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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Schlaflos
Eingestellt am 09. 06. 2002 14:07


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julimaus
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Schlaflos

Es war vier Uhr fr├╝h. Widerstrebend hob sich Mueni von ihrem Lager und schlich fast ger├Ąuschlos aus dem Raum. Sie wollte die Kinder nicht wecken. Sie f├╝hlte sich, als h├Ątte sie sich gar nicht schlafen gelegt. Schon seit Jahren nicht mehr. Sie zog sich schnell an und erw├Ąrmte einen Beh├Ąlter mit Wasser zum Waschen f├╝r die Kinder. Ihre Bewegungen waren trotz der Dunkelheit pr├Ązise, denn der morgendliche Ablauf war schon seit vielen Jahren immer derselbe.
Es war noch dunkel, als Mueni das Haus verlie├č. Ihre Schwiegertochter w├╝rde sich um die Kinder k├╝mmern. Heute ging es ums ├ťberleben.
Sie brauchte eine gute Dreiviertelstunde, bis sie die Haltestelle erreichte. Sara und Gro├čmutter Gogo warteten bereits dort. Eine andere Freundin fehlte.
"Saela ist krank", berichtete Sara. "Sie hat Fieber, konnte nicht einmal aufstehen." Mueni und Gogo schwiegen. Beide waren sich bewusst, wie schlimm der Verdienstausfall die Freundin und ihre Kinder treffen w├╝rde. Beiden war es nicht fremd, denn auch sie waren auf sich allein angewiesen, waren von ihren M├Ąnnern verlassen und mussten allein f├╝r den Unterhalt einer gro├čen Familie sorgen. Um die Gesundheit Saelas machten sie sich keine Sorgen. Sie war stark, wie alle Frauen.
Um sechs kam der Bus in Nairobi an, eine weitere halbe Stunde brauchten die drei um zum Markt zu kommen.
"Das darf doch nicht wahr sein!", rief Sara aus. Mueni hatte erwartet, dass die Preise wieder steigen w├╝rden.
Sorgf├Ąltig w├Ąhlte Mueni aus, kaufte heute nur das, was sie sofort wieder verkaufen konnte. Sie belud ihre K├Ârbe mit Zwiebeln, Spinat, Karotten, Tomaten und s├╝├čem Pfeffer und wuchtete sie m├╝hevoll mit Hilfe ihrer Freundinnen auf den R├╝cken.
Hier trennten sich die Wege der drei, jede hatte ihr Revier, wo sie verkaufte, keine sollte den anderen im Weg sein. Mueni verkaufte in "South C", einem wohlhabenden Vorort von Nairobi. T├Ąglich lief sie stundenlang durch die Stra├čen, bot ihre Waren an, handelte, k├Ąmpfte um jede M├╝nze, die sie ihren Kindern nach Hause bringen konnte. Der Stra├čenhandel war kein Beruf, es war nur das ├ťberleben.
"Mama! Wir haben Tomaten und Kartoffeln. Wollen Sie welche haben?", t├Ânte ihre kr├Ąftige Stimme zwischen den H├Ąusern. Heute war ein guter Tag, die Waren gingen schnell weg, sie w├╝rde sich bald auf den Heimweg machen k├Ânnen.
Vielleicht hatte sie sich unbedacht dazu hinrei├čen lassen, zu lange mit einer Kundin zu plaudern, war unaufmerksam geworden. Vielleicht war es auch nur das Pech, das sie sein zehn Jahren, seit sie das heiratsf├Ąhige Alter erreicht hatte, verfolgte. Aus den Augenwinkeln bemerkte sie eine Uniform, einen Polizisten.
Sie drehte sich von ihm weg und schlenderte betont ruhig die Stra├če hinunter. Ihr war schwindlig, wie immer lie├č sich der Schlafmangel um diese Zeit bemerken, doch sie zwang sich weiterzugehen. Die Stra├če verschwamm vor ihren Augen. Sie hatte Angst.
Sie h├Ârte den Mann rufen, tat, als h├Ątte sie ihn nicht geh├Ârt. Wenn er sie ohne Handelslizenz erwischen w├╝rde, w├╝rde er ihr alles nehmen. Alle Ware, alles Geld, die Ersparnisse von einer Woche. Und daran, was passieren w├╝rde, wenn er sie vor Gericht bringen w├╝rde, wollte sie gar nicht denken.
Sie bog um die Ecke, h├Ârte den Polizisten immer noch rufen, begann zu rennen. Er verfolgte sie, sie h├Ârte es deutlich. Sie bog um eine weitere Ecke, hielt nicht an, bahnte sich ihren Weg durch die Vorstadt.
Sie f├╝hlte sich zwar nicht sicher, doch sie musste ihn abgeh├Ąngt haben. Sie lie├č sich zitternd auf den Boden sinken, hatte Schwierigkeiten, ihren Atem zu beruhigen.
Es war zu sp├Ąt um noch einmal loszugehen und die restlichen Waren zu verkaufen, doch so viel war es nicht mehr. Nicht so viel, dass die Kinder es nicht essen k├Ânnten.
Der Bus brachte sie nach Hause. Ersch├Âpft stellte sie die K├Ârbe ab und sehnte sich nur nach ihrem Bett. Doch es war erst halb sechs, sie hatte noch viel im Haushalt zu tun. Um halb acht bereitete sie das Essen f├╝r die Kinder vor, brachte sie ins Bett, k├╝mmerte sich wieder um den Haushalt.
Erst um neun lie├č sie sich auf ihr Lager sinken. Ihre Beine h├Ątten sie keine Minute l├Ąnger tragen k├Ânnen, ihr Kopf drohte zu platzen. Sie legte sich die Finger auf die Schl├Ąfen und schloss die Augen, ├╝bte mit den Fingerspitzen sanften Druck aus. Der Schmerz lie├č nach. Nun w├╝rde sie einschlafen k├Ânnen und die Stunden w├╝rden unbemerkt an ihrem K├Ârper vorbeigehen. Es w├╝rde ihre M├╝digkeit nicht reduzieren. Doch sie war stark, wie alle Frauen. Morgen ging es wieder ums ├ťberleben. Nicht das eigene, nur die Kinder z├Ąhlten.
Sie h├Ârte, wie eines der Kinder im Schlaf hustete. Die Angst kehrte zur├╝ck. Vor f├╝nf Jahren hatte ihr ├Ąltester Sohn genau so zu husten begonnen. Er war zu schwach gewesen, zu ausgehungert, um der Krankheit lange trotzen zu k├Ânnen. Das Kind hatte sich schon lange beruhigt und atmete gleichm├Ą├čig beim Schlafen, als Mueni endlich, noch immer zitternd, Ruhe fand.

Es war vier Uhr fr├╝h und Mueni hatte das Gef├╝hl, die ganze Nacht ├╝ber schlaflos dagelegen zu haben.

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soleil
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Hallo Julimaus,

Deine Geschichte ist sehr sch├Ân zu lesen. Sie beschreibt den harten Alltag der Frauen sprachlich klar und anschaulich.
Einige Kleinigkeiten sind mir aufgefallen, aber insgesamt hast Du das Thema sehr sch├Ân umgesetzt.

Hier die Anmerkungen:

...der morgendliche Ablauf war schon seit vielen Jahren immer derselbe.
...Beiden war es nicht fremd, denn auch sie waren auf sich allein angewiesen, waren von ihren M├Ąnnern verlassen worden und mussten allein f├╝r den Unterhalt einer gro├čen Familie sorgen. Um die Gesundheit Saelas machten sie sich keine Sorgen. Sie war stark, wie alle Frauen hier.
Um sechs kam der Bus in Nairobi an, eine weitere halbe Stunde brauchten die drei um zum Markt zu kommen.
"Das darf doch nicht wahr sein!", rief Sara aus. Mueni hatte jedoch schon erwartet, dass die Preise wieder steigen w├╝rden.
Sorgf├Ąltig w├Ąhlte Mueni aus, kaufte heute nur das, wovon sie sicher wu├čte, dass sie es was sie sofort wieder verkaufen konnte. Sie belud ihre K├Ârbe mit Zwiebeln, Spinat, ...
Der Stra├čenhandel war kein Beruf, es war nur das ├ťberleben. - Mein Vorschlag: er diente nur dem ├ťberleben.
...das heiratsf├Ąhige Alter erreicht hatte, verfolgte.
Das Alter irritiert, denn oben hat sie schon eine Schwiegertochter und hier ist sie seit 10 Jahren im heiratsf├Ąhigen Alter. Das Alter solltest Du pr├Ązisieren oder erkl├Ąren.


Viele Gr├╝├če
Soleil

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julimaus
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Vielen Dank f├╝r deine Anmerkungen, sie haben mir geholfen. Mit dem Alter hast du recht, ich werde es noch ├Ąndern (oder weglassen....)

Juli

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