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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Schicksalhafte Begegnung - Teil 3 von 5
Eingestellt am 09. 07. 2001 19:51


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visco
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Schicksalhafte Begegnung

Teil 3 von 5



Die Wochen bis zur n├Ąchsten Verhandlung waren eine Qual, die unerbittlich an ihrer Widerstandskraft nagte wie ein hungriges Tier. Zum ersten Mal lernte sie den Wert der Dinge einzusch├Ątzen, die sie bis dahin f├╝r selbstverst├Ąndlich gehalten hatte. Ihre bisherigen Probleme, ob in finanzieller oder privater Hinsicht, verloren im Vergleich zu dem Verlust ihrer Freiheit an Substanz, die Konturen verwischten, und ihre Erinnerung daran verblasste, je l├Ąnger sie dar├╝ber nachdachte.

Ihr Leben war schon einmal aus der Bahn geworfen worden. Damals war es der Tod gewesen, der sie so erschreckte. Vielleicht war es aber auch die Hilflosigkeit, mit der sie dem tragischen Verlust der Eltern gegen├╝bergestanden hatte, den sie als ungerecht und wegen ihrer aufkommenden Schuldgef├╝hle als eine Art Bestrafung empfand.

Jason hatte sie damals aufgefangen. Er war zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen. Ausgerechnet das aufgeblasene Gro├čmaul. Aber er war da, und in seinen Armen, mit denen er sie vor allem ├ťbel dieser Welt besch├╝tzen w├╝rde, f├╝hlte sie sich sicher und geborgen. Er ertrug ihre Launen und beizeiten unkontrollierten Wutausbr├╝che, und er h├Ârte auch dann zu, wenn sie schwieg.

Die vielen Besuche beim Psychiater hatten ihr geholfen, das Unfa├čbare zu verarbeiten und den Schmerz zu ├╝berwinden. Es hatte sie viel Kraft gekostet, endlich loszulassen. Sie wu├čte, da├č Akzeptanz ein m├Ąchtiges Instrument sein konnte, um den Kummer zu besiegen und sich neu zu orientieren. Aber erst mit Jasons Hilfe hatte sie sich ein neues Leben, eine neue Welt aufbauen k├Ânnen, die nicht nur einen Ausweg aus der Misere sondern auch eine Zukunft bot.

Die Erfahrung eines schmerzlichen Verlusts hatte die momentane Situation mit der damaligen gemein, aber sie war nicht l├Ąnger hilflos. Jason war sicher in Gedanken bei ihr, so wie sie bei ihm, und mit ihrem Verteidiger stand jemand an ihrer Seite, jemand, der sich f├╝r sie einsetzte und ihr den Trost spendete, den sie gerade jetzt so dringend ben├Âtigte.

Dennoch war sie w├╝tend. Die Machtlosigkeit, mit der sie den Torturen eines b├╝rokratischen Rechtssystems ausgeliefert war, schien unertr├Ąglich. Mit angewinkelten Beinen auf ihrer Pritsche kauernd grollte sie leise vor sich hin und verbarg den Kopf in ihren Knien. Auch wenn die Intensit├Ąt des Schmerzes damals ungleich gr├Â├čer gewesen war, so waren die Umst├Ąnde, die dazu gef├╝hrt hatten, zumindest begreifbar und f├╝r jeden nachvollziehbar. In diesem Falle jedoch schien alles noch komplizierter. Sie war gefangen in einem Labyrinth aus Indizien, deren Herkunft sie ebenso wenig verstand wie die Motivation, diese gegen sie zu verwenden.

So sehr sie sich auch bem├╝hte, einen verborgenen Sinn oder auch nur den Ansatz einer Erkl├Ąrung f├╝r das schier Unbegreifliche zu entdecken, der Strudel aus unl├Âsbaren R├Ątseln war einfach st├Ąrker. L├Ąngst hatte der Sog sie erfa├čt und drohte sie unbarmherzig in den gefr├Ą├čigen Schlund eines dunklen Misteriums zu ziehen, aus dem es kein Entrinnen mehr gab.

Ver├Ąngstigt sah sie nach oben. Tiefschwarze Gewitterwolken waren an der Zellendecke aufgezogen, aus denen es blitzte und donnerte. Sch├╝tzend hielt sie sofort ihre Arme ├╝ber den Kopf, als es auch schon in Str├Âmen zu regnen begann, und dicke Tropfen auf sie herniederprasselten. Begleitet von ohrenbet├Ąubenden Donnerschl├Ągen rannte sie an den Vorg├Ąrten der Nachbarh├Ąuser vorbei, in denen es bekanntlich keine Unterschlupfm├Âglichkeit gab, und lief so schnell es ging nach Hause. Endlich hatte sie das Ende der Stra├če erreicht, das durch eine hohe Mauer markiert wurde, und st├╝rmte durch das niedrige Gartent├Ârchen auf den rot gestrichenen Eingang zu.

V├Âllig durchn├Ąsst und au├čer Atem trommelte sie an die T├╝r, aber niemand ├Âffnete. Verzweifelt rief sie nach ihrer Mutter, wieder und wieder und immer lauter, bis sie husten mu├čte und ihre Stimme versagte. Als die T├╝r verschlossen blieb, lief sie durch den schmalen Gang zwischen den H├Ąusern, an den M├╝lltonnen vorbei, bis auf die R├╝ckseite und blickte fl├╝chtig durch das K├╝chenfenster, bevor sie die Terrassent├╝re unverschlossen vorfand und hastig ins Trockene fl├╝chtete.

Wieder wollte sie nach ihrer Mutter rufen, als sie im gleichen Augenblick bemerkte, da├č sie in einem v├Âllig leeren Raum stand. Wie erstarrt blieb sie an Ort und Stelle stehen, w├Ąhrend sich zu ihren F├╝├čen bereits eine Pf├╝tze zu bilden begann. Der Raum wirkte fremd ohne M├Âbel, eint├Ânig und nackt. Nicht einmal die Tapete war noch an den W├Ąnden.
Vivian verstand die Welt nicht mehr. Noch vor wenigen Stunden hatte sie hier gefr├╝hst├╝ckt.

┬╗Mom?┬ź rief sie dann doch und wagte sich langsam ein paar Schritte vor. Niemand antwortete. ┬╗Mom?┬ź rief sie nun verhaltener, w├Ąhrend sie vorsichtig durch die K├╝chent├╝r in den schmalen Flur lugte.

Auf leisen Sohlen schlich sie an dessen ebenso kahler Wand entlang auf die Haust├╝r zu. Drau├čen tobte noch immer das Gewitter und lie├č eine schauderhafte Ger├Ąuschkulisse entstehen. Mit angehaltenem Atem beugte sie sich ├╝ber das untere Ende des Treppengel├Ąnders und blickte hinauf. Von oben roch es modrig und nach verfaultem Obst.

Der kurzzeitig helle Lichtschein einer Blitzentladung und das unmittelbar ert├Âsende Krachen lie├č sie erschrocken zusammenfahren. Sie holte einige Male tief Luft, und mit wachsam nach oben gerichtetem Blick setzte sie dann ihren Fu├č auf die unterste Stufe. Magisch angezogen von den unerkl├Ąrlichen D├╝ften ├╝berwand sie ihre Angst und tastete sich mit zaghaften Schritten langsam aufw├Ąrts.

Der Regen klang noch bedrohlicher, je weiter sie sich dem sch├╝tzenden Dach n├Ąherte, auf das Millionen unabl├Ąssig aufschlagender Partikel einh├Ąmmerten. Ansonsten war es still.

Das obere Stockwerk wirkte ebenso kahl und verlassen wie das untere, als sei es nie bezogen gewesen. In den T├╝rrahmen waren keine T├╝ren, und die Zimmer, in die sie voll schrecklicher Vorahnung gesp├Ąht hatte, waren ausnahmslos leer.

Das einzige, das sie betrat, war ihr eigenes, und es hatte sie ihren ganzen Mut gekostet. Hier hatte sie ihre letzten Jahre in elterlicher Obhut verbracht, bevor sie und Jason nach Bury zogen.

Ihr stockte der Atem. Das war unm├Âglich. Sie war doch noch ein Kind. Irritiert wandte sie sich um. Dort an der Wand hatte ihr Bett gestanden und daneben der alte Kleiderschrank, dessen T├╝ren erst knarrten, wenn man sie vollst├Ąndig ├Âffnete. Auf der anderen Seite ihr Schminktisch, den Mom zur Aussteuer bekommen hatte wie auch die W├Ąschekommode in der Ecke.

Wieder erzuckte ein Lichtblitz, und f├╝r kurze Zeit war der Raum zumindest teilweise hell erleuchtet, und bizarre Schatten zeichnten sich schemenhaft an den W├Ąnden ab. Starr vor Entsetzen gefror ihr das Blut in den Adern. Nur einen Augenblick lang war das Grauen sichtbar geworden. Herausgerissene und achtlos entleerte Schubladen, durchw├╝hlte Regale, Schr├Ąnke und Kommoden, deren Inhalt gr├Â├čtenteils ├╝ber den Boden verteilt ein chaotisches Durcheinander an B├╝chern und Zeitschriften, zerrissenen Kleidern, W├Ąsche und den verschiedensten Utensilien und Gegenst├Ąnden bildeten, boten ein Bild der Verw├╝stung. Die M├Âbel waren demoliert, die Matraze und die Kopfkissen aufgeschlitzt.

Aber das war nicht alles. Kaum zwei Schritte von ihr entfernt hatten direkt unter dem Fenster zwei menschliche K├Ârper auf dem Boden gesessen, nebeneinander gegen den Heizk├Ârper gelehnt. Ihre Arme verliefen sich hinter dem R├╝cken, und ├╝ber ihre K├Âpfe hatte man durchsichtige Plastikt├╝ten gest├╝lpt, die eng am Hals verknotet und nach verbrauchtem Sauerstoff und Aussto├č von Kohlenmonoxyd von Innen beschlagen waren. Ihre Gesichter waren grimassenhaft verzerrt. Sie waren qualvoll erstickt, und die letzten Sekunden ihres verzweifelten Todeskampfes schienen in erstarrten Gesichtsz├╝gen festgehalten. In den weit aufgerissen M├╝ndern klebte das beim letzen Atmenszug angesogene Plastik, und die Augen quollen aus ihren H├Âhlen.

Von dem Schock wie gel├Ąhmt starrte sie auf die Stelle, an der sich das Grauen gezeigt hatte. Es war nur ein aufblitzendes Bildnis gewesen, das einen kurzen Moment lang an die Stelle des Wahrnehmbaren getreten war, als sei es die ├╝brige Zeit von einer Illusion ├╝berlagert.

Panik ergriff sie, und mit m├╝hsam erzwungenen Bewegungen stolperte sie langsam r├╝ckw├Ąrts, bevor sie mit vorgehaltener Hand Hals ├╝ber Kopf die steile Treppe hinunterst├╝rmte und durch die Haust├╝r hinaus ins Freie fl├╝chtete.

In Todesangst sprang sie von ihrer Pritsche und begann zu rennen. ├ťbermannt von den intensiven Bildern aus den dunklen Tiefen ihres Bewu├čtseins und gelenkt von ├╝berm├Ąchtigem Entsetzen hatte sie jede Orientierung verloren. Die r├Ąumlichen Beschr├Ąnkungen ihrer Zelle stellten unsichtbare Barrieren dar, die sie zwar sp├╝rte aber nicht zuordnen konnte. In ihrer Verzweiflung stie├č sie immer wieder vor W├Ąnde, wandte sich um, prallte gegen die Gitterst├Ąbe, gegen das Bett, hin und her, unerm├╝dlich, bis sie von dem herbeigeeilten Wachpersonal schlie├čich ├╝berw├Ąltigt werden konnte.

Erst der von geweckten Urtrieben ausgel├Âste Angstschrei holte sie in die Realit├Ąt zur├╝ck. Drei Aufseher waren n├Âtig gewesen, um sie am Boden zu halten. Gerade noch rechtzeitig hatten sie das Schlimmste verhindern k├Ânnen. Au├čser einigen Prellungen und verschiedenen Sch├╝rfwunden wies die v├Âllig verst├Ârt wirkende Inhaftierte keine ernsthaften Verletzungen auf.


- Ende von Teil 3 -

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visco
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zum 3. Teil

Hinweis der Autorin:

Die Einsamkeit in ihrer Zelle bietet keine M├Âglichkeit, sich von den schrecklichen Ereignissen abzulenken, die Vivian so sehr belasten. Ihre eigene Vorstellung dieser Ereignisse soll schockieren.
Ist das gelungen?
Konnte die Spannung (sofern denn hoffentlich welche bestand) aufrechterhalten werden, damit man erfahren will, was das alles mit ihrer Verhaftung zu tun hat, und wie die Geschichte ausgeht?

Viele Gr├╝├če,
Viktoria.

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