Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, mĂŒssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5438
Themen:   92216
Momentan online:
411 Gäste und 16 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzgeschichten
Schicksal
Eingestellt am 23. 08. 2010 15:13


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
MĂ€uschen
AutorenanwÀrter
Registriert: Aug 2010

Werke: 13
Kommentare: 55
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um MĂ€uschen eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Schicksal


So heruntergekommen wie der Laden aussah, so schĂ€big war er auch eingerichtet. Wenige wacklige Tische standen beinahe willkĂŒrlich verteilt in dem kleinen Raum herum und stellten die angebotene Ware zur Schau. Jedenfalls nur demjenigen, der sich aus Versehen hierher verirrt hatte. Ein billiger Ring reihte sich an das nĂ€chste schmutzige Armband, man hatte sich nicht einmal die MĂŒhe gemacht, den Schmuck mit einer Glasplatte zu sichern, sie lagen einfach so in den AusstellungskĂ€sten.
Wahrscheinlich werden hier Juweliere tagtÀglich ausgeraubt, sodass sich teurer Schmuck gar nicht lohnt, denke ich bei mir und nehme einen bronzefarbenen Ring nÀher in Augenschein. In dieser Gegend standen Verbrechen an der Tagesordnung. Wieder einmal fragte ich mich, weshalb ich immer noch in diesem Kaff lebte.
Anneliese. Sie war der Grund, nur sie allein. Sie war Reporterin und wollte mit einer Story ĂŒber dieses Kaff und seine dĂŒsteren Gestalten ganz groß rauskommen. Deshalb lebte ich hier schon einige Monate mit ihr zusammen und wartete auf ihren großen Durchbruch, der mich endlich wieder von hier wegbrachte, der aber niemals eintreten wĂŒrde. Ich wusste das. Sie anscheinend nicht.
Ich griff nach einem goldfarbenen Ring und ließ ihn zwischen Daumen und Zeigefinger meiner rechten Hand hin und her tanzen. Meine Finger waren danach gelb verschmiert.
Seufzend ging ich zum nĂ€chsten Tisch, aber auch dort war die Auswahl nicht besser. Was konnte man schon von einem Laden erwarten, in dem einem aus jeder Ecke zahlreiche Spinnenfamilien entgegen grinsten und mit ihren dĂŒnnen Netzen die einzigen Verteidiger des Plunders waren. Aber ich sollte froh sein, ĂŒberhaupt einen Juwelier gefunden zu haben.
Ein Verlobungsring. Danach suchte ich. Ich wollte Anneliese heiraten und mit ihr gemeinsam irgendwohin ziehen, wo die Gestalten noch menschlich waren, nicht alles aus Schatten bestand. Weg aus diesem Kaff, das einem das Leben schier aussaugte, in dem sich eine dunkle Gasse an die nÀchste reihte.
Es trat plötzlich noch jemand ein, ein junger Mann mit rabenschwarzen Haaren. Die HĂ€nde tief in den Hosentaschen vergraben stellte er sich mĂ€ĂŸig interessiert vor einen der Tische. Ich bemerkte, dass er mir immer wieder nervöse Blicke zuwarf.
Der wird hier Sachen mitgehen lassen, schoss es mir durch den Kopf. Als hĂ€tte ich diesen Gedanken laut herausgeschrien, kam prompt der Ladenbesitzer und beobachtete uns mit Argusaugen von seiner verstaubten Theke aus. Ich zog nur unmerklich eine Augenbraue hoch. Die Spinnen hatten mich wahrlich netter begrĂŒĂŸt.
Nach einer weiteren Minute beharrlichen Schweigens jedes Anwesenden und nach weiteren verzweifelten Versuchen meinerseits, einen Ring von annehmbarer QualitĂ€t zu finden, wischte ich schließlich mit einer wirschen Handbewegung die Spinnweben von meinen zwei ausgewĂ€hlten SchmuckstĂŒcken. Ein bronzener Ring mit einem eingelassenen weißen Stein und ein goldfarbener. Ich trug beide zur Theke und ließ mir von dem Ladenbesitzer, der mich mit so stark zusammengekniffenen Augen fixierte, als wĂ€re ich derjenige in diesem Raum, der mit seinen zwei wertvollsten Juwelen gleich aus der TĂŒr rennen wĂŒrde, die Preise nennen.
Der Bronzene war beinahe doppelt so teuer wie der Goldene. Ich betrachtete beide nochmal genauer.
„Der ist schön, Schatz“, wĂŒrde Anneliese antworten. Aber sie wĂŒrde ihn nicht tragen, niemals. „Kein gutaussehender Typ wĂŒrde mehr mit mir flirten!“, hatte sie mir schon oft erzĂ€hlt und spaßhaft gezwinkert. Ich wusste, dass sie das ernst meinte. Sie hatte mich damals vor die Wahl gestellt: Wenn ich sie wirklich lieben wĂŒrde, dann mĂŒsste ich hier bei ihr bleiben und das gemeinsam mit ihr durchstehen. Und ich liebe sie wirklich.
Ich liebe sie, sagte ich mir in Gedanken und sogar fĂŒr mich klang es so, als ob ich es mir einreden wĂŒrde. Kurz entschlossen griff ich nach dem bronzenen Ring.

Nachdem ich einen unverschĂ€mt hohen Preis fĂŒr diese miese QualitĂ€t bezahlt hatte (in meiner Heimatstadt hĂ€tte ich dennoch bestimmt das Zehnfache hinblĂ€ttern mĂŒssen), verließ ich den Juwelier mit einem unguten GefĂŒhl. Ich dachte, die bedrĂŒckende Enge des Ladens wĂŒrde meine Stimmung in ein dunkles Loch ziehen, aber auch wĂ€hrend ich durch die verwinkelten Gassen zu unserer gemeinsamen Wohnung eilte, ließ mich das ungute GefĂŒhl nicht los.
Ich hatte den Ring in meine linke Jackentasche gesteckt und tastete immer wieder nervös danach, als ob er sich irgendwann in Luft auflösen wĂŒrde. Ich hatte nun schon so viel Zeit in dieser Gegend verbracht, dass ich mich kaum mehr verlief. Auch jetzt wusste ich genau, dass ich an der nĂ€chsten Weggabelung nach links musste, um zur Wohnung zu gelangen, geradeaus, um in noch dĂŒsteres Viertel zu kommen und nach rechts, wenn ich zum Bahnhof wollte.
Der Bahnhof war mein absoluter Lieblingsort. Nicht wegen der zwielichtigen Gestalten, die dort herumlungerten, oder der Schmierereien an den WĂ€nden. Nein, das bestimmt nicht. Dieser Ort symbolisierte fĂŒr mich den einzigen Ausweg von hier, er wĂŒrde mich eines Tages in mein altes Leben zurĂŒckbringen.
Ich war an der Weggabelung angekommen und wĂ€hrend ich noch ĂŒberlegte, wie ich Anneliese davon ĂŒberzeugen könnte, den Ring doch zu tragen, spĂŒrte ich plötzlich jemanden hinter mir und eine leise Stimme flĂŒsterte „Wertsachen her, aber schnell!“ in mein linkes Ohr.
Ich drehte mich langsam um. Eine Person stand vor mir, eine schwarze MĂŒtze mit Augenschlitzen ĂŒber das Gesicht gezogen und ein bedrohliches Messer in der Hand, das direkt auf mich zeigte.
Ich bezweifelte stark, dass er den Mumm gehabt hĂ€tte, zuzustechen, aber ich wollte es auch nicht darauf ankommen lassen. „Schon gut, schon gut“, sagte ich, griff in meine rechte hintere Hosentasche und beförderte meinen Geldbeutel zu Tage, den er mit zitternden Fingern an sich nahm, als ich ihn ihm hinhielt.
Da ich keinesfalls naiv war, hatte ich meine ganzen Ausweise und Kreditkarten in der Wohnung gelassen. Es war auch (fĂŒr meine VerhĂ€ltnisse) nicht viel Geld im Geldbeutel, daher machte mir dieser kleine Verlust weitaus weniger zu schaffen als die Tatsache, dass meinem Heiratsantrag eine Moralpredigt folgen wĂŒrde. Es war nĂ€mlich Annelieses Geldbeutel, den ich mir fĂŒr heute geliehen hatte.
WĂ€hrend ich innerlich noch mit meinem schlechten Timing haderte, sah mich mein GegenĂŒber nur stumm an und entlockte mir damit ein gereiztes „War’s das dann?“ Ich war inzwischen wirklich genervt. Da wurde man ausgeraubt (ein Ereignis, auf das ich mich schon seit meiner Ankunft hier vorbereitet hatte) und dann lief es so unprofessionell ab, dass es schon beinahe wieder peinlich war.
„Ich will alle Wertsachen!“, entgegnete der Dieb barsch und die Messerspitze zuckte nervös.
Ich hatte plötzlich einen leisen Verdacht und beschloss, es darauf ankommen zu lassen.
„Das waren alle“, log ich.
„Dreck erzĂ€hlst du! Gib mir den Ring!“, forderte er und das Messer in seiner Hand zitterte immer stĂ€rker.
Wie ich es mir gedacht hatte. Der andere Kunde aus dem Laden. Warum hatte er nicht einfach was aus dem Laden mitgehen lassen können? Wahrscheinlich war er gut Freund mit dem Ladenbesitzer.
Trottel, dachte ich nach dieser eindeutigen Feststellung. Jetzt hat er sich verraten, ich könnte ihn bei der Polizei genau beschreiben. Von einem AnfÀnger ausgeraubt. Ich Àrgerte mich zu Tode.
HĂ€tte er mich in einer anderen Stimmung erwischt, hĂ€tte ich mit ihm geredet, ihn ĂŒberzeugt, dass das falsch war, was er da tat. Oder ich hĂ€tte ihm einfach das Messer aus seiner zitternden Hand gerissen und hĂ€tte ihn nach Hause gescheucht. Aber jetzt war mir alles egal.
Ich griff in meine linke Jackentasche und holte den Ring heraus. Nachdenklich rieb ich ihn zwischen den Fingern. Die Farbe ging tatsĂ€chlich schon ab. Ich wĂŒrde Anneliese einfach den anderen Ring kaufen, den billigeren. Was tat es schon zur Sache? Sie wĂŒrde ihn ohnehin nicht tragen.
Ich warf meinem Dieb den Ring zu. Er fing ihn, blickte mich noch einmal beunruhigt an und rannte dann ohne ein weiteres Wort davon, Richtung „noch dĂŒsteres Viertel.“
Ich drehte mich um, blieb dann aber stehen. Ich hĂ€tte zurĂŒckgehen können zu dem schĂ€bigen Laden, hĂ€tte mit dem restlichen Geld in meinen Hosentaschen den anderen Ring kaufen können. Oder ich hĂ€tte zur Wohnung zurĂŒckkehren und Anneliese ein andermal den Antrag machen können.
Aber ich tat es nicht.
Einer plötzlichen Eingebung folgend sah ich meinem Dieb hinterher, wie er langsam in der Dunkelheit der Ferne verschwand.
„Danke!“, rief ich ihm spontan nach und ein großes LĂ€cheln breitete sich auf meinem Gesicht aus.
Warum hÀtte ich mich gegen so ein eindeutiges Zeichen wehren sollen?
Ich ging nach rechts.

__________________
Wenn Augen der Spiegel zur Seele sind, zerschlage ich ihn dann mit meinen Taten und spucke mit meinen Worten die Scherben aus?

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


4 ausgeblendete Kommentare sind nur fĂŒr Mitglieder und nur mit eingeschaltetem Javascript erreichbar.
ZurĂŒck zu:  Kurzgeschichten Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!