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Leselupe.de > Erzählungen
Schicksale einer Brieftasche
Eingestellt am 23. 02. 2018 22:01


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Arno Abendschön
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I. Die Brieftasche und ich

Sie ist rindsledern, genoppt und hat die Maße 17 X 11 cm. Die Gebrauchsspuren sind unübersehbar: das Leder fleckig, ihr Inneres - durchsichtiges Plastik und Pappe zur Verstärkung - hier und da eingerissen. Seit Jahren schon will ich sie ersetzen. Leider finde ich in den Kaufhäusern keine neue in ihrem Format und an ein anderes will ich mich nicht gewöhnen.

Könnte ich sie überhaupt beiseite legen? Seit Jahrzehnten begleitet sie mich durch mein Leben. Sie war immer zur Hand und auch geduldig, wenn ich sie unsachgemäß behandelte. Sie war Zeuge vieler Ereignisse. Nur einmal war sie fern von mir und geriet in Gefahr, durch meine Nachlässigkeit.

Ich bekam sie als Konfirmationsgeschenk - ich weiß nicht mehr von wem - und wusste zunächst nichts mit ihr anzufangen. Einige Jahre später flog ich zum ersten Mal nach Berlin und nahm sie mit auf die Reise. Es war ihre Jungfernfahrt und in gewissem Sinn auch meine. Sie hatte ihren Platz in der Innentasche meiner neuen braunen Lederjacke. In Berlin ging ich natürlich abends aus. Ich tanzte in einer Disco, dann ging ich zum Tresen und trank etwas. Die Jacke lag unterdessen auf einer weiter entfernten Sitzbank. Es gab keine Sperrstunde. Gegen Morgen war die Jacke noch da, aber die Brieftasche fort, mitsamt Geld und Ausweisen.

An den folgenden Tagen lernte ich noch mehr von Berlin kennen. Ich sprach auf der Flughafenwache vor. Ich erstattete Anzeige auf der Kriminalinspektion in Schöneberg. Wie nett dieser Polizeibeamte damals zu mir war ... Ich musste für meinen Abflug neue Passbilder machen lassen und tat es ausgerechnet bei einem Aktfotografen in Charlottenburg. Ich war etwas enttäuscht, sein Studio hatte ich mir verruchter vorgestellt.

Nach der Reise lieĂź ich mir daheim einen neuen Personalausweis ausstellen. An dem Tag, an dem ich ihn morgens auf dem Amt abgeholt hatte, kam mittags mit der Post ein dicker Umschlag ohne Absender. Darin: meine Brieftasche„ ohne Geld, mit Ausweis. FĂĽr ihn hatte ich keine Verwendung mehr, ich gab ihn auf dem Amt ab.

Die Brieftasche teilte von da an mein Schicksal. Sie war dabei, wenn ich eine Stellung suchte. Sie zog immer wieder mit mir um, vom SĂĽdwesten in den Nordosten, dann nach Nordwesten und schlieĂźlich etwas mehr in die Mitte. Sie reiste viel mit mir. Sie war dabei, als ich fĂĽr mich wichtige Menschen kennenlernte.

Könnte ich sie jemals wegwerfen? Ausgeschlossen. Wenn ich sie anfasse, berühre ich meine Vergangenheit. Da gibt es noch einen stofflichen Zusammenhang mit dem längst Entschwundenen. Ich frage mich, was aus dem Dieb geworden ist. Lebt er noch? Geht es ihm gut? Der nette ältere Kripobeamte ist vermutlich schon tot. Und der Aktfotograf dürfte sein Studio inzwischen geschlossen haben. Nur ich und meine Brieftasche, wir treiben uns noch herum.


II. Untergang einer Brieftasche

Einer muss sie ja gefunden und dann in ihr wie in einem offenen Buch gelesen haben. Er kennt nun meinen Namen, meine Adresse, mein Alter, meine Bank, weiß, dass ich oft mit der Bahn im Raum Hamburg unterwegs bin. Ferner, dass ich mich zwei Wochen in Berlin in einer Ferienwohnung einquartiert habe, sogar den Mietpreis kann er ablesen. Dazu einige Telefonnummern auf Zetteln, privat und geschäftlich. Er oder sie weiß so viel über mich – ich aber nichts von ihm oder ihr. Ist das nicht unbefriedigend?

Wie ist es denn passiert? Nicht einmal das kann ich genau sagen, nur einiges vermuten, das sich gegenseitig ausschließt. Die letzte Erinnerung an meine Brieftasche: Ich halte sie in der Linken, während ich durch einen Bus nach hinten gehe und einen Platz suche. Es war an einem Donnerstag im August auf der Strecke vom Bahnhof M. nach B., Abfahrt 10.30 Uhr. Danach sollte ich sie in die Innentasche meiner Jacke gesteckt haben – sollte ich, aber vielleicht habe ich sie geistesabwesend neben mir abgelegt? Und wer hat sie dann an sich genommen? Im Fundbüro ist sie nicht eingetroffen.

Ebenso gut kann sie später in B., von mir unbemerkt, aus der Innentasche gefallen sein, als ich die Jacke der Hitze wegen auszog und im Rucksack verstaute. Es war in jener kleinen Parkanlage neben der Bushaltestelle. Ich setzte den Rucksack auf einer Bank ab, genoss vielleicht beim Umpacken den Blick über den See – und in eben jenen See kann der Finder die Brieftasche geworfen haben, nachdem er die fünfzig Euro an sich genommen. Jedenfalls habe ich später die Grünanlage vergeblich abgesucht.

Auch im Schlosspark keine Spur von ihr. Dort habe ich mittags auf einer Bank gesessen, etwas aus dem Rucksack gevespert und, um an mein Essen zu gelangen, die Jacke aus dem Rucksack genommen. Wie leicht kann die Brieftasche dabei herausgefallen sein. Ganz in der Nähe, ich erinnere mich genau, machten vier Gärtnergehilfinnen Pause. Zwei von ihnen nahmen ihr Jäten in meiner Nähe wieder auf, während ich noch dasaß. Schon kurz darauf unterbrachen sie die Arbeit erneut, kehrten zu den beiden anderen zurück. Am Nachmittag keine Spur mehr von dem Quartett. Dafür war nun der Rasen rund um meine Bank frisch gemäht. Nicht dass ich einen konkreten Verdacht hätte …

Dann kam ich an dem Sommerhaus des berühmten, schon lange toten Dichters vorbei. Ich ging nicht hinein. Es war ums Haus sehr unruhig, Filmleute bereiteten Aufnahmen vor. Ich ging einige Meter weiter, öffnete zwischen parkenden Autos den Rucksack, um für den Weiterweg die Karte zu studieren – habe ich die Jacke dabei herausgenommen oder nicht? Woran ich mich nur erinnere: Ein Angestellter des Museums trat auf mich zu, ich könne das Haus durchaus besichtigen. Hätte ich doch nicht abgelehnt – um die Eintrittskarte zu bezahlen, würde ich an der Kasse nach der Brieftasche gegriffen, würde zumindest die Anzahl der möglichen Verlustorte um einen verringert haben …

Die Rückfahrt trat ich früher als geplant an – Stechmücken hatten mir den Ort schon verleidet – ich wollte sie früher antreten, denn vor den Busfahrer hingetreten, griff ich beim Griff nach der Brieftasche ins Leere. Das Weitere kann man sich denken.

Der Kreis hat sich geschlossen. Ich bin weniger unbefriedigt als am Anfang dieser Überlegungen. Zwar bleibt die Brieftasche verschwunden, doch ich erkenne: Ihr Finder weiß wohl viel über mich, doch ich dafür auf lange Zeit so viel mehr über jenen Tag, als ich mir ohne den Verlust jemals ins Gedächtnis hätte zurückrufen können; in meinem Kopf sogar mehr Bilder von Abläufen, als der reale Tag enthalten haben kann. So gesehen sind wir quitt. (Und den Stechmücken verdanke ich, noch vor Ende der Dienststunden im Rathaus von B. eingetroffen zu sein. Man war dort sehr hilfsbereit.)

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