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Leselupe.de > Krimis und Thriller
Schicksalhafte Begegnung
Eingestellt am 09. 07. 2001 04:41


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visco
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Schicksalhafte Begegnung

Das Haus war riesig. Sie stand inmitten der weitlĂ€ufigen Eingangshalle mit dem schachbrettartigen Fußboden aus schwarzen und weißen Fliesen und sah den breiten Treppenaufgang hinauf, der ebenso bedrohlich wirkte wie der lange Flur, durch den sie gekommen sein mochte, und dessen Ende sich im Dunkel verlor. GegenĂŒber der mĂ€chtige Haupteingang, eingesĂ€umt von zwei hohen MarmorsĂ€ulen und mit einem glĂ€sernen Rundbogen als oberem Abschluß. Die Scheiben waren schwarz, als ob eine mondlose Nacht den Blick auf den Himmel verwehrte.

Um sie herum war es völlig still. Das Haus schlief. Sie wandte sich den gigantisch hohen TĂŒren zu und öffnete eine von ihnen. Vorsichtig trat sie in die nur spĂ€rlich beleuchtete Umgebung hinaus und sah sich um. Die wenigen Fackeln an den WĂ€nden tauchten das niedrige Gewölbe in ein geisterhaftes Zwielicht, dessen durch moosbewachsene Felsbrocken verengter Gang schon nach wenigen Metern steil hinab ins Höhleninnere fĂŒhrte.

Angestrengt lauschte sie in den Schlund hinein, und ihr war, als vernahm sie das mehrfach ĂŒberlagerte Echo eines heimlichen FlĂŒsterns, das sich von ihr entfernte, bis es plötzlich vollends verstummte.

Es dauerte eine Weile, bis sich ihre Augen an die geringen LichtverhĂ€ltnisse gewöhnt hatten und sie mit geschĂ€rftem Blick nun selbstbewußter ihre Suche aufnehmen konnte. Entschlossen folgte sie dem Gang immer weiter abwĂ€rts und auf die Stimmen zu, die sie in letzter Zeit immer hĂ€ufiger heimsuchten. Im Geiste ließ sie dabei ein hinter ihrem RĂŒcken gefĂŒhrtes, imaginĂ€res GesprĂ€ch zwischen Jason und Lydia Revue passieren, bei dem sich diese gegenseitig und Ă€ußerst indiskret von Geheimnissen berichteten, die sie jeweils dem anderen anvertraut hatte, um anschließend in schallendes GelĂ€chter auszubrechen.

Ab einer gewissen Tiefe wirkte das bis dahin lehmfarbene Gestein massiver und kompakter. Am Ende des langen Abstiegs blickte sie in die eindrucksvoll große aber menschenleere Halle hinab, deren sandiger Boden gute dreißig Meter tiefer lag. Die WĂ€nde waren von KlĂŒften und Spalten ĂŒberzogen, und aus der Ferne kĂŒndigte bereits ein leises PlĂ€tschern eine weitere Entdeckung an.

Von oben hatte sie bereits mehrere horizontale GĂ€nge ausmachen können, fĂŒr die die Halle offenbar den Ausgangspunkt bildete. Unten angekommen stieß sie noch auf weitere, deren glatte WĂ€nde Spuren der mechanischen Schleifwirkung des Wassers zeigten. Im hinteren Teil der großen Halle fand sie schließlich den Verursacher des stetigen PlĂ€tscherns: einen mĂ€chtigen, freistehenden Steinbrunnen, der ein graues Marmorbecken trug. An der nahen Wand loderte eine Fackel gleich neben einer dort eingelassenen Bronzetafel. Neugierig ging sie um den Brunnen herum und las sich mit leiser Stimme deren Aufschrift vor:

Die Sterne stehen vollzĂ€hlig hoch ĂŒber dir im Firmament,
Der ans Becken tritt und daraus schöpft sie nur erkennt.
Das ewig wache GeplĂ€tscher verrĂ€t, daß du bist nicht einsam hier.
Fern im Sternenschimmer gehe ich und bin schon auf dem Weg zu dir.

Ihre Nackenhaare richteten sich auf, und ein instinktives Unbehagen ĂŒberkam sie, als ob ihr Innerstes sie warnen wollte.

Irritiert von der rĂ€tselhaften Aufschrift wandte sie sich um und blickte nach oben. Zwei in der Höhlenfirste erkennbare parallel verlaufende KlĂŒfte wirkten wie eine Leitlinie fĂŒr die rĂ€umliche Entwicklung der Halle. Teile des Höhlendaches, die zwischen diesen KlĂŒften herabgefallen sein mochten, ließen die ebene Firste einen gleichsam kĂŒnstlichen Eindruck vermitteln, und vom entfernten Ende schien ein blĂ€ulicher Schimmer des Tageslichts hereinzudringen. Sterne vermochte sie jedoch keine auszumachen, auch nichts, das man im ĂŒbertragenen Sinne dafĂŒr hĂ€tte halten können.

Also tat sie wie in der Aufschrift geheißen und trat an das große Marmorbecken heran. Sie sah in das darin angesammelte klare Wasser, fuhr mit der flachen Hand hindurch und ließ das kalte Naß langsam aus der hohlen Hand zurĂŒck ins Becken fließen. Doch so aufmerksam sie die kleinen Wellen mit dem Blick auch verfolgte, so konnte sie einfach keine ungewöhnlichen Reflektionen darin erkennen. Als auch eine Wiederholung dieses Rituals erfolglos blieb, setzte sie ernĂŒchtert aber auch ein wenig erleichtert ihre Suche nach den rĂ€tselhaften Stimmen fort.

Durch den nĂ€chstgelegenen Gang gelangte sie nach kurzem Fußmarsch in eine weitere, jedoch deutlich kleinere Halle, in der das PlĂ€tschern des entfernten Brunnens durch den vielfachen Wiederhall wie das Rauschen eines unterirdischen Baches klang. Hinter einem engen Spalt linker Hand fĂŒhrte ein weiterer Gang noch tiefer abwĂ€rts. Sie lugte vorsichtig hinein und ĂŒberlegte einen Augenblick, doch dann entschied sie sich, dem eisernen Treppenaufgang zu folgen, der auf der gegenĂŒberliegenden Seite des Eingangs durch eine schmale Kluft in der Hallendecke einen raschen Aufstieg ermöglichte.

Nach dem fĂŒnften Absatz hatte sie bereits neunzig Stufen gezĂ€hlt, und ohne eine Verschnaufpause einzulegen bewĂ€ltigte sie auch die restlichen steilen Treppen völlig mĂŒhelos. Die WĂ€nde hatten inzwischen einen sandsteinfarbenen Ton angenommen, und die niedrige Decke der Kammer, in der der Treppenaufgang endete, ließ sie unwillkĂŒrlich, wenn auch unnötigerweise den Kopf einziehen. Von draußen drang Tageslicht wie ein gleißend heller Strahl hinein und ließ den sandigen Boden vor dem Ausgang förmlich aufleuchten, so daß sie geblendet die Hand schĂŒtzend vor die Augen halten mußte, wĂ€hrend sie hinaus ins Freie trat.

Dort erwartete sie ein ĂŒberwĂ€ltigender Anblick. Blinzelnd sah sie vom Grunde eines schluchtartig tiefen Erdfalles an dessen efeubehĂ€ngten FelswĂ€nden hoch, die sich bis zum Himmel zu erstrecken schienen. Die plötzliche WĂ€rme rief bei ihr eine GĂ€nsehaut hervor, und nach der KĂŒhle im Inneren der Höhle genoß sie das angenehme Kribbeln, das die sommerlich warmen Sonnenstrahlen auf ihrer Haut ausgelöst hatten.

Von außen war der etwas tiefer gelegene Zugang zur Kammer kaum zu erkennen. Der sichtbare Teil der halbrunden Öffnung konnte aus einiger Entfernung leicht fĂŒr den Schatten des darĂŒberliegenden und etwas vorstehenden Felsbrockens gehalten werden.

Angetrieben von einem unbĂ€ndigen Verlangen setzte sie ihren Weg fort. Sie entschied sich fĂŒr eine Richtung und folgte dem Verlauf der Schlucht. Dabei ließ sie ihren Blick entlang der malerisch bewachsenen Felsen schweifen, die trotz ihrer UnĂŒberwindbarkeit nicht bedrohlich sondern eher romantisch wirkten.

An der zunehmenden Enge seit der letzten Biegung ließ sich das Ende der Schlucht erahnen. An der engsten Stelle der spitz zusammenlaufenden FelswĂ€nde, als sie mit ausgestreckten Armen schon beide WĂ€nde hĂ€tte berĂŒhren können, vereinigten sich die massiv steinernen Barrieren in einer meterhohen Steinfalte. Erst bei nĂ€herem Hinsehen entdeckte sie darin einen weiteren Eingang zur Höhle. Die Felsspalte war allerdings so schmal, daß sie sich regelrecht hindurchzwĂ€ngen mußte.

Drinnen war es viel dunkler als sie erwartet hatte. Vorsichtig tastete sie sich an der kalten Felswand entlang, um auf dem abschĂŒssigen Steinboden nicht sofort auszurutschen und schlidderte langsam den sich immer weiter verengenden Gang hinab, der schließlich in einen breiteren mĂŒndete, welcher quer zum Zugang verlief. Aus einer Bodenöffnung rechter Hand, die von einem GelĂ€nder umgeben war, drang Licht wie aus einem Scheinwerfer aus der Tiefe empor und warf einen fast runden, blassen Fleck an die niedrige Höhlendecke.

In der entgegengesetzten Richtung war erst in einiger Entfernung eine Fackel zu erkennen, die den weiteren Verlauf des Gangs nur erahnen ließ. Neugierig wandte sie sich der Öffnung zu, von der ein dumpfes Summen ausging, um sie nĂ€her in Augenschein zu nehmen. Kurzentschlossen kletterte sie ĂŒber das GelĂ€nder und stieg an der innenseitig befestigten Leiter hinab.

Der senkrechte Abstieg endete nach etwa zwanzig Metern in einem Raum, der hell erleuchtet und vollstĂ€ndig weiß gefliest war. Mit seinen Apparaturen und Bildschirmen, deren Summen durch den Schacht nach oben hallte, wirkte er wie eine Art Kontrollraum. Verdutzt war sie an der Leiter stehengeblieben, als sich auch schon eine der beiden blauen TĂŒren öffnete und eine blonde Frau mit weißem Kittel hereinkam, die einen Kaffeebecher in der Hand und eine Mappe mit Unterlagen unter dem Arm geklemmt hielt.

Erschrocken fuhr die Frau zusammen, als sie den Eindringling erblickte, und einige BlÀtter, die sich aus der unachtsam gehaltenen Mappe gelöst hatten, segelten in verschiedene Richtungen zu Boden.

»Tut mir wirklich leid, ...ich wollte sie nicht erschrecken«, entschuldigte sich Vivian und begann sofort, einige der BlÀtter vom Boden aufzulesen.

»Zugang nur fĂŒr Personal!« zitierte die Frau mit verĂ€rgerter Stimme, wĂ€hrend sie sich hastig der Tasse und der Mappe unter ihrem Arm entledigte. »Haben Sie denn das Schild nicht gesehen?«

»Nein, ... um ehrlich zu sein, ... ich habe kein Schild gesehen«, gab sich Vivian unschuldig und hielt ihr die eingesammelten BlÀtter hin. »Was ist das hier?« fragte sie dann, wÀhrend sie sich neugierig umblickte.

»Das ist die Leitstelle Vierzehn, Sektion Alpha, ... und sie sollten ĂŒberhaupt nicht hier sein«, antwortete die Frau im weißen Kittel schulmeisterhaft und riß ihr die Unterlagen förmlich aus der Hand. »Wie sind Sie eigentlich hier ...?«

Sie beendete ihre Frage nicht, als Vivian wortlos auf die Leiter hinter sich zeigte. Der Gesichtsausdruck der Ärztin oder Wissenschaftlerin verriet, daß sie sich die Antwort auch selber hĂ€tte geben können.

»Vivian Bellings«, stellte sich die ungebetene Besucherin dann lÀchelnd und mit ausgestreckter Hand vor.

»Sehr interessant«, gab die Angesprochene nĂŒchtern zurĂŒck und griff in die Außentasche ihres Kittels, um einen flachen, lĂ€nglichen Gegenstand herauszuholen, der entfernt an eine Fernbedienung erinnerte. »Seien Sie ein artiges MĂ€dchen und bleiben demnĂ€chst bitte auf den ausgewiesenen Wegen. In Ordnung?«

Noch ehe Vivian etwas erwidern konnte, um die misteriöse Frau von dem Gebrauch der Steuereinheit in ihrer Hand abzuhalten, hatte diese bereits auf eine der Tasten gedrĂŒckt, und im nĂ€chsten Moment durchzuckte ein gleißender Lichtblitz den Raum, daß Vivian sich schĂŒtzend die HĂ€nde vor die instinktiv zugekniffenen Augen halten mußte. Bunte Lichtkegel formten sich aus der Helligkeit, tanzten und kreisten um sie herum, bis sie schließlich ihren Körper ergriffen und diesen mit sich rissen.

Sie lehnte sich nicht dagegen auf. Sie wußte aus Erfahrung, daß dieser Vorgang unumkehrbar war, und so unternahm sie erst gar keinen Versuch.

Als sie erwachte, trat die RealitĂ€t mit bitterer Grausamkeit an die Stelle ihrer Wahrnehmung. Sie war wieder zurĂŒck, ganz alleine in ihrer etwa zwei an drei Meter großen Einzelzelle und isoliert von den anderen inhaftierten Frauen, da sie laut ErklĂ€rung einer der Sicherheitsbeamten unter Bundes- und nicht unter Bezirksrecht fiel. Sie mußte an Jason denken, dem es zur Zeit wohl Ă€hnlich erging, seit man auch ihn verhaftet hatte, und unweigerlich brach sie in TrĂ€nen aus. Keiner von ihnen war in der Lage, dem anderen in dieser Situation beizustehen, obwohl er dessen UnterstĂŒtzung gerade jetzt am dringendsten gebraucht hĂ€tte. Sie redete sich ein, daß sie nun Kraft haben mĂŒsse und lenkte sich ab, in dem sie zum x-ten Mal und am ganzen Leibe zitternd die EisenstĂ€be und Querverstrebungen ihres Verlieses zĂ€hlte.


* * * * * * * * * *


Über zwei Wochen dauerte der Albtraum nun schon an, und er schien kein Ende nehmen zu wollen. Nach der rĂŒpelhaften Befragung durch das FBI hatte man sie in eine Zelle der Flughafenpolizei gesteckt, in der es dreckig war und unertrĂ€glich nach FĂ€kalien stank.

Einige Stunden hatte sie dort ausharren mĂŒssen, bevor sie von Beamten der örtlichen Polizei abgeholt wurde, die ohne große Umschweife zur Tat schritten. WĂ€hrend man ihr mit strengem Tonfall den offiziellen Wortlaut verkĂŒndete, daß sie sich ab sofort in polizeilichem Gewahrsam befĂ€nde, bis ihre Schuld bewiesen oder die Anklage gegen sie fallengelassen worden sei, wurden ihr zur ÜberfĂŒhrung Handschellen und eine Fußkette angelegt. Niemals zuvor hatte sie sich fĂŒrchterlicher gefĂŒhlt als in diesem Moment. Man behandelte sie wie einen Schwerverbrecher, und der Schock ĂŒber die menschenverachtende Beschneidung ihrer Bewegungsfreiheit ließ sie vor Angst kein einziges Wort mehr hervorbringen.

Wie ein kleines Kind hatte sie unkontrolliert zu weinen begonnen, wĂ€hrend man sie durch das GebĂ€ude bis zu einem Seitenausgang fĂŒhrte, vor dem ein Polizeiwagen bereits wartete, und sie hatte sich noch immer nicht beruhigt, als sie nach einer schier endlos scheinenden Fahrt endlich das Polizeirevier erreichten und sie wieder in einer Zelle gelandet war.

Ein U.S. Marshal hatte sie tags darauf ĂŒbernommen und hierher nach Kalifornien gebracht, wo sie der örtlichen Polizei ĂŒbergeben und erneut in eine Zelle gesteckt wurde. Der Deputy-Marshal war bis dahin als einziger ein wenig höflich gewesen. Er hatte sich sogar fĂŒr die Notwendigkeit der Restriktionen entschuldigt und war ihr zu verschiedenen Gelegenheiten mit einer unterstĂŒtzenden Hand behilflich, wannimmer die kurze Schrittweite ihrer Fußfesseln sie hĂ€tte stolpern lassen können. WĂ€hrend des Fluges hatte sie ihm in kurzen Worten umschrieben, was geschehen war und dabei mehrfach ihre Unschuld beteuert. Der blau uniformierte Marshal hatte ihr geduldig zugehört und sie dann mit angenehm tiefer Stimme beruhigt, daß sie nichts zu befĂŒrchten hĂ€tte, wenn sie die Wahrheit sagte und nur etwas Geduld aufbringen mĂŒsse, bis sich alles aufklĂ€rte.


Ab dem dreißigsten Tag in Untersuchungshaft schlug ihre Furcht in blanke Wut um. Mit haßerfĂŒlltem Blick und angespannten Muskeln kauerte sie in der hintersten Ecke auf ihrer Pritsche mit angewinkelten Beinen, die sie mit ihren Armen fest umschlungen hielt und starrte durch die Streben auf die unifarben getĂŒnchte Betonwand des Flurs. Das tĂ€gliche Procedere war eintönig und das Essen schlecht. Abwechslung gab es keine. Ihre persönliche Habe nebst Kleidung hatte sie abgeben mĂŒssen, und nach einem flĂŒchtigen medizinischen Check war ihr nichts anderes ĂŒbrig geblieben als diese grĂ€ĂŸlich praktische GefĂ€ngniskleidung anzulegen.

Es war Duschtag und neben dem gemeinsamen Essen eine der wenigen Gelegenheiten, in denen sie Kontakt zu anderen bekam. Die unteren Ebenen waren vom Rest des GebĂ€udes hermetisch abgeriegelt. Daher wurden die HĂ€nde der zu eskortierenden Insassen vor dem Körper fixiert und nicht, wie bei ihrer Überstellung, seitlich an einer Kette um die Taille oder hinter dem RĂŒcken. Auf die Fußkette wurde vollstĂ€ndig verzichtet.

Und dennoch. Kein Schritt außerhalb der Zelle ohne Begleitung. Keine TĂŒr, die nicht gesichert war und erst elektronisch entriegelt werden mußte, dessen immer gleiches GerĂ€usch des Summers sich in ihr Gehirn einbrannte wie ein Alarmsignal. Und keine VerjĂŒngung oder Treppe, an der sie nicht irgend jemand am Oberarm faßte und fĂŒhrte, als ob sie nicht alleine zu gehen vermochte. Es war grauenvoll, erniedrigend und demĂŒtigend, und sie ertrug es wie alle anderen, wortlos und ohne Gegenwehr – aber hoffentlich mit etwas mehr WĂŒrde. Mit stolz aufrechtem Gang hatte sie sich sogar ein verhaltenes LĂ€cheln abgewinnen können, mit dem sie den jeweils diensthabenden Beamten zu imponieren versuchte. Insgeheim stellte sie sich dabei vor, daß man voller Ehrfurcht von ihr sprach, der kĂŒhlen EnglĂ€nderin, die sich nichts anmerken ließ und ihr Schicksal mit Fassung trug.

Die heiße Dusche empfand sie als wohltuend und erfrischend zugleich, allerdings erst, nachdem sie ihre Scham abgelegt hatte. In der Schule oder im Sportverein hatte sie sich vor anderen entblĂ¶ĂŸt, aber das waren Kameradinnen gewesen. Diese Frauen hingegen waren ihr völlig fremd. Selbst die Hautfarbe der Weißen war gegenĂŒber ihrem blassen Hautton deutlich dunkler, und auch deren Sprache – obschon ursprĂŒnglich englisch – schien nicht die gleiche zu sein. Manche AusdrĂŒcke oder Umschreibungen hatte sie noch nie zuvor gehört, und deren Bedeutung konnte sie allenfalls erahnen. Ihr war, als machte man sich lustig ĂŒber sie, und sie fĂŒhlte sich begafft wie ein absonderliches Wesen aus einer anderen Welt.


Dann kam der große Tag: der erste Verhandlungstag. Der rothaarige Duncan Ferguson empfing sie im seitlichen Treppenhaus des Gerichts und begleitete die kleine Gruppe auf ihrem Weg zum Gerichtssaal, wĂ€hrend er unablĂ€ssig auf sie einredete. Die eskortierenden Beamten und auch die angelegten Restriktionen, mit denen ihre Bewegungsfreiheit erheblich eingeschrĂ€nkt war, schien er nicht wahrzunehmen. Das erhebende GefĂŒhl, endlich wieder normale Straßenkleidung zu tragen, wenn auch nur vorĂŒbergehend, hĂ€tte sie beinahe ĂŒbersehen lassen, daß ihr Pflichtverteidiger an diesem Tag kein dunkelblaues Hemd trug wie sonst ĂŒblich sondern ein weißes.

Das unaufhörlich auf sie einprasselnde Gerede klang aufgeregt und war geprĂ€gt von der KĂŒrze der zur VerfĂŒgung stehenden Zeit. Sie hörte ihn zwar reden, aber sie hörte nicht wirklich hin. Einzelne Begriffe wie „Gutachten“, „Aussage“ und „Bericht“ blieben noch hĂ€ngen, aber erst als die Restriktionen entfernt worden waren und sie neben ihm auf der Anklagebank saß, nahm sie wieder ganze SĂ€tze bewußt wahr.

»Sie dĂŒrfen nur nicht den Mut verlieren«, appellierte er mit einem wohltuenden LĂ€cheln. »Es ist wichtig, daß Sie das auch nach außen zeigen. Verstehen Sie?«

»Zuversicht demonstrieren. Ja, ich verstehe, Mr. Ferguson«, antwortete sie mit einem unerklÀrlichen wie unbeschreiblichen Ausdruck an Gelassenheit. »Werde ich heute aussagen?«

»Nein, Mrs. Bellings, heute ist der Tag der StaatsanwĂ€ltin. Sie wird mit den ZĂ€hnen fletschen, und wir werden das so unbeeindruckt wie möglich ĂŒber uns ergehen lassen. In Ordnung?«

Ein flĂŒchtiges LĂ€cheln huschte ĂŒber ihr Gesicht, bevor sie zustimmend nickte.


Den Vorsitz fĂŒhrte Richter Benjamin T. Ushtley, ein korpulenter Mann in den Mittsechzigern, dessen verbliebene Haartracht fein sĂ€uberlich mit Pomade trappiert nur einen Teil des ansonsten blanken Kopfes bedeckte, und dessen Brille mit altmodischem Chromgestell stĂ€ndig zwischen Hand und Nase hin und her wechselte.

Nach den ĂŒblichen FormalitĂ€ten im Rahmen der BegrĂŒĂŸung und der KlĂ€rung von Verfahrensfragen erfolgte zunĂ€chst das langatmige Procedere der Bestandsaufnahme. Vivian konnte den vielen juristischen FachausdrĂŒcken nur schwerlich folgen und mußte sich auf Ihren Verteidiger verlassen, der dann und wann den vorgetragenen AntrĂ€gen der mondĂ€n und selbstbewußt auftretenden StaatsanwĂ€ltin zustimmte.

Den vorlĂ€ufigen Höhepunkt hatten sich die Paragraphenfechter vermutlich aus dramaturgischen GrĂŒnden fĂŒr den Schluß aufgehoben, und ihr Verteidiger statuierte auf die Frage nach dem Bekenntnis der Angeklagten in ihrem Namen „Nicht schuldig, Euer Ehren“. Die StaatsanwĂ€ltin nahm dies erwartungsgemĂ€ĂŸ ohne sichtliche GefĂŒhlsregung zur Kenntnis.

Es folgte der erste Teil der Beweisaufnahme. Nach einer einfĂŒhrenden Ansprache der StaatsanwĂ€ltin wurden Zeugen gehört, beginnend mit den Beamten verschiedener Ermittlungsbehörden bis hin zu renommierten KrĂ€ften angesehener Institute. Der Inhalt von Untersuchungs- und PrĂŒfberichten, Protokollen und Gutachten wurde kurz umrissen wiedergegeben und gegebenenfalls von dem zustĂ€ndigen Zeugen erlĂ€utert. Im Falle von Bildmaterial kam eine Art Overheadprojektor zum Einsatz, der ein gestochen scharfes Bild an die Leinwand schrĂ€g hinter dem Zeugenstand warf.

Die StaatsanwĂ€ltin wurde ihrem Ruf mehr als gerecht. Ihr Vorgehen glich einem flĂ€chendeckenden Bombardement einer unbefestigten Stellung, welche dem ĂŒbermĂ€chtigen Angreifer nichts entgegenzusetzen hatte. Keine der pausenlos einschlagenden und in der Reihenfolge ihrer Darlegung sorgfĂ€ltig ausgewĂ€hlten Indizien verfehlte ihr Ziel und beschĂ€digten das ohnehin wackelige GerĂŒst der zwangsweise den ersten Ansturm abwartenden Verteidigung irreparabel, noch bevor es errichtet werden konnte.

Erst nach ĂŒber sechs Stunden wurde die Sitzung vertagt.

»Machen Sie sich keine Sorgen«, versprĂŒhte Ferguson bemĂŒht unbeeindruckt seinen Optimismus und lĂ€chelte seine Mandantin dabei an. »Das ist nur das ĂŒbliche VorgeplĂ€nkel. Schon bald sind wir am Zug. Okay?« suchte er in ihren Augen nach einer BestĂ€tigung, die nach dem unerwartet umfangreichen wie aussagekrĂ€ftigen Material der Gegenseite aber nur zögerlich erfolgte.


* * * * * * * * * *


Die Wochen bis zur nĂ€chsten Verhandlung waren eine Qual, die unerbittlich an ihrer Widerstandskraft nagte wie ein hungriges Tier. Zum ersten Mal lernte sie den Wert der Dinge einzuschĂ€tzen, die sie bis dahin fĂŒr selbstverstĂ€ndlich gehalten hatte. Ihre bisherigen Probleme, ob in finanzieller oder privater Hinsicht, verloren im Vergleich zu dem Verlust ihrer Freiheit an Substanz, die Konturen verwischten, und ihre Erinnerung daran verblasste, je lĂ€nger sie darĂŒber nachdachte.

Ihr Leben war schon einmal aus der Bahn geworfen worden. Damals war es der Tod gewesen, der sie so erschreckte. Vielleicht war es aber auch die Hilflosigkeit, mit der sie dem tragischen Verlust der Eltern gegenĂŒbergestanden hatte, den sie als ungerecht und wegen ihrer aufkommenden SchuldgefĂŒhle als eine Art Bestrafung empfand.

Jason hatte sie damals aufgefangen. Er war zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen. Ausgerechnet das aufgeblasene Großmaul. Aber er war da, und in seinen Armen, mit denen er sie vor allem Übel dieser Welt beschĂŒtzen wĂŒrde, fĂŒhlte sie sich sicher und geborgen. Er ertrug ihre Launen und beizeiten unkontrollierten WutausbrĂŒche, und er hörte auch dann zu, wenn sie schwieg.

Die vielen Besuche beim Psychiater hatten ihr geholfen, das Unfaßbare zu verarbeiten und den Schmerz zu ĂŒberwinden. Es hatte sie viel Kraft gekostet, endlich loszulassen. Sie wußte, daß Akzeptanz ein mĂ€chtiges Instrument sein konnte, um den Kummer zu besiegen und sich neu zu orientieren. Aber erst mit Jasons Hilfe hatte sie sich ein neues Leben, eine neue Welt aufbauen können, die nicht nur einen Ausweg aus der Misere sondern auch eine Zukunft bot.

Die Erfahrung eines schmerzlichen Verlusts hatte die momentane Situation mit der damaligen gemein, aber sie war nicht lĂ€nger hilflos. Jason war sicher in Gedanken bei ihr, so wie sie bei ihm, und mit ihrem Verteidiger stand jemand an ihrer Seite, jemand, der sich fĂŒr sie einsetzte und ihr den Trost spendete, den sie gerade jetzt so dringend benötigte.

Dennoch war sie wĂŒtend. Die Machtlosigkeit, mit der sie den Torturen eines bĂŒrokratischen Rechtssystems ausgeliefert war, schien unertrĂ€glich. Mit angewinkelten Beinen auf ihrer Pritsche kauernd grollte sie leise vor sich hin und verbarg den Kopf in ihren Knien. Auch wenn die IntensitĂ€t des Schmerzes damals ungleich grĂ¶ĂŸer gewesen war, so waren die UmstĂ€nde, die dazu gefĂŒhrt hatten, zumindest begreifbar und fĂŒr jeden nachvollziehbar. In diesem Falle jedoch schien alles noch komplizierter. Sie war gefangen in einem Labyrinth aus Indizien, deren Herkunft sie ebenso wenig verstand wie die Motivation, diese gegen sie zu verwenden.

So sehr sie sich auch bemĂŒhte, einen verborgenen Sinn oder auch nur den Ansatz einer ErklĂ€rung fĂŒr das schier Unbegreifliche zu entdecken, der Strudel aus unlösbaren RĂ€tseln war einfach stĂ€rker. LĂ€ngst hatte der Sog sie erfaßt und drohte sie unbarmherzig in den gefrĂ€ĂŸigen Schlund eines dunklen Misteriums zu ziehen, aus dem es kein Entrinnen mehr gab.

VerĂ€ngstigt sah sie nach oben. Tiefschwarze Gewitterwolken waren an der Zellendecke aufgezogen, aus denen es blitzte und donnerte. SchĂŒtzend hielt sie sofort ihre Arme ĂŒber den Kopf, als es auch schon in Strömen zu regnen begann, und dicke Tropfen auf sie herniederprasselten. Begleitet von ohrenbetĂ€ubenden DonnerschlĂ€gen rannte sie an den VorgĂ€rten der NachbarhĂ€user vorbei, in denen es bekanntlich keine Unterschlupfmöglichkeit gab, und lief so schnell es ging nach Hause. Endlich hatte sie das Ende der Straße erreicht, das durch eine hohe Mauer markiert wurde, und stĂŒrmte durch das niedrige Gartentörchen auf den rot gestrichenen Eingang zu.

Völlig durchnĂ€sst und außer Atem trommelte sie an die TĂŒr, aber niemand öffnete. Verzweifelt rief sie nach ihrer Mutter, wieder und wieder und immer lauter, bis sie husten mußte und ihre Stimme versagte. Als die TĂŒr verschlossen blieb, lief sie durch den schmalen Gang zwischen den HĂ€usern, an den MĂŒlltonnen vorbei, bis auf die RĂŒckseite und blickte flĂŒchtig durch das KĂŒchenfenster, bevor sie die TerrassentĂŒre unverschlossen vorfand und hastig ins Trockene flĂŒchtete.

Wieder wollte sie nach ihrer Mutter rufen, als sie im gleichen Augenblick bemerkte, daß sie in einem völlig leeren Raum stand. Wie erstarrt blieb sie an Ort und Stelle stehen, wĂ€hrend sich zu ihren FĂŒĂŸen bereits eine PfĂŒtze zu bilden begann. Der Raum wirkte fremd ohne Möbel, eintönig und nackt. Nicht einmal die Tapete war noch an den WĂ€nden.
Vivian verstand die Welt nicht mehr. Noch vor wenigen Stunden hatte sie hier gefrĂŒhstĂŒckt.

»Mom?« rief sie dann doch und wagte sich langsam ein paar Schritte vor. Niemand antwortete. »Mom?« rief sie nun verhaltener, wĂ€hrend sie vorsichtig durch die KĂŒchentĂŒr in den schmalen Flur lugte.

Auf leisen Sohlen schlich sie an dessen ebenso kahler Wand entlang auf die HaustĂŒr zu. Draußen tobte noch immer das Gewitter und ließ eine schauderhafte GerĂ€uschkulisse entstehen. Mit angehaltenem Atem beugte sie sich ĂŒber das untere Ende des TreppengelĂ€nders und blickte hinauf. Von oben roch es modrig und nach verfaultem Obst.

Der kurzzeitig helle Lichtschein einer Blitzentladung und das unmittelbar ertösende Krachen ließ sie erschrocken zusammenfahren. Sie holte einige Male tief Luft, und mit wachsam nach oben gerichtetem Blick setzte sie dann ihren Fuß auf die unterste Stufe. Magisch angezogen von den unerklĂ€rlichen DĂŒften ĂŒberwand sie ihre Angst und tastete sich mit zaghaften Schritten langsam aufwĂ€rts.

Der Regen klang noch bedrohlicher, je weiter sie sich dem schĂŒtzenden Dach nĂ€herte, auf das Millionen unablĂ€ssig aufschlagender Partikel einhĂ€mmerten. Ansonsten war es still.

Das obere Stockwerk wirkte ebenso kahl und verlassen wie das untere, als sei es nie bezogen gewesen. In den TĂŒrrahmen waren keine TĂŒren, und die Zimmer, in die sie voll schrecklicher Vorahnung gespĂ€ht hatte, waren ausnahmslos leer.

Das einzige, das sie betrat, war ihr eigenes, und es hatte sie ihren ganzen Mut gekostet. Hier hatte sie ihre letzten Jahre in elterlicher Obhut verbracht, bevor sie und Jason nach Bury zogen.

Ihr stockte der Atem. Das war unmöglich. Sie war doch noch ein Kind. Irritiert wandte sie sich um. Dort an der Wand hatte ihr Bett gestanden und daneben der alte Kleiderschrank, dessen TĂŒren erst knarrten, wenn man sie vollstĂ€ndig öffnete. Auf der anderen Seite ihr Schminktisch, den Mom zur Aussteuer bekommen hatte wie auch die WĂ€schekommode in der Ecke.

Wieder erzuckte ein Lichtblitz, und fĂŒr kurze Zeit war der Raum zumindest teilweise hell erleuchtet, und bizarre Schatten zeichnten sich schemenhaft an den WĂ€nden ab. Starr vor Entsetzen gefror ihr das Blut in den Adern. Nur einen Augenblick lang war das Grauen sichtbar geworden. Herausgerissene und achtlos entleerte Schubladen, durchwĂŒhlte Regale, SchrĂ€nke und Kommoden, deren Inhalt grĂ¶ĂŸtenteils ĂŒber den Boden verteilt ein chaotisches Durcheinander an BĂŒchern und Zeitschriften, zerrissenen Kleidern, WĂ€sche und den verschiedensten Utensilien und GegenstĂ€nden bildeten, boten ein Bild der VerwĂŒstung. Die Möbel waren demoliert, die Matraze und die Kopfkissen aufgeschlitzt.

Aber das war nicht alles. Kaum zwei Schritte von ihr entfernt hatten direkt unter dem Fenster zwei menschliche Körper auf dem Boden gesessen, nebeneinander gegen den Heizkörper gelehnt. Ihre Arme verliefen sich hinter dem RĂŒcken, und ĂŒber ihre Köpfe hatte man durchsichtige PlastiktĂŒten gestĂŒlpt, die eng am Hals verknotet und nach verbrauchtem Sauerstoff und Ausstoß von Kohlenmonoxyd von Innen beschlagen waren. Ihre Gesichter waren grimassenhaft verzerrt. Sie waren qualvoll erstickt, und die letzten Sekunden ihres verzweifelten Todeskampfes schienen in erstarrten GesichtszĂŒgen festgehalten. In den weit aufgerissen MĂŒndern klebte das beim letzen Atmenszug angesogene Plastik, und die Augen quollen aus ihren Höhlen.

Von dem Schock wie gelĂ€hmt starrte sie auf die Stelle, an der sich das Grauen gezeigt hatte. Es war nur ein aufblitzendes Bildnis gewesen, das einen kurzen Moment lang an die Stelle des Wahrnehmbaren getreten war, als sei es die ĂŒbrige Zeit von einer Illusion ĂŒberlagert.

Panik ergriff sie, und mit mĂŒhsam erzwungenen Bewegungen stolperte sie langsam rĂŒckwĂ€rts, bevor sie mit vorgehaltener Hand Hals ĂŒber Kopf die steile Treppe hinunterstĂŒrmte und durch die HaustĂŒr hinaus ins Freie flĂŒchtete.

In Todesangst sprang sie von ihrer Pritsche und begann zu rennen. Übermannt von den intensiven Bildern aus den dunklen Tiefen ihres Bewußtseins und gelenkt von ĂŒbermĂ€chtigem Entsetzen hatte sie jede Orientierung verloren. Die rĂ€umlichen BeschrĂ€nkungen ihrer Zelle stellten unsichtbare Barrieren dar, die sie zwar spĂŒrte aber nicht zuordnen konnte. In ihrer Verzweiflung stieß sie immer wieder vor WĂ€nde, wandte sich um, prallte gegen die GitterstĂ€be, gegen das Bett, hin und her, unermĂŒdlich, bis sie von dem herbeigeeilten Wachpersonal schließich ĂŒberwĂ€ltigt werden konnte.

Erst der von geweckten Urtrieben ausgelöste Angstschrei holte sie in die RealitĂ€t zurĂŒck. Drei Aufseher waren nötig gewesen, um sie am Boden zu halten. Gerade noch rechtzeitig hatten sie das Schlimmste verhindern können. Außser einigen Prellungen und verschiedenen SchĂŒrfwunden wies die völlig verstört wirkende Inhaftierte keine ernsthaften Verletzungen auf.


* * * * * * * * * *


Die Tage strichen dahin. Das Verfahren war ein Fiasko, und mit jedem weiteren Verhandlungstag, jeder Aussage und jedem Beweismittel, mit dem die Staatsanwaltschaft aufwartete, schwanden ihre Chancen zugunsten des attackierenden Greifvogels, dessen gewaltige dunkle Schatten sich an der Zellendecke abzeichneten und sie vollends zu verschlingen drohten.

Es war ein bösartiges, grausames Geschöpf, das sich lauernd hinter anderen Schatten verbarg, um dann aus dem Hinterhalt anzugreifen und seine wehrlose Beute zu reißen. Doch vor ihr konnte er sich nicht verstecken. Sie hatte den Hauch seines FlĂŒgelschlags gespĂŒrt, als er ihr eines Nachts ganz nahe gekommen war. Aber er hatte sie nicht richtig zu packen bekommen. Seine langen Krallen hatten sich in der Bettdecke verfangen und daran gerissen, und mit grellem Geschrei hatte er sein Opfer einzuschĂŒchtern versucht. Doch es gelang ihr zu entkommen und so den ersten Angriff abzuwehren.

Sie wußte, er war da draußen, irgendwo zwischen den Schatten, die meist gleichgĂŒltig im eintönigen Grau einander ĂŒberlagerten. Aber sie wĂŒrde wachsam sein und jede seiner Bewegungen genau verfolgen. Solange sie im Licht saß, konnte ihr nichts passieren. Der Lichtschein wĂŒrde sie beschĂŒtzen. Im Licht war sie bestimmt vor ihm sicher.

Mit dem RĂŒcken gegen die StĂ€be gelehnt saß sie auf dem kalten Steinboden, stundenlang, bewegungslos, und wenn sie fĂŒr einen Moment die Augen schloß, dann lauschte sie in die Dunkelheit.

„Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können“, fielen ihr Lydias Worte wieder ein, mit denen sie Sartre zitiert hatte. Lydia teilte nach eigener Aussage dessen Überzeugung von der Freiheit und der Einsamkeit des Individuums.

Lydia war so anders als alle Frauen, die sie bis dahin kennengelernt hatte, und sie hĂ€tte lĂŒgen mĂŒssen, wollte sie nicht eingestehen, daß sie eine gewisse Faszination auf sie ausĂŒbte. Mit ihrem gewöhnlichem „Comprehensive School“-Abschluß konnte Vivian bei weitem nicht mit dem Wissen der gebildeten Amerikanerin mithalten, aber diese hatte ihre Überlegenheit nie zur Schau gestellt. Es war wohl Sympathie gewesen, die die beiden Frauen zusammenfĂŒhrte.

Vivian lehnte ihren Kopf nach hinten gegen die eisernen StĂ€be und begann, in ihren Erinnerungen zu schwelgen. Ein Traum hatte sich erfĂŒllt, als sie Jason bei einer seiner Dienstreisen begleiten durfte. Sie hatte sich schon oft nach einem Urlaub außerhalb Englands gesehnt, und nun sollte es fĂŒr ĂŒber drei Wochen in die Vereingten Staaten gehen. Vor Begeisterung war sie so aufgeregt gewesen, daß sie mehrere Tage benötigte, bis auch ihr Koffer endlich gepackt war.

Jener Tag, an dem sie Lydia zum ersten Mal traf, war etwas ganz Besonderes gewesen. WĂ€hrend Jason tagsĂŒber in der Firma beschĂ€ftigt war, hatte sie, mit Mobiltelefon und ausreichend Bargeld ausgestattet, einige kleinere AusflĂŒge unternommen, außerhalb des Hotels und nicht immer mit seiner Zustimmung oder dessen Wissen.

Einer dieser AusflĂŒge, und sie war mit Mal zu Mal mutiger geworden, hatte sie ins „County Museum of Art“ gefĂŒhrt. Es war nicht weit vom Hotel entfernt, lediglich auf der anderen Seite des Hancock Parks, downtown Los Angeles. Es war ein tolles GefĂŒhl, das sie in vollen ZĂŒgen genoß, wĂ€hrend sie die barocken GemĂ€lde italienischer KĂŒnstler auf sich wirken ließ oder die Meisterwerke Rembrandts, Gauguin oder CĂ©zanne bestaunte. In der Ausstellung „American Art“ dominierten Ölbilder, Aquarelle und Skulpturen aus der Kolonialzeit bis zum zweiten Weltkrieg, die vornehmlich Portraitdarstellungen zeigten, und deren Erschaffer zu ihrer Genugtuung oftmals britischen Ursprungs waren.

Die Begegnung mit Lydia war keine im herkömmlichen Sinne; sie war aus Ă€ußeren UmstĂ€nden einfach entstanden. Vor George BellowsÂŽ „Cliff Dwellers“ (engl.: Höhlenbewohner) – der Ă€ltesten Errungenschaft des Museums – hatte sich eine Gruppe von Betrachtern eingefunden, die sich nach und nach auflöste, bis nur noch zwei Personen ĂŒbrig blieben. In Bibliotheken und Museen wird aus RĂŒcksichtnahme gegenĂŒber anderen Besuchern nicht gesprochen. Aus diesem Grund hatte Vivian auf das sympathische und ausdrucksstarke LĂ€cheln der etwa gleichaltrigen Frau neben ihr nur mit einem leisen Kichern reagiert. „Auch ohne Begleitung?“ hatte sie von ihren Augen abgelesen, und das erwiderte belustigte Kichern mußte sie fĂŒr Außenstehende unweigerlich wie zwei Freundinnen erscheinen lassen.

Sie wollte nicht fĂŒr aufdringlich gehalten werden, und so war sie der geheimnisvollen VerbĂŒndeten nicht gefolgt, als diese ihren Rundgang fortsetzte. Aber durch jeden Raum, den sie fortan betrat, ließ sie zunĂ€chst ihren Blick in der Hoffnung schweifen, daß auch sie dort sein wĂŒrde, und sich vielleicht doch noch die Gelegenheit fĂŒr ein GesprĂ€ch ergab.

An einer Vitrine mit ausgestelltem chinesischem Kunsthandwerk standen sie dann wie zufÀllig wieder beisammen. Ihre Blicke trafen sich in der Spiegelung des Glases, und sofort zeichnete sich in beiden Gesichtern ein kontaktfreudiges, beinahe inniges LÀcheln ab.

»Du bist verheiratet?« fragte die Blonde ohne den Kopf zu wenden, und als ob sie ihre verblĂŒffte Reaktion vorhergesehen hĂ€tte, hielt sie ihr aufklĂ€rend den linken HandrĂŒcken hin.

Die demonstrierte Beobachtungsgabe imponierte Vivian, und der fehlende Trauring an deren Ringfinger ließ demnach den Schluß zu, daß sie selber nicht verheiratet war.

»Ich bin Lydia«, stellte sich ihre neue Bekanntschaft dann selbstbewußt vor.

»Vivian Bellings«, tat sie es ihr nach.

»Wußten Sie eigentlich, Mrs. Bellings, daß dieser Teller fast siebenhundert Jahre alt ist?« immitierte Lydia eine Klassenleiterin, die die Aufmerksamkeit einer abgelenkten SchĂŒlerin wieder auf das zu betrachtende Objekte lenkte.

Vivian gluckste leise, bevor sie auf das Spiel einging und mit einem braven „Nein, Ma®m“ antwortete.

»Die Schönheit und Eleganz dieses handgefertigten Porzellantellers aus der Jiangxi Provinz, entstanden etwa 1340-68, spÀte Yuan-Dynastie ...«, gab Lydia mit gespielt schulmeisterhaftem Tonfall den Inhalt der ausliegenden Kurzbeschreibung leicht improvisiert wieder.

»... zeigt die acht buddhistischen Symbole, Blumen und Wellen«, vervollstĂ€ndigte die fĂŒgsame SchĂŒlerin, was Lydia ein kurzes aber herzhaftes Auflachen entlockte, in das Vivian um ein Haar mit eingestimmt wĂ€re.

»Du bist EnglĂ€nderin?« stellte Lydia ĂŒberrascht und mit einem Schmunzeln fest. Die markant britische Aussprache schien sie zu amĂŒsieren, wĂ€hrend sie nun skeptisch Vivians Äußeres musterte. »Nein, ...« revidierte sie dann aber ihr Urteil, »... du siehst nicht aus wie eine EnglĂ€nderin. Vielleicht ... Australierin?«

»Nein!« lachte Vivian.

»Warte, ... jetzt habŽ ichŽs! ... NeuseelÀnderin?«

Vivian mußte sich die Hand vor den Mund halten, um nicht laut loszuprusten.

»Na gut«, akzeptierte Lydia ihre FehleinschÀtzung, »gibŽmir einen Hinweis, ... aber nur einen ganz kleinen«, bat sie belustigt, um das Ratespiel fortzusetzen.

»Stratford-upon-Avon«, nannte Vivian den Namen eines malerischen Ortes in Warwickshire, der als GeburtsstĂ€tte eines weltberĂŒhmten Schriftstellers jĂ€hrlich tausende Touristen anlockte.

»Laß® mich ĂŒberlegen«, winkte Lydia in Gedanken vertieft ab, »... wie wĂ€rÂŽs damit? ... „So wird der Wille einer lebenden Tochter durch den letzten Willen eines toten Vaters gefesselt. Ist es nicht hart, Nerissa, daß ich nicht einen wĂ€hlen und auch keinen ausschlagen darf?“« demonstrierte sie mit einem Zitat eindrucksvoll, daß sie deutlich mehr von William Shakespeare kannte als nur seinen Geburtsort.

»Macbeth?« ließ Vivian durchblicken, daß sie nicht ganz so belesen war.

»Der Kaufmann von Venedig«, stellte Lydia leicht pikiert richtig, und auf Vivians Betteln umriß sie kurz den Inhalt. »Um seinem verschuldeten Freund die standesgemĂ€ĂŸe Werbung um die schöne Porzia zu ermöglichen, verpfĂ€ndet ein venezianischer Kaufmann dem wohlhabenden Shylock ein Pfund Fleisch aus seinem eigenen Körper. Als der Kaufmann sein Vermögen verliert, besteht Shylock auf seiner mörderischen Forderung.«

Vivian hatte unwillkĂŒrlich eine GĂ€nsehaut bekommen.

»Das klingt ja furchtbar! Und wie geht die Geschichte aus?«

»Hoffentlich habe ich nicht schon zuviel verraten«, wich Lydia schmunzelnd aus, »schließlich will ich dir nicht den Spaß am Lesen verderben«, erklĂ€rte sie mit versteckter Aufforderung.

Von nun an schlenderten sie gemeinsam durch die Ausstellung, und Vivian ließ nicht locker, bis Lydia ihr schließlich doch noch das Ende der berĂŒhmten Komödie erzĂ€hlte.

Als ihre Begleiterin sich dann plötzlich von ihr verabschiedete, sah Vivian ihr wehmĂŒtig nach. Sie hĂ€tte gerne noch mehr Zeit mit der faszinierenden jungen Frau verbracht, von der sie kaum mehr wußte als ihren Vornamen: Lydia.

Doch sie kam noch einmal zurĂŒck und wurde dafĂŒr von ihr mit einem freudigen Strahlen empfangen. Sie erklĂ€rte, daß sie mit Freunden verabredet sei und lud Vivian ein, sie zu begleiten. Ohne zu zögern nahm sie die freundliche Einladung an, und nach einem kurzen Abstecher zu einem Buchladen trafen sie im „Caffee Latte“ ein, einem lichtdurchfluteten CafĂ© mit Terracottaboden. Schon am Eingang, an dem ein neonfarbenes Hinweisschild den hauseigenen HĂŒhnchensalat mit Preiselbeeren anpries, drang ihnen der aromatische Duft gerösteter Kaffeebohnen in die Nase.

Durch freudiges Winken hatten sich Lydias Freunde von ihrem Tisch aus gleich bemerkbar gemacht.

»Darf ich vorstellen? Das sind Peter und Betsy, meine allerbeste Freundin Jill und ihre bessere HĂ€lfte Frederic. Meine Damen und Herren, das ist Mrs. Bellings. Sie ist EnglĂ€nderin!« betonte Lydia ĂŒberschwenglich, als kĂ€me Vivian von einem anderen Stern.

»Als ich meinte, daß du dir beizeiten einen festen Partner suchen könntest, hĂ€tte ich wohl etwas prĂ€ziser sein sollen«, scherzte Frederic sarkastisch, wĂ€hrend Lydia und Jill sich herzlich umarmten, und die beiden anderen Vivian zur BegrĂŒĂŸung die Hand reichten.

»Weil ich EnglĂ€nderin bin?« hakte Vivian zum AmĂŒsement der anderen nach.

»Ou contraire, Madame! Weil Sie eine Frau sind, wie unschwer zu erkennen ist«, gab der Gefragte trocken zurĂŒck.

Mit einem machohaften Schmunzeln streifte er seine Sonnenbrille ĂŒber die Stirn in die Haare, was ihm einen eifersĂŒchtigen aber liebevollen Hieb in die Rippen seitens Jill einbrachte.

Vivian hatte sich auf Anhieb in die muntere Gesellschaft eingefĂŒgt. Bereitwillig hatte sie alle neugierigen Fragen ĂŒber ihre Person und das Leben in Großbritannien beantwortet und sich dabei vehement gegen die geĂ€ußerten Vorurteile gewehrt, mit denen hintlerwĂ€ldlerische Ansichten als typisch englisch bezeichnet worden waren. Mit Stolz hatte sie auf die Errungenschaften des damaligen „British Empire“ verwiesen, welches nach ihrer Überzeugung das Gesicht der modernen Welt in Hinblick auf Kultur und Zivilisation entscheidend geprĂ€gt habe. Aber als Peter mit den Worten „God save the queen“ respektvoll einen Toast auf die zukĂŒnftig engeren amerikanisch-englischen Beziehungen aussprach – was er ohne Zweifel auf die beginnende Freundschaft der Anwesenden zu Vivian bezog – stimmte sie herzhaft in das Lachen der anderen mit ein.

Die zwei Wochen bis zu ihrem RĂŒckflug gestalteten ihre neuen Freunde so interessant und abwechslungsreich, daß sie fĂŒr sie zu einem unvergeßlichen Erlebnis wurden. An den Wochenenden begleitete Jason sogar die unternehmungslustige Truppe, deren Teilnehmer und Anzahl variierte, und an mehreren Abenden gingen sie gemeinsam aus.

Wenn die Frauen alleine loszogen, dann fĂŒhrten sie Vivian an Orte, die weniger erlebnisreich waren. In langen GesprĂ€chen lernten sie sich nĂ€her kennen und genossen dabei ausgiebig das mediterrane Klima und die facettenreiche Landschaft entlang der PazifikkĂŒste.

Vivian hatte den Strand von Palos Verdes, von dessen hohen HĂŒgeln sie vertrĂ€umt auf den tiefblauen Ozean hinausblickte, als ihren Lieblingsplatz auserkoren. Die Malvern Hills im SĂŒdwesten Englands waren damit endgĂŒltig vom Thron verdrĂ€ngt.

An mehreren Tagen waren sie in die Santa Monica Berge gefahren, die sich westlich von Los Angeles erhoben und sich sĂŒdlich bis in die Santa Monica Bucht erstreckten. Die reichhaltige Vegetation, die im Wettstreit mit den wĂŒstenĂ€hnlichen Regionen um die Vorherrschaft rang, und das ungewöhnlich breite Spektrum der bestimmenden Farbtöne, war das Beeindruckenste, das Vivian je gesehen hatte.

Von dort aus ging es immer hĂ€ufiger zur Brentwood Ranch, wo Lydia zu Hause war. Bei ihrem ersten Abstecher dorthin hatte es ihr glatt die Sprache verschlagen. Eingebettet in eine natĂŒrlich wirkende und doch liebevoll gepflegte Gartenanlage an den nördlichen AuslĂ€ufern der Berge erhob sich ein gewaltiges Landhaus von beeindruckender Schönheit und Eleganz. Die atemberaubende Ă€ußere Erscheinung wurde nur noch von dem weitlĂ€ufigen und luxurios ausgestatteten Innern ĂŒbertroffen, bei dessen Anblick sie vollends ĂŒberwĂ€ltigt war.

Ausgehend von der Eingangshalle, die wie das formell elegante Speisezimmer in hellen Pastelltönen gehalten war, hatte sie sich voller Ehrfurcht durch die mit viel Liebe zum Detail eingerichteten RĂ€ume fĂŒhren lassen. Das dunkel getĂ€felte Wohnzimmer hatte die Ausmaße eines Tanzsaals und mĂŒndete zum Garten in einem glĂ€sernen Vorbau mit Kuppeldach. In der KĂŒche dominierte eine freistehende Theke, ĂŒber der zahlreiche Gourmet-Utensilien und Dutzende kupferfarbene Töpfe in verschiedenen GrĂ¶ĂŸen herabhingen, wĂ€hrend ein ausladender ovaler Tisch zu einem ausgedehnten FrĂŒhstĂŒck mit Blick in den Garten einlud. FĂŒr die körperliche Fitness standen neben einem Gymnastikraum mit verspiegelten WĂ€nden ein eigener Tennisplatz und der obligatorische Pool zur VerfĂŒgung. Die Bibliothek, in die sich die Herren nach dem Dinner vermutlich zu einer guten Ziggarre und einem Glas Portwein zurĂŒckzogen, und die großzĂŒgigen Zimmer der oberen Etage rundeten den Eindruck einer herrschaftlichen Residenz ab.


»Bellings?« holte eine herbe Frauenstimme sie abrupt aus ihren TrĂ€umen zurĂŒck. »Besuch fĂŒr Sie, SchĂ€tzchen. ... Nun machen Sie schon! Stehen Sie auf!«

Erschrocken war sie aufgefahren und hatte sich instinktiv von der Stimme weg in das Zelleninnere zurĂŒckgezogen. Erst nach einer Weile realisierte sie wieder, wo sie war.

Die farbige Aufseherin war krĂ€ftig gebaut und brachte gut und gerne ihre 180 Pfund auf die Waage. Mit festem Griff geleitete sie die verĂ€ngstigte Gefangene trotz angelegter Handschellen aus dem GefĂ€ngnistrakt und ĂŒber den Hof in das NebengebĂ€ude, in dem der Besucherraum lag. Über ein Mikrophon an ihrer linken Schulter hatte sie ihr Eintreffen bereits angekĂŒndigt, aber erst nach einem kontrollierenden Sichtkontakt mit einem der innseitigen Wachbeamten betĂ€tigte dieser die von dem gewohnt durchdringenden Summen begleitete Entriegelung der SicherheitstĂŒre.

Ein beißender Geruch nach Putzmitteln und frischem Bohnerwachs lag in der Luft, und außer dem lauten Quietschten, das jeder ihrer Schritte auf dem blank polierten Boden hervorbrachte, herrschte eine bedrĂŒckende Stille. Die KĂ€lte der unwirklichen Umgebung strenger behördlicher Disziplinargewalt setzte sich in der Monotonie trister Farben und den kahlen WĂ€nden des Besucherraums fort. Gesenkten Hauptes ließ sie sich an den wenigen, vergitterten Fenstern entlang bis zu ihrem Platz fĂŒhren und sah erst dann durch die leicht spiegelnde Trennscheibe in das Gesicht der Person, die sie am allerwenigsten erwartet hĂ€tte.

Ihre blonden Haare wurden mit Ausnahme einzelner StrĂ€hnen ĂŒber eine große Haarklammer aus matt silbernem Metall in Nackenhöhe auf dem RĂŒcken gehalten und reichten bis kurz ĂŒber die Taille herab. Die schlanken FĂŒĂŸe, die unter den Hosenbeinen der figurbetonten Jeans zu sehen waren, steckten strumpflos in unifarbenen Pumps mit normalem Absatz, und Vivian fiel auf, daß sie keinen Schmuck trug.

»Hey«, lautete ihre knappe aber freundschaftliche BegrĂŒĂŸung, nachdem sie den Hörer aufgenommen hatte und mit einem ĂŒberspielt mitleidigen Blick Vivians weniger gepflegtes Äußeres bemerkte.

»Hey«, erwiderte diese ebenso knapp; sie hĂ€tte ohnehin nicht gewußt, wie ausgerechnet sie das GesprĂ€ch hĂ€tte beginnen sollen.

»Behandeln sie dich gut?« erkundigte sich Lydia mit schwesterlicher FĂŒrsorge, aber Vivian reagierte nur mit einem verĂ€chtlichen Grinsen.

»Bitte erspare mir deine Anteilnahme. Das kaufe ich dir sowieso nicht ab! Kommen wir doch lieber gleich zum Punkt, ja? Was willst du?«

»Du bist wirklich unverschĂ€mt, weißt du das?« beschwerte sich Lydia beleidigt. »Was glaubst du wohl, was ich will? Ich möchte, daß du wieder nach Hause kommst und endlich mit diesem unsinnigen Versteckspiel aufhörst!«

»FĂ€ngst du schon wieder damit an! Und wenn du es noch hundert Mal behauptest, ... ich bin nicht deine Schwester!« fuhr Vivian wĂŒtend aus der Haut.

»Ich verstehe dich nicht. Warum willst du nicht einsehen, daß es völlig sinnlos ist, diese Farce noch weiter fortzusetzen? Hast du dir eigentlich schon ÂŽmal ĂŒber die Folgen Gedanken gemacht? Ist dir denn nicht klar, daß dir deine Sturheit womöglich eine mehrjĂ€hrige Haftstrafe einbringt?«

Vivian zuckte unwillkĂŒrlich zusammen. Auf diese Möglichkeit hatte sie auch ihr Verteidiger bereits mehrfach hingewiesen. Immer wieder hatte er von Wahrscheinlichkeiten gesprochen und dabei in zunehmendem Maße der drohenden Niederlage höhere Prozentwerte zugebilligt. Aufgrund ihrer dann als uneinsichtig ausgelegten Haltung wĂŒrde sie der Arm des Gesetzes vermutlich mit voller HĂ€rte treffen. Nur ein offenes Bekenntnis zu der unterstellten IdentitĂ€t konnte sie seiner Meinung nach davor bewahren. Sollte dieser IdentitĂ€tswechsel jedoch per Gerichtsbeschluß erfolgen, dann wĂŒrden sĂ€mtliche RechtsgeschĂ€fte, die sie unter der demnach rechtswidrig angenommenen IdentitĂ€t Vivian Bellings abschloß, zwangslĂ€ufig als Betrugsdelikte verfolgt. Das bezog unter anderem ihre Ehe mit Jason mit ein.

»Warum tust du das?« stellte sie Lydia mit weinerlichem Unterton zur Rede. »Was hast du nur davon, mir mein Leben wegzunehmen und mir ein anderes aufzuzwingen?« Aus inzwischen genĂ€ĂŸten Augen sprach die Verzweiflung.

»Ja, sicher«, stellte Lydia nĂŒchtern fest, »das ist ÂŽmal wieder typisch! Du bist selbstverstĂ€ndlich wieder nur ein Opfer widriger UmstĂ€nde geworden, und dafĂŒr gibst du jetzt mir die Schuld.«

»Ganz genau so ist es doch!« giftete Vivian zurĂŒck. »Woher kommen denn diese ganzen Indizien, he? Meine Gebißaufnahme, die angeblich mit der deiner Schwester ĂŒbereinstimmt, und ihr Ausweis in meinem GepĂ€ck, ... doch wohl nur von dir!«

Lydia schĂŒttelte verstĂ€ndnislos den Kopf, statt ihrer VerĂ€rgerung freien Lauf zu lassen, bevor sie sich Vivian mit ernstem Blick wieder zuwandte.

»Ich habe es wirklich satt, mich dauernd mit dir zu streiten, und ich bin es leid, ewig deine Fehler auszubĂŒgeln«, erklĂ€rte sie frustriert. »Dazu habe ich einfach keine Lust mehr.«

»Dann laß® es doch, und laß® mich endlich zufrieden!« forderte Vivian unbeachtet der Empfehlung ihres Verteidigers. Die innere Auflehnung gegen die vorgetĂ€uschte familiĂ€re Bindung, aus der Lydia ihre Verantwortung ableitete, war einfach stĂ€rker gewesen.

»BringÂŽ mich besser nicht in Versuchung!« fauchte ihre Kontrahendin zurĂŒck. »Sonst ĂŒberlege ich mir vielleicht noch, ob es nicht wirklich besser fĂŒr dich wĂ€re, wenn sie dich fĂŒr einige Zeit hier behalten!«

Auch ohne heruntergezogene Augenbrauen verfehlte ihr furchteinflĂ¶ĂŸender Gesichtsausdruck, aus dessen Mitte zwei strahlend blaue Augen hervorstachen, seine Wirkung nicht. Vivian lief bei diesem Anblick ein eiskalter Schauer den RĂŒcken hinab.

»Mein Anwalt meint, wir haben gute Chancen«, stachelte sie abwehrend, worauf sich in Lydias Gesicht ein hÀmisches Grinsen formte.

»So? Sagt er das, ja?« zog sie diese Aussicht mit ĂŒberheblichem Tonfall in Zweifel. »Und du bist sicher, daß du diesen Prozeß tatsĂ€chlich gewinnen willst? ... Also schön«, gab sie sich nun einlenkend. »Es ist deine Entscheidung. Du kannst natĂŒrlich deine jĂ€mmerliche IdentitĂ€t als Vivian Bellings aufrechterhalten und dich gemeinsam mit Jason fĂŒr den Mord an Vivians Eltern verantworten. ... Oder du gibst diese lĂ€cherliche Maskerade endlich auf und lĂ€ĂŸt dir statt dessen von mir helfen.«

»Wir ... wir sind es nicht gewesen«, widersprach Vivian beinahe kleinlaut, als die in ihr GedĂ€chtnis eingebrannten Traumbilder von der schrecklichen Gewalttat einen heftigen GefĂŒhlsausbruch hervorriefen.

Ihre Atmung beschleunigte sich zusehens, der Puls schlug ihr lĂ€ngst bis zum Hals, und in Sekunden war sie schweißdurchnĂ€sst. Vom Haaransatz aus liefen die zu einem Rinnsal vereinigten Tropfen ĂŒber die Stirn und von den Augenbrauen abgelenkt seitlich an ihrem Gesicht hinunter. Ihre Kleidung nahm die Feuchtigkeit auf und begann sofort am Körper festzukleben. Aus den genĂ€ĂŸten Augen strömten immer neue TrĂ€nen unaufhaltsam an ihren erröteten Wangen hinab, die sich mit dem Schweiß vermischten und auch durch ein ruckartiges Hochreißen ihres Kopfes gen Zimmerdecke nicht zu bĂ€ndigen waren.

»Du weißt es noch nicht, oder? Jason hat ein umfassendes GestĂ€ndnis abgelegt. Allerdings hat er darin auch seine Komplizin schwer belastet«, versetzte Lydia ihr einen Hieb, der sie durch Mark und Bein erschĂŒtterte.

Wieder schossen Vivian die TrĂ€nen in die Augen, und ihr Hals zog sich zusammen, daß sie beinahe kein Wort mehr hervorbrachte.

»Das ... das ... kann nicht sein!« krÀchzte sie fassungslos.

»SiehÂŽ es doch endlich ein! Er hat dich benutzt! Wahrscheinlich liegt die echte Vivian zerstĂŒckelt auf dem Grund irgend eines Sees. Er ist ein Mörder, das hat er selber zugegeben! Aber du mußt dich da nicht hineinziehen lassen! HörÂŽ doch auf mich!« Sie beugte sich nĂ€her zur Trennscheibe vor. »Ich weiß, ich habÂŽs dir nicht immer einfach gemacht. Vielleicht bin ich sogar mit daran schuld, daß du deiner Familie den RĂŒcken gekehrt hast und nun sogar deine Herkunft leugnest. Aber ich bin deine Schwester, und ich will dir doch helfen!«

Vivian war noch zu keiner Antwort fĂ€hig. Ihre bislang aufrechte Köperhaltung, die in Verbindung mit einer lebendigen Mimik und aktiven Gestik ihren selbst aufgezwungenen Optimismus wiederspiegelte, war einer unĂŒbersehbaren ErnĂŒchterung gewichen. Sie zeichnete sich in verkrampften GesichtszĂŒgen ab und setzte sich in den vorhĂ€ngenden Schultern fort. Ihre Körpersprache war nun einsilbig, bedĂ€chtig, vorhersagbar und schien gelenkt von der freiwilligen Hingabe an den aufkeimenden Haß, der sie nach dem Verrat an ihrem Vertrauen erfĂŒllte. Niemals wieder wĂŒrde sie sich in seinen Armen sicher und geborgen fĂŒhlen.

»Du willst mir helfen?« fragte sie skeptisch, ohne Lydia dabei anzusehen.

»Ja, das will ich!« bekrĂ€ftige diese mit ĂŒberlegener Entschlossenheit. Sie wußte, daß sie alle TrĂŒmpfe in der Hand hielt. »Allerdings stelle ich ein paar Bedingungen«, wurden prompt Vivians BefĂŒrchtungen bestĂ€tigt, daß sie die Katze noch nicht vollstĂ€ndig aus dem Sack gelassen hatte.

»Wenn hier jemand ins GefĂ€ngnis gehört, dann du!« erklĂ€rte sie mit ungeschminkter Verbitterung und wischte sich mit dem Ärmel die Spuren ihrer GemĂŒtsverfassung aus dem Gesicht. »Was verlangst du?«

»Ich halte es fĂŒr sinnvoll, daß die mir nach deinem spurlosen Verschwinden ĂŒbertragene Vermögenspflege deines Erbteils bestehen bleibt und mit deinem Einvernehmen notariell beglaubigt wird.«

»Meinen Erbteil!« lachte Vivian zynisch. »Du meinst wohl Merendas Erbteil. Das ist doch der Name, oder?«

»DarĂŒberhinaus erwarte ich, daß du versprichst, niemals wieder deine IdentitĂ€t zu leugnen und mich natĂŒrlich ohne Widerrede in allen Maßnahmen unterstĂŒtzt, die ich nach deiner Entlassung zur Einhaltung und Kontrolle der gerichtlichen Auflagen fĂŒr nötig erachte. Ansonsten findest du dich schneller wieder hier ÂŽdrin als dir lieb ist!«

»Ich kann also zwischen GefÀngnis und einem goldenen KÀfig wÀhlen«, hielt Vivian sarkastisch fest. »Soll das etwa dein Angebot sein?«

»Wenn du es so sehen willst?« gab sich die Gefragte keine MĂŒhe, ihr zu widersprechen. »Aber du wirst verstehen, daß ich nicht einfach meinen Kopf fĂŒr dich hinhalte, wĂ€hrend du, mir nichts, dir nichts, so weitermachst wie bisher. Ich werde gut fĂŒr dich sorgen, und du sollst alles bekommen, was du brauchst, ... aber ich werde nicht zulassen, daß du weder mich noch dich selbst jemals wieder in solche Schwierigkeiten bringst!«

»Du verdammtes Biest!« reagierte Vivian aggressiv, bevor sie sich wieder einen gemĂ€ĂŸigten Tonfall abrang. »Geht es um viel Geld? Wie hoch ist denn dieses Erbe?«

»Unser Vater hinterließ uns ein achtstelliges Vermögen«, antwortete Lydia mit der NĂŒchternheit einer GeschĂ€ftsfrau.

»Wow!« entfuhr es Vivian beeindruckt von dieser Summe, die folglich zwischen 10 und 99 Millionen Dollar liegen mußte.

»Ich warte auf eine Antwort«, erklÀrte Lydia sachlich.

»Du willst Merendas Erbteil, richtig? Das sollte dir schon noch ein bißchen mehr wert sein«, pokerte Vivian.

»Es geht nicht darum, was ich will. Du mußt dich entscheiden.«

Ihr Blick war bewegungslos, ohne jede sichtbare Emotion.

»Du verlangst zuviel!« wehrte sich Vivian.

»Ach wirklich? Dann bleibst du also lieber fĂŒr den Rest deines Lebens im GefĂ€ngnis? So verrĂŒckt kannst du nicht sein! MachÂŽ dir doch nichts vor. Du bist nicht in der Position, Forderungen zu stellen. Das solltest du in keiner Sekunde vergessen, in der du mit mir sprichst!« warnte sie, und ihr Blick verfinsterte sich. »Und jetzt will ich endlich eine Antwort!«

»Ich muß darĂŒber nachdenken«, vermied die unter Druck Gesetzte mĂŒhsam jede andere Reaktion, wĂ€hrend sich ihre verdeckte Hand zu einer Faust ballte.

»Ich gebe dir eine Minute«, antwortete Lydia kaltherzig, und nachdem sie demonstrativ den Hörer abgelegt hatte, lehnte sie sich mit abgewandtem Blick zurĂŒck.

Das gestellte Ultimatum war hart und viel zu kurz, und in typischer Weise spiegelte es Lydias grausame Unnachgiebigkeit und ihr unertrĂ€gliches Verlangen nach Dominanz wieder. Sie hatten sich einmal so sehr gemocht. Ihre gemeinsamen AusflĂŒge, die langen, tiefgreifenden GesprĂ€che, ihr fröhliches, herzhaftes Lachen und der sĂŒĂŸliche Duft ihrer Haare, die sie auf ihrem Gesicht spĂŒrte, wenn sie sich zur BegrĂŒĂŸung umarmten, waren alles angenehme Erinnerungen. Doch ihr bisheriger Bezug zu einem bis dahin nicht erfahrenen GlĂŒcksgefĂŒhl verkehrte sich nun ins Gegenteil und ließ wie eine aufgedeckte Intrige nichts ĂŒbrig als den Schmerz ĂŒber die EnttĂ€uschung eines mißbrauchten Vertrauens.

Ihr getrĂŒbtes Urteilsvermögen erlaubte keinen klaren Gedanken und verhinderte ein berechnendes AbwĂ€gen der zur Auswahl stehenden Alternativen. Ihre Entscheidung war nicht ĂŒberdacht und ging einher mit dem Streben eines unbeugsamen Besiegten, der seine unehrenhafte Unterwerfung und die Auslieferung eines ganzen Volkes dessen unmittelbarer Vernichtung vorzog. Sie scheute ein sinnloses Ende und wĂŒrde statt dessen den Kampf wieder aufnehmen, wenn die Zeit dafĂŒr gekommen war.

Vorsichtig klopfte sie mit dem Hörer gegen die Trennscheibe und machte so auf sich aufmerksam.

»Du hast gewonnen«, erklÀrte sie dann. »Ich kapituliere. Aber auch ich stelle ein paar Bedingungen«, versuchte sie ihre Position zu stÀrken.

»Keine Bedingungen«, unterstrich Lydia mit einem ablehnenden KopfschĂŒtteln. Â»Ăœber die GewĂ€hrung gewisser Freiheiten, die dir vielleicht jetzt vorschweben, werden wir uns erst unterhalten, wenn ich es fĂŒr richtig halte.«

Vivian mußte schlucken, und nicht nur ihre Nackenhaare, alles in ihr strĂ€ubte sich. Doch sie wollte auf keinen Fall ins GefĂ€ngnis. Auf keinen Fall ins Dunkel, in dem die Schatten auf sie lauerten. Um nichts in der Welt wollte sie dahin zurĂŒck.

»Also gut, ... Schwesterherz. Ich werde tun, was du verlangst«, willigte sie nach einer Verzögerung und mit vorgespielt gebrochenem Widerstand schließlich ein.

»Das Versprechen«, erinnerte Lydia kĂŒhl.

Vivians Hals zog sich weiter zusammen, und ein gewaltiger Kloß begann sich darin zu formen. Erst nach einem mehrmaligen RĂ€uspern fand sie ihre Stimme wieder.

»Was willst du hören?«

»Ich verspreche, niemals wieder meine IdentitĂ€t als Merenda Carolyn Kereth zu leugnen oder diesbezĂŒgliche Zweifel Dritter zu unterstĂŒtzen«, gab Lydia den Text vor.

FĂŒr diese nicht sichtbar verkreuzte Vivian als imaginĂ€ren Schutz die Finger, wĂ€hrend sie widerwillig die verlangten Worte eines Versprechens wiederholte, dessen Einhaltung fĂŒr sie selbstverstĂ€ndlich undenkbar war.


* * * * * * * * * *


Vor dem glĂ€sernen Wohnzimmervorbau auf der Terrasse sitzend ließ Vivian vertrĂ€umt ihren Blick durch den Garten schweifen. In den vergangenen anderthalb Jahren seit ihrer Verhaftung hatte sich ihr Leben grundlegend verĂ€ndert. Ihre BewĂ€hrungsstrafe in der Obhut des gerichtlich anerkannten BĂŒrgen war inzwischen bis auf einen einzigen verbleibenden Monat absolviert, aber in dem nĂ€her rĂŒckenden Fristende sah sie nicht lĂ€nger einen Motivationsspender.

Bisher hatte ihre Anstrengung ausschließlich der Verteidigung dessen gegolten, das gemĂ€ĂŸ eigener Definition als bewahrenswert galt. Klammerte man jedoch das unwiederbringlich Verlorene aus, dann blieb nur die Gewißheit, daß sie auf den bevorstehenden Tag, an dem sie ihre Selbstbestimmung wiedererlangen wĂŒrde, in keiner Weise vorbereitet war.

Eine erfrischende Brise versetzte die StrĂ€ucher und Äste in Bewegung. Das zeitversetzt aufbrausende Rauschen zog mit dem Atem der Jahreszeit davon, verstummte kurzzeitig und kehrte zurĂŒck, noch bevor das ausschwingende GrĂŒn zum Stillstand gekommen war.

Sie mußte sich wohl damit abfinden, daß die einschneidenden VerĂ€nderungen aller Wahrscheinlichkeit nach irreversibel waren und somit eine Wiederherstellung des frĂŒheren Zustands unmöglich machten. Daher schien es nicht lĂ€nger vertretbar, allen Anzeichen zum Trotz an etwas festzuhalten, das eine unbefriedigende BeschrĂ€nkung ihres Daseins auf die nackte Existenz ohne Vergangenheit und vor allem ohne Zukunftsaussicht bedeuten wĂŒrde. Schon der Gedanke daran löste vielmehr ein gewisses Unbehagen aus.

Das bislang favorisierte Selbstbildnis, das sie als leidvoll aufschreiende Gestalt inmitten einer surreal anmutenden Umgebung zeigte, war es einfach nicht wert, um sich mit einer fortgesetzten kategorischen Abwehrhaltung der Chance auf ein reales Leben zu verschließen, das so viel mehr zu bieten hatte. Dabei spielte es im Grunde keine Rolle, ob sie das Opfer einer Verschwörung geworden war oder den Hauptgewinn in einem zugegebenermaßen ungewöhnlichen Preisausschreiben gezogen hatte.

Es verging kein Tag, an dem Lydia ihr nicht genau das vorhielt – sie formulierte es nur anders. Dabei konnte einem ihr hochtrabendes Gequatsche, dessen sie sich beizeiten befleißigte, mĂ€chtig auf die Nerven gehen. Aber wenngleich sie ihre wahren GefĂŒhle geschickt zu kaschieren verstand, so kannte Vivian sie doch inzwischen gut genug, um hinter den bisweilen kunstvoll arrangierten Worten einen tief verwurzelten Schmerz zu erkennen.

Über dessen Ursache konnte sie natĂŒrlich nur Mutmaßungen anstellen, aber es hatte ohne Zweifel etwas mit dem Verschwinden ihrer Schwester zu tun. Vivian graute bei der Vorstellung, daß Lydia am Ende sogar darin verwickelt sein könnte.

Unweigerlich mußte sie an Jason denken, der in einem englischen HochsicherheitsgefĂ€ngnis eine 18-jĂ€hrige Haftstrafe unter verschĂ€rften Bedingungen und ohne Aussicht auf vorzeitige Entlassung verbĂŒĂŸte. Seine Komplizin, auf die er bei seiner Verhandlung immer wieder verwiesen hatte, konnte nicht ermittelt werden. Immerhin hatte man nach einem Vergleich der auf DrĂ€ngen britischer Ermittlungsbehörden diesen eingereichten Haar-, Gewebe- und Blutproben mit am Tatort sichergestellten Spuren Vivian von diesbezĂŒglichen VerdĂ€chtigungen freigesprochen.


Die TerrassentĂŒre hinter ihr öffnete sich, und Lydia steckte ihren Kopf hindurch.

»Alles in Ordnung?« fragte sie vermutlich in Mißinterpretation des romantischen Sitzplatzes als sorgenerregende Absonderung.

»Sicher. Und bei dir?« fragte Vivian mit ausgelassenem Stimmfall zurĂŒck.

»Es ist ziemlich kĂŒhl hier draußen. Willst du nicht ÂŽreinkommen?«

»Ich finde es herrlich. Magst du dich zu mir setzen? Wir könnten uns etwas unterhalten.«

»WorĂŒber möchtest du reden?« bot Lydia sich an, als habe Vivian etwas auf dem Herzen, das nach einer Schulter zum Ausweinen verlangte, und nahm neben ihr Platz.

Vivian reagierte jedoch völlig anders als erwartet.

»Was ist ein Versprechen wert, zu dem man gezwungen wurde?« begann sie die Unterhaltung auf ungewöhnliche Art und Weise.

»Ist das eine philosophische Frage?« wich Lydia einer direkten Beantwortung aus, um erst durch weitere AusfĂŒhrungen zu erfahren, ob sie sich auf das im GefĂ€ngnis abverlangte Versprechen bezĂŒglich der Akzeptanz und Verteidigung ihrer neuen IdentitĂ€t bezog.

»Ich weiß nicht, ... nein, ich glaube, nicht. Ich wĂŒrde nur gerne wissen, was dir ein Versprechen bedeutet.«

»Generell?«

»Ja. Ganz allgemein.«

»Nun, ich halte es fĂŒr eine Zusicherung mit verbindlichem ErklĂ€rungswert hinsichtlich eines zukĂŒnftigen Handelns, dessen Einhaltung je nach Äußerungsrahmen die Ehre oder auch das Gesetz gebietet.«

Vivian blickte genervt gen Himmel.

»Ich wollte keine Definition aus einem verdammten Fachwörterbuch hören sondern wie du, Lydia Kereth, dazu stehst.«

»Ich halte, was ich verspreche, falls du das meinst.«

»Ach tatsĂ€chlich?« gab sich Vivian mißtrauisch. »Und wie war das mit dem „immer fĂŒreinander da zu sein“ an Vaters Sterbebett?« erinnerte sie an das Versprechen, das sich die beiden wahren Schwestern einst gaben, und von dem Lydia ihr vor einiger Zeit erzĂ€hlt hatte.

Lydia war so perplex, daß sie kurzzeitig wie versteinert einfach nur da saß und in das triumphierend naserĂŒmpfende Gesicht ihrer von behördlicher Seite anerkannten Schwester blickte. Vivian schien stolz darauf zu sein, daß es ihr endlich einmal gelungen war, ihrerseits einen wunden Punkt zu treffen und damit eine vorĂŒbergehende Sprachlosigkeit hervorzurufen.

Scheinbar nachdenklich senkte Lydia ihren Blick, als ob sie sich erst selber darĂŒber klar werden mußte, ob dieser Vorwurf berechtigt war oder nicht. Erst nach einer ausgiebigen Bedenkzeit schweigsamen AbwĂ€gens nahm sie den Augenkontakt wieder auf, aber selbst danach verging noch eine ganze Weile, bevor sie endlich antwortete.

»DarĂŒber möchte ich nicht mit dir sprechen«, erklĂ€rte sie dann.

»Du hast ihn sehr geliebt, hm?«

»Himmel, nein!« lachte Lydia verĂ€chtlich auf, daß Vivian das Blut in den Adern gefror. »Gehaßt habÂŽ ich ihn! Er war der verabscheuungswĂŒrdigste Mistkerl unter Gottes Sonne, und wenn ĂŒberhaupt jemand einen grausamen Tod verdient hatte, dann er!«

»Und Merenda? Hast du die auch gehaßt?«

»Also schön«, lenkte Lydia nach einer Weile in die Fortsetzung dieses GesprĂ€chsthemas ein. »Nein, ich habe Merenda nicht gehaßt. Im Gegenteil. Ich habe sie geliebt, ... mehr als alles andere auf der Welt.«

»Das glaube ich dir nicht! Du hast das Versprechen gebrochen! Oder etwa nicht?« unterstellte Vivian ihr vorwurfsvoll, daß sie mehr ĂŒber Merendas Verschwinden wußte als sie bisher zuzugeben bereit gewesen war.

»Und wenn es so wĂ€re?« gab Lydia kaltschnĂ€uzig zurĂŒck.

»Ich wĂŒrde gerne die Wahrheit erfahren.« Sie nahm all ihren Mut zusammen. »Sie ist tot, nicht wahr?«

»Bist du sicher, daß du darauf eine Antwort willst?« erkundigte sich Lydia einer Drohung gleich, daß die Kenntnis grausamer Geschehnisse weit ĂŒber das hinausgehen könnte, was ein zart besaitetes GemĂŒt zu verkraften im Stande war.

»Hast ... hast du sie ...?« Vivian brachte es nicht fertig, ihre Vermutung vollstÀndig auszusprechen.

»Ich konnte es nicht verhindern«, entgegnete Lydia trocken. »Sie wollte es genauso wie ich, aber als es dann so weit war, bekam sie kalte FĂŒĂŸe. Als er endlich tot war, trank auch sie davon. Sie wurde wohl nicht damit fertig. ... Es gab nichts, was ich tun konnte. Als ich sie fand, war es bereits zu spĂ€t.«

Vivians Gesichtsmuskeln verkrampften. Die unerwartete Offenheit und gleichzeitige KĂ€lte, mit der Lydia sie an dem schrecklichen Geheimnis teilhaben ließ, schockierte und verletzte zugleich. Das von Verachtung ausgelöste Entsetzen war so groß, daß es ihr regelrecht die Sprache verschlug.

»Sein unertrĂ€glich schwitziger Atem verfolgt mich noch heute!« fuhr Lydia unterdessen mit vor Haß funkelnden Augen fort. Ein gequĂ€ltes Lachen erschĂŒtterte die Abendluft. »Arme, unschuldige Merenda! Wehrloses Opfer schrankenloser Ausbeutung! Aber auch naive Merenda! Zu lange war sie wohl der Unmenschlichkeit, seiner mit Bösartigkeit durchsetzten GleichgĂŒltigkeit ausgesetzt gewesen, daß sie das gnadenlose Ausleben sadistischer Triebe stillschweigend ĂŒber sich ergehen ließ und seine unbarmherzige RĂŒcksichtslosigkeit ohne die geringste Auflehnung ertrug.«

Durch Lydias niederschmetternde EnthĂŒllungen hatten sich lĂ€ngst kleine Brandherde entzĂŒndet, die sich nun unaufhaltsam ausbreiteten, Barrieren und GrĂ€ben ĂŒberwanden und nichts zurĂŒckließen als öde WĂŒste. Das ohne erkennbaren Anspruch auf Trost oder MitgefĂŒhl beschriebene Leid war alles verzehrend, jede Hoffnung auf Barmherzigkeit erstickend und in seinen tragischen Auswirkungen schier unabsehbar.

»Es gibt keine Rechtfertigung fĂŒr das Unverzeihliche!« betonte Lydia mit furchteinflĂ¶ĂŸender Miene, wĂ€hrend sich Vivians Herzschlag rapide beschleunigte. »Nichts konnte ihn mehr retten, als sich die Gelegenheit bot, uns dieses Jochs zu entledigen, unter dem wir beide litten. Dabei hat es ihn noch viel zu gnĂ€dig dahinrafft! Ich hatte gehofft, er wĂŒrde die aufweichenden Stadien des Dahinvegitierens erleben, aber ich habe ihm wohl etwas zuviel verabreicht.«

Eine Zeit lang saßen sie wortlos nebeneinander und blickten wie erstarrt auf die vom aufbrausenden Wind in Bewegung gehaltenen Äste und StrĂ€ucher.

»Du wirst mich nicht gehen lassen, oder?« brach Vivian schließlich das Schweigen.

»Wo wolltest du denn hingehen? Etwa zurĂŒck nach England?«

»Warum nicht? Immerhin bin ich von da zu Hause.«

»Nicht mehr.«

»Und wenn ich trotzdem gehen wollte?«

Statt zu antworten wandte Lydia lediglich ihren Kopf in Vivians Richtung und blickte sie aus kalten, emotionslosen Augen an.

»WĂŒrdest du mir dann einen Gefallen tun?« bat Vivian nun vorsichtig, wĂ€hrend ihr die Angst vor Lydias KaltblĂŒtigkeit deutlich ins Gesicht geschrieben stand.

»Welchen?«

»Enbindest du mich von dem Versprechen, das ich dir im GefĂ€ngnis geben mußte?«

»Warum bittest du mich darum?«

»Es ist doch nicht mehr wert als ein erpreßtes GestĂ€ndnis. Ich dachte, du empfindest etwas fĂŒr mich. Willst du mir dann nicht vertrauen?«

»Ich habe nicht die Absicht, dir zu vertrauen.«

»Und wie soll ich dann jemals dir vertrauen?«

»Das brauchst du nicht. Es genĂŒgt völlig, wenn du tust, was ich sage.«

»Ich bin nicht dein Eigentum!« wagte Vivian ihr mit unterdrĂŒckter LautstĂ€rke zu widersprechen.

»Mag sein, aber ich nehme an, du erinnerst dich, daß ich dir ebenso etwas versprochen habe?«

»Was meinst du?«

»Sagte ich nicht, daß ich nicht zulassen werde, daß du weder mich noch dich selbst jemals wieder in Schwierigkeiten bringst?«

Vivian bemĂŒhte sich nach KrĂ€ften, den drohenden GefĂŒhlsausbruch zu unterdrĂŒcken, mit dem sie ihre Unterlegenheit eingestehen wĂŒrde, doch es gelang ihr nicht. Zu sehr war sie davon ĂŒberzeugt, daß sie Lydia in keiner Weise gewachsen war. Eher wĂŒrde sie sich dem fĂŒgen, das sie ihr vorschrieb als durch Auflehnung oder gar eine Flucht ihr Leben aufÂŽs Spiel zu setzen. Wohin hĂ€tte sie auch fliehen sollen? Lydia standen durchaus die Mittel zur VerfĂŒgung, sie auf jedem Fleck dieser Erde aufspĂŒren zu lassen. Demnach schien der einzige Ort, an dem sie keiner unmittelbaren Gefahr ausgesetzt war, an Lydias Seite zu sein.

Inzwischen war es dunkel geworden, und die Sterne zeigten sich am Firmament. Sie war wieder allein. Das Rauschen der BlĂ€tter, deren dem Wind gehorchenden Bewegungen von der Dunkelheit verschluckt nur mehr zu hören waren, beruhigte und ließ ihren sehnsĂŒchtigen Blick zu den endlos weit entfernten Lichtern reisen. Das war er also, der Sternenschimmer, der sich ihr in einer ihrer TrĂ€ume angekĂŒndigt hatte und fortan ihr Schicksal bestimmen wĂŒrde. Es war wohl eine Vorahnung gewesen, eine verschlĂŒsselte Botschaft ihres Unterbewußtseins, die ihr auf unerklĂ€rliche Weise den Weg gewiesen hatte, und die sie noch nicht vollstĂ€ndig verstand.

Vielleicht war es besser so. Fröstelnd wandte sie sich von dem zauberhaften Anblick ab, dem sie sich noch vor einiger Zeit die ganze Nacht lang hÀtte hingeben können, und folgte Lydia hinein.


– Ende –

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visco
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Schicksalhafte Begegnung

Hinweis der Autorin:

Erst ÂŽmal Hallo allerseits!

Nachdem ich einige der hier veröffentlichten BeitrĂ€ge gelesen hatte, war ich unsicher, ob ich meinen ĂŒberhaupt ÂŽreinsetzen sollte. Immerhin unterscheidet er sich doch ziemlich von den ĂŒbrigen - nicht nur wegen der LĂ€nge.
Ich habe mich dann aber doch dazu entschlossen, weil ich eure Meinung bzw. Kritik hören möchte, wie vernichtend sie auch sein mag.

Tut mir doch bitte den Gefallen und gebt mir ein paar Anhaltspunkte, damit ich mich selber - oder besser meine Arbeiten - besser einschÀtzen kann.

Viele GrĂŒĂŸe,
Viktoria.

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