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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Schicksalhafte Begegnung - letzter Teil
Eingestellt am 09. 07. 2001 20:01


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visco
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Schicksalhafte Begegnung

Teil 5 von 5



Vor dem gl├Ąsernen Wohnzimmervorbau auf der Terrasse sitzend lie├č Vivian vertr├Ąumt ihren Blick durch den Garten schweifen. In den vergangenen anderthalb Jahren seit ihrer Verhaftung hatte sich ihr Leben grundlegend ver├Ąndert. Ihre Bew├Ąhrungsstrafe in der Obhut des gerichtlich anerkannten B├╝rgen war inzwischen bis auf einen einzigen verbleibenden Monat absolviert, aber in dem n├Ąher r├╝ckenden Fristende sah sie nicht l├Ąnger einen Motivationsspender.

Bisher hatte ihre Anstrengung ausschlie├člich der Verteidigung dessen gegolten, das gem├Ą├č eigener Definition als bewahrenswert galt. Klammerte man jedoch das unwiederbringlich Verlorene aus, dann blieb nur die Gewi├čheit, da├č sie auf den bevorstehenden Tag, an dem sie ihre Selbstbestimmung wiedererlangen w├╝rde, in keiner Weise vorbereitet war.

Eine erfrischende Brise versetzte die Str├Ąucher und ├äste in Bewegung. Das zeitversetzt aufbrausende Rauschen zog mit dem Atem der Jahreszeit davon, verstummte kurzzeitig und kehrte zur├╝ck, noch bevor das ausschwingende Gr├╝n zum Stillstand gekommen war.

Sie mu├čte sich wohl damit abfinden, da├č die einschneidenden Ver├Ąnderungen aller Wahrscheinlichkeit nach irreversibel waren und somit eine Wiederherstellung des fr├╝heren Zustands unm├Âglich machten. Daher schien es nicht l├Ąnger vertretbar, allen Anzeichen zum Trotz an etwas festzuhalten, das eine unbefriedigende Beschr├Ąnkung ihres Daseins auf die nackte Existenz ohne Vergangenheit und vor allem ohne Zukunftsaussicht bedeuten w├╝rde. Schon der Gedanke daran l├Âste vielmehr ein gewisses Unbehagen aus.

Das bislang favorisierte Selbstbildnis, das sie als leidvoll aufschreiende Gestalt inmitten einer surreal anmutenden Umgebung zeigte, war es einfach nicht wert, um sich mit einer fortgesetzten kategorischen Abwehrhaltung der Chance auf ein reales Leben zu verschlie├čen, das so viel mehr zu bieten hatte. Dabei spielte es im Grunde keine Rolle, ob sie das Opfer einer Verschw├Ârung geworden war oder den Hauptgewinn in einem zugegebenerma├čen ungew├Âhnlichen Preisausschreiben gezogen hatte.

Es verging kein Tag, an dem Lydia ihr nicht genau das vorhielt - sie formulierte es nur anders. Dabei konnte einem ihr hochtrabendes Gequatsche, dessen sie sich beizeiten beflei├čigte, m├Ąchtig auf die Nerven gehen. Aber wenngleich sie ihre wahren Gef├╝hle geschickt zu kaschieren verstand, so kannte Vivian sie doch inzwischen gut genug, um hinter den bisweilen kunstvoll arrangierten Worten einen tief verwurzelten Schmerz zu erkennen.

├ťber dessen Ursache konnte sie nat├╝rlich nur Mutma├čungen anstellen, aber es hatte ohne Zweifel etwas mit dem Verschwinden ihrer Schwester zu tun. Vivian graute bei der Vorstellung, da├č Lydia am Ende sogar darin verwickelt sein k├Ânnte.

Unweigerlich mu├čte sie an Jason denken, der in einem englischen Hochsicherheitsgef├Ąngnis eine 18-j├Ąhrige Haftstrafe unter versch├Ąrften Bedingungen und ohne Aussicht auf vorzeitige Entlassung verb├╝├čte. Seine Komplizin, auf die er bei seiner Verhandlung immer wieder verwiesen hatte, konnte nicht ermittelt werden. Immerhin hatte man nach einem Vergleich der auf Dr├Ąngen britischer Ermittlungsbeh├Ârden diesen eingereichten Haar-, Gewebe- und Blutproben mit am Tatort sichergestellten Spuren Vivian von diesbez├╝glichen Verd├Ąchtigungen freigesprochen.


Die Terrassent├╝re hinter ihr ├Âffnete sich, und Lydia steckte ihren Kopf hindurch.

┬╗Alles in Ordnung?┬ź fragte sie vermutlich in Mi├činterpretation des romantischen Sitzplatzes als sorgenerregende Absonderung.

┬╗Sicher. Und bei dir?┬ź fragte Vivian mit ausgelassenem Stimmfall zur├╝ck.

┬╗Es ist ziemlich k├╝hl hier drau├čen. Willst du nicht ┬┤reinkommen?┬ź

┬╗Ich finde es herrlich. Magst du dich zu mir setzen? Wir k├Ânnten uns etwas unterhalten.┬ź

┬╗Wor├╝ber m├Âchtest du reden?┬ź bot Lydia sich an, als habe Vivian etwas auf dem Herzen, das nach einer Schulter zum Ausweinen verlangte, und nahm neben ihr Platz.

Vivian reagierte jedoch v├Âllig anders als erwartet.

┬╗Was ist ein Versprechen wert, zu dem man gezwungen wurde?┬ź begann sie die Unterhaltung auf ungew├Âhnliche Art und Weise.

┬╗Ist das eine philosophische Frage?┬ź wich Lydia einer direkten Beantwortung aus, um erst durch weitere Ausf├╝hrungen zu erfahren, ob sie sich auf das im Gef├Ąngnis abverlangte Versprechen bez├╝glich der Akzeptanz und Verteidigung ihrer neuen Identit├Ąt bezog.

┬╗Ich wei├č nicht, ... nein, ich glaube, nicht. Ich w├╝rde nur gerne wissen, was dir ein Versprechen bedeutet.┬ź

┬╗Generell?┬ź

┬╗Ja. Ganz allgemein.┬ź

┬╗Nun, ich halte es f├╝r eine Zusicherung mit verbindlichem Erkl├Ąrungswert hinsichtlich eines zuk├╝nftigen Handelns, dessen Einhaltung je nach ├äu├čerungsrahmen die Ehre oder auch das Gesetz gebietet.┬ź

Vivian blickte genervt gen Himmel.

┬╗Ich wollte keine Definition aus einem verdammten Fachw├Ârterbuch h├Âren sondern wie du, Lydia Kereth, dazu stehst.┬ź

┬╗Ich halte, was ich verspreche, falls du das meinst.┬ź

┬╗Ach tats├Ąchlich?┬ź gab sich Vivian mi├čtrauisch. ┬╗Und wie war das mit dem ÔÇ×immer f├╝reinander da zu seinÔÇť an Vaters Sterbebett?┬ź erinnerte sie an das Versprechen, das sich die beiden wahren Schwestern einst gaben, und von dem Lydia ihr vor einiger Zeit erz├Ąhlt hatte.

Lydia war so perplex, da├č sie kurzzeitig wie versteinert einfach nur da sa├č und in das triumphierend naser├╝mpfende Gesicht ihrer von beh├Ârdlicher Seite anerkannten Schwester blickte. Vivian schien stolz darauf zu sein, da├č es ihr endlich einmal gelungen war, ihrerseits einen wunden Punkt zu treffen und damit eine vor├╝bergehende Sprachlosigkeit hervorzurufen.

Scheinbar nachdenklich senkte Lydia ihren Blick, als ob sie sich erst selber dar├╝ber klar werden mu├čte, ob dieser Vorwurf berechtigt war oder nicht. Erst nach einer ausgiebigen Bedenkzeit schweigsamen Abw├Ągens nahm sie den Augenkontakt wieder auf, aber selbst danach verging noch eine ganze Weile, bevor sie endlich antwortete.

┬╗Dar├╝ber m├Âchte ich nicht mit dir sprechen┬ź, erkl├Ąrte sie dann.

┬╗Du hast ihn sehr geliebt, hm?┬ź

┬╗Himmel, nein!┬ź lachte Lydia ver├Ąchtlich auf, da├č Vivian das Blut in den Adern gefror. ┬╗Geha├čt hab┬┤ ich ihn! Er war der verabscheuungsw├╝rdigste Mistkerl unter Gottes Sonne, und wenn ├╝berhaupt jemand einen grausamen Tod verdient hatte, dann er!┬ź

┬╗Und Merenda? Hast du die auch geha├čt?┬ź

┬╗Also sch├Ân┬ź, lenkte Lydia nach einer Weile in die Fortsetzung dieses Gespr├Ąchsthemas ein. ┬╗Nein, ich habe Merenda nicht geha├čt. Im Gegenteil. Ich habe sie geliebt, ... mehr als alles andere auf der Welt.┬ź

┬╗Das glaube ich dir nicht! Du hast das Versprechen gebrochen! Oder etwa nicht?┬ź unterstellte Vivian ihr vorwurfsvoll, da├č sie mehr ├╝ber Merendas Verschwinden wu├čte als sie bisher zuzugeben bereit gewesen war.

┬╗Und wenn es so w├Ąre?┬ź gab Lydia kaltschn├Ąuzig zur├╝ck.

┬╗Ich w├╝rde gerne die Wahrheit erfahren.┬ź Sie nahm all ihren Mut zusammen. ┬╗Sie ist tot, nicht wahr?┬ź

┬╗Bist du sicher, da├č du darauf eine Antwort willst?┬ź erkundigte sich Lydia einer Drohung gleich, da├č die Kenntnis grausamer Geschehnisse weit ├╝ber das hinausgehen k├Ânnte, was ein zart besaitetes Gem├╝t zu verkraften im Stande war.

┬╗Hast ... hast du sie ...?┬ź Vivian brachte es nicht fertig, ihre Vermutung vollst├Ąndig auszusprechen.

┬╗Ich konnte es nicht verhindern┬ź, entgegnete Lydia trocken. ┬╗Sie wollte es genauso wie ich, aber als es dann so weit war, bekam sie kalte F├╝├če. Als er endlich tot war, trank auch sie davon. Sie wurde wohl nicht damit fertig. ... Es gab nichts, was ich tun konnte. Als ich sie fand, war es bereits zu sp├Ąt.┬ź

Vivians Gesichtsmuskeln verkrampften. Die unerwartete Offenheit und gleichzeitige K├Ąlte, mit der Lydia sie an dem schrecklichen Geheimnis teilhaben lie├č, schockierte und verletzte zugleich. Das von Verachtung ausgel├Âste Entsetzen war so gro├č, da├č es ihr regelrecht die Sprache verschlug.

┬╗Sein unertr├Ąglich schwitziger Atem verfolgt mich noch heute!┬ź fuhr Lydia unterdessen mit vor Ha├č funkelnden Augen fort. Ein gequ├Ąltes Lachen ersch├╝tterte die Abendluft. ┬╗Arme, unschuldige Merenda! Wehrloses Opfer schrankenloser Ausbeutung! Aber auch naive Merenda! Zu lange war sie wohl der Unmenschlichkeit, seiner mit B├Âsartigkeit durchsetzten Gleichg├╝ltigkeit ausgesetzt gewesen, da├č sie das gnadenlose Ausleben sadistischer Triebe stillschweigend ├╝ber sich ergehen lie├č und seine unbarmherzige R├╝cksichtslosigkeit ohne die geringste Auflehnung ertrug.┬ź

Durch Lydias niederschmetternde Enth├╝llungen hatten sich l├Ąngst kleine Brandherde entz├╝ndet, die sich nun unaufhaltsam ausbreiteten, Barrieren und Gr├Ąben ├╝berwanden und nichts zur├╝cklie├čen als ├Âde W├╝ste. Das ohne erkennbaren Anspruch auf Trost oder Mitgef├╝hl beschriebene Leid war alles verzehrend, jede Hoffnung auf Barmherzigkeit erstickend und in seinen tragischen Auswirkungen schier unabsehbar.

┬╗Es gibt keine Rechtfertigung f├╝r das Unverzeihliche!┬ź betonte Lydia mit furchteinfl├Â├čender Miene, w├Ąhrend sich Vivians Herzschlag rapide beschleunigte. ┬╗Nichts konnte ihn mehr retten, als sich die Gelegenheit bot, uns dieses Jochs zu entledigen, unter dem wir beide litten. Dabei hat es ihn noch viel zu gn├Ądig dahinrafft! Ich hatte gehofft, er w├╝rde die aufweichenden Stadien des Dahinvegitierens erleben, aber ich habe ihm wohl etwas zuviel verabreicht.┬ź

Eine Zeit lang sa├čen sie wortlos nebeneinander und blickten wie erstarrt auf die vom aufbrausenden Wind in Bewegung gehaltenen ├äste und Str├Ąucher.

┬╗Du wirst mich nicht gehen lassen, oder?┬ź brach Vivian schlie├člich das Schweigen.

┬╗Wo wolltest du denn hingehen? Etwa zur├╝ck nach England?┬ź

┬╗Warum nicht? Immerhin bin ich von da zu Hause.┬ź

┬╗Nicht mehr.┬ź

┬╗Und wenn ich trotzdem gehen wollte?┬ź

Statt zu antworten wandte Lydia lediglich ihren Kopf in Vivians Richtung und blickte sie aus kalten, emotionslosen Augen an.

┬╗W├╝rdest du mir dann einen Gefallen tun?┬ź bat Vivian nun vorsichtig, w├Ąhrend ihr die Angst vor Lydias Kaltbl├╝tigkeit deutlich ins Gesicht geschrieben stand.

┬╗Welchen?┬ź

┬╗Enbindest du mich von dem Versprechen, das ich dir im Gef├Ąngnis geben mu├čte?┬ź

┬╗Warum bittest du mich darum?┬ź

┬╗Es ist doch nicht mehr wert als ein erpre├čtes Gest├Ąndnis. Ich dachte, du empfindest etwas f├╝r mich. Willst du mir dann nicht vertrauen?┬ź

┬╗Ich habe nicht die Absicht, dir zu vertrauen.┬ź

┬╗Und wie soll ich dann jemals dir vertrauen?┬ź

┬╗Das brauchst du nicht. Es gen├╝gt v├Âllig, wenn du tust, was ich sage.┬ź

┬╗Ich bin nicht dein Eigentum!┬ź wagte Vivian ihr mit unterdr├╝ckter Lautst├Ąrke zu widersprechen.

┬╗Mag sein, aber ich nehme an, du erinnerst dich, da├č ich dir ebenso etwas versprochen habe?┬ź

┬╗Was meinst du?┬ź

┬╗Sagte ich nicht, da├č ich nicht zulassen werde, da├č du weder mich noch dich selbst jemals wieder in Schwierigkeiten bringst?┬ź

Vivian bem├╝hte sich nach Kr├Ąften, den drohenden Gef├╝hlsausbruch zu unterdr├╝cken, mit dem sie ihre Unterlegenheit eingestehen w├╝rde, doch es gelang ihr nicht. Zu sehr war sie davon ├╝berzeugt, da├č sie Lydia in keiner Weise gewachsen war. Eher w├╝rde sie sich dem f├╝gen, das sie ihr vorschrieb als durch Auflehnung oder gar eine Flucht ihr Leben auf┬┤s Spiel zu setzen. Wohin h├Ątte sie auch fliehen sollen? Lydia standen durchaus die Mittel zur Verf├╝gung, sie auf jedem Fleck dieser Erde aufsp├╝ren zu lassen. Demnach schien der einzige Ort, an dem sie keiner unmittelbaren Gefahr ausgesetzt war, an Lydias Seite zu sein.

Inzwischen war es dunkel geworden, und die Sterne zeigten sich am Firmament. Sie war wieder allein. Das Rauschen der Bl├Ątter, deren dem Wind gehorchenden Bewegungen von der Dunkelheit verschluckt nur mehr zu h├Âren waren, beruhigte und lie├č ihren sehns├╝chtigen Blick zu den endlos weit entfernten Lichtern reisen. Das war er also, der Sternenschimmer, der sich ihr in einer ihrer Tr├Ąume angek├╝ndigt hatte und fortan ihr Schicksal bestimmen w├╝rde. Es war wohl eine Vorahnung gewesen, eine verschl├╝sselte Botschaft ihres Unterbewu├čtseins, die ihr auf unerkl├Ąrliche Weise den Weg gewiesen hatte, und die sie noch nicht vollst├Ąndig verstand.

Vielleicht war es besser so. Fr├Âstelnd wandte sie sich von dem zauberhaften Anblick ab, dem sie sich noch vor einiger Zeit die ganze Nacht lang h├Ątte hingeben k├Ânnen, und folgte Lydia hinein.


- Ende -

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visco
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zum letzten Teil

Hinweis der Autorin:

Hier nun die Aufl├Âsung, weshalb es diese Intrige ├╝berhaupt gegeben hat (Lydia hatte nat├╝rlich ein Motiv).
Jetzt er├Âffnet sich Vivian auch das gesamte Ausma├č ihrer Entscheidung, der beh├Ârdlichen Irref├╝hrung zuzustimmen, was sie voreilig als das kleinere ├ťbel eingesch├Ątzt hatte.

Obschon es nicht explizit erw├Ąhnt wird, so hoffe ich doch, da├č sich die Vermutung verdichtet, wer Jasons Komplizin in dem Mord an Vivians Eltern war.

Ich h├Ątte gerne von euch gewu├čt:
Wie ist der Dialog?
Gen├╝gt es, Lydia sich nur ├╝ber diesen Dialog selbst beschreiben zu lassen?

In Bezug auf alle 5 Teile:
L├Ą├čt sich der Text fl├╝ssig genug lesen?
Ist euch etwas aufgesto├čen (Widerspruch, Unverst├Ąndnis, etc.)?
Fehlt euch etwas? Bzw. kommt euch etwas zu kurz?
Oder im Gegenteil: was scheint euch ├╝bertrieben?

Viele Gr├╝├če,
Viktoria.

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