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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Schlagfluss
Eingestellt am 14. 12. 2007 15:28


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Haarkranz
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Registriert: Oct 2006

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Schlagfluss

Verdammt, ging es Emil unaufhörlich durch den dröhnenden SchÀdel, dass mir das am Ende noch passieren musste. Er hörte die Stimme seiner Frau, sah ihre Hand einen Moment wie einen Vogel in seinem Blickfeld, wenn sie ihm mit einem feuchten Tuch den aus dem linken Mundwinkel sabbernden Speichel abwischte.
Hörst du mich, Emil, ihre viel zu laute Stimme, immer wieder: „Hörst du mich, Emil?“
Verdammte Scheiße, ich hör dich gut, Alte, brauchst nicht so zu schreien, wollte er sie anfauchen, aber nichts ging, gar nichts! Liege hier wie ein kapputes StĂŒck Fleisch, fĂŒr wie lange? fragte er sich bang.
Er konnte die Augen rollen, sehen und hören. Auch der Tastsinn war intakt. Er fĂŒhlte den Sabber das Kinn herunter bis in die Halsgrube rinnen, wenn Emma nicht schnell genug mit dem Tuch da war. Doch alles andere war nicht von ihm, fĂŒhlte sich fremd, oder gar nicht an. Er wusste, ein Schlaganfall hatte ihn umgeworfen. Wie lange er schon lag? Fragen konnte er nicht, Zunge Lippen, Rachen alles taub und fremd.
Die Augen dagegen, fĂŒhlten sich an als ob sie gehorchten, er ließ sie langsam nach rechts und links rollen. Muss mich einer ansehen, das bemerken. Er hatte Bilder von GelĂ€hmten gesehen, die einen Cursor mit den Augen ĂŒber einen Monitor schoben. Emma ! Er konzentrierte sich nur auf dieses „Emma“. Minutenlang oder war es Stunden, nur dieser stumme Schrei, „Emma!“
Sie muss mich ansehen, mir bestĂ€tigen, dass ich die Augen bewege. Emma! Emma! Emma! Da, er hörte den Korbsessel an seiner linken Seite knistern. Sie bewegte sich, vielleicht stand sie auf. Ja! Das war ihr Gesicht, sie wischte ihm mit einem kĂŒhlen Tuch den Kopf. Sieh mich an schrie, flehte, betete er. Bitte sieh mir in die Augen, in die Augen, Kleines!
Sie wandte sich ab, er hörte Wasser laufen. Emma kam zurĂŒck, hob seinen Kopf ein wenig vom Kissen, drĂŒckte das kalte, feuchte Tuch an seinen Nacken. Tat gut, auch da war noch GefĂŒhl vorhanden, es freute ihn sogar ein wenig. Jetzt Emma, sie mich an, wieder konzentrierte er alle verbliebene Kraft, auf diesen einen Wunsch: Sieh mich an, Emma!
Sieh legte seinen Kopf zurĂŒck auf das Kissen, tĂ€tschelte seine Wange, „Emil erkennst du mich?“ hörte er sie fragen, dabei sah sie ihn an, er rollte die Augen, von rechts nach links, wieder und wieder, doch Emma schien es nicht zu bemerken. Schien ist gut, seine Augen bewegten sich nicht. Er meinte zwar ihre Bewegung zu spĂŒren, doch Emma reagierte nicht, also war da nichts.
Etwas in ihm zerbrach, die EnttĂ€uschung gab ihm den Rest. Von fern Emmas Stimme: „Erkennst du mich, Emil?“
Als er zu sich kam, war es dunkel, Nacht. Endlose Nacht, obwohl Tag oder Nacht, was Ànderte es? Emma hatte sein Augenrollen nicht bemerkt, also hatten sich seine AugÀpfel nicht bewegt, hatte er sich die Bewegung eingebildet.
Gefangen, gefangen im eigenen Körper. Nein! Will ich nicht, schrie er, sein Ich, das unbeschĂ€digt gebliebene Selbst. Ich kann sehen, riechen, fĂŒhlen vor allem denken, machte er sich Mut. Zerstört ist mein Werkzeug, mein Körper. Auch der nicht gĂ€nzlich, ich scheisse, trinke, esse, schwitze, nur ihm befehlen, ist nicht. Der Schlag hat die Motorik erwischt, erwischt oder ausgelöscht? das war die Frage.
Trainieren, Motorik lĂ€sst sich trainieren! VorwĂ€rts, ran an die Augen! Rollen, rollen, bei der Visite morgen frĂŒh den Arzt anrollen, als Neurologe wird der auf das kleinste Zeichen achten.
Emil rollte die AugĂ€pfel bis er erschöpft einschlief, noch im hinĂŒbergleiten in den Schlaf ging ihm auf: Ich war aktiv!
Am nĂ€chsten Tag: Visite. Emma saß wie immer an seinem Bett, er versuchte angestrengt, der halblauten, fast gemurmelten Unterhaltung mit dem Arzt zu folgen. Frau Stich, hörte er ihn sagen, alle Anzeichen bei ihrem Mann lassen auf ein Wachkoma schließen. Sollte sich der Befund in den nĂ€chsten Wochen erhĂ€rten, muss er in ein Pflegeheim. Wir sind ein Krankenhaus, nicht eingerichtet auf Pflege.
Wachkoma, sicher das stimmte. Ich höre, sehe, fĂŒhle; jedoch mich bewegen, mich mitteilen kann ich nicht. Hoffentlich ziehen die die richtigen SchlĂŒsse aus ihrer Diagnose, stellen mir ein Radio hin. Emma kennt meine Favoriten, Deutschlandradio und WDR 5. Mit Kopfhörern könnte ich ganz fĂŒr mich, mit der Welt verbunden bleiben. Sie muss nur dran denken, sich nicht einschĂŒchtern lassen von der Krankenhaus AutoritĂ€tsaura. LĂ€sst sich allzu leicht beeindrucken, meine Emma. Wachkoma sollte ihr zu denken geben, hiess doch er liegt da wie ein Toter, ist aber bei Bewusstsein.
Da sagt sie es. „Herr Doktor, bedeutet Wachkoma er ist wach, hört uns, kann nur nicht auf unsere Fragen antworten, wegen der LĂ€hmung durch den Schlaganfall?“
„Frau Stich“, antwortete der Doktor, „ich weiss es nicht. Ihr Mann ist sehr mitgenommen, wir nennen seinen Zustand Wachkomma, weil seine vegetativen AblĂ€ufe von dem Infarkt nicht betroffen sind. Ob er bei Bewusstsein ist, können wir leider nicht feststellen.“
„Also wissen Sie es so wenig wie ich,“ die Emma. „Es besteht also die Möglichkeit er hört uns, kann sich aber nicht verstĂ€ndlich machen. Hört er uns, kann er auch Radio hören, also muss ein Radio her! Ich kenne seine Lieblingssender, Herr Doktor, wenn ich ihm einen Sender einstelle, den er partout nicht abkann, mĂŒsste er, sollte er das mitbekommen reagieren. Also stelle ich ihm WDR 5 ein, Neugier genĂŒgt hat er immer gern gehört, ich lass ihn eine halbe Stunde zuhören, dann gebe ich ihm zu trinken, und schalte gleichzeitig um auf WDR 1, den Idiotensender, wie er den genannt hat. Spuckt er das Wasser aus, könnte das eine Reaktion sein, ich muss es nur oft genug versuchen. Immer die gleiche Routine, fĂŒnfmal hintereinander. Sollte er fĂŒnfmal spucken, sind wir ein StĂŒck weiter. Als nĂ€chstes lass ich WDR 5 stehen und gebe ihm zu trinken, spuckt er dann nicht, ist es fast gewiss, er nimmt wahr was um ihn her geschieht.“
„Kann sein, Frau Stich, aber es bedarf eingehenderer Untersuchungen um definitiv festzustellen, was er von seiner Umwelt wahrnimmt.“
„Mag sein, Herr Doktor, nehmen Sie Ihre wissenschaftlichen Untersuchungen vor, wĂ€hrend ich mir ĂŒberlege, wie ich ĂŒber die BrĂŒcke unseres jahrzehntelangen Zusammenlebens, an ihn herankomme.“
Brav die Emma, hab sie unterschĂ€tzt, das mit den Sendern ist genial. Ich werde ohne Ende spucken, hoffentlich kann ich es. Sie wird es fĂŒnfmal versuchen hat sie gesagt, und danach den umgekehrten Versuch mit WDR 5 machen. Ich seibere ununterbrochen, scheint mir ohne mein Zutun aus dem Maul zu laufen, die Suppe. Ob ich spucken kann? Klappt es nicht wird sie anderes versuchen, was kann ich beisteuern, aus unserem jahrzehntelangen Zusammensein? Etwas reproduzierbar ohne Muskelaktion. Was kĂ€me da in Frage? GrĂŒbeln, Emil, grĂŒbeln, ich muss ihr ein Zeichen geben.

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