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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Schießbudenseligkeit
Eingestellt am 02. 10. 2014 14:11


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Hagen
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Schießbudenseligkeit

Früher wie Heute steht an der Darenweder Landstraße noch das Gasthaus und Ausflugslokal ‚Zum grünen Jäger‘. Das ist nicht nur seiner gemütlichen Räume wegen so beliebt, sondern es gab auch den großen Festplatz dahinter und das Gehölz ringsherum, einfach ideal für Festlichkeiten im Freien. Zum Beispiel zog jedes Jahr der bunte Erntedankfestumzug mitsamt der Darenweder Einwohnerschaft auf diese Wiese. Dort tanzte die Landjugend um den Erntekranz, der Reiterverein zeigte Dressurkünste und die Kapellen von Turnverein und Schützenverein machten Musik. Der örtliche Landmaschinenhändler stellte Traktoren, Erntemaschinen sowie Mähdrescher aus und die Männer der Freiwilligen Feuerwehr von Darenwede ließen sich neben ihrem knallroten Löschfahrzeug bewundern. Es war immer wunderschön. Oder die jährliche Viehausstellung auf dem Festplatz des ‚Grünen Jägers‘!
Da standen oder lagen Schweine, Kälber, Kühe und oft auch Ziegen in kleinen Pferchen zwischen den Bäumen und wurden von einem würdigen Gremium fachmännisch begutachtet. Die besten wurden mit einer himmelblauen Rosette am Hals oder am Ohr geschmückt, und die Besitzer bekamen auch Preise. „Frau Tietjen hat so ein komisches Holzdings gekriegt, wo man die Wäsche mit aus dem Waschpott kriegen kann. Ich glaub‘, für ein schönes, ganz dickes, sauber gewaschenes Schwein mit süßen Ferkeln.”
So berichtete Rike, sechs Jahre alt und seit einem Jahr mit ihren Eltern in Darenwede ansässig. Genau wie ihre Schulfreundin Lilian. Beide waren begeisterte Besucher der Viehausstellung, und den Höhepunkt hierbei bildete für sie jedes Mal die Bullenschau.
Dazu standen lange Holzbänke unter den schattigen Bäumen. Darauf nahmen die Landwirte und all die andern Interessenten Platz, und dann wurden die Prachtbullen langsam an ihnen vorbeigeführt.
Rike und Lilian saßen selbstverständlich in der ersten Reihe ganz vorn.
„Ich glaube, die Männer kneifen die Bullen erst immer feste in den Hintern, damit sie schön laut brüllen”, sagte Rike „und den Schwanz hochschlagen und tüchtig durch die Nasenlöcher pusten.“
Und denn wackelt und schwabbelt der ganze Bulle an dem fachkundigen Gremium vorbei, riecht nach Kuhstall und man kann sehen, wie wertvoll er ist. Und eine Frau hat uns gefragt, ob wir denn vor den Bullen keine Angst hätten so dichte dran.
„Hatten wir aber gar nicht!”
Wie gesagt, es war herrlich.
All diese Lustbarkeiten wurden noch gefördert durch eine Würstchenbude, eine Bude mit Süßigkeiten wie Zuckerwatte und gebrannten Mandeln. Zuckerwatte musste Rike natürlich haben, und sie kaufte für fünfzig Pfennig eine Wolke Zuckerwatte. Mit dieser schwebte sie an dem Stand mit Tau- und Riemenwerk und sonstigen Gerätschaften für die Tierhaltung vorbei, begutachtete diese fachmännisch, und natürlich auch das kleine Karussell und die Schießbude.
Aber plötzlich brach ihr fast das Herz. Sie sah nämlich ihren großen Bruder an der Schießbude stehen und mit dem Gewehr eifrig knallen. Die Schießbudendame reichte ihm nach jedem Schuss eine Gummirose oder Plastiknelke in den herrlichsten Farben. Der Kerl steckte sich alle in seine Hemdbrusttasche und ließ sich von seiner kleinen Schwester keins dieser Beutestücke abbetteln. Nicht mal gegen Rikes nur etwas dezimierte Wolke Zuckerwatte wollte er eine der Gummirosen eintauschen.
„Richtige Männer essen doch keine Zuckerwatte!“, antwortete der und schritt weiter davon, die ausgestellten Traktoren begutachten.
Rike war betrübt, aß ihre leckere Zuckerwatte auf, rannte davon, über die Landstraße nachhause zu ihrem Vater und heulte ihm empört das unkavaliermäßige Benehmen seines Sohnes vor.
Der Vater begriff schließlich, nahm Rike an die Hand und begab sich mit ihr zurück zum ‚Grünen Jäger‘ vor die Schießbude, ließ sich ein Gewehr geben, und nach kurzer Zeit hatte Rike einen dicken Strauß rosenroter und heftig lilafarbener Blumen in den Händen.
Die Schießbudendame war ganz blass geworden, als ihr Blütenflor auf den Tonröhrchen spärlicher und spärlicher wurde. Sie lächelte dankbar und nervös, als Vater das Gewehr weglegte, bezahlte und wieder nachhause ging, während Rike mit ihrer Pracht noch lange auf der Festwiese hin- und hersegelte.
Den Gipfel ihrer Seligkeit aber erzählte sie dann Zuhause beim Abendbrot: „Wisst ihr, als Vati mir meine Gummiblumen geschossen hatte, da hat Lilian natürlich auch ihren Papa geholt, und der musste auch schießen und er hatte einen richtigen Jägerhut und einen Hund. Und noch eine Brille auf, und was meint ihr wohl? Er hat gar nix getroffen!”


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