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Leselupe.de > Kurzgeschichten
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Eingestellt am 29. 11. 2002 00:36


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ariane ├╝berall
???
Registriert: Nov 2002

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Dunkelgrau starrte der Bildschirm in den Raum. Sie starrte zur├╝ck. Nur noch 24 Stunden bis zum Abgabetermin und seit drei Tagen zermarterte sie sich das Hirn - ohne Ergebnis. Sie sch├╝ttelte den Kopf bei dem Gedanken an ihre Freude, damals vor zwei Jahren, als man ihr die w├Âchentliche Kolumne in der Samstagsausgabe anbot. Wie gern sie zugestimmt hatte. Endlich schreiben k├Ânnen, eine regelm├Ą├čige Abnahme ihrer Texte, mit Garantie sozusagen. Und nun das. Dieser Druck... es war immer schlimmer geworden. Jede Woche ein wenig mehr und nun war es soweit: er war da, der Black Out.

Sie sah von dem leeren Monitor weg zum Fenster ihres Appartements. Der Ausblick von hier oben hatte sie immer befl├╝gelt. Doch nun war der Herbst hereingebrochen, es d├Ąmmerte bereits und die Farbe des Himmels wurde immer mehr zu der des leblosen Computerbildschirms. Bald w├╝rde sich Dunkelheit ├╝ber die Kleinstadt legen, in der nie etwas geschah. Fr├╝her hatte sie dar├╝ber gelacht, auf ihre Fantasie vertraut. Wo war es geblieben, dieses Gef├╝hl von Zuversicht? Oh ja, sie hatte viel recherchiert, kannte inzwischen die Szene genau. Kein Thema war vor ihr sicher gewesen. Kein Politiker, den sie nicht schon mit moderat spitzer Feder traktiert hatte. Keine Person des ├Âffentlichen Lebens, die noch nicht "verarbeitet" worden war. Aber das Themenfeld war, freundlich ausgedr├╝ckt, ├╝berschaubar. Und nun war sie angekommen, am toten Punkt.

Sie sp├╝rte den beinahe unertr├Ąglichen Druck der auf ihr lastete, wie eine der weitl├Ąufigen dunklen Wolken die vor Einbruch der D├Ąmmerung den Novemberhimmel bedeckt hatten. Sie waren auch jetzt noch da, sp├╝rbar, hinderten den beinahe vollen Mond am Durchkommen, von Sternen gar nicht zu reden. Die Nacht - ein schwarzer Sack und sie, die vielgelobte Kolumnistin, darin gefangen.
Alle Tricks hatte sie angewandt: Die Wohnung war geputzt, die W├Ąsche gewaschen, sogar einen Kuchen hatte sie gebacken (er w├╝rde nach Verzweiflung schmecken). Nichts hatte geholfen. Beinahe gehetzt sah sie auf ihren Schreibtisch, aber selbst hier war alles ordentlich aufger├Ąumt, es gab keine Ausrede mehr; jetzt hie├č es schreiben.

Schon seit Tagen drehte sich ein Gedanke in ihrem Kopf. Nahm an Geschwindigkeit zu, verselbst├Ąndigte sich: Wenn doch nur endlich, endlich etwas passieren w├╝rde. Irgend etwas. In diesem Provinzst├Ądtchen – man nannte sich gro├čspurig Kreisstadt - in das sie vor Jahren gekommen war, weil es hier eine Volontariatsstelle bei der lokalen Zeitung f├╝r sie gegeben hatte. Wieder wanderte ihr Blick zwischen Bildschirm und Nachthimmel hin und her, die allgegenw├Ąrtige Schw├Ąrze breitete sich weiter in ihrem Inneren aus. Niemals passierte hier etwas. Keine Unf├Ąlle, keine nennenswerte Kriminalit├Ąt, keine Skandale die man h├Ątte zum Thema nehmen k├Ânnen (nat├╝rlich gab es die, aber der Chefredakteur war Mitglied im einzigen Golfclub, wie beinahe das gesamte Stadtparlament und nat├╝rlich die "Oberen Zehntausend" - etwa vier Dutzend Seelen. Und wer wollte es sich schon mit einflussreichen Duzfreunden verderben?). Es war zum aus der Haut fahren.

Sie ging zum Sideboard und schenkte sich einen Whiskey ein. Kehrte mit dem Glas traumwandlerisch langsam zur├╝ck zu ihrem Sessel zwischen Fenster und Bildschirm. Sie setzte sich unter dem d├╝steren Auge des Monitors, f├╝hlte seinen Blick auf ihrer Haut und fr├Âstelte. Schnell nahm sie einen tiefen Schluck.

Wieder das Gedankenkarussel, jetzt vom Alkohol ungut-neblig auf Touren gebracht. Wenn doch nur ENDLICH etwas geschehen w├╝rde in diesem gottserb├Ąrmlichen Nest! Bilder wirbelten in ihrem Kopf. Mitgenommen aus den Abendnachrichten vieler Monate. Ihr Glas war leer und sie f├╝llte gedankenverloren nach. Der Inhalt schwappte ein wenig ├╝ber auf dem R├╝ckweg zu ihrem Platz. In ihrem Hinterkopf leuchtete schwach ein Alarml├Ąmpchen. Die dazugeh├Ârige Stimme ├╝berh├Ârte sie, lie├č sie untergehen im Get├Âse der beschleunigten, kreiselnden Gedanken. Wieder ver├Ąnderte sich etwas. Vor ihrem geistigen Auge flackerte nun der brennende Golfclub im Wechsel mit einem vom strahlenden Kronleuchter baumelnden B├╝rgermeister und der explodierenden Gr├╝nderzeitvilla des Chefredakteurs (er hatte seinerzeit eine reiche Frau geheiratet).

Nun war ihr heiss. M├╝hsam erhob sie sich, stellte das leere Glas achtlos auf dem Schreibtisch ab und n├Ąherte sich langsam, wie an einem unsichtbaren Faden behutsam gezogen, dem Fenster. Waren es die routierenden Bilder oder der Alkohol? Sie torkelte leicht. Leise erstaunt stellte sie fest, dass sie den Blick nicht von der umrahmten Schw├Ąrze abwenden konnte, selbst als sie das Klirren des umfallenden Glases h├Ârte. Froh, sich an der Fensterbank abst├╝tzen zu k├Ânnen, langte sie unsicher nach dem Griff und ├Âffnete. Die k├╝hle Luft tat gut und sie lehnte sich ein wenig hinaus.

Die Erleichterung hielt nur kurz an. Dieser Satz in ihrem Kopf - er lie├č sich nicht absch├╝tteln. Wenn doch nur ENDLICH etwas passieren w├╝rde, etwas, das geeignet war ihre zweieinhalb Textspalten zu f├╝llen, die zum Fass ohne Boden mutiert waren.
Sie f├╝hlte sich gefangen. In dieser Wohnung, dieser Stadt, in ihrer eigenen Kolumne. HALT AN rief es in ihrem Kopf. Das Karussel raste weiter...
Aber stopp - da war etwas! Sie griff danach, hielt es fest. Eine Idee setzte sich fest und gewann an Boden. Sie sah die Samstagsausgabe vor sich, ihr Bild in der rechten oberen Ecke des Rahmens, der diesmal dick und schwarz war (warum nur?). DAS war DIE L├Âsung! Sie selbst w├╝rde f├╝r eine Schlagzeile sorgen. Es W├ťRDE etwas geschehen, endlich! Beinahe gl├╝cklich fragte sie sich, wie sie so lange hatte brauchen k├Ânnen, um auf diese genial einfache L├Âsung zu kommen. Sie l├Ąchelte, als sie sich weiter vorbeugte - weiter...
Erst kurz vor dem Aufschlag kam ihr der Gedanke, dass sie diese Kolumne ja gar nicht w├╝rde schreiben k├Ânnen.

Am darauffolgenden Samstag gab es unerwartete Platzprobleme in der Wochenendausgabe der Provinzzeitung. Der Nachruf auf die beliebte Kolumnistin musste auf zehn Zeilen zusammengestrichen werden, damit man ├╝ber den Brand im Golfclub, den v├Âllig unerwarteten Selbstmord des B├╝rgermeisters und die Gasexplosion in der Villa des Chefredakteurs berichten konnte (seine Frau war trotz ihres Geldes sehr sparsam und hatte einen Bastler kommen lassen anstelle des Installateurs).

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Arno1808
Guest
Registriert: Not Yet

ironische Kurzgeschichte

Hallo ariane,

erst einmal ein herzliches Willkommen in der Lupe.

Es ist eine sch├Âne Geschichte, die Du uns zu Deinem Einstieg hier pr├Ąsentierst.
Du hast einen fl├╝ssigen, gut lesbaren Schreibstil und verstehst es, den Leser mit kleinen Spitzen, wie
Die Wohnung war geputzt, die W├Ąsche gewaschen, sogar einen Kuchen hatte sie gebacken (er w├╝rde nach Verzweiflung schmecken) zum Schmunzeln zu bringen.
Das gef├Ąllt mir sehr gut.
Einzig der Titel hat mir nicht so gut gefallen, der ist zu allgemein. Kann es sein, dass Du angenommen hast, bei 'Thema' das Forum eintragen zu m├╝ssen, oder wolltest Du die Geschichte tats├Ąchlich so nennen?
Aber das nur am Rande.
Ich freue mich schon auf Dein n├Ąchstes Werk.

Gru├č

Arno

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ariane ├╝berall
???
Registriert: Nov 2002

Werke: 2
Kommentare: 5
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Re: Schlagzeile

hallo arno,

besten dank f├╝r das freundliche willkommen - und nat├╝rlich f├╝r die angenehme kritik.
was den titel angeht ("schlagzeile") so hab ich bei der eingabe bloss nicht kapiert, dass "thema" hier gleichbedeutend mit "titel" ist - anf├Ąnger halt... *g.

wenigstens hab ich inzwischen rausgefunden, wie ich auf kritiken reagieren kann ;-)

einen sch├Ânen gruss

ariane ├╝berall
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