinter den Blumen hervor und stellte ihn mitten auf den Esstisch.
Eifersucht. Ein Gef├╝hl, das Sarah fremd war. Sie kannte es lediglich durch ihre Patienten, diese litten daf├╝r bis zum Exzess darunter. Was f├╝r ein anstrengender Tag heute wieder gewesen war: Eine Patientin hatte seit Wochen keinen Sex mehr mit ihrem Ehemann gehabt und nun den Grund herausgefunden. Sie trug sich mit Mordgel├╝sten herum. Eine andere wollte sich an ihrem untreuen Partner r├Ąchen und ihn der Polizei ausliefern. Ihr Partner hatte n├Ąmlich keine g├╝ltigen Papiere. Sarah seufzte. Eifersucht war wirklich ein Leiden, das man f├╝rchten musste wie die Pest.
Sie l├Ąchelte sich im Spiegel zu. Sie trug ein tief ausgeschnittenes Kleid aus orangefarbener und hellgr├╝ner Seide. Farben, die gut zu ihrem dunklen Teint und den leuchtenden schwarzen Augen passten. Sie sah gut aus. Sie war Anfang 40, konnte aber f├╝r Mitte 30 durchgehen. Sie war rundlich, und das stand ihr. Manche M├Ąnner m├Âgen das. Besonders wenn eine Frau ihre Rundungen mit Selbstbewusstsein tr├Ągt, statt sie hinter sackartiger Kleidung zu verbergen.

Es klingelte. Luis benutzte gew├Âhnlich seinen eigenen Schl├╝ssel. Doch heute kam er wohl als Gast. Wie er sie vor dem anderen wohl nennen w├╝rde? Bestimmt nicht „Amor.“
Sie ├Âffnete die T├╝r. Neben Luis stand ein schlaksiger junger Mann, der ihr schlaff die Hand dr├╝ckte. So ein typisches franz├Âsisches H├╝hnerbr├╝stchen, w├╝rde ihre Mutter sagen.
„Sarah! Wie wundervoll du aussiehst!“, sagte Luis zu ihr. Es klang einstudiert und routiniert. Wie Sch├╝lertheater. Die Eltern sitzen auf zu kleinen St├╝hlen und klatschen nachsichtig Beifall.
„Sie sind Daniel, nehme ich an“, sagte Sarah ├╝berfl├╝ssigerweise zu dem jungen H├Ąnfling.
„Hi, ich bin Ruben“, rief ihr Sohn aus dem Hintergrund. Er war gekommen, obwohl Dienstag war, um den Liebhaber seines Stiefvaters kennen zu lernen.
„Hi, ich bin Dani“, sagte der junge Mann. F├╝r ihren Sohn und die Generation ihres Sohnes war er also Dani – und f├╝r sie Daniel, dachte sie ver├Ąrgert. Dani. Du meine G├╝te, wie albern. „Setzen Sie sich doch, Daniel.“
Sie musste endlich aufh├Âren, die Supermutter f├╝r alle zu spielen.
Luis nannte an diesem Abend weder sie noch Dani „Amor.“ Aber er verschlang Dani mit den Augen. Sarah gegen├╝ber war er geradezu vorbildlich aufmerksam. Zu aufmerksam. Es war eine pflichtbewusste Aufmerksamkeit und keine, die mit einem klopfenden Herzen einherging. Er schenkte ihr immer als erste nach und reichte ihr den Brotkorb, sobald sie am letzten Bissen ihrer Brotscheibe kaute. Ansonsten sa├č er schweigend, mit buddhahaftem L├Ącheln an ihrer Seite und starrte Dani an, der sich ihm gegen├╝ber cool in seinem Stuhl r├Ąkelte.
So wohlwollend sie auch zu sein versuchte: Dani war und blieb durch und durch platt und geistlos. Er prahlte ein wenig von irgendwelchen hochwichtigen Funktionen, die er bei irgendeiner Fernsehshow aus├╝bte, er benutzte Ausdr├╝cke des TV-Jargons, die keiner zu verstehen schien. Schon bald gingen die Gespr├Ąchsthemen aus.
Mitten in der schleppenden Konversation verstummte dann auch noch die Salsa-Platte. „Wollt ihr nicht tanzen?“ Sarah bem├╝hte sich um einen fr├Âhlichen Tonfall. Sie war aufgesprungen, um eine neue Platte herauszusuchen.
„Wer mit wem?“ fragte Ruben. Diese Frage hatte Sarah sich nicht gestellt. Normalerweise tanzte eine Ehefrau doch mit ihrem Mann.
„Sarah, darf ich dir Dani anvertrauen?“ h├Ârte sie Luis zu ihrer ├ťberraschung sagen.
Kurz nach dem Desaster – Dani tanzte wie ein St├╝ck Holz und sie waren zwei Lieder lang m├╝hsam durchs Wohnzimmer geholpert – verabschiedete Dani sich.
Nun war Luis wieder ganz der Alte: Singend trug er das Geschirr in die K├╝che, brachte Ruben und Sarah zum Lachen, schwatzte in einem fort und nannte Sarah „die Frau seines Lebens“, w├Ąhrend sie gemeinsam die Teller sp├╝lten.
Mit Schwung wienerte er den Herd, zart trocknete er die feinen Weingl├Ąser, ordnete sie akribisch in den Schrank, h├Ârte nicht auf, bis alles gl├Ąnzte.
Nun w├╝rde er sie - wie gew├Âhnlich nach getaner Arbeit - bei den H├Ąnden nehmen, sie in die immer kreisende Spirale des Salsa-Rhythmus hineinziehen…
Er legte Sarah eine Hand auf die H├╝ften, und sie begann schon, diese unter der Ber├╝hrung kreisen zu lassen, da h├Ârte sie Luis murmeln: „Mi Amor, macht es Dir was aus, wenn ich heute bei Dani ├╝bernachte? Er wartet auf mich.“

Am n├Ąchsten Morgen klingelte es Sturm, als Sarah noch im Morgenmantel am Kaffeetisch sa├č. Rasch zog sie sich das Kleid vom Abend zuvor ├╝ber, das nachl├Ąssig zerkn├╝llt auf dem Fu├čboden gelegen hatte. W├Ąhrend sie zur T├╝r eilte, zupfte sie ihr tiefes Dekolletee zurecht.
Hinter der T├╝r standen eine Frau und ein Mann mit sch├Ąbigen Aktenkoffern. Die Frau, eine graue Maus mit m├╝dem Gesicht, trug ein schlecht geschnittenes graues Kost├╝m und leuchtend rot gef├Ąrbte Haare, die wirkten, wie eine ungeschickte Retusche auf einem vergilbten Schwarz-Wei├č-Foto. An dem Mann war alles grau bis auf eine alberne Krawatte voller gelber Entchen.
Sie hielten Sarah zwei Ausweise entgegen. Sarah kam sich vor wie in einem Kriminalfilm.
Das war sie also, die gef├╝rchtete Kontrolle der Familienbeh├Ârde.
„Frau Levy, wir w├╝rden gerne im Rahmen einer Untersuchung der DDASS ein paar Minuten mit Ihnen und Ihrem Gatten plaudern.“ Der Beamte hatte eine unangenehm hohe Stimme.
„Mein Gatte ist bei der Arbeit. Aber kommen Sie doch herein. Nehmen Sie Platz.“
Im Hintergrund erschien Ruben im Schlafanzug.
„Was ist denn hier los“, g├Ąhnte er.
„Mein Gatte gibt zu dieser Stunde einen Salsakurs im Gymnase Center. Sie k├Ânnen ihn dort antreffen“, sagte Sarah laut. Der Beamte hatte sich auf Sarahs Kanapee breit gemacht, er hievte das K├Âfferchen auf seine Knie und ├Âffnete es mit einem Klicken. Er bef├Ârderte mit umst├Ąndlichen Bewegungen einen Notizblock zutage, notierte die Adresse des Gymnastikclubs, stemmte sich ungelenkig aus den Polstern von Sarahs Kanapee und eilte in Richtung Salsakurs davon.
Die graue Maus verteilte Unmengen von Dokumenten ├╝ber Sarahs Couchtisch.
Sie stellte genau die Fragen, auf die die Rechtsanw├Ąltin sie vorbereitet hatte: Was machte Luis als erstes nach dem Aufstehen, wie viele St├╝ck Zucker nahm er in den Kaffee, welche Kosenamen gab er ihr.
„Antworten Sie mir bitte ganz ehrlich Frau Levy“, sagte die Beamtin mit n├╝chterner Stimme. „Es wird Ihnen nichts passieren. Unter der Voraussetzung, dass Sie die Wahrheit sagen. Haben Sie je daran gezweifelt, dass Ihr Gatte Sie liebt, wie ein Mann eine Frau lieben sollte?“
Was verstand die graue Maus denn schon von diesen Dingen? „Ich hatte nie Zweifel an Luis Liebe“, erkl├Ąrte Sarah herablassend.
„Haben Sie sich je von Ihrem Gatten ausgenutzt gef├╝hlt?“
„Ausgenutzt?“ fragte Sarah ├╝berrascht.
Sie r├╝ckte die Blumen auf der Anrichte zur Seite und gab den Blick auf die Fotos frei.
„Sie sind also im Juni 1960 geboren, Frau Levy“, die Beamtin zeigte mit ihrem Kugelschreiber auf einen vollgetippten Bogen Papier. Sarah nickte.
„Und Ihr Gatte im Dezember 1976, ist das richtig“, die Stimme der grauen Maus klang s├╝ffisant. „Wie w├╝rden Sie reagieren, wenn Sie erfahren w├╝rden, dass Ihr Mann ein … z├Ąrtliches Verh├Ąltnis mit einer anderen Frau h├Ątte?“ Die Mausaugen, hatte Sarah den Eindruck, begannen malizi├Âs zu glitzern: „Mit einer Frau …in seinem Alter…“
Sarah sp├╝rte, wie ihr das Blut ins Gesicht schoss. Nerv├Âs suchte sie in ihrer Handtasche nach einem Taschentuch. Doch es gelang ihr, sich zu beherrschen. Mit fester Stimme sagte sie: „Luis liebt mich von ganzem Herzen. Ich liebe Luis von ganzem Herzen“. Fast drohend f├╝gte sie hinzu: „Da ist kein Platz f├╝r eine… Bettgeschichte“.
„Entschuldigen Sie… Im Rahmen unserer Untersuchung m├╝ssen wir diese Fragen stellen…“
„Sie k├Ânnen uns ja ├╝berwachen lassen, wenn Sie mir nicht glauben“, unterbrach Sarah die Beamtin scharf. „Sie k├Ânnen unser Telefon abh├Âren lassen…“
„Aber nein, Frau Levy“, lenkte die graue Maus ein. „Nein, mit diesen Mitteln arbeiten wir nicht. Es tut mir leid, dass ich Ihnen zu nahe getreten bin. Sie haben mich nun auch ├╝berzeugt, und…“, die Beamtin war schon dabei, die Dokumente zusammenzuraffen und in das abgeschabte K├Âfferchen zu stopfen.
„Viel Gl├╝ck in Ihrer Ehe. Wir lassen Sie nun ganz gewiss in Ruhe, Frau Levy. Und entschuldigen Sie die St├Ârung…“
Sarah knallte die T├╝r hinter der rot-grauen Beamtin zu.

„Was ist los, Amor? Hast du etwa geweint? Es hat doch alles wunderbar geklappt!“ rief Luis und k├╝sste Sarah auf die Nasenspitze.
Ruben hatte Luis an diesem Morgen alarmiert, und dieser war kurz vor dem Beamten im Gymnastikclub eingetroffen. Das Verh├Âr war zufrieden stellend verlaufen.
„Sagen wir, es hat mehr oder weniger geklappt“, berichtigte Sarah mit sanfter Stimme.
„Aber wir m├╝ssen in Zukunft vorsichtiger sein, mein Herz“, sie nahm Luis Hand. „Die Hexe, die mich verh├Ârt hat, hat angedeutet, man w├╝rde uns in der n├Ąchsten Zeit ├╝berwachen. Du wohnst also ab jetzt besser st├Ąndig bei mir und vermeidest jeden Kontakt mit deinem… Liebling.“
Sie nahm wahr, dass Luis die Farbe aus dem Gesicht wich und f├╝gte beschwichtigend hinzu: „Also keine Besuche, keine Telefonanrufe, falls wir abgeh├Ârt werden…“
„Abgeh├Ârt?“
„Was sehr wahrscheinlich ist… Diese Leute sind heimt├╝ckisch. Die muss man f├╝rchten…“, sie suchte nach Worten, „wie die Pest…“
„Und… wie lange?“ stammelte Luis.
„Sch├Ątzchen, ich w├╝rde sagen, ein paar Monate… Ein halbes Jahr vielleicht…“ Sarah blickte nachdenklich auf den siebenarmigen Leuchter.
„Ein halbes Jahr“, wiederholte Luis mit tonloser Stimme.
„Es steht viel auf dem Spiel, nicht wahr? Au├čerdem“, sie dr├╝ckte seine Hand, ohne den Blick von den sieben strahlenden Kerzen zu wenden, „k├Ânnen wir diese Zeit nutzen, um uns noch besser kennen zu lernen.“

__________________
Nina Trebesi

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la_gatta
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Aug 2003

Werke: 3
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Eine wundersch├Âne Geschichte! Ohne zu langatmig zu sein, ohne kitschig emotionale Gef├╝hlsausbr├╝che, aber ehrlich.
Danke!

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