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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Scheißgeschichte
Eingestellt am 02. 08. 2011 15:25


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Penelopeia
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Scheißgeschichte

Ich geb zu, ich hab kein gutes Gewissen, dass ich auf sone krumme Weise aus der Malesche gekommen bin, und n and’rer hängt für mich am Holz. Aber was sollte ich machen? Mir fiel einfach nix Besseres ein, als die Bullen kamen, blöde glotzten, unsicher von mir zu ihm, von ihm zu mir taperten. Ich hob die Hand und zeigte, einfach so. Der da wär der Richtige, sagte ich lässig, und zeigte auf meinen taubstummen Bruder. Der hob die Hände, öffnete den Mund. Aber wie immer kam nix raus. Einfach abzuhauen, das fiel meinem Bruder auch nicht ein, er stand da wie’n begoss’ner Pudel und transpirierte, das Opfer, das. Die Bullen eierten noch ne Weile rum, vielleicht wollten sie ihm ne Chance geben. Aber da mein Bruder in keinster Weise ne Anstalt machte, sich vornehm zurückzuziehen, gaben sie ihm die Richtung. Mein Bruder folgte ihnen äußerst brav, das alte Schaf. Ich denk schon, dass die Bullen ganz schön erleichtert waren, ihren Chefs n Resultat präsentieren zu können. Mit dem weiteren Verlauf hätte ich so nicht gerechnet, ernsthaft!

Tja, ne Scheißgeschichte aber auch. Das Ganze kam so: Eigentlich hatte ich nur ne Depri-Phase, war irgendwie schlecht drauf. Frauen und so, die Unsicherheit meiner Karriere… Da kam’s mir so, ein wenig zu übertreiben, bißchen hochzustapeln. Gab mich als Supertherapeut aus, mit Handauflegen und irgendwelchen coolen Sprüchen und so. Hat auch hin und wieder funktioniert, ich weiß selbst nicht, warum. Vielleicht hatten es manche satt, den ewigen Simulanten zu spielen, vielleicht konnten sie auch ihre Bitterkräuter nicht mehr ab, kann schon sein.
Manchmal war’s natürlich auch nix mit „Stehe und gehe!“ oder „Wandle und handle!“, eher mit „Werde zu Erde!“… Aber: haste einmal Erfolg gehabt, woll’n dich manche auf Dauer in der Spur sehen! Sie blendeten die misslungenen Heilungen einfach aus, ich wollte es selbst nicht glauben.
Dann kam mir der leicht größenwahnsinnige Gedanke, den Armen Land, den Rechtlosen Recht, den Zöllnern bess’re Löhne und gar den Huren allseitige Anerkennung zu versprechen. Je nun, das war der Hammer, das machte die Runde, das rumorte im Gefüge… Hätte trotzdem nicht geglaubt, dass die Chefs in der Hauptstadt so schnell nervös werden würden. Die paar Naivlinge von Bauern und Fischern, die mich für voll nahmen – das war doch weiß Gott keine Gefahr für wen!
Das Ding mit dem Laufen übers Wasser hätte auch keine Wellen geschlagen, wenn mal einer n bisschen genauer hingeschaut hätte. Mann, ich stand auf ner Eisscholle, die längs des Ufers trieb! Die hatte sich grade mal gebildet, das is zwar n seltner Zufall bei dem Klima hier, aber es gibt so was. Ich staune immer noch, dass ich nicht ausgerutscht bin, so glatt wie’s darauf war. Zum Glück trieb der Wind das Ding nach kurzer Zeit an Land, am nächsten Tach war das Teil voll verwässert.
Den dümmsten Fehler machte ich sicher mit der Behauptung, ich sei des Höchsten Sohn. Dabei meinte ich doch nur: Kind von höchstem Anspruch. Alle ham das missverstanden. Die Bauern und Fischer, meine Marias, die in der Verwaltung…

Tja, so kam der ganze Schlamassel. Nun hängt mein taubstummer Bruder am Holz, bald liegt er in irgend ner Gruft und ich schleich hier durch die Lande. Ich höre schon die Geschichten von wegen „Wiederauferstehung“. Aber ich hab n echt schlechtes Gewissen, das kann mir jeder glauben, wenn man mir auch sonst nicht soviel glauben sollte…


Version vom 02. 08. 2011 15:25

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Duisburger
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Klasse. Gut und humorvoll geschrieben.
Das hat was.
Unter anderen Potential für neun Punkte.

lg
Uwe
__________________
Unter den Kastraten ist der eineiige König (unbekannter Gas- und Wasserinstallateur).

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